01.11.1947

Zwischen Loge und Höllenfahrt

Kunstwerke reisen heute leichter durch die Zonen als Menschen", sagte Colonel Francois, Chef du Service des Beaux-Arts in der Militärregierung. Und so kam denn auch, von vielen Stellen unterstützt und gefördert, im Baden-Badener Kurhaus die Ausstellung "Deutsche Kunst der Gegenwart" zustande.
In denselben Räumen, in denen vor einem Jahr die moderne französische Malerei gezeigt wurde, sind etwa 300 deutsche Werke der Malerei, Plastik und Graphik zusammengetragen. Vielleicht ist das, was zu sehen ist, nicht immer durchaus charakteristisch, insgesamt vielleicht auch nicht vollständig, immerhin sind aus allen vier Zonen Künstler vertreten. Es läßt sich von einem Querschnitt durch die gegenwärtige Situation der deutschen bildenden Kunst sprechen.
Die Schau reicht von Avantgardisten der Vergangenheit, wie Paula Becker-Modersohn, August Macke, Franz Marc, Wilhelm Lehmbruck, zu Surrealisten der Gegenwart, wie Heinz Trökes, Max Zimmermann, Hans Thiemann. Zumeist mit Werken aus früheren Schaffensjahren sind Künstler vertreten, die in den Jahren der Amokläuferei auf allen Gebieten als entartet bezeichnet waren.
Die Künstler des Expressionismus - "Brücke" und "Blauer Reiter" -, die Schulen von Berlin, München, Stuttgart, Dessau und Düsseldorf sind in Bild und Plastik reichhaltig zu finden. Hier vermißt man indessen Emil Nolde. Die modernen Berliner scharen sich um Carl Hofer, Max Pechstein und Heinrich Ehmsen.
Diese Ausstellung hat ihre Aufmerksamkeit vornehmlich den Jüngeren und Jüngsten zugewandt (die übrigens fast alle zu Beginn des Jahrhunderts geboren sind). Unter ihnen fällt Paul Strecker auf, der vor einem Jahr an die Berliner Akademie berufen wurde. Er hat drei
Bilder ausgestellt, und sie sind, trotz nervöser Pinselführung, von einer Harmonie, die in der übrigen Ausstellung selten ist.
Vor der harten Realität der Ruinen sind viele Künstler noch nicht innerlich zur Ruhe gekommen, und die Auseinandersetzung mit den Ereignissen, die zu diesen Ruinen führten, hinterläßt ihre Spannungen in den Werken. So erklärt sich der Beschauer, daß manche Bilder so schreiend in ihrer Zerrissenheit wirken.
Jeder versucht das Problem der heutigen deutschen Kunst, die sich endlich von den "Münchner Kochrezepten" befreit sieht, auf persönliche Weise zu lösen. Das ergibt im ganzen vorläufig ein recht uneinheitliches Bild. Dies gilt auch von den Plastiken,
unter denen die von Gerhard Marcks durch ihre fast mittelalterliche Einfachheit wirken. Berthold Müller-Oerlingshausen ist mit einer großzügig geschlossenen Gruppe vertreten: "Flucht aus der brennenden Stadt".
Manche Besucher der Ausstellung sehen sich stark beeindruckt durch einige jüngste Arbeiten Carl Hofers. Es sind Arbeiten von tiefstem Pessimismus. Sie heißen "Höllenfahrt" und "Atomserenade". Auch Otto Dix fällt, in anderer Manier freilich, mit seinem 1946 gemalten Hiob unter Trümmern in diese dunkle Melodie ein.
Andere Besucher empfinden als stärkstes Werk der Ausstellung ein Bild von Max Beckmann: "Die Loge". Sie sagen, es sei dieses Bild, das die Ranghöhe der Schau bestimme und übertreffe (höchstens, daß sie daneben noch Xaver Fuhrs "französische Gasse" gelten lassen). Eine Frau mit rätselhaftem Lächeln im Vordergrund, dahinter eine Männergestalt, halb verdeckt, mit dem Glas in den Raum blinkend. Ein hartes, Weiß zischt geradezu gegen tiefe Dunkelheiten, grell wie eine Stichflamme.
Dies ist ein Bild aus dem Jahre 1928. Was die jüngste deutsche Kunst betrifft, so neigen die Ausstellungsbesucher zu der Ansicht, daß der Gesamteindruck, den sie von ihr empfangen, interessant aber nicht eben erregend sei.
Vor neunzehn Jahren gemalt
Max Beckmann: "Die Loge"
In diesem Jahre gemalt: "Höllenfahrt" von Karl Hofer

DER SPIEGEL 44/1947
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 44/1947
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Zwischen Loge und Höllenfahrt

  • Hai-Angriff bei Fütterung: Tauchlehrer verliert den Durchblick
  • In Norwegen, aber made by China: Längste Brücke am Polarkreis
  • Brexit-Parodie: Schauspieler Andy Serkis als May-Gollum
  • Debattenkultur: Die seltsamen Rituale des britischen Parlaments