08.11.1947

Unrasiert und ohne Kragen

Mit einer entschlossenen Gebärde riß sich Staatsminister a. D. Heinrich Schmitt die rot emaillierte Hammer- und Sichelplakette vom Rockaufschlag und sprang aus dem Ledersessel in dem feudalen Herrenzimmer seiner Wohnung am Münchener Waldfriedhof. "Ich habe genug von dieser Bespitzelung durch die eigenen Genossen, jetzt ist Schluß", machte er einer Freundin klar. Mit verbissenem Gesicht setzte er sich an seinen Diplomatenschreibtisch und schrieb der Landesleitung der KP Bayern seine Austrittserklärung.
Vor zwei Jahren erst hat der 52jährige, untersetzte Gewerkschaftsfunktionär, ehemals Betriebsratsvorsitzender der Leuna-Werke, selbst in den Trümmern seiner Heimatstadt Würzburg die KP Bayern ins Leben gerufen. Sechs Wochen vorher hatten ihn die Amerikaner aus dem Zuchthaus entlassen, in dem er als "Politischer" mehr als 10 Jahre gesessen hatte. Am 1. Oktober 1945 holte ihn der damalige Ministerpräsident Dr. Högner auf den neugeschaffenen Sessel eines bayrischen Ministers für Sonderaufgaben.
Aber bald warf man Schmitt vor, die Säuberung zu schleppend betrieben und sein Ministerium zu einer kommunistischen Hochburg ausgebaut zu haben. Er fluchte dem Säuberungsministerium und verließ das für ihn aus dem Boden gestampfte Amt.
Er widmete sich lieber wieder seinen Gewerkschaften. In Moskau hatte er, bevor er 1933 nach Deutschland zurückkehrte, um Widerstandsgruppen zu bilden, Staatswissenschaften studiert. Seinen Marx und Bebel kennt er in- und auswendig. Aber er legt ihre Richtlinien nach eigener Art aus. Seine Genossen staunten nicht schlecht, als er vor den Gewerkschaftlern rief: "Das Hereintragen politischer Auseinandersetzungen in die Gewerkschaften muß verhindert werden."
Noch mehr wurmten die Genossen seine "persönlichen Beziehungen zu Kreisen, die der KPD fernstehen".
27 Jahre hat Schmitt alles für die Partei geopfert. Jetzt hat er es satt, bedingungslos Untertan der KPD zu sein. "Muß man denn, um ein guter Genosse zu sein, immer unrasiert, ohne Kragen und mit geflicktem Anzug herumlaufen? Das ist jedenfalls nicht mein Ideal."
Jetzt trat ein KP-Parteiprüfungsausschuß in Aktion. Der Lebenswandel des Genossen Schmitt erscheine zu wenig genossenhaft, warf dieser ihm vor und schloß ihn nachträglich aus der Partei aus.
Obgleich geschulte Kommunistin, teilt seine Frau, die kürzlich in besonderer Mission von Moskau nach Berlin reiste, nicht seine weitherzige Auffassung von der freien Liebe.
Schmitt glaubt jedoch, daß die Gründe politischer Natur sind. Er ist mehr für nationalen Marxismus. Vielleicht gründet er eine dementsprechende 12. Partei Bayerns. "Was wir brauchen", meint er, "ist eine verantwortungsbewußte Partei, die sich über ihren eigenen Rahmen auf die hohe Ebene der Gemeinsamkeit hinaushebt."
Zu wenig genossenhaft Der Lebenswandel des Genossen Schmitt

DER SPIEGEL 45/1947
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