15.11.1947

Stille Hochzeit

In der gläsernen Kutsche

Es wird nur eine stille Hochzeit sein, die Prinzessin Elizabeth von Großbritannien und Leutnant Philip Mountbatten am 20. November feiern. Die königliche Familie selbst hat es so gewünscht. Nur die Schulkinder haben auf besonderen Wunsch des Königs und der Braut schulfrei.

Unvorstellbarer Prunk war bisher bei Königshochzeiten üblich gewesen. Die Hochzeit des Herzogs von Kent mit Marina, der griechischen Kusine Philip Mountbattens, war bis zu der märchenhaften Feier der Herzogin von Montoro vor wenigen Wochen in Sevilla nicht übertroffen worden. Marina war, wie auch Elizabeth, eine Novemberbraut.

Trotz fehlenden Prunks versprechen sich die Schaulustigen viel. Für Fensterplätze auf der Strecke Buckingham Palast-Westminster Abtei bietet man sehr viele Pfunde. Man läßt sich den Anblick der gläsernen Karosse, mit der Elizabeth und der König zur Trauung fahren werden, etwas kosten. Sämtliche Londoner Hotelzimmer sind bereits über den 20. November hinaus besetzt. Am 18. erwartet man noch ein Aufgebot von Hollywoodfilmstars, die sich die Hochzeit der englischen Thronfolgerin nicht entgehen lassen wollen.

Hochzeitsgeschenke aus aller Welt werden seit einiger Zeit im St.-James-Palast ausgestellt und katalogisch angeordnet. Silberne Fruchtschalen und Präsentierteller aus Australien, 400 ausgesuchte Ananasfrüchte aus Portugal, 30 Paar Handschuhe von der Zunft der englischen Handschuhmacher, Geschenke der Regierung, der Dominions, 12 Hochzeitskuchen aus dem Ausland und ein seidenes Nachthemd von einer unbekannten Amerikanerin aus New York.

Die Bekanntmachung des Königs, daß zur Trauung von den Gästen Straßenkleidung getragen wird, hat in letzter Minute ein geschäftiges Treiben entfacht. Diademe werden bei Juwelieren noch rasch in Broschen und moderne kostbare Hutclips umgearbeitet.

In der vergangenen Woche durchstöberte Prinzessin Elizabeth mit ihrer Großmutter, der Königin-Mutter Mary, verschiedene Möbel- und Antiquitätengeschäfte der Stadt, um noch die letzten fehlenden Einrichtungsgegenstände für ihr künftiges Heim, Windlesham Moor, in Surrey, zu erstehen. General Sir Frederick Browning, ehemaliger Kommandeur der britischen Fallschirmtruppen und Gatte der Schriftstellerin Daphne du Maurier, wird Chef des jungen Haushalts werden.

In England ist man davon überzeugt, daß es sich bei Elizabeth und Philip um eine Liebesverbindung handelt. Elizabeths Worte "meine Wahl ist Philip" wurden schon vor der Verlobung als sicheres Zeichen dafür gewertet. "Wen Philip auch immer heiratet, sei sie eine Prinzessin oder eine Bürgerliche, sie wird eine glückliche Frau sein", prohezeite einmal seine Tante, Lady Milford-Haven.

Den vermutlichen Anfang dieser Liebe setzt man in den Sommer 1946, als die beiden ihre Ferien in Balmoral Castle in Schottland verbrachten. Bis dahin verband sie schon eine Freundschaft von Kindheit an. Vom vergangenen Sommer an sah man Elizabeth und Philip oft zusammen, im Theater, beim Tanz, auf der Hochzeit von Philips Kusine, Patricia Mountbatten. Man munkelte in der englischen Presse, aber offizielle Nachrichten kamen nicht vom Hofe. Bilder aus beider Kinderzeit, Elizabeth als Kraftfahrerin im Kriege im ölverschmierten Overall, Philip als Seeoffizier mit und ohne Bart füllten lange Spalten. Interessiert verfolgte man, ob Philip die Prinzessin vor ihrer Afrikanischen Reise aufs Schiff brachte. Man stellte sogar fest, daß auf dieser Reise Elizabeth dreimal wöchentlich an Philip schrieb.

Der 26jährige, 1,80 Meter große, blonde Marineoffizier wurde auf Korfu geboren. Als Sohn des Prinzen Andreas von Griechenland aus dem Hause Schleswig-Holstein-Sonderburg-Glücksburg, und Alice von Battenbergs, einer Schwester von Lord Louis Mountbatten, Generalgouverneur von Indien. Schon als Baby verließ Philip mit seinen Eltern Griechenland, lebte zunächst in Paris bei einer Tante und in Salem bei Baden bei einer verheirateten Schwester. Anschließend siedelte er nach England über und trat in die Marine ein, wurde Marineoffizier und im Kriege Kommandeur eines Zerstörers.

Erst in diesem Jahre nahm er unter Ablegung seiner Adelstitel die britische Staatsangehörigkeit und den Namen Mountbatten, den anglisierten Familiennamen seiner Mutter, an. Vom orthodoxen Glauben trat er zur anglikanischen Kirche über, der das englische Königshaus angehört.

Man sagt, daß König Georg VI. und seine Gemahlin eine Liebesheirat einer politisch vorbestimmten Ehe vorgezogen haben. Obgleich es allem Anschein nach eine Liebesheirat ist, mußte das Kabinett, wie stets bei einer königlichen Eheschließung, seine Zustimmung geben. Das geschah.

Ihrer Abstammung nach ist Prinzessin Elizabeth infolge der Ehe ihres Urgroßvaters, Edwards VII., mit Alexandra vor Schleswig-Holstein, eine Nichte dritten Grades ihres Gatten. Da seine Mutter wiederum die Kusine zweiten Grades ihres Vaters ist, wäre Elizabeth gleichzeitig Philips Kusine dritten Grades.

Nach offiziellen Meldungen aus Hofkreisen werden vier europäische Könige und sechs Königinnen an der Hochzeit teilnehmen. 2000 Gäste wurden zur Trauung eingeladen. Die genaue Liste ist nicht bekannt. Bekannt ist jedoch, daß fünf nahe Verwandte nicht eingeladen wurden: Herzog Edward von Windsor, Elizabeths geliebter "Onkel David" und Gattin, geborene Wally Warfield, und Philips drei Schwestern, die mit deutschen Fürsten verheiratet sind. Eine unter ihnen mit Christoph von Hessen, laut Gotha 1940 SS-Führer im Stabe des ehemaligen Reichsführers SS Himmler.

Wie jeder Bräutigam der Welt wird Philip den Brautstrauß kaufen. Ob er ein weißer oder pastellfarbener sein wird, weiß man noch nicht. Auch die Trauungskosten wird er bezahlen, während die Familie der jungen Frau die Hochzeitsfeierlichkeiten bestreitet. Zur Trauung wird er im Auto fahren.

Die Westminster Abtei wird mit 1900 geladenen Gästen gefüllt sein, darunter Könige und auch Elizabeths Kriegskameradinnen aus dem ATS. Für ihre frühere Gouvernante und deren Mann werden zwei Extrastühle bereitgestellt.

Wenn Elizabeth mit ihrem Vater um 11.30 Uhr die Westminster Abtei betritt, werden Trompeter den Hochzeitsmarsch von Mendelssohn blasen. Dann wird Elizabeth, gefolgt von den Brautführerinnen, unter ihnen ihre Schwester Margaret und Philips Kusine Pamela Mountbatten, zum Altar schreiten, wo Dr. Geoffrey Fisher, der Erzbischof von Canterbury, die Trauung vollziehen wird. Der traditionelle Brautchor aus "Lohengrin" wurde von Elizabeth nicht gewünscht. Statt dessen wählte sie einen englischen Brautchor aus dem Jahre 1880 und ein Lied, das schon bei der Hochzeit ihrer Eltern gesungen wurde. Wie jede Braut wird Elizabeth ihrem Manne Gehorsam geloben. Zur Empörung englischer Frauenrechtlerinnen.

Der Erzbischof von York, Dr. Cyril Garbett, wird die Trauungsansprache halten. Am Schluß des Gottesdienstes werden wieder die Trompeten ertönen, und die Gemeinde wird "God Save the King" singen.

Aus Sicherheitsgründen wird das Brautpaar nicht durch die Stadt fahren, sondern in der gläsernen Kutsche direkt zum Buckingham Palast, wo ein Frühstück für die Gäste gegeben wird. Der übliche Hofball ist im Zeichen der Krise fortgefallen.

Nur eine Hofdame und ein Detektiv werden mit dem jungen Paar auf die Hochzeitsreise nach Broadlands, dem Heim von Lord Mountbatten, gehen.

Der einzige Selbstgebackene 12 Hochzeitskuchen kamen aus dem Ausland

Elizabeth over all Im Krieg nur Armeehelferin

Im heimatlichen Gewand Kleiner Gardeoffizier Philip


DER SPIEGEL 46/1947
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