15.11.1947

Fisch-Gericht

Auf dem Schreibtisch von Walter Fisch, dem hessischen KP-Vorsitzenden in Frankfurt, klingelte das Telefon. Edwin Hartrich, der rundlich-lebhafte Korrespondent der "New York Herald Tribune" wollte wissen, ob der aus der KPD ausgeschlossene Lizenzträger der "Frankfurter Rundschau", Arno Rudert, von der KP-Landesleitung, tatsächlich aufgefordert worden sei, die neue anti-kommunistische Politik der Militärregierung anzugreifen. Es sei nicht üblich, interne Parteiaffären in der amerikanischen Presse zu diskutieren, antwortete ihm Fisch kaltblütig, und Edwin Hartrich kabelte seine falsche Information in die Welt. Kurz vorher hatte Fisch zu einem anderen Zeitungsmann von schmutziger Wäsche gesprochen, die man nicht in der Oeffentlichkeit waschen solle.
Anlaß zu den Telefonaten war ein Brief, den Arno Rudert vom Sekretariat des hessischen KP-Landesvorstandes bekommen hatte. Er habe versäumt, den kommunistischen Standpunkt in der "Frankfurter Rundschau" zu vertreten, und damit persönliche Feigheit gezeigt, hieß es da. Darum werde er aus der KP ausgeschlossen.
"Meine Feigheit besteht darin, daß ich die Zeitung nicht als Kommunist, sondern als Journalist geführt habe", kommentierte Rudert lächelnd.
In den Vorzimmern der Pressestellen erzählt man sich allerdings, die KPD wolle ihre Lizenzialen aus den ausschließlich überparteilichen Zeitungen der US-Zone nach und nach zurückziehen. Bei General Clays anti-kommunistischem Feldzug mache es sich besser, wenn die von allen Seiten befehdeten Kommunisten keine eigene Presse hätten und schutzlos den Angriffen ausgesetzt seien.
Bis lange nach Mitternacht sitzt Rudert gewöhnlich in der Redaktion der zweiten neudeutschen Zeitung an der Frankfurter Schillerstraße und wühlt sich durch Berge von Nachrichtenmaterial. Seine Leitartikel befassen sich vor allem mit der Judenfrage. Man spürt aus ihnen die Verzweiflung darüber, daß die meisten Deutschen von der Schande des Geschehens nichts mehr wissen wollen. Der 50jährige Vor-33er-Redakteur der kommunistischen "Arbeiterzeitung" war unter den Nazis heftigen Drangsalierungen ausgesetzt. Mehrmals wurde er verhaftet und 1944 in ein Oberharzer Zwangsarbeitslager verschleppt, weil er mit einer Jüdin verheiratet ist. "Mein Wiedereintritt in die 1945 neu erstandene KPD hat sich als Fehler herausgestellt", sagt der alte Kommunist heute. "Die Pflichten eines Mitglieds der KPD sind mit denen des Lizenzträgers einer überparteilichen Zeitung nicht zu vereinen."
Er ist der letzte von den sieben Lizenzträgern, mit denen die Amerikaner die "Frankfurter Rundschau" im Spätsommer 1945 ausstatteten. Der erste, ein Sozialdemokrat, ging, weil das "Darmstädter Echo" ihn als Lizenziaten brauchte. Nach 1 1/2 Jahren ließen die Amerikaner Willi Knothe, damals noch im Hauptvorstand der SPD, und seinen Genossen Etcorn gehen. Den einen, weil er als SPD-Landesvorsitzender Hessens zu viel andere Arbeit habe, den andern, weil er kein gutes Feuilleton mache.
Damit waren die Sozialdemokraten aus der "Frankfurter Rundschau" ausgestiegen. Die Zurückgebliebenen waren Kommunisten. KP-Sportredakteur Großmann vertauschte seine Rundschau-Lizenz gegen die für eine Sportzeitung und zog sich aus der politischen Arena und der KPD zurück.
Zur Balance kehrte aus der Schweizer Emigration der SPD-Lyriker Karl Gerold zurück, machte das Feuilleton, schrieb Leitartikel und stand im Gegensatz zu Wilhelm Karl Gerst, einem kleinen katholischen Nachtarbeiter mit Linkstendenz, früher "Stahlhelm"-Redakteur und heute Korrespondent der SED-freundlichen "Berliner Zeitung", dem die Amerikaner wegen "diktatorischer Neigungen" die Lizenz entzogen.
Nun waren es nur noch drei. Aber bald kam General James Newman, Direktor der Militärregierung von Hessen, zu der Erkenntnis, daß Emil Carlebach offensichtlich unfähig sei, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen (siehe "Spiegel" Nr. 36) Nun waren es nur noch zwei.
Frankfurter Journalisten sind der Ansicht, daß der Lizenziatenverschleiß der "Frankfurter Rundschau" jetzt aufhören wird, sie sagen, Karl Gerold und Arno Rudert seien nicht nur tüchtig, sondern auch klug. Und das hätten die Amerikaner gern.
Der letzte Ur-Lizenziat Arno Rudert ganz ausgeschlossen

DER SPIEGEL 46/1947
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