29.11.1947

Gibt denn keiner Antwort?

Selten hat ein Theaterstück die Zuschauer so erschüttert, wie Wolfgang Borcherts "Draußen vor der Tür". Das Publikum der Hamburger Kammerspiele erschauerte bei dem Gedanken, wie tief das auf der Bühne abrollende Schicksal eines Heimkehrers aus russischer Kriegsgefangenschaft mit dem Schicksal des vor der Premiere gestorbenen Dichters verbunden ist.
16 deutsche Bühnen haben Borcherts Dichtung angenommen. Sie war ursprünglich ein Hörspiel und wurde Anfang des Jahres vom NWDR gesendet. Es ist die Anklage gegen die Mißachtung des Menschen, gegen den Krieg, gegen die Gleichgültigkeit gegenüber denen, die der Krieg zerbrochen hat.
Borchert ist geborener Hamburger. Er war ein Rebell gegen den Krieg. Die Nazis haben ihn ins Zuchthaus und später in ein Strafbataillon gesteckt. In den russischen Sümpfen holte er sich den Todeskeim: Infektiöse Gelbsucht.
Er fiel zuerst durch Kurzgeschichten*) auf. Im Kabarett trug er eigene Dichtungen vor. Das Hörspiel machte ihn mit einem Schlag bekannt. Er war der erste der jungen Generation, der dazu berufen war,
das Erlebnis des Krieges und der Gegenwart in echte Dichtung umzuformen.
Der Todkranke wurde mit Hilfe des deutschen Verlegers Ernst Rowohlt und des Schweizer Verlegers Dr. Oprecht nach Basel gebracht. Eine der hoffnungsvollsten Begabungen konnte nicht gerettet werden. Der 26jährige ist im St. Clara-Spital in Basel gestorben.
"Draußen vor der Tür" ist kein Theaterstück im üblichen Sinne. Es ist im wahrsten Sinn Hör-Spiel geblieben. Die Regie von Wolfgang Liebeneiner unterstreicht noch die traumhafte Vision des Heimkehrers. Es sind skizzenhafte Szenen in einem unwirklichen Halbdunkel, in denen Beckmann, "einer von denen", die Höllenqualen des Ausgestoßenen und Heimatlosen durchlebt.
Der Tod in der Maske des fetten Beerdigungsunternehmers hat den Schluckauf, weil er sich an Toten überfressen hat. Er unterhält sich mit Gott, dem "alten Mann, an den keiner mehr glaubt". Sie registrieren den Fall Beckmann, der sein eheliches Bett besetzt gefunden hat und sich in die Elbe stürzt. Aber die Elbe weist Beckmann zurück, er ist verdammt, zu leben.
Das Mädchen, das ihn aufnimmt, flieht er gehetzt. Es erscheint ihm der Kamerad, der "tausend sibirische Nächte von diesem Mädchen träumte".
Sein zweites Ich, der Ja-Sager zum Leben, treibt ihn unerbittlich vorwärts. Sein früherer Oberst hat nur ein verständnisloses Grinsen, als Beckmann ihn fragt, ob er mit 2000 Toten auf dem Gewissen leben kann. Einem Kabarettdirektor singt er ein gespensterhaftes Lied von der untreuen Soldatenfrau vor. Der Direktor weist ihn ab. Das ist kein Lied für sein Publikum.
Jeder stößt ihn von sich. Frau Kramer, "die weiter nichts ist als Frau Kramer, und
das ist gerade so furchtbar", sagt ihm, daß sich seine Eltern "selbst entnazifiziert hätten". Sie haben den Gasschlauch geöffnet. Schade um das Gas. Man hätte zwei Monate damit kochen können. So bleibt auch die Tür des Elternhauses geschlossen. Beckmann steht vor verschlossenen Türen und schreit: "Gibt denn keiner Antwort?"
Der junge Hans Quest verzehrt sich fast in der Rolle des grauen Soldatengespenstes Beckmann mit der Gasmaskenbrille auf den schwachen Augen. Die Wirklichkeit dieser Rollengestaltung, der Dichtung, der Aufführung ist unerbittlich nackt. Das Publikum verläßt stumm den Zuschauerraum.
*) "Die Hundeblumen ist der Titel des Bändchens Erzählungen, das als erste Zusammenfassung der Arbeiten Wolfgang Borcherts im Verlag Hamburgische Bücherei erschienen ist. Ein umfassender Band Kurzgeschichten "An diesem Tage" wird bei Rowohlt herauskommen. Im vorigen Jahr erschien von Borchert der Gedichtband "Laterne, Nacht und Sterne".
Rebell gegen den Krieg
- Wolfgang Borchert
Einer von denen: Beckmann - Hans Quest
Auch die Elbe will ihn nicht

DER SPIEGEL 48/1947
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