13.12.1947

Die proletarische Großmutter

Die einheitssozialistische "Leipziger Volkszeitung" führte den ersten Hieb, und die überparteiliche "Leipziger Zeitung" stieß solidarisch nach. Von da an ging es Schlag auf Schlag. Trotz ihrer kümmerlichen zwei Seiten fanden die beiden Blätter immer noch eine Spalte, um gegen die "akademische Demokratie" der Leipziger Studenten vom Einheitsleder zu ziehen.
Ihre Hauptzielscheibe war der 1. Vorsitzende des Studentenrates, stud. phil. Wolfgang Natonek, ein 28jähriger Liberaldemokrat dunklen Typs, der sich häufiger Einladungen durch die russische Kommandantur erfreut. Die lebhaften Augen hinter der gelben Hornbrille lächeln etwas angestrengt über die neuen Versuche, ihn zu torpedieren.
Als er auf dem sächsischen LDP-Parteitag in Bad Schandau in den Landesvorstand gewählt worden war, hatte er eine Rede gehalten: "Es gab einmal eine Zeit, in der nicht studieren konnte, wer eine nichtarische Großmutter hatte. Wir wollen nicht eine Zeit, in der der nicht studieren kann, der nicht über eine proletarische Großmutter verfügt."
Die SED fühlte sich direkt angesprochen. Im Studentenrat selbst hatten ihre sieben Vertreter gegen die zwölf Bürgerlichen nichts zu melden. Aber ein neues Zulassungsverfahren sollte es nun möglich machen, auch den letzten nicht SEDistischen Studentenrat der Ostzone gleichzuschalten: Im laufenden Wintersemester haben 1414 Einheitssozialisten, 1090 Parteilose (dazu zählen auch die, die wegen ihrer Mitgliedschaft im FDGB oder der FDJ ihren Zulassungsstempel bekamen), 510 Liberaldemokraten und 465 CDU-Leute neu auf den Bänken der Alma Mater Platz genommen.
Es haben sich auch schon Nachfolger für Natonek gemeldet, Erich Selbmann, ehrgeiziger Sprößling des sächsischen Wirfschaftsministers, und der radikale Artistensohn Werner Deckers, Vorsitzender des "Komitees zur Demokratisierung der Universität Leipzig". Er wurde mit einem steuerfreien 300-Mark-Stipendium eigens zu diesem Zweck in die gesellschaftswissenschaftliche Fakultät immatrikuliert, deren Studenten im Volksmund stud. rer. marx. heißen.
"Ich warne euch, seht euch vor", rief Rudi Jahn, ein gerader, etwas plumper, einfacher FDGB-Funktionär, 2000 Leipziger Studenten zu, die im Leipziger Kongreßsaal zusammengetrommelt worden waren. Zwischenrufe: "Ich warne Sie, heißt das!" Der Gewerkschaftler sagte noch einige unglückliche Sätze. Er wurde ausgezischt und ausgepfiffen.
Der Studentenrat entschuldigte sich zwar deswegen, aber die Hiebe gegen seinen Chef Natonek bekamen noch schärferen Schwung. "Wir werden jene Teile der Studentenschaft von ihren Bänken herunterheben, die die Werktätigen und ihre Organisation verhöhnen", schrieb die Jugendkommission des FDGB in einem offenen Brief.
Die Leipziger Studenten wollen sich nicht herunterheben lassen. Sie glauben an einen neuen Wahlsieg der LDP-CDU-Gesinnungskoalition.

DER SPIEGEL 50/1947
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