16.08.1947

Eine tolle story

Bei Vera Herbst in Berlin-Wilmersdorf sieht es großzügig unaufgeräumt aus. Die kleine Neubauwohnung wirkt gemütlich. In einer Ecke steht halbverdeckt das gemalte Porträt eines preußischen Offiziers mit Pickelhaube. Der Aschenbecher auf dem Tisch ist gefüllt mit ausgedrückten Camel-Kippen.
Die schlanke, ungewöhnlich große Frau hockt mit angezogenen Knien lässig auf der breiten Couch. Sie mag etwa 40 Jahre alt sein. Die Falten unter ihren grauen
Augen und der leidende Zug im Gesicht kommen vielleicht von den aufregenden Tagen, die hinter ihr liegen. Es zehrt an den Nerven, wenn man abwechselnd des Mordes an Ex-Kaiserin Hermine und des Diebstahls an Hohenzollernschem Familienschmuck verdächtigt wird.
Hermine, Tochter des Fürsten Heinrich XXII. von Reuß, Gattin des nach dem ersten Weltkrieg verstorbenen Prinzen Johann Georg von Schönaich-Carolath, Mutter von fünf fürstlichen Sprößlingen, heiratete am 5. November 1922 den Doorner Ex-Kaiser Wilhelm II. Diese Heirat, noch vor Ablauf des Trauerjahres um Kaiserin Auguste Viktoria geschlossen, erregte damals das Mißfallen der guten Gesellschaft.
Nach Wilhelms Tode im Juni 1941 lebte sie auf ihrem Gut Fürsteneich in Schlesien, bis sie vor den einziehenden Sowjettruppen nach Roßlar im Harz flüchtete. Dort wurde sie nach der Kapitulation verhaftet und nach Frankfurt a.d. Oder gebracht. Hier lebte sie mit Sekretärin, 3jährigem Enkel und Dienerehepaar, ständig bewacht von einer russischen Dolmetscherin.
In der amerikanischen Zone wollte sie Hotels kaufen. Zu diesem Zweck ließ sie bisher verborgenen Schmuck im Wert von etwa 80 Millionen Mark nach Berlin schaffen. Ueberbringerin dieser Pretiosen war Vera Herbst, Verlobte eines deutschen Generalstabsoffiziers (z. Zt. irgendwo in Rußland), intime Freundin von Hermines in Berlin lebendem Sohn, Prinz Ferdinand von Schönaich-Carolath, und Angestellte in amerikanischen Diensten.
Unterwegs wollte ein russischer Soldat das verdächtige Gepäck untersuchen. Vera flirtete intensiv mit ihm und er vergaß die Kontrolle.
Während der Schmuck in Berlin war, trug Prinz Ferdinand die Schlüssel zum Safe gewöhnlich an einem Lederband bei sich. Als er aber eines Tages wieder die kurzen Krachledernen anhatte, steckte er den Schlüssel achtlos in die Aktentasche. Am nächsten Tag fehlten die 29 schönsten Stücke des Schatzes, ein Halsband mit Türkisen und Diamanten, ein anderes mit Perlen und Diamanten, ein Golddiadem mit 350 Diamanten.
Die alte Dame an der Oder erfuhr nichts davon. Aber in Berlin ging es hoch her. "Du hast es genommen", verdächtigten sich die Fürsten gegenseitig vor einer amerikanischen Untersuchungskommission. Schließlich kam man auf Ferdinands Intima Vera Herbst.
Die Herren Carlucci und Strauch von der Untersuchungskommission (C. I. D.) ließen sie mit einem Jeep abholen. Man fand, akute Herzschwäche sei eine un: wahrscheinliches Todesursache für die Ex -Kaiserin. Die war gerade, 60jährig, gestorben. Man nannte Vera Herbst eine Giftmischerin.
Doch der Mordverdacht bestätigte sich nicht. C.I.D. stellte zufrieden fest, daß keine Amerikaner in den Fall verwickelt sind. Mit dem Unterschlagungsverdacht soll sich die deutsche Polizei beschäftigen. Vor der fürchtet sich Vera Herbst.
Während sie erzählt, fallen Ihr die offenen brünetten Haare ins Gesicht. Ihre schmalgliedrige Hand mit auffallend langen, korallenfarbigen Fingernägeln, streift die langen Locken rasch zurück. Dabei sieht man einige silbriggraue Haarwurzeln.
1928, auf einem Offiziersfest in Baden-Baden, überreichte das Mädchen Vera der Majestät ein Blumenbukett. Hermine schloß Vera ins Herz.
Am 6. August, einen Tag vor dem Tod der Ex-Kaiserin, war die mutige Schmugglerin noch einmal per Güterwagen in Frankfurt gewesen. Es war wie immer schwierig, in das bewachte Haus einzudringen. Acht Wochen vorher war die freundliche ukrainische Wächterin durch die junge, sehr scharfe Frau Nadina von der NKWD ersetzt worden. Alle Besucher mußten eigentlich erst zu ihr. Vera Herbst fand andere Wege.
Die mütterliche Hermine hatte immer Angst, daß der ungeschickte Sohn Ferdinand in schlechte Gesellschaft geraten könnte. Er wollte wieder einige Juwelen als Taschengeld. Die Ex-Kaiserin lehnte ab und bekam vor Aufregung eine heftige Herzattacke. Ihre Sekretärin, Ursula Topf, holte ein Glas Wasser. "Von einem Mandelabzeß war keine Rede", bestreitet Vera Herbst den amtlichen ärztlichen Befund.
Und dann erzählt sie eine tolle story: Auf dem Rückweg in Frankfurt redet sie plötzlich ein blonder, ziemlich kleiner Mann mit einer Sonnenbrille an. "Sie sind Vera Herbst aus Berlin. Ich bin gekommen, Sie zu warnen. Wenn Sie etwas mitgebracht haben, möchten Sie es sofort zurücktragen". Vera Herbst hat Courage: "Sind Sie von den Russen bezahlt?" "Nein, ich heiße von Drachwitz und komme im Auftrag der Amerikaner." Näheres weiß er nicht. "Ich habe nur das zu sagen. Ich bekam dafür 10 000 Mark."
Identifiziert hatte er sie nach einem Privatfoto, das nur Prinz Ferdinand und sein Finanzberater Detlev de la Poethe kennen. In der Wohnung fehlte das Bild. Vera Herbst berichtete erregt ihren Freunden. Stunden später fanden eine Nachbarin und sie das Bild unter der Türschwelle. "Ich würde ein Jahr lang hungern, um hinter dies Geheimnis zu kommen", sagt sie emphatisch und drückt wieder eine halbe Camel im Aschenbecher aus. Was der Zwischenfall mit den verschwundenen Juwelen zu tun haben soll, sagt sie nicht.
"Sie ist keine Schauspielerin, urteilt der 34jährige Prinz Ferdinand, ein schmaler, überzüchteter Langschädel. Ein
Sprachfehler und ein schwerer Augenfehler hemmen den eleganten Mann. Sein Arzt bezeichnet ihn sogar als Psychophaten. Aus dem Krieg kam er 85 Prozent kriegsbeschädigt zurück und versuchte sich als Chauffeur bei den Engländern.
"Ich habe sehr, sehr minderbemittelt gelebt", beklagt sich Hoheit inmitten des luxuriös eingerichteten Zimmers bei Bohnenkaffee und Lucky Strikes. Die Vernehmung hat ihn aufgeregt. Aus Wiesbaden holten die Amerikaner extra per Flugzeug ein "Wahrheitsserum" herbei, von dem ihm eine Injektion gemacht wurde. "Gestapo-Methoden" beschwerte sich Prinz Ferdinand.
Er habe sich zwar nicht geweigert, das Serum zu nehmen, aber verlangt, daß ein deutscher Rechtsanwalt und eine deutsche Stenotypistin seine Aussagen zu Protokoll nähmen. Es sei keine Stenotypistin anwesend gewesen, so daß er jetzt gar nicht wisse, was er gesagt habe.
Eine lebhafte, schöne Frau mit goldblondem, üppigem Haar nickt bekräftigend zu seinen Worten. Das ist seine geschiedene Frau, die Kabarettsängerin Rose Rauch, in deren Wohnung er nun wieder lebt.
Mr. Carlucci vom C.I.D. glaubt nicht, daß Hermine ihren Sohn Ferdinand, zu dem sie sehr wenig Vertrauen hatte, zum Hüter der Familien-Juwelen machte. Die Vermutung liegt nahe, daß Ferdinand den
Diebstahl inszeniert hat, damit er den Erlös nicht mit seinen zahlreichen Verwandten zu teilen braucht.
Diese Ansicht von Mr. Carlucci wird ein wenig durch Ferdinands Ankündigung entkräftet, daß er sich wegen der ihm widerfahrenen Behandlung bei General Lucius D. Clay beschweren werde. Außerdem verlangt er die übriggebliebenen Juwelen zurück, die von den Amerikanern nach Frankfurt am Main gebracht worden sind.
Das Herz der Kaiserin
Hermine wußte nichts davon
Fürstenschmuck
Das ist die Herbst

DER SPIEGEL 33/1947
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