06.09.1947

Grundprinzipien der Demokratie

Sie haben einen schlechten Charakter, Herr Carlebach," sagte ein Frankfurter Journalist, fuhr dann aber lächelnd fort: "behauptet Oberst Textor." Unter den Teilnehmern an der Pressekonferenz in der Landesleitung der KPD Hessen herrschte Heiterkeit. Selbst die Genossen am Vorstandstisch schmunzelten.
Emil Carlebach, der 33jährige kommunistische Mitherausgeber der "Frankfurter Rundschau", stellte sich bei der Konferenz der deutschen und ausländischen Presse, nachdem ihm zwei Tage vorher durch den Chef der Nachrichtenkontrolle, Oberst Gordon E. Textor, seine Lizenz entzogen worden war.
Carlebachs charakterliche Eigenschaften ließen ihn als ungeeignet für seine Position erscheinen, hatte der in Berlin zu einem UP-Vertreter gesagt. In dem Brief, der einen Tag vorher dem schwarzhaarigen ehemaligen Konzentrationär in Frankfurt überreicht worden war, stand davon nichts. Nur der Paragraph III der Lizenzurkunde war zitiert, in dem festgelegt ist, daß die Zulassung fristlos und ohne Begründung zurückgenommen werden kann.
Major Dietrich Schröder, der als Chef der Nachrichtenkontrolle für Hessen unterzeichnet hatte, wußte von nichts. Noch zwei Wochen vorher hatte er einem lizenzlüsternen Journalisten geantwortet, er sehe keinen Grund, die kommunistischen Herren abzusetzen. Die Amerikaner hatten an der publizistischen Arbeit des Mannes, den sie selber aus Buchenwald befreiten, nie Kritik geübt. Auch Botschafter Murphy, dem Carlebach eine Woche vorher unter vier Augen seine Ansichten zur Politik der Besatzungsmacht dargelegt hatte, schien nichts zu mißbilligen.
Carlebach, ein fanatischer Kommunist, der schon als Schüler illegale kommunistische Rundschreiben vervielfältigte, wehrte sich. Aber Dr. James Newman, der Direktor der amerikanischen Militärregierung in Hessen, blieb hart: "Ihre politischen Auffassungen, die denen anderer Deutscher in Hessen entgegengesetzt sind," schrieb er ihm zurück, "haben mich nicht so sehr gestört als Ihre offensichtliche Unfähigkeit, die Grundprinzipien der Demokratie zu verstehen." Carlebach habe nicht das Vertrauen der Militärregierung und werde die Lizenz nicht zurückerhalten.
Carlebachs Anteil an dem von Anfang an radikalen Kurs der "Frankfurter Rundschau" steht fest. Im bürgerlichen Frankfurt war man entsetzt über die Tendenz der ersten neudeutschen frankfurter Zeitung, und die amerikanische Press Control sah sich schon sehr bald vor die Notwendigkeit gestellt, einer Gruppe gemäßigterer Männer die Lizenz für die "Frankfurter Neue Presse" zu erteilen.
Carlebach ließ sich neben seinen Mitlizenziaten Arno Rudert (KPD) und Karl Gerold (SPD) häufig in der Leitartikelspalte vernehmen, obwohl er in der Redaktion als Chef des Lokalressorts fungierte. Er übte scharfe Kritik an den deutschen Behörden und an den Deutschen überhaupt, an Parteien und deren Exponenten, und interpretierte die deutsche Einheit im Sinne der KPD.
Der Fanatismus, der aus seinen in fesselnder Diktion abgefaßten Artikeln spricht, mildert sich im persönlichen Umgang mit dem lebhaften Mann durch seinen Sarkasmus und die Ironie, die auch vor Karl Marx nicht haltmacht. Zur Frankfurter Prominenz unterhält Carlebach, dessen körperliche Leistungsfähigkeit trotz der acht Jahre KZ-Haft und der erlittenen Mißhandlungen kaum gelitten hat, keine Beziehungen. Nur bei Walter Kolb schaut er hin und wieder einmal herein.
Lange ist er noch nicht Journalist: Ehe er ins KZ gesperrt wurde, war er Kaufmann und Gewerkschaftsfunktionär der Kaufmannsgehilfen.
Er fühle sich als Opfer dunkler Intrigen, die auch von deutscher Seite kämen, erklärte er. Die amerikanische Militärregierung erklärte, sie habe keine Direktive, die die Entlassung eines Deutschen gestatte, nur weil er Kommunist sei. Carlebach, dessen Schicksal schon drei Vorgänger in der "Frankfurter Rundschau" aus den Reihen der Bruderpartei und der Parteilosen teilen, ist nach Berlin abgereist, um bei General Clay etwas für seide Zukunft zu tun. Er habe einen Wink von drei Seiten bekommen, sagte er, und ein Auto fahre ohnehin.
Carlebach charakterschwach
Mil. Gov. schlug zu

DER SPIEGEL 36/1947
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