29.11.1976

„Nehmt Biermann wieder auf“

Nach der Ausbürgerung Wolf Biermanns aus der DDR setzte sich der Regime-Kritiker und frühere Chemie-Professor Robert Havemann in einem Brief an den SED-Generalsekretär Erich Honecker für die Rückkehr des Liedermachers nach Ost-Berlin ein. Der 1964 von der Einheitspartei verstoßene Kommunist Havemann hatte während der NS-Zeit mit Honecker im Zuchthaus Brandenburg gesessen. Der Brief im Wortlaut:
Robert Havemann 1252 Grünheide/Mark Burgwallstraße 4 18. 11. 1976
Lieber Kamerad und Genosse Erich Honecker!
Mit diesem Brief wende ich mich in diesem Jahr zum zweiten Mal an Dich mit der Bitte, aus der hohen Verantwortung heraus, die Dir auferlegt ist, eine Entscheidung, die einen einzelnen Menschen betrifft, zu ändern, -- und zwar, nicht hauptsächlich, um diesem Menschen zu helfen, sondern weit mehr, um Schmach und Schaden abzuwenden, die uns allen und dem Ansehen unseres Staates drohen. Ich fühle mich zu diesem Brief ermutigt, weil der Schriftsteller Siegmar Faust damals im Frühjahr auf meinen Brief hin sogleich aus der Haft entlassen wurde, wofür ich Dir sehr danke.
Heute schreibe ich wegen der Ausbürgerung meines engsten Freundes, des Dichters und Sängers Wolf Biermann. Wolf Biermann hat unter den bedeutendsten Schriftstellern und Künstlern der DDR sehr viele, sehr gute Freunde. Einige davon, die sehr prominent sind, haben sich ja auch inzwischen schon öffentlich für ihn eingesetzt, viele neue Unterzeichner ihres Aufrufs sind schon hinzugekommen, und die Liste der Namen wird länger von Stunde zu Stunde. Sie alle haben es getan, weil sie wie Hunderte andere weniger Bekannte Wolf Biermann sehr gut, ganz von nahem, kennen und deshalb auch wissen, daß die Vorwürfe und Verdächtigungen, er sei ein Feind der DDR, einfach glatter Unsinn sind. Wolf Biermann übt Kritik, harte und scharfe Kritik. Aber war es nicht immer so, daß gerade unsere besten Genossen die Waffe der Kritik mit schonungsloser Schärfe handhabten, und zwar ganz besonders, wenn es darum ging, unsere eigenen Fehler und Irrtümer aufzudecken. Diese Art Kritik, kommunistischer Kritik, übt Wolf Biermann. Wer sie nicht ertragen kann, anerkennt damit schon, daß er ihr nichts entgegenzusetzen hat außer Gewalt.
Seit zehn Jahren des Schweigens über Wolf Biermann, den es nicht gab und von dem man flüsterte, er sei vergessen, bringt seit drei Tagen das Neue Deutschland über ihn täglich mehrere Spalten. Dazu die westlichen Radio- und Fernseh-Originalübertragungen von seinem Auftreten auf der großen Veranstaltung der IG Metall in Köln, die samt und sonders die Behauptungen widerlegen, Wolf Biermann sei ein Feind der DDR. Kannst Du Dir vorstellen, daß ihr ihn jetzt zum Idealbild von Millionen junger Menschen in der DDR gemacht habt. Er verkörpert heute in zwiespältiger Weise eine Art letzter großer Hoffnung auf einen Sozialismus, von dem sie schon aufgehört hatten zu träumen. Vernichtet diese Hoffnung nicht! Zeigt die jetzt notwendige Großzügigkeit, die Euch schon keiner mehr zutraut, und nehmt den unbequemen Wolf Biermann wieder auf in den Staat, dem seine ganze leidenschaftliche Liebe gehört!
Mit sozialistischem Gruß

DER SPIEGEL 49/1976
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