29.11.1976

FERNSEHENEntwicklungshilfe in Komik

Mit 2,1 Millionen Mark und amerikanischen Autoren will Michael Pfleghar den deutschen Zuschauer noch beharrlicher zum Lachen bringen als mit „Klimbim“. Titel der neuen Reihe: „Die himmlischen Töchter“.
Die Sache ist nämlich die, daß "Klimbim"-Clown Ingrid Steeger inzwischen als eine Barmieze namens Kikki in einem Nachtlokal gelandet ist und eine Freundin (Iris Berben) bekommen hat, die Chantal heißt und im selben Etablissement strippt. Charles Rumsfort Donner, ein greiser Stammgast, vererbt den beiden Mädchen als Dank für den Sonnenschein, den sie in seinen Lebensabend gebracht haben, eine Charter-Fluggesellschaft. die "Donnerflug GmbH, Lufttransporte aller Art".
Das ganze gerade noch flugfähige Material der Donnerflug aber besteht aus einer legendären Veteranin der Aviatik. einer dreimotorigen Wellblech-Hiitte, die schon Francos Rebellen nach Spanien, deutsche Fallschirmjäger nach Kreta und Knäckebrot nach Stalingrad transportiert hat: Kikki und Chantal erben eine Ju 52.
Sie beschließen, mit ihrer fliegenden Kiste ins Chartergeschäft einzusteigen -- obwohl Ingrid Steegers Kikki so kurzsichtig ist, daß sie sich mit ihrem Busen durchs Leben tasten muß wie einst Marilyn Monroe in "Wie angelt man sich einen Millionär?" Zur weiteren Unterminierung der Flugsicherheit heuern die Mädchen einen Piloten an. der hauptberuflich als Pizzabäcker wirkt und von Ekel Alfred Tetzlaffs Ex-Schwiegersohn Klaus Dahlen gespielt wird.
Da ist es nur logisch, daß auch die Kunden, die sich darauf einlassen, mit dieser Crew zu fliegen, entweder geistesgestört oder kriminell sein müssen -- woraus sich ein reiches Potential komischer Beinahe-Katastrophen ergibt. Sechs davon inszeniert Pfleghar seit einem Monat nacheinander bei der Bavaria in München-Geiselgasteig als ersten Schub der "Himmlischen Töchter", die der WDR in Auftrag gegeben hat. Kostenpunkt dieser sechs Folgen: mindestens 2,1 Millionen Mark.
Es ist die bislang aufwendigste Anstrengung in dem grimmigen Kampf um Komik auf dem deutschen Bildschirm. Allein das Flugzeug-Problem ist formidabel. Zwar fliegen noch etliche Ju 52 -- aber keine davon in der Bundesrepublik, wo der TÜV sie nicht mehr zuläßt.
Rettung brachte das Schweizer Militär, das noch drei Exemplare im Dienst hat und eins davon (Baujahr 1934) für die Außenaufnahmen auslieh, die folglich in der Eidgenossenschaft gedreht werden müssen und auf die Nachsicht der
dortigen Luftüberwachung angewiesen sind. Denn Pilot Tino muß gelegentlich notlanden, weil er leicht vergißt, vor dem Start aufzutanken. Auch setzt er manchmal zu riskanten Tiefstflügen an, wenn er die Orientierung verliert und versucht, sieh anhand von Straßenschildern zurechtzufinden.
In Halle 7 bei der Bavaria ist der Rumpf der Ju nachgebaut und auf ein eigens konstruiertes Hebewerk montiert worden. Es kann auch die absur-
* Iris Berben, Dahlen, Ingrid Steeger.
desten Flugsituationen simulieren, in die Tino das unverwüstliche Wrack hineinmanövriert.
Denn endlich soll auch das hiesige Fernsehen eine echte "Sitcom" bekommen, eine der "situation comedies", von denen Amerikas Kommerz-TV wimmelt, die sieh aber im Unterschied zu den Krimis nicht einfach eindeutschen lassen. "Mord und Totschlag im Krimi kapiert jeder". sagt Pflegbar. "Lokalkolorit und Mentalität sind da Nebensache. Aber die Comedy lebt davon. Sie lebt von Typen, Situationen und Anspielungen auf Dinge, die jedem vertraut sind."
Auch die beiden bisherigen Belustigungsversuche, "Ein Herz und eine Seele" und "Klimbim", waren zwar von angloamerikanischen Sitcom-Hits inspiriert, mußten aber zur Gänze ins deutsche Milieu transponiert werden. Dabei rutschte Wolfgang Menges Ekel Alfred von Mal zu Mal tiefer in plumpteutonisches Rüpeltum ab, bis es sich letzte Woche endlich wie Rumpelstilzchen selbst in den Boden stampfte.
Mit "Klimbim" (noch sechs bereits fertige Folgen stehen zur Sendung an) war Pfleghar dem bloß noch scheppernden und polternden Schwachsinn des Rottweiler Narrensprungs in seiner schwäbischen Heimat gleichfalls meist näher als seinem bewunderten amerikanischen Vorbild "Laugh-in". Aber der professionelle Schick seiner Produktionen und die Entwicklung der Ingrid Steeger zu einer Monroe-Miniatur aus Sex und Komik brachten denn doch einen "Durchbruch" durch den Volkstheater-Klamauk des landesüblichen Fernseh-Humors.
"Die Reaktion des Fernsehoberen auf den Erfolg von "Klimbim" war: .Wenn die Leute darüber lachen können, ist nichts mehr unmöglich"", berichtet Pflegbar. So bekam er freie Hand für "Die himmlischen Töchter" -- mit denen sich Pfleghar kursgenau an zwei auffällige Trends im internationalen Entertainment anhängt.
Der eine ist die Renaissance des Slapstick, der Stummfilm-Groteske voller fliegender Torten, purzelnder Körper und amoklaufender Technik. Der andere ist die Mädchen-Welle.
Comedies und Krimis mit femininen Hauptpersonen haben sich in Amerika an die Spitze der Popularitätskurven emporgeschaukelt. Angie Dickinson als "Police Woman", die ihr Dekolleté in einer Zwangslage ebenso schnell herunterzieht wie ihren Ballermann heraus, machte den Anfang. Inzwischen sieht es aus, als würden die Schmerbäuche und Glatzköpfe betagter Detektive bald ganz von blanken Busen und flaumigen Lenden verdrängt.
Heißester Renner mit Einschaltquoten bis 60 Prozent (die in Amerika sonst nur hei sportlichen Großereignissen erreicht werden) ist zur Zeit die Krimireihe "Charlie"s Angels". Gleich drei Glamourgirls betätigen sieh darin als langmähnige Schnüfflerinnen für einen Privatdetektiv und zwar in Comicbook-simplen Storys, die vor allem den Zweck verfolgen, die Mädchen möglichst oft in Situationen zu bringen, in denen sie sieh entweder ausziehen müssen oder ins Wasser fallen. weil, wie Produzent Goldberg meint, "sie so gut aussehen, wenn ihnen die Plünnen am Körper kleben".
Mit emanzipatorischen Errungenschaften jedenfalls hat diese feminine Konjunktur genausoviel zu tun wie die Fallphotos im "Playboy". Es geht schlicht um mehr Sex und erotische Suggestion in dem bislang Cornflakespröden Medium. Offenbar unaufhaltsam und, von der Publikumsreaktion her, sehnlich erwartet, dringen Softporno-Phantasien, kriminalistisch oder komisch verpackt, auch in die heimische Röhre ein.
Doch die Verpackung ist just der Haken. Damit sie bei seinen "Himmlischen Töchtern" nicht wieder so klobig gerät wie bei großen Teilen von "Klimbim". sah sich Michael Pflegbar genötigt, bei den Amerikanern "eine Art Entwicklungshilfe im Comedy-Schreiben" anzufordern.
Als Autoren für die ersten sechs Folgen seines Projekts holte er Walter Kempley und Joe Bonaduce aus den USA -- "weil es bei uns nichts Vergleichbares gibt. Selbst wenn sich unsere Schreiber nicht zu fein wären für comedy -- sie können so etwas gar nicht schreiben, auch wenn sie wollten".
Walter Kempley war jahrelang Gag-Schreiber für Johnny Carson, den populärsten Talkmaster der USA. Er ist für Dialoge zuständig. Joe Bonaduce dagegen ist auf "sight-gags" (visuelle Possen) spezialisiert, auf "physical jokes" (Körperwitze) und komische Bewegungsabläufe.
Beide Entwicklungshelfer Pfleghars sind Profis aus den Gag-Fabriken der amerikanischen Fernsehstudios. in denen Komik arbeitsteilig und industriell. produziert wird. Oft schreiben dort ein Dutzend Autoren kollektiv für eine Comedy-Serie. Das deutsche Schaugeschäft befindet sich vergleichsweise noch auf der Stufe betulichster Holzschnitzerei." Mit den Einfällen eines Mannes im stillen Kämmerlein kommen wir nicht mehr aus", meint Pfleghar, der seinen Workshop selbst mitfinanzieren mußte, weil die Fernseh-Sätze dafür nicht reichen.
Er ist enthusiasmiert davon, wie die Amerikaner "jene Einstellung zwanzig-, dreißigmal neu- oder umschreiben und selbst durchspielen, bis alles hundertprozentig sitzt, im Gegensatz zu deutschen Autoren. die tödlich beleidigt sind, wagt es einer, auch nur ein Wort zu kritisieren."
Der überaus ernsthafte deutsche Comedy-Regisseur Michael Pflegbar ist überzeugt, daß die deutsche TV-Unterhaltung sich nur dann aus ihrer Provinzialität herausziehen kann, wenn sie amerikanische Produktionsmethoden übernimmt.
Zumindest hat er bei seinem Versuch, diese "eklatante Unterentwicklung in der sonst so überentwickelten Bundesrepublik" zu beheben, nicht mehr zu verlieren als "Donnerflug"-Pilot Tino, der seine aviatorischen Verzweiflungstaten mit der Durchsage anzukündigen pflegt: "Die nun folgende Bruchlandung ist eine routinemäßige Übung und dient der allgemeinen Sicherheit."

DER SPIEGEL 49/1976
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