29.11.1976

„Arbeit mit persönlichem Einsatz“

Der Bundesärztekammerpräsident Professor Sewering geriet ins Zwielicht: Die von ihm selbst verfochtene Standespolitik nützte ihm bei der Eröffnung seiner apparatebestückten Dachauer Gemeinschaftspraxis, die jährlich zwei Millionen Mark Umsatz machte. Nun sollen 100 000 Mark Honorare an die Krankenkassen zurückfließen.
Das "Bayerische Ärzteblatt", offizielles Organ der Bayerischen Landesärztekammer, mochte den normalen Erscheinungstermin seiner Dezember-Nummer nicht abwarten.
Auf knallgelbem Papier brachte die Schriftleitung -- Erster Schriftleiter: Kammerpräsident Dr. Hans Joachim Sewering, "verantwortlich für den Inhalt": Sewering-Sekretärin Rita Horn -- einen vierseitigen "Vorabdruck" heraus.
Einziger Inhalt: Solidaritätsbekundungen von Landesärztekammer und Kassenärztlicher Vereinigung (KV) für ihren obersten Dienstherrn, den Kammer- und KV-Chef Sewering.
Eine "unglaubliche Haß- und Hetzkampagne", hieß es da, sei gegen den ranghöchsten "Repräsentanten der bayerischen Kassenärzte" inszeniert worden, von "bestimmten Politikern" und "unlauteren Gegnern". Diesem "versuchten Rufmord" müsse "mit Entschiedenheit" entgegengetreten werden.
Gemeint war eine kassenarztrechtliche Maßregelung gegen Sewering, die bundesweit Aufmerksamkeit erregte: Dem hohen Ärztefunktionär, der neben seinen gut 30 Standesämtern gemeinsam mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Dr. Friederike Stattelmann in Dachau bei München eine Facharztpraxis betreibt, war auferlegt worden, in ungerechtfertigter Höhe bezogene Kassenarzthonorare an die gesetzlichen Krankenkassen zurückzuzahlen (SPIEGEL 46/1976).
Den Vorwurf, in der Dachauer "Gemeinschaftspraxis" sei extrem unwirtschaftlich gearbeitet und damit gegen die kassenärztlichen Pflichten verstoßen worden, hatten nicht böse Linke oder "unlautere Gegner", sondern das nach der Reichsversicherungsordnung hierfür allein zuständige Gremium erhoben -- der sogenannte RVO-Beschwerdeausschuß der Bezirksstelle Oberbayern der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns.
Einstimmig waren die Ausschußmitglieder zu der Erkenntnis gekommen, allein für die beiden ersten Quartale des Abrechnungsjahres 1975 seien für in Rechnung gestellte Laborarbeiten 30 Prozent, für Röntgen- sowie "Sonderleistungen" je zehn Prozent zuviel Honorar nach Dachau geflossen.
Ihr Urteilsspruch: Von den insgesamt 657 219,23 Mark, welche die Orts-, Betriebs-, Innungs- und Landwirtschaftlichen Krankenkassen für das erste Halbjahr 1975 an die Sewering/Stattelmann-Praxis überwiesen haben, müßten 100 000 Mark zurückerstattet werden.
Noch niemals zuvor hatte der KV-Ausschuß eine derart hohe Summe von einer bayerischen Kassenarztpraxis zurückverlangt. Und eine Durchleuchtung der Dachauer Abrechnungen für das zweite Halbjahr 1975 soll noch folgen.
Doch statt sich Zurückhaltung aufzuerlegen, sprang der KV-Vorstand eilfertig für seinen Vorsitzenden Sewering in die Bresche -- und setzte damit indirekt das Ansehen der Mehrheit der bayerischen Kassenärzte herab.
In der "Kassenärztlichen Versorgung", heißt es im Solidaritätsschwur des KV-Vorstandes, gebe es nun einmal nur eine Art Notversorgung. Sie habe sich "an den Grenzen des "Ausreichenden" zu orientieren. Mehr würden "der Gesetzgeber und die soziale Krankenversicherung dem einzelnen Versicherten" nicht "zubilligen".
Wer mithin seine Kassenpatienten lediglich "ausreichend und zweckmäßig" betreue, werde zwar von den Kassen "voll honoriert". Doch eine "optimale" oder "maximale" ärztliche Versorgung sei dies nicht. Just diese aber habe Sewering geliefert -- und dafür werde er nun "diffamiert".
Der unterschwellige KV-Vorwurf, nur durch begrenzte ärztliche Fürsorge seien Honorarkürzungen zu vermeiden, richtet sich gegen 75 Prozent aller bayerischen Kassenärzte: Lediglich ein Viertel aller bayerischen Doktoren hat überhaupt bisher irgendwann einmal im Laufe seiner kassenärztlichen Tätigkeit einen Honorarabstrich oder Arzneimittelregreß hinnehmen müssen. Honorarrückforderungen von 3000 bis 4000 Mark gelten dabei schon als seltener Fall.
Kein anderer bayerischer Kassenarzt allerdings betreibt ärztliche Betreuung so honorarintensiv wie der einstige Tuberkulosearzt Sewering, der seine Praxis zu einem medizinisch-technischen Apparatezentrum ausgestaltete: Eine vollelektronische Röntgenanlage, ferner nuklearmedizinische Diagnosegeräte für Schilddrüsen- und Lungenszintigramme sowie ein blutchemisches Großlabor stehen dort zur Auslastung bereit.
Niemand sonst in Bayern widmet sich so weitgehend allein der "Befunderhebung" (Sewering). Keiner verzichtet so souverän auf ärztliche Therapie wie der Dachauer Kassenarzt, der nach eigener Bekundung niemals einen Hausbesuch macht, kaum ärztliche Beratungen durchführt und sich "zu 90 Prozent" auf "diagnostische Leistungen" beschränkt.
Nur durch solche Hingabe an die technische Apparatur, die 20 Angestellte bedienen, ist möglich, was Sewering schafft: "Vier Fünftel meiner Arbeitskraft und Freizeit" widmet er zwar "der Berufsvertretung". Doch mit dem Rest, "minimiert auf eineinhalb Tage in der Woche" (so das Ärzteblatt "Status" in einem Sewering-Porträt). erwirtschaftet der Standespolitiker in seinem Ärztehaus am Dachauer Oberanger, unterstützt von seiner langjährigen Weggenossin Stattelmann, einen jährlichen Praxisumsatz von über zwei Millionen Mark.
Ermöglicht wurde diese stolze Leistung nicht zuletzt durch Sewerings berufspolitisches Wirken. Die Konzentration seiner Energien auf die Standespolitik trug Sewering nicht nur bis zum Präsidenten der Bundesärztekammer empor. Sie brachte ihn auch ärztlich weiter. Sie verwandelte den früheren Tuberkulosearzt Sewering in einen "Facharzt für Innere Medizin Lungen- und Bronchialheilkunde", ganz automatisch und ohne jegliche Weiterbildungsmühen.
Was jeder deutsche Mediziner erst nach jahrelanger harter Klinikarbeit auf einem genau vorgeschriebenen Weiterbildungsweg erreicht -- die Anerkennung als Internist -, fiel dem Berufspolitiker Sewering dank seiner "mit ganzem persönlichen Einsatz betriebenen Arbeit an einer neuen Weiterbildungsordnung für die deutschen Ärzte" ("Deutsches Ärzteblatt") in den Schoß.
"Mit überwältigender Mehrheit" verabschiedete der 71. Deutsche Ärztetag im Mai 1968 eine neue "Weiterbildungsordnung", die für ihren Initiator, den seit 1947 in eigener Praxis in Dachau niedergelassenen Lungenfacharzt Sewering, einen nicht uninteressanten Punkt enthielt.
Er steckte in Abschnitt 10 des "Übergangsvorschriften" titulierten Paragraphen 31 und besagte, daß jeder Lungenarzt, so er wollte, "auf Antrag" bei der für ihn zuständigen Ärztekammer zu einer Art Internisten ehrenhalber aufsteigen könne. Einzige Bedingung: Der Antrag mußte binnen Jahresfrist gestellt werden.
Bewegt hatte Sewering den Ärztetagsdelegierten seine "Sorge" darüber dargelegt, "daß für diesen Bereich der Medizin nicht mehr genügend Nachwuchs zur Verfügung steht", wenn es weiterhin nur den Lungenarzt alter Prägung gebe. Die Novität, "Teilgebietsbezeichnungen" in die deutschen Facharztränge einzuführen, sei ein "in die Zukunft weisender Gedanke".
Die Delegierten priesen Sewerings Weitsicht und stimmten zu.
Nur eine Minderheit hatte sich ebenso heftig wie vergebens quergelegt: Der "Berufsverband der Lungenfachärzte" war strikt gegen die Umfirmierung. Doch verhindern konnte er sie nicht. Er erreichte lediglich, daß der ehrwürdige Titel "Lungenarzt" neben ihr erhalten blieb.
Noch eine zweite Novität der von Sewering "führend gestalteten Reform der fachärztlichen Weiterbildung" ("Deutsches Ärzteblatt") erwies sich für den 1969 auf schlichten Antrag hin zum "Internisten Lungen- und Bronchialheilkunde" erhobenen Kassenarzt aus Dachau als nützlich.
Die jedem deutschen Facharzt auferlegte Pflicht, sich "grundsätzlich" auf sein Fachgebiet zu beschränken, blieb ihm erspart. Denn der Ärztetag hatte auch Sewerings Vorschlag zugestimmt, die neugeschaffenen Teilgebietler von solcher Standesstrenge auszunehmen: Sie sind lediglich gehalten, sich "im wesentlichen" nur ihrem Teilgebiet zu widmen, auf daß ihnen der "Blick für das Gesamtfach" (Sewering) nicht abhanden komme.
Ausgestattet mit solchen Facharztrechten, konnte der gelernte Tuberkulosearzt getrost seine Lungenpraxis in eine apparatebestückte internistische Diagnosestätte verwandeln. Hilfreich trat ihm dabei seine langjährige Mitarbeiterin Friederike Stattelmann zur Seite; sie suchte nach einem neuen Wirkungsfeld, als das Dachauer "Hilfskrankenhaus Schloß Deutenhofen" -- auch Sewerings ehemalige Wirkungsstätte -- zum "Kreisaltenheim" umfirmiert wurde.
Im Dezember 1970 wurde die "Gemeinschaftspraxis Dr. Hans Joachim Sewering, Internist Lungen- und Bronchialbeilkunde -- Dr. Friederike Stattelmann, Internistin" bei den Krankenkassen zugelassen.
Erstaunt registrierten die gesetzlichen Krankenkassen alsbald im Dachauer Einzugsbereich ein stetig wachsendes Bedürfnis nach internistischer und fachverwandter "Befunderhebung", vollbracht und abgerechnet von der "Gemeinschaftspraxis Dr. Sewering -- Dr. Stattelmann".
Im ersten Abrechnungsjahr 1971 waren es rund 5300 Krankenscheine, im Jahr darauf bereits über 1000 mehr. 1973 wurde die Grenze von 7000 überschritten, dann pendelte sich der Praxis-Durchsatz bei etwa 8000 sogenannten Überweisungsscheinen ein.
Doch auch die Zahl der abgerechneten technischen Leistungen nahm zu. Eine Überschreitung des sogenannten Fachgruppendurchschnitts um 40 Prozent ist dabei (vom Bundessozialgericht) als äußerste Toleranzgrenze gesetzt worden. Doch die Praxis Sewering/ Stattelmann ließ diese Richtmarke weit hinter sich, Im ersten Quartal 1975 forderte das Dachauer Ärzte-Paar "pro Fall" 106 Prozent mehr an als andere Internisten, bei den Röntgenleistungen sogar 211 Prozent,
Als sich auch im zweiten Quartal 1975 das Bild nicht wesentlich änderte, erschien den gesetzlichen Krankenkassen eine Durchleuchtung der "Gemeinschaftspraxis" in Dachau unerläßlich.
Den Sewering-Grundsatz im Ohr, "auch am End" einer umfangreichen Diagnostik" stünde "nicbt selten die Diagnose "Bagatellfall", vermuteten die Krankenkassen, am Dachauer Oberanger werde zu Lasten ihrer Beitragszahler unwirtschaftlich gearbeitet und vielleicht allzu voreilig die Diagnose-Apparatur angeworfen.
Der KV-Ausschuß schloß sich dieser Auffassung an. Sewering allerdings will sich "das nicht gefallen lassen". Er habe nur, erklärt er, "Befunderhebung auf Überweisungsschein im Auftrag von Kollegen" durchgeführt und deren "Fälle abgeklärt".
Doch einstweilen ist der Kammerpräsident und "gefürchtete Kämpfer für die ärztliche Unabhängigkeit" (Bayerische Landesärztekammer) in der Bredouille -- durch die Befunderhebung seiner eigenen KV.

DER SPIEGEL 49/1976
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