29.11.1976

ANDRÉ MALRAUX

Es war seit langem schwierig geworden, die Bewunderung, die ihm gebührt, durchzuhalten.
Die Werke, die seinen Ruhm begründet und befestigt hatten, lagen weit zurück: der Roman "Die Eroberer" (1928) etwa, sein ebenfalls im Bürgerkriegs-China spielendes Hauptwerk "So lebt der Mensch" ("La condition humaine", 1933) oder der Roman aus dem spanischen Bürgerkrieg "Die Hoffnung" (1937) -- ein aus Lebenserfahrung und Denkleidenschaft gespeistes OEuvre, dessen Grundkondition ein tragisch-heroischer Humanismus ist, dessen Hauptworte Tat und Tod sind.
Nun, vier Jahrzehnte später, trat das Pathetische, ja Theatralische an diesem Nietzscheaner, diesem Metaphysiker des Abenteuers und der Aktion hervor: Malraux, der Mann des großen Wortes, des rhetorischen Faltenwurfs" der kulturphilosophischen Globaldurchsicht ("Was wird aus Zeus, wenn man vor Schiwa steht?").
Und am Lebenslauf des 1901 geborenen Franzosen, der "von Jugend an einem Schicksal zugestrebt hatte, das keine flauen Momente kennt" (so der Literarturhistoriker Gaetan Picon), an dieser schon legendären Vita bröckelten die Legenden.
Die Sache mit den Tempel-Reliefs in Kambodscha, die der 22jährige entwendete (was ihm eine Verurteilung eintrug, die ihn später um die mögliche Nobelpreis-Ehre brachte) -- war es wirklich nur ein quasi denkmalspflegerisches Kavaliersdelikt?
Seine Teilnahme an den Bürgerkriegen in China und Spanien, am Kampf der französischen Résistance -- manche Malraux-Zeitgenossen und -Biographen haben das jeweilige Engagement des Schriftstellers nicht ganz so dramatisch eingeschätzt wie er selbst. Er organisierte 1936 in Spanien für die Republikaner eine Kampffliegerstatfel, aber der Luftwaffenchef Cisneros hat später erklärt, Malraux sei im Bürgerkrieg ohne Nutzen gewesen; fliegen jedenfalls konnte er nicht.
1939, nach dem Hitler-Stalin-Pakt, hatte Malraux, den Sartre einen Romantiker nannte, mit dem Kommunismus gebrochen. Im Zweiten Weltkrieg stieß er zu Charles de Gaulle. Er diente, einer der getreuesten, dem General-Präsidenten als Informations- und Kulturminister (der historische Pariser Fassaden weißwaschen und eine Decke der Grand Opéra von Chagall ausmalen ließ), als gelegentlicher Sonderbotschafter (der mit Mao Hochkonversation zu machen verstand), mit zuweilen peinlichem Überschwang als Wahlredner und, nach dem Abschied von der Macht, als Partner im Kamingespräch über das Verschwinden der Großen Männer und den Untergang des Abendlands ("Eichen, die man fällt").
Die Enttäuschung die viele Bewunderer seiner revolutionären Jugend über den Gaullisten und Neo-Nationalisten Malraux äußerten, ließ ihn kalt. "Ich habe", sagte er 1968 in einem SPIEGEL-Gespräch, "das Proletariat durch Frankreich ersetzt." Die Mai-Revolte mit ihrer Parole "Die Phantasie an die Macht" wollte er nicht ernst nehmen: "Das ist doch ein Witz." Die Errichtung von Barrikaden, fand er, sei nichts als "Theater".
Bei der ihm eigenen Theatralik schlug das Erhabene nicht selten ins Lächerliche um. Als sich der 70jährige anbot, in Bangladesch auf seiten der Rebellen zu kämpfen, mußte ihm Indira Gandhi "so taktvoll wie möglich" ("Sunday Times") klarmachen, daß sein Einsatz,. dort nicht wirklich gebraucht werde".
Malraux, schrieb Arthur Koestler in einer Rezension der "Anti-Memoiren", verkörpere den "Dualismus von Prophet und Poseur". Um dem (bedeutenderen) Kollegen gerecht zu werden, zitierte er eine asiatische Weisheit: "Frage dich nie, ob ein heiliger Mann ein Heiliger ist oder ein Schwindler, sondern suche das Maß von Heiligkeit und Schwindelei in ihm abzuwägen."
Bei der offiziellen Trauerfeier, letzten Sonnabend im Louvre, ließ man die Rednerstimme des "Leuchtfeuers" Malraux (Staatssekretärin Giroud) vom Tonband tönen -- Son et Lumière, Pomp und Pathos, es war wohl in seinem Sinne.

DER SPIEGEL 49/1976
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