25.10.1976

STEUERFAHNDUNGKleine laufen

Hamburgs Pizza-König Manfred Katz muß in Untersuchungshaft: Finanzbeamte vermuten, daß er einige Millionen Mark Steuern hinterzogen hat.
In der Hamburger Alstervilla Bellevue 28 klingelten am vergangenen Mittwoch sieben unauffällige Herren. Als Hausherr Manfred Katz, 42, im roten Morgenmantel zum Empfang bitten ließ, zückten die Gäste einen Haftbefehl und transportierten den überraschten Millionär ins Hamburger Untersuchungsgefängnis.
Dem Inhaber eines Gastronomie-Imperiums von 54 Restaurants, Pizzerias, Steakhäusern, Snackbars und Diskotheken wird von der Hamburger Staatsanwaltschaft vorgeworfen, in den letzten Jahren rund 2,5 Millionen Mark Steuern hinterzogen zu haben. Nach den von Kriminalbeamten und Steuerfahndern schlagartig durchgeführten Haussuchungen in zahlreichen Wohnungen und Geschäften ist freilich nicht auszuschließen, daß Katz vor dem Finanzamt noch weitere Beträge versteckte. Oberstaatsanwalt Peter Beck: "Nach den bisherigen Ermittlungen hat Herr Katz etwa 3,5 Millionen Mark nicht versteuert."
Die Steuerfahnder waren dem erfolgreichen Gastronomen, der in der feinen Hamburger Kaufmannsgesellschaft nie so recht akzeptiert wurde, bei einer Steuerprüfung auf die Spur gekommen. Dabei stellte sich heraus, daß Katz schon seit Jahren viel zu niedrige Steuern bezahlte. Als die Beamten weiterforschten, stießen sie auf eine der merkwürdigsten Geschäfts-Karrieren.
Der einst unbekannte Gastronomie-Außenseiter war in Hamburg zum erstenmal im Jahre 1964 aufgetaucht, als er mit einem Startkapital von 60 000 Mark das Spezialitätenrestaurant "Los Indios" gründete. Der Sohn einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie, der als Boxmeister von Ecuador, abgebrochener Jura-Student, Kibbuzim-Arbeiter und israelischer Soldat unruhige Wanderjahre hinter sich hatte, mochte sich mit 300 Mark Tagesumsatz aber nicht begnügen.
Kaum hatte sich sein exotisches Restaurant durchgesetzt, versuchte er mit neuen Lokalen sein Glück. Als in der Bundesrepublik linkes Engagement chic wurde, erinnerte er sich zum Beispiel an seine Rolle als israelischer Jungsozialist, der 1951 zu den Welt-Jugendfestspielen nach Ost-Berlin delegiert wurde: Folgerichtig eröffnete er auf der Hamburger Reeperbahn einen Drugstore, den er "Revolution" nannte.
Das große Geschäft stellte sich bei Katz freilich erst ein, als er einen neuen Branchentrend entdeckt zu haben glaubte: "Große Läden gehen nicht, kleine laufen."
In der Folgezeit gründete er deshalb vor allem Pizzerias, so daß er in einschlägigen Kreisen bald nur noch der "Pizza-König von Hamburg" genannt wurde. Umsatz des Katz-Imperiums: rund 30 Millionen Mark.
Während der Ex-Sozialist peinlich darauf achtete, daß seine Angestellten -- darunter zahlreiche Ausländer -- nicht zuviel verdienten, wurde sein eigener Lebensstil immer großspuriger. Der Besitzer eines Mercedes 450 SE legte sich in Hamburg-Farmsen sieben Trabrennpferde zu, zierte sich mit Film- und Gesangskünstlerin Daliah Lavi und jettete auch schon mal gern an die Riviera oder nach Amerika.
Als ihm die Hamburger Society trotzdem die Anerkennung versagte, versuchte es Katz mit Höherem. Ende September verkündete er, er wolle das in Schwierigkeiten geratene Hamburger Operettenhaus "ohne Subventionen" pachten. In London, Paris und Haifa verhandelte er erst vor wenigen Tagen mit etlichen Theater-Agenten, um dem Hamburger Senat einen eigenen Spielplan vorzulegen.
Aus den von Katz angekündigten Broadway-Inszenierungen" dürfte nun nichts werden, denn während der Pizza-König die Kultur-Szene studierte, drangen die Steuerfahnder immer tiefer in seine Finanzgeheimnisse. Katz zu dem Vorwurf der Steuerhinterziehung: "Das ist alles nicht wahr."
* Auf der Rennbahn in Hamburg-Horn.

DER SPIEGEL 44/1976
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