DER SPIEGEL



FERNSEHEN

Streit erwünscht

Von Umbach, Klaus

"Die Ilse ist weg". TV-Spiel nach einem Roman von Christine Nöstlinger. Regie: Ilse Hofmann. ARD.

Was macht sich das Fernsehen schon aus der Familie! Die Kinder speist es am Nachmittag ab, die Heranwachsenden drängt es auf Randtermine im Programm-Schema, und abends zwischen sechs und acht, wenn die Familie halbwegs alle beisammen hat, verkauft es sich an Weiß- und Werbemacher.

Da plötzlich ein Lichtblick: Zwar hält die ARD am schlechten Brauch fest, die Generationen getrennt zu bedienen. Aber sie schlägt ihrem eingefahrenen Stundenplan gleichwohl ein Schnippchen. Von Dienstag bis Donnerstag dieser Woche, jeweils um 17.05 Uhr, sendet der WDR das Fernsehspiel "Die Ilse ist weg", das er mit Rücksicht auf ein für Kinder vertretbares Maß gedrittelt hat; am 21. November, gleich nach der "Tagesschau", wird das Stück sonntagabendfüllend für die Erwachse-

* Susanne Werner (Erika), Marion Heister (Ilse)

nen komplett wiederholt. Keine Wiederholung aus Verlegenheit, sondern aus Überlegung.

Ein Sonderfall noch, dieses Spiel ohne Altersgrenzen, ein Glücksfall dazu. Hier haben nicht nur zwei Sender (Köln und Saarbrücken) und, innerhalb des WDR, zwei Ressorts (Kinderprogramm und Fernsehspiel) endlich einmal Geld und Ideen zusammengeworfen. Hier entstand nicht nur ein für Kinder spannendes und ein Erwachsene anspannendes TV-Stück. Mit der Ilse ist auch die Ausrede weg, sogar ein brauchbarer Stoff, rar genug, lasse sich nicht für klein und groß zugleich anschaulich und sehenswert verfilmen -- es geht.

Dies ist eine Geschichte, die gleichermaßen unterhält und Probleme aufwirft und die doch nicht als pädagogische Eselsbrücke zurechtgebogen wird, von der hinab Benimm und Erziehung gepredigt werden.

Drei Generationen einer Familie und ein paar pralle Randfiguren stellen das überschaubare Personal. Wohnung, Schule, Straßenbahn und Eckkneipe sind vertraute Spiel-Plätze. Der knapp zweistündige Film beginnt mit dem Anfang eines Alltags (eine Familie frühstückt) und mündet in die Frage einer Familie Jedermann: Warum ist diese Ilse weg? Hier ist Streit erwünscht.

Wohnung der Jandas, gehobener Mittelstand, trautes Heim, pflegeleicht. Ilse, 14, und Erika, 12, stammen aus der ersten, zwei kleine Geschwister aus der zweiten Ehe von Lotte Janda. Ilse kommt mit ihrer Mutter nicht mehr zurecht, beide reden und leben aneinander vorbei. Als das Mädchen spät heimkommt, gibt es Hausarrest, als es ein Meerschweinchen anschleppt, schlägt die Mutter Krach. Ilse haut ab.

Ihrer ängstlich-besorgten, aber auch kumpelhaft-anhänglichen Schwester Erika schwindelt sie eine Reise nach England vor, als Kindermädchen, mit einer Freundin. Tatsächlich aber ist sie, wie die pfiffige Erika und ihre cleveren Spielkameraden nach langen Recherchen herausfinden, mit Erwin im roten BMW nach Italien durchgebrannt.

"Ich verstehe das nicht", spricht da die strenge Oma I, "sie hat hier doch alles." "Fünf Zimmer", belehrt sie die einsichtige Oma II, "sind noch längst kein Heim. Meine Schwiegertochter wußte doch gar nicht, was da neben ihr lebt. Die Schuhgröße kennt sie, sonst aber nichts."

Die Ilse kehrt heim, Happy-End findet dennoch nicht statt. Irgendwann "hält mich hier nichts mehr, dann gehe ich für immer".

Kinder- und Erwachsenenwelt durchkreuzen sich in diesem Spiel -- eine Realität, die das Fernsehen bei ähnlichen Themen so oft übersehen hat. "Es gibt nur eine Welt", so das Motto der Wiener Kinderbuchautorin Christine Nöstlinger, auf deren Roman "Ilse Janda, 14" der Film basiert, "und auf der werden die Erwachsenen mit den Kindern auf das heftigste zusammengewurstelt."

Frau Nöstlinger, der längst "sämtliche christlich-abendländischen Werte abhanden gekommen sind", hat kein bequemes, aber auch kein rebellisches Buch geschrieben. Daß ihr "Ulrike Meinhof immer noch lieber ist als Franz Josef Strauß", wie sie 1974 gestand, mag sie in linken Verruf gebracht haben. Aber: "Mit meinen Kinderbüchern hat das nichts zu tun." Wenn sie dort Partei ergreift, dann für Kinder.

Die Flucht der Ilse aus ihrer Familie und vor sich selbst hat die Jung-Regisseurin Ilse Hofmann ("Winterreise") mit Liebe, Geduld und Behutsamkeit verfolgt. Seit Helma Sanders ("Shirins Hochzeit") dürfte noch keine Frau so selbstbewußt demonstriert haben, was die einfühlsame Beobachtungsgabe weiblicher Profis dem Fernsehspiel hinzugewinnen kann.

Monatelang haben die Produzenten auf Fußball- und Schulplätzen, in Eisdielen und Diskotheken nach geeigneten Teenagern für dieses sensible Kinderspiel gesucht. Die Mühe lohnte; Nichts ist verkrampft, nichts gedrillt.

Es verblüfft, wie glaubwürdig Marion Heister das Mädchen Ilse aus der scheinbaren Nestwärme ins pubertäre Abenteuer schlittern läßt. Es macht betroffen, wie Susanne Werner als Erika, aus deren kindlichem Blickwinkel die ganze Geschichte aufgerollt wird, den Erwachsenen die Augen öffnet, was sogenannte Elternliebe an- und echte Geschwisterliebe ausrichten kann,

Es sei gewagt: Fernsehspiel des Jahres.


DER SPIEGEL 44/1976
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