01.11.1976

„Der Heilige Geist strömt in mich ein“

Ein brillanter Schüler war Michael Vollmer nicht gerade, aber er war auch kein Versager, "Durchschnitt eben", sagt seine Mutter, die "überhaupt keine Probleme mit dem Jungen hatte. Der Junge rauchte nicht, trank nicht, wußte freilich auch nicht viel mit sich anzufangen, "er saß oft vorm Fernseher, und Mädchen? -- Tja, da war wohl nichts".
Die große Liebe muß während der Ferien über ihn gekommen sein. Von einem Trip nach Amsterdam, zu dem er unvermittelt aufgebrochen war, kehrte der 17jährige Düsseldorfer Realschüler nicht mehr ins Elternhaus zurück. Statt dessen schickte er aus Frankfurt eine Postkarte, auf der geschrieben stand, er sei nun "wahrhaft glücklich".
Denn er wisse sich, so die Botschaft weiter, "in der Nähe des Auserwählten", fortan wolle er "bei den Menschen bleiben, die mich lieben", und im übrigen bitte er, von Nachforschungen abzusehen, er gehe ohnedies als Missionar ins Ausland.
Seitdem ließ Michael Vollmer nichts mehr von sich hören; er ist inzwischen volljährig und mithin auch von Rechts wegen Herr seiner Entscheidung, nach eigener Fasson selig zu werden. Die Eltern machen sich keine großen Hoffnungen mehr, ihren Sohn wiederzufinden. "Er ist sicher", sagt die Mutter, "bei so einer Sekte."
So viel weiß auch der Vater der 20jährigen Elvira Sattler*, die einen Lernvertrag für das Ballett am Bremer Goethe-Theater hatte und, wenn der Etat nicht gekürzt worden wäre, vielleicht einen Vollvertrag bekommen hätte. So aber zeigte sie sich "sehr mitgenommen", wie eine Freundin bemerkte, und eines Tages kam sie nicht mehr zur Probe.
Als Elvira wieder erschien, war sie, so die Freundin, "völlig verändert". Ihrem Vater erklärte sie, sie habe "endlich den richtigen Glauben bei den richtigen Leuten in der richtigen Umgebung" gefunden, und bald darauf verteilte sie, "nun mit struppig kurz geschorenem Schädel", wie der Bremer "Weser-Kurier" berichtete, "religiöse Traktate in der Sögestraße".
Er sehe keinen Weg, sie "aus dieser Sekte herauszubekommen", meinte der Vater, dem es einmal noch gelungen war, die Tochter telephonisch zu sprechen; das Gespräch wurde abrupt unterbrochen. offenbar von einem Mithö-
* Die Namen junger Sekten-Mitglieder wurden von der Redaktion geändert.
rer an der Seite des Mädchens. Das Lokalblatt zitierte den Vater: " Da meine Tochter bereits mündig ist, kann ich nichts unternehmen. Man ist als Vater machtlos."
Das ist in aller Regel auch die Polizei, der beispielsweise der Stuttgarter Ingenieur Walter Pflüger zur Kenntnis gab, was er auch dem SPIEGEL in einem Brief mitteilte: "Meine Tochter, 22 Jahre, Bankkaufmann und Fremdsprachenkaufmann in Englisch, ist vorg. "Verein" beigetreten. Wieso dies erfolgte, ist uns unklar. Meine Frau ist völlig daneben."
Ein dem Vater "unheimlicher Mann namens Noah" hatte die Tochter im Mai dieses Jahres "mit deren persönlichen Sachen" aus dem Elternhaus geholt ("Unsere Tochter hat DM 11 000 mitgenommen und die persönliche Habe von DM 2000"). Auf der Polizeiwache aber habe man ihm, so Vater Pflüger, nur bedeutet, das Ordnungsamt sei zuständig, man müsse sich um Ladendiebstähle kümmern. Ähnlich erging es ihm bei der Kripo.
"Was können wir machen", so schrieb Pflüger vor Monaten an den SPIEGEL, "um unsere Tochter zu befreien? Wieso sind derartige Vorgänge von Seelenabhängigkeit, Leibeigenschaft und Sklaverei in unserem Land noch möglich? Ich kenne inzwischen drei Familien, die auch betroffen sind. Gibt es noch mehr?"
Es gibt noch mehr, wie auch der Stuttgarter Ingenieur inzwischen weiß. Ihm sind nun schon "eine Menge Elternanschriften" bekannt -- das Phänomen der verlorenen Söhne und davongezogenen Töchter ist auf neue Weise aktuell. Immer häufiger zieht es junge Leute dorthin, wo verstörte Eltern Scharlatane und Schamanen am Werk wähnen.
Irgendeinem Messias zugetan, irgendeinem Guru pflichtverbunden, suchen sie ihr Heil abseits der Gesellschaft, die zwischen Glauben und Aberglauben zu unterscheiden sucht. Von "neuen Jugendreligionen" ist in evangelischen Aufklärungsschriften die Rede, von "religiöser Subkultur" bei Sektenforschern. In einem jetzt veröffentlichten Patmos-Paperback über "Religiöse Gruppen" heißt es, es habe sich "so etwas wie ein grauer und schwarzer Markt" von Weltanschauungen ausgebreitet*.
Zu haben ist das Religiöse oder, je nach Standpunkt, Pseudo-Religiöse neuen Typs auf offener Straße. Zumindest in den Städten sind sie allgegenwärtig, die Erweckungsbewegungen und Kultgenossenschaften, die alle eine Mission und eine zunehmende Schar von Missionaren haben,
Auf der Hamburger Mönckebergstraße sind es Kahlköpfige, die in ver-
* "Religiöse Gruppen. Alternativen in Großkirchen und Gesellschaft. Berichte, Meinungen, Materialien Im Auftrag des Deutschen Ökumenischen Studienausschusses herausgegeben von Joachim Lell und Ferdinand W. Menne unter Mitarbeit von Heinz-Günter Stobbe. Patmos-Verlag; 208 Seiten: 19,80 Mark.
waschenen Wickeltüchern zu fernöstlichem Singsang tanzen, am Frankfurter Liebfrauenberg Langhaarige in Jeans, die den Vorübergehenden ins Ohr raunen: "Jesus liebt dich."
Die korrekt gekleideten Herren, die sommers auf dem Münchner Marienplatz Flugblätter verteilten, als ginge es um die Bundestagswahl ("Freiheit oder Sozialismus" hieß es tatsächlich im Text), sind auch von der Sorte. Wer sich mit ihnen einläßt, erfährt alsbald von einer "Welt der Harmonie", von der Heraufkunft eines "Messias" und neuen "göttlichen Prinzipien", die er mitbringt, wenn er kommt.
Wer sich, auf der Straße angelockt, in die Hinterhauskommune zu Frankfurt-Nordend ziehen läßt, gerät unter frömmelnde Klampfensänger, die "Jesus voll und ganz" in ihr "Herz gelassen haben" und nun als "Kinder Gottes" die "alle Probleme lösende Alternative" erleben: "Wir haben die Liebe, nach der du gesucht hast."
Und wer auf Schloß Rettershof im Taunus gelangt, der erlebt nach vegetarischem Frühstück mit heißer Milch und Marzipan schellenschwingende Gestalten, die mit zuckenden Händen und Füßen zu dumpfem Trommelschlag "Bhakti" zelebrieren, die Hingabe an ihren hinduistischen Gott.
Was da tanzt und bettelt, betet und singt, sind Hippies wie Happies obskurer Heilslehren, die mal aus Fernost, mal aus den USA in die Bundesrepublik einkehren. Sie haben alle, wie die Großkirchen, ihre eigene Hierarchie, und sie haben alle ihre eigenen Propheten. Die wichtigsten Gruppen: > Die "Vereinigungskirche e. V" ist der bundesdeutsche Ableger einer vor allem in Amerika verbreiteten Erweckungsbewegung mit insgesamt zwei Millionen Anhängern. Gründer ist der Südkoreaner San Myung Mun, 56, der die Welt in einen "himmlischen" und einen "satanischen" Bereich einteilt. Nach seiner Lehre steht Gott für die Demokratie, der Teufel hält es mit dem Kommunismus.
* Die "Kinder Gottes -- Children of God (COG)" sind eine radikale Splittergruppe der Jesus-People-Bewegung, die als Vorkämpfer einer Art theokratischer Diktatur den -- im Untergrund lebenden -- amerikanischen Endzeitpropheten David ("Moses") Berg, 57, verehrt.
* Als "Internationale Gesellschaft für Krischna Bewußtsein e. V. (ISK-ON)" firmiert der westdeutsche Zweig einer Mitte der sechziger Jahre in Los Angeles gegründeten hinduistischen Bewegung. Die Gesellschaft unterhält Zentren in Hamburg (Vereinssitz) und bei Frankfurt (Schloß Rettershof im Taunus), als Guru der Gruppe tritt "Seine Göttliche Gnade A. C. Bhaktivedanta Swami Prabhupada" auf.
* Die "Scientology Church" (deutsche Zentrale in München) ist Erfindung und Werk des früheren Science Fiction-Autors Lafayette Ronald Hubbard, 65, der zur See residiert und von Schiffen aus eine "Sea Org" genannte Organisation befehligt.
Asiatische Heilslehren wie die "Transzendentale Meditation" (TM) des zottelbärtigen Maharishi Mahesh Yogi aus dem Himalaja oder die "Divine Light Mission" (DLM) des 18jährigen indischen Kindgottes Guru Maharadsch Dschi ergänzen das Spektrum, das zu erforschen sich mittlerweile nicht nur Sekten-Experten der etablierten Kirchen bemühen, sondern auch Gruppen betroffener Eltern.
Das anfängliche Desinteresse der Kirchen hat sich längst zum Engagement gewandelt, und die Eltern, denen die Söhne und Töchter abhanden kamen, sind vielerorts zum Kampf angetreten. Sie suchen, wie die Münchner "Elterninitiative zur Hilfe gegen seelische Abhängigkeit und religiösen Extremismus e. V.", die Öffentlichkeit wie die Politiker gegen die "Psychokriminalität der sog. neuen "Jugendreligionen"" zu mobilisieren. Und der Mainzer Pfarrer Kurt Österle hat schon, "hart an der Grenze zum Kidnapping", wie er selber sagt, etliche Befreiungsaktionen organisiert und "14 Jugendliche, kurz vor dem Eintritt bei Mun, vor dem Akzeptieren" bewahrt.
Wie viele schon akzeptiert haben, darüber führt niemand Buch. Die Sekten selber geben nur zum Teil die Zahl ihrer Mitglieder bekannt, manche haben auch ihre Anhänger gar nicht gezählt oder zu zählen vermocht, und von Amts wegen, etwa bei der Polizei, gibt es keine Statistik: Die Sekten sind in der Regel vorsichtig genug, nur Volljährige aufzunehmen -- kein Vorgang, der sich als Delikt zählen ließe. Kenner der Szene wie der Stuttgarter evangelische Theologe Michael Mildenberger schätzen, daß etwa 10 000 junge Leute mehr oder weniger fest mit einschlägigen Sekten verbunden sind.
Anfällig wären wohl viel mehr. Soziologen schätzen, daß etwa fünf Prozent aller Jugendlichen für die Traumwelt der Sektierer empfänglich sind. Und in einem Arbeitskreis des "Deutschen Ökumenischen Studienausschusses" war man "ziemlich einhellig" in dem Urteil, woher die jungen Leute kommen, die sich zu den Sekten schlagen oder schlagen lassen: aus dem Mittelstand. Der Studienausschuß: "Weit unten, weit oben -- das fällt raus."
Es fällt rein, wer in der festgefügten Ordnung des Elternhauses Leere empfindet, wer sich "angewidert" fühlt von der "Oberflächlichkeit der westlichen Leistungs- und Konsumgesellschaft", wie der Wittener Theologe Rüdiger Hauth beobachtet hat; junge Leute auch, die, so ein anderer Pfarrer, "das Abitur nicht geschafft, eine kaputte Liebe oder Krach mit den Eltern haben"; schließlich auch junge Christen, denen herkömmlicher Gottesdienst und Gebetsstunden "zuwenig Mystik bringen", wie Hauth es formuliert.
"Glückliche, erfüllte Gesichter im Tempel."
Schulungszentren der Munisten, Tempel der Krischna-Jünger, Kolonien der Moses-Kinder erweisen sich zunehmend als Auffangstätten sozialer wie religiöser Aussteiger. Die Hinwendung zu den neuen Erlösern scheint den Ausbruchsversuchen von Jugendlichen vergleichbar, die früher in Rockgruppen die Kette schwangen, als Hippies nach Nepal trampten oder in politische Radikalität abglitten.
Heute bieten sich den Orientierungslosen andere Leitbilder dar. Die Komplexbeladenen lassen sich "Wahrheit", "Erleuchtung" und "schöpferische Intelligenz" versprechen. Die Isolierten werden verlockt durch die Aussicht auf "Gemeinschaft", "Freundschaft" und "Engagement in der Gruppe", zumal für eine "bessere Welt".
"Viele glückliche, erfüllte, befriedigte Gesichter" entdecken denn auch Sektenforscher wie der Stuttgarter Mildenberger unter den tanzenden Mönchen im Krischna-Tempel zu Rettershof. wenn sie das Phänomen vor Ort zu ergründen suchen: Die im Gegensatz zu kargen Christen-Bräuchen "ganz und gar andere religiöse Atmosphäre" der "Hare"-Beter mit ihrer "Farbigkeit, Mystik, ja spirituellen Erotik" fesselt labile Romantiker wie ausgeflippte Blumenkinder.
Mönchsgewand und Haartracht heben sie wie Gezeichnete aus der Masse ab. "Weil Krischna der Mächtigste, der Reichste, der Berühmteste, der Intelligenteste, der Schönste und der Entsagungsvollste ist", schwelgt Krischnas Europa-Präsident Hansadutta Das Adhikari, "nimmt der Gottgeweihte in dem Maße, wie er sich dem Herrn hingibt, die gleichen Eigenschaften an."
Bei den "Kindern Gottes", den "Children of God", "Enfants de Dieu", "Bambini di Dio", ist es naive Gläubigkeit, die bindet, und der moralische Rigorismus, von der Liebe zu singen und ihr zu leben. Als Gertraud Olger da in München hineingeriet, "haben sie geklatscht und gesungen "Gertraud, wir lieben dich". Franz, ihr Sektenbruder und Ehegefährte, sieht die erste Begegnung mit "Jesus und den Children of God" noch heute verklärt: "Auf einmal fühlte ich mich wie neugeboren, ganz warm und beschwingt, und ich fühlte in mir die Kraft, mein Leben völlig neu zu ordnen."
Solche Hochgefühle erleben zahlreiche Mun-Jünger bald nach dem ersten Kontakt mit der "Vereinigungskirche e. V.". Sie "glauben", so eine Münchner Schülerin, die sich später wieder abkehrte, "eine Gruppe gefunden" zu haben, in der sie ihre "christlichen Ideale endlich verwirklichen" können. Sie finden eine strahlende Gegenwelt zur Gesellschaft vor, die "gerettete Familie", die sich, so der Münchner Sekten-Experte Friedrich-Wilhelm Haack, "als Keimzelle des neuen Guten" präsentiert.
Junge Leute, wie der Kölner Fachhochschüler Paul Angermann, der "nie ein Mädchen hatte", wie seine Mutter weiß, kompensieren in der Vereinigungskirche offenkundig Kontaktschwächen und ihre Ängste vor Leistungszwang. Sie werfen, von den Sekten-Managern ermutigt, Abitur, Studium und Job hin und erleben bald einen so rapiden Wandel ihres Wesens, daß Eltern ihre Kinder nicht mehr wiedererkennen. Eine Mutter: "Man hat den Eindruck, sie seien wie verzaubert, betäubt, berauscht."
Ob bei den Scientologen, wo sie in sogenannten Auditier-Kursen "clear" werden können, ob bei den Gurus, wo auf der Suche nach dem "göttlichen Licht" Meditation erforderlich ist -- die Jugendsekten offerieren vor allem "Ich-Findung und Fitneß-Programme für die Seele" (Mildenberger). Sie besetzen ein Vakuum, das weder Schule noch Elternhaus, weder Kirche noch politische Parteien ausfüllen konnten.
Und "wenn der Niedergang der alteingeführten Religionen", schreibt der englische Neurologe Christopher Evans in seinem jetzt bei Rowohlt erschienenen Buch "Kulte des Irrationalen", "sich mit unverminderter Geschwindigkeit fortsetzt und die Technik auch weiterhin der philosophischen Durchdringung der Wissenschaft davonläuft, wird das Verlangen nach solchen Kulten wachsen", sie würden sich nicht nur stark vermehren, sondern womöglich auch "echte Macht" erlangen*.
Es wäre Macht, die aus der Beschränkung erwüchse. Die Sektierer brechen radikal mit ihrer Umwelt, geben ihren herkömmlichen Beruf oder ihre Ausbildung auf, treten aus Sozialversicherung und Vereinen aus, verzichten häufig auf Zeitungen, Radio, Fernsehen -- Unterordnung, Anpassung, Konsumverzicht bestimmen das innere Gefüge der Gruppen.
Dafür zeigen sich in den Kolonien, Tempeln und Aschrams alle Elemente des traditionellen Mönchtums: Namenswechsel (aus einem schlichten Hans Kary wird ein "Hansadutta Das Adhikari"), Novizen-Stolz ("Wir sind die Auserwählten"), Nachfolge ("Komm mit in der Zigeunerkarawane des Herrn"), Naherwartung des Heils ("Wir werden bald über die Gottlosen herrschen").
Neuer Glaube vom Sieben-Dollar-Guru.
Ob bei Mun, den COGs oder Rare Krischna -- die Mitglieder akzeptieren Briefzensur wie Telephonkontrolle. Sie begnügen sich mit vitaminarmer Kost, lassen sich von den Sekten-Oberen den Partner für eine "heilige Ehe" aufschwatzen und richten auch sonst ihr Sexualleben gerade so ein, wie der Meister es will.
Krischna-Vorbeter Adhikari verkündet seinen Kahlköpfen: "Wenn Sexualität vermieden wird, ist das ein großer Sieg." Daß "Sex klappt", ist hingegen der programmierte Titel einer Druckschrift, die von den Kindern Gottes vertrieben wird. Es heißt darin im Abschnitt 71:
Alles, was du weißt, ist ein Blick, und er erregt dich! -- Eine Berührung, und du schmilzt! -- Ein Kuß, und du bist weg! -- Eine Umarmung, und du liegst! -- Ein Stoß, und du bist fertig! -- Du hast diesen liebenden Mann hereingelassen, und er gibt es dir wirklich, und alles, was du tun möchtest, ist weiter, weiter, weiter, du explodierst!
Ex-Munistin Olga Müller über den Sex in der Vereinigungskirche: "Schla--
* Christopher Evans: "Kulte des Irrationalen. Aus dem Englischen von Mark W. Rien Rowohlt Verlag, Reinbek; 320 Seiten; 32 Mark.
fen darf man nur mit jemandem, wenn man drei neue geistige Kinder gezeugt, das heißt, drei neue Mitglieder geworben hat." COG-Hirtin Wiltrud Fest, zweifache Mutter: "Wir nehmen keinerlei Verhütungsmittel und wünschen uns viele Babys als neue Gotteskinder."
Die Mitglieder der Jugendsekten, die die Liebe zum Kult oder die Leibfeindlichkeit zum Ideal erkoren haben, scharen sich stets um den charismatischen Führer, eine Art "heiliger Meister". Seine Aussagen beanspruchen totale Gültigkeit und werden als das "Know-how" für die Anti-Gesellschaft ohne Konflikte gepriesen.
So nimmt der ehemalige US-Navy-Offizier Hubbard bei den Scientologen die Funktion eines quasi allgegenwärtigen großen Bruders ein; immerhin hat er, was nicht jeder von sich sagen kann, "am 9. Mai 1963 abends um 10 Uhr und eine halbe Minute für 43 891 832 611 177 Jahre, 344 Tage, 10 Stunden, 20 Minuten und 40 Sekunden den Himmel besucht".
Die überragende Rolle des Heilsbringers. bei den "Children of God" spielt der ehemalige amerikanische Pfingstprediger David ("Moses") Berg, der sich derzeit, aus Angst vor Polizei- und Steuerfahndung, vermutlich in Italien versteckt hält. Er regiert sein 1969 (in den Laurentide-Bergen nördlich Montreal) gegründetes Kinder-Reich der COGs mit einer Flut von Traktaten. den sogenannten "MO-Briefen" aus dem Untergrund: Huldigungen an seine Vorbilder "Vater Franco" und Libyens Staatschef Gaddafi, erotische Phantasien über "hüglige Maiden" und "heilige Löcher" und mystischen Schmonzes über eine "göttliche Kristallpyramide".
Gemeint ist eine Pyramide aus Menschen. Als "Königliche Ratgeber", als "Premier-Minister", "Minister", "Erzbischöfe" sowie "Bischöfe", "Regional- und Distrikthirten" vollziehen die COG-Funktionäre in derzeit 700 Kolonien in 70 Ländern der Welt den Willen des Propheten MO; eine sekteneigene Computer-Zentrale in Paris steuert Input und Output des Seelenretter-Konzerns. Eine Armada von Übersetzern im COG-Zentrum "Welt-Dienste" überträgt in 28 Sprachen das fromme Geseire, das MO, umhegt von seiner Gattin "Maria", mit unbezähmbarer Schreibwut absondert.
Bei den Krischna-Mönchen spielt "Seine göttliche Gnade, A. C. Bhaktivedanta Prabhupada", etwa 80, den "wahren Guru" und Sektenvater: ein Geschäftsmann aus dem indischen Bengalen, der sich 1922 von seiner Familie trennte, fortan als Gottgeweihter an den Gestaden des Ganges meditierte und 1965 "mit sieben Dollar" im Gewand (Krischna-Legende) amerikanischen Boden betrat. Im Lotossitz auf einem Rinnstein in New York sang der Inder die ersten "Hare"-Mantras für die westliche Welt, die später als Sang-Thema des Musicals "Hair" um den Erdball liefen.
Ausgeflippten Amerikanern aus der Drogenszene brachte der Sieben-Dollar-Guru den Glauben nahe, man könne aus den Wiedergeburten auf dieser Welt voller Elend in die Ewigkeit des Nichts entkommen. Als Mittelsmann und Repräsentant Sri Sri Krischnas, der menschlichen Version des alten Hindu-Gottes Wischnu, sammelte der Greis aus Kalkutta binnen zehn Jahren Mönche, Prabhus, um sich und gründete ein Netz von Krischna-Tempeln zwischen Sidney und Frankfurt, San Francisco und Stockholm.
Krischnas Heiliger und seine Manager kämpfen um Marktanteile an einem Nachwuchsreservoir" das in dem Wettlauf um Seelen auch schon andere Gurus weithin erschlossen haben. "His Holiness" Maharishi Mahesh Yogi zum Beispiel, geboren um 1911, der mit Transzendentaler Meditation die Welt "spirituell regenerieren" will und dessen Bewegung "als die größte im Supermarkt östlicher Kulte" gilt, wie "Time" schreibt.
Oder jener frühreife Teenager Gurti Maharadsch Dschi, 18, der sich in etwa 20 deutschen Aschrams der prosperierenden Hindu-Sekte "Divine Light Mission" als "perfekter Meister, der Herr des Universums" verehren läßt. Die "Premies", die Jünger, feiern ihr Babyface so inbrünstig wie die Anhänger der Mun-Sekte ihren Mister Mun aus Südkorea, der die Welt mit Ginseng, Gewehren und Gottestick zu beglücken sucht.
Der selbsternannte "wahre Vater" und neue Messias San Myung Mun erlebte seine entscheidende Erleuchtung vor 40 Jahren, als ihn Jesus persönlich, sagt er, um die Vollendung seines Werkes gebeten habe. Denn Christi Kreuzigung. so will es die Theologie des Mun, hinderte Gottes Sohn an der Zeugung christlicher Kinder. Erlöser Mun war ausersehen, den Willen des Herren zu vollenden -- etwa durch Massenhochzeiten in Seoul, bei denen bisweilen Tausende seiner Anhänger auf einmal vermählt werden.
Seine "Unification Church" (Vereinigungskirche) gründete der Koreaner 1954; sie reüssierte bald ebenso wie sein Geschäft. Denn neben Gott brachte Mun auch Produkte seiner "Jl Hwa Pharmaceutical Co." und Gewehre seiner "Tong Jl Industrial Co." an den Mann: vor allem Erzeugnisse aus der Ginseng-Wurzel, der mancherlei stärkende Wirkung nachgesagt wird.
Muns Ware, die Potenzwurzel ebenso wie die politischen Parolen ("Gott liebt Nixon"), war zunächst vor allem in den Vereinigten Staaten gefragt. Auf rund 30 000 Mitläufer schätzte "Newsweck" im Juni dieses Jahres die Glaubensarmee Muns in den USA. Mit dem Verkauf von Peanuts und Candy, Heiligenbildchen, Blumenvasen und Kerzen, die Mun-Kinder in den Zentren der Großstädte an Passanten verhökern, hat es die "Unification Church" in den Staaten inzwischen zu beachtlichem Vermögen gebracht.
Der tüchtige Messias unterhält Schulungszentren in zehn amerikanischen Bundesstaaten, bewohnt eine 625 000-Dollar-Villa in Irvington und besitzt mehrere Jachten. "Gott", sagt er, "war eben gut zu mir.
Von seinem Landsitz am Hudson aus dirigiert er das Heer seiner Straßenpropheten, etwa zwei Millionen in 123 Ländern. rund 20 weltweit operierende Organisationen mit Phantasienamen wie "One World Crusade". "World Freedom Institute" oder "Professors World Peace Academy", die angeblich die internationale Vereinigung von Familie, Wissenschaft, Kultur, Religion und Medizin anstreben, vornehmlich aber als "Kämpfer Gottes" gegen den Kommunismus berufen sind.
Niedergelegt ist das Konzept in den "Göttlichen Prinzipien", einem dicken Wälzer mit wahllos auseinandergereihten Bibelzitaten und fromm klingenden Polit-Phrasen ("Demokratie des Herzens") -- rechte Weltanschauung, die im "gravitätisch geschwollenen Gewand göttlicher Sendung einhergrätscht", wie der Münchner Autor Heine Schoof findet.
"Die ganze Welt liegt in meiner Hand. Ich muß sie erobern und mir untertan machen", spricht Mun, der Herr, der den Weltenkampf voraussieht, "in dem die demokratische Welt die kommunistische Welt unterwerfen muß".
"Mir wurde unbehaglich zumute", erinnert sich der katholische Theologe Benedikt Hilgefort, der eine Mun-Show in der New Yorker Carnegie Hall besuchte und dem dabei "ähnliche Veranstaltungen aus dem 12 Jahre dauernden 1000jährigen Reich unter unserem falschen Messias" in den Sinn kamen. Hilgefort: "Eine gefährliche Mischung von einer neuen Gnosis und Faschismus."
In der Bundesrepublik haben sich Mun-Propagandisten in den letzten Monaten mit massierten Einsätzen vor allem vor Wahlen und an westdeutschen Hochschulen hervorgetan. Sie treten vornehmlich dort auf, wo Linke das Terrain beherrschen. In Frankfurt, Heidelberg und Marburg, aber auch an den Universitäten zu Bonn, Hamburg und München verteilen sie Flugblätter mit Parolen "gegen den Kommunismus" und "für die Wiedervereinigung Deutschlands".
Jüngster Sektenableger ist die Studenten-Gruppe "Collegiate Association for the Research of Principles" (C.A.R.P.), die angetreten ist, den "marxistisch verkleideten Teufel" vom Campus zu vertreiben. Die Carpisten streiten gegen Pornographie und Rauschgift, für sauberen Lebenswandel und die intakte Familie. Der fremdländischen Rockmusik ziehen sie das deutsche Volkslied vor.
Als Sektenführer tritt hierzulande der aus Pommern stammende Pfarrersohn Paul Werner, 49, auf. Er erlebte "mit 21 Jahren eine Bekehrung zu Jesus", lernte als Häusermakler im kalifornischen Sacramento Mun kennen, der ihn zum bundesdeutschen Statthalter der Sekte ernannte und ihm den Titel "Reverend" verlieh.
Mit Werner, vor Jahren Angestellter beim Statistischen Bundesamt in Wiesbaden, Abteilung Bauwesen. BAT VII, und später Buchhändler in Wien, hat der Koreaner Großes im Sinn: Die Bundesrepublik soll das Zentrum für Muns Mission in Europa werden. Werner schart die neu geworbenen Mitarbeiter ("Wir haben hier jetzt an die tausend feste") in Trainingscamps bei "weekend workshops" um sich, spielt mit ihnen Volleyball" läßt hin und wieder eine Kuh aus eigener Haltung schlachten oder auch mal "für die Wiedervereinigung Deutschlands" fasten.
Bei solcherart Gruppendynamik in der Camberger Heilskommune werden die unbedarften Missionars-Anwärter offenbar zu Wachs in den Händen der Sektenprofis. Bei Schmalkost (Müsli. Stullen, Reis, Salat, gelegentlich Fisch. selten Fleisch), Lager auf hartem Boden, stundenlangen Gebeten und Vorträgen erfahren die Novizen. streng abgeschirmt von der Außenwelt, nur mehr von einem Mann und einer Sache, von Mun und seiner Doktrin.
Nach dem Wecken um 5.30 Uhr und nach den Exerzitien, die die "ständigen Angriffe des Satans" abwehren sollen. beginnt am Vormittag von Camberg sowie von den 25 deutschen Mun-Filialen aus die Missionsarbeit unter deutschen Fußgängern. Abends im Zentrum wieder Gebete vor dem blumengeschmückten Altar mit den Bildern Muns und seiner (vierten) Frau -- den "wahren Eltern". Beispiel: "O Vater, der Meister hat eine kosmische Schlacht nach der anderen geführt ... gib, daß die Mission in der ganzen Welt, besonders aber in Korea, in Amerika und bei uns stark vorangetrieben wird."
Auch bei den anderen Jugendsekten nehmen die Mischung aus exotischen Bräuchen und vermeintlicher Wissenschaft die Novizen zunächst so stark gefangen, daß sie die Ideologie im Hintergrund, wenn überhaupt, so doch viel später erkennen, oft zu spät. "Wenn die Wahrheit durch die Attrappen der Versprechungen dringt", resümierte das bayrische Elternblatt "schule & wir", "beginnt das böse Erwachen."
Statt Freiheit, wie versprochen, finden die Angeworbenen in den religiösen Randgruppen Fanatismus, statt Seelenheil Gruppendrill, statt Barmherzigkeit Unnachsichtigkeit. Es sei "ein System aus Furcht, Lüge und völligem Gehorsam", sagt der ehemalige COG-Funktionär David Hoyt, "in dem Gehirnwäsche aus jungen Leuten Marionetten macht".
Die neuen "Babes", reihum geküßt und von Singenden angeglitzert, erliegen sehr schnell der Streichel-Suggestion in der Gruppe. "Ich spürte", so eine COG-Jüngerin, "wie meine Arme weich wurden wie Gummi, der heilige Geist strömte in mich ein mit Wärme und Licht."
Wenn Vater und Mutter, aufgeschreckt von solchen Selbstzeugnissen in Teenagerbriefen, in der Kolonie anrücken, ist es meistens zu spät. Oft hat das Babe dem Koloniehirten schon Gehorsam geschworen, hat sich zum täglichen Literaturverkauf (COG-Jargon: "Litnessing") und zur öffentlichen Bezeugung des Glaubens ("Witnessing") verpflichten lassen und hat in einem schriftlichen Vertrag versprochen, "alle meine Habe und mein Einkommen, gegenwärtiges und künftiges, zu geben" (Vertragstext).
So richtig gehen den Eltern aber erst die Augen auf, wenn sie später bei Kontakten mit der Telephonseelsorge, dem Gemeindepfarrer oder einem kirchlichen Sektenfachmann wie Haack, Mildenberger und Hauth von gängigen Praktiken dieser Jesus-People erfahren: etwa aus einem Untersuchungsbericht des stellvertretenden New Yorker Generalstaatsanwalts Herbert Wallenstein, wonach COG-Mädchen "gezwungen" wurden, "mit den obersten Führern Geschlechtsverkehr zu haben".
Der schwangeren Berg-Schwiegertochter Sarah wurde, in MOs Beisein, so Wallenstein, "mit einer zwei mal vier Zoll starken Latte über den Bauch geschlagen", als sie sich weigerte, öffentlich in der Gruppe zu kopulieren; andere aufsässige Mitglieder wurden "in einen Käfig" gesperrt.
Die amerikanischen Ermittler registrierten "Fälle von Exorzismus" bei den COGs und nächtliche Schein-Überfälle ("Wir erschießen euch alle") verkleideter Koloniehirten auf hysterisch schreiende Jüngerinnen. Eine Vierzehnjährige gab zu Protokoll, sie habe bei den Gotteskindern "erst duschen und dann vor Männern onanieren" müssen.
Solche Berichte aus Amerika vermochten die COG-Hirten in der Bundesrepublik den Gotteskinder-Kolonien geheimzuhalten, in denen freilich auch schon strenge Bräuche herrschen. Nach der Entscheidung "zwischen Eltern und Gott" darf das Babe, das fortan einen biblischen Namen trägt, statt Franz Konrad beispielsweise "Jeremias Wasserfall", "nicht mehr mit der Mutter alleine sprechen".
Ein straffer Stundenplan (von 7 Uhr "Wake up" bis 23 Uhr "Lights out"), ständige Überwachung ("Man ist selbst im Bad nicht alleine"), Übermüdung und Anspannung verhindern -- wie in den Trainingszentren des Koreaners -- jegliche Reflexion und Selbstkritik." Ich hatte keine Zeit", sagt ein ehemaliges Gotteskind, "an etwas anderes zu denken als an das, was in dem Programm von Moses für mich geplant war."
Und wer dieser Zwangswelt dennoch den Rücken kehren möchte, wird, wie in einem Polizeiprotokoll der Essener Kripo dokumentiert ist, mit dem Spruch konfrontiert: "Gott spricht: Wenn du den Weg zurückgehst, mußt du den ewigen Weg durch die Hölle oder in den Freitod gehen; etwas anderes gibt es für dich nicht."
Mysteriöse Selbstmorde ehemaliger Gotteskinder oder COG-Anwärter, etwa im belgischen Namur, in München oder Hildesheim, illustrieren Verzweiflung und Verstrickung, in die anfangs Ahnungslose bei den Berg-Menschen geraten sein mögen. "Wenn Sektenführer Moses", so die Ex-MO-Tochter und Abiturientin Monika Schurr in einem WDR-Interview, "sagt, in diesen oder jenen Leuten steckt der Teufel und Jesus hat mir gesagt, ihr müßt diese Leute vernichten, weil es ja keine Menschen sind, sondern Teufel, dann sind diese Leute nicht mehr fähig zu denken, sondern sie würden auch einen Mord begehen."
"Psychische Defekte bei einigen Mädchen", sagt der Münchner Architekt und Mun-Kenner Joachim von Poschinger, dessen Tochter gerade noch an der Sektiererei vorbeikam, seien auch die Folgen des Sektendrills in der Vereinigungskirche gewesen, der "durch Tricks die Angst im Unbewußten verankert": Bei den Krischnas, wo Frauen als Wesen minderer Qualität nur der Fortpflanzung dienen, beobachtete der Stuttgarter Theologe Mildenberger "vielfach Zerstörungen von Menschen".
In der vorgeblich heilen Sektenwelt, so warnte die Zeitschrift "schule & wir" die bayrischen Eltern letzthin, gebe es "unzählige Tragödien, zerbrochene Familien, verpfuschte Laufbahnen, ruinierte Freundschaften" kaputte Ehen". Und wer die geschlossenen Glaubensanstalten eines Tages wieder verläßt, hat"s schwer. "Da kommt eines Tages", prophezeit der Berliner Kriminalhauptmeister Gerd Meyer, Vater eines ehemaligen Krischna-Mönchs, "viel Psychomüll und Sozialschrott auf die Gesellschaft zu."
Theologen, die einen Blick hinter die Kulissen der neuen Klöster geworfen, Eltern, die nach ihren Kindern suchten, bekunden übereinstimmend, daß die Sektenzöglinge nicht einfach in ihren Alltag von ehedem zurückzukehren vermögen. Wer jahrelang in unterwürfiger Abhängigkeit gelebt hat, fürchtet der Frankfurter Staatsanwalt Hans-Gero Schomberg, "fällt bei dieser Verstümmelung von Geist und Körper der Sozialhilfe zur Last, weil er zu eigenständiger Arbeit nicht mehr in der Lage ist".
"Am schwierigsten", sagt der Mainzer Pfarrer Osterle, "ist die Nacharbeit", denn: "Man kann einen Befreiten, der noch immer unter einer Art hypnotischem Zwang steht, nicht einfach nach Hause lassen." So werden allenthalben geschulte Freiwillige gesucht, die ehemalige Mönche, Mun-Engel und Gotteskinder in ihr Haus aufnehmen und in einer gemeinsamen Gruppenarbeit "deprogrammieren helfen" (Österle).
In einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen schlossen sich, finanziell unterstützt vom Erzbistum Köln, sechs ehemalige COGs zusammen, die in strenger Anonymität die Kolonie beobachten und die Fluchthilfe für Berg-Jünger vorbereiten und ausführen. Andere Gruppen mühen sich um die Insassen der Krischna-Klöster" wo Theologe Mildenberger neuerdings "eine äußerst starke Fluktuation" beobachtet hat.
Derlei Privathilfe, so klagen die Organisatoren der Münchner Elterninitiative, reiche freilich "bei weitem nicht aus". Initiativ-Vorsitzender Poschinger wie Theologe Haack verlangen vom Gesetzgeber "neue rechtliche Tatbestände für die religiöse Subkultur":
Wie in christlichen Klöstern, wo das Noviziat eine Umkehr vor dem endgültigen Eintritt in einen Orden ermöglicht, sollten auch die Sekten verpflichtet werden, Probezeiten mit ihren Interessenten zu vereinbaren.
Und wer den Heilskündern seine Habe vermache, schlägt Haack vor. müsse "die Schenkung ohne Verlust wieder rückgängig machen können", wenn es zu keiner Dauer-Mitgliedschaft kommt. Denn dem kommerziellen Aspekt kommt in Sachen Sekten eine viel größere Bedeutung zu, als die aufs Göttliche erpichten Sekten-Oberen glauben machen möchten.
Nicht nur das Mitgebrachte, auch die Arbeitskraft der Jünger wird von den Sekten völlig reklamiert. Im Mun-Trainingszentrum "Neumühle" mußte Gertrud Lange, wie sie berichtet, "von 7 bis 22 Uhr oder noch länger Geschirr spülen, Töpfe schleppen, Gemüse putzen" und -- nach einigen Tagen "eine Erklärung unterschreiben, daß ich ohne Entgelt für die Vereinigungskirche tätig sein wollte".
"Sechzehn Stunden am Tag ohne Geld" arbeitete Marie-Therese Pollentier, die acht Monate bei den Muns war. In einer Kerzenfabrik der Munisten im österreichischen Gföhl, wo "billige Arbeitskräfte" für 2500 Schilling (rund 350 Mark) im Monat beschäftigt wurden, wurde laut Gerichtsurteil das "Unverständnis junger, labiler Leute" ausgenutzt.
Die Gotteskinder wiederum sind nach MOs Worten "Gänse, die goldene Eier legen". "John", ein Amerikaner, und "Peace", eine Kanadierin, kassierten als Koloniehirten während der Sommermonate in Frankfurt abends ab, was die übrigen Mitglieder der Kommune tagsüber beim Verteilen ihrer Traktätchen gesammelt hatten. Erika Münster, die für COG auf die Straße ging: "Jeder mußte jeden Tag 100 Mark machen."
Bei Mun-Reverend Paul Werner, der als Alleinimporteur vom südhessischen Walldorf aus die als Allheilmittel gepriesene Ginseng-Wurzel (Stückpreis 42 Mark) vertreibt, geht "der gesamte Erlös" nach eigener Aussage "nur in die Bewegung". Neben der Import- und Exportfirma mit Verkaufsläden in Frankfurt und München unterhält Werner noch ein Ingenieurbüro und eine eigene Druckerei, in denen Flugblätter in Millionen-Auflage und die "Göttlichen Prinzipien" im Paperback entstehen.
Auch der Mun-Nachwuchs wird häufig gezwungen, Geld und Wertsachen aus dem Elternhaus mitzubringen. Die Haushälterin Gerlinde Moos aus Dachau, die vom Mädchenpensionat zur Mun-Sekte übergewechselt war, verlangte von ihrem Vater 10 000 Mark der gemeinsamen Ersparnisse. Weil die Eltern das Geld verweigerten, drohte Gerlinde in Briefen mit dem "Unheil, das Euch treffen wird, falls Ihr die Kassenbücher nicht rausrückt". Grete Lachner aus Kufstein in Tirol bat Pfarrer Osterle um Hilfe, weil Sohn Anton "allen seinen Verdienst der Sekte gibt".
Ein geradezu perfektes System des Geldeintreibens ("Samtkirtan") haben die Hare-Krischna-Jünger entwickelt, deren monatlicher Bettelerlös die Frankfurter Staatsanwaltschaft auf 200 000 Mark schätzt. Mit weinerlichen Bittbriefen ("Wenn Sie uns 50 Mark schicken, können wir 500 Kinder 5 Tage lang ernähren") und mittels interner Bettelanweisungen ("Das muß alles ganz enthusiastisch. fröhlich und glücklich klingen") stellen sich die kahlgeschorenen Mönche auf jeden Kundentyp ein.
Staatsanwalt Schomberg meint: "Die sind mit allen psychologischen Kniffen geschult." Eine umfangreiche Anklageschrift gegen 14 Führer der Krischna-Bewegung hat Schomberg jetzt fertiggestellt. Im nächsten Frühjahr wird vor einer Frankfurter Strafkammer der Prozeß gegen die Bettelmönche (Hauptangeklagter Hans Kary) wegen Bettelbetrugs, Kindesentziehung und Verstoßes gegen das Sammlungs- und das Waffengesetz beginnen. Von rund 2,4 Millionen Mark Einnahmen, die von Mai bis Dezember 1974 in den Gebetsbeuteln der Prabhus verschwanden, gingen nur "ganze 15 000" (Schomberg) nach Indien.
Auf Geschäftskonten in Königstein und Offenbach entdeckten die Frankfurter Ermittler allein 700 000 Mark. die als Festgeld angelegt immerhin schon 50 000 Mark Zinsen erbracht haben.
Ein dem SPIEGEL vorliegender "wöchentlicher Finanzreport" des Krischna-Tempels Köln weist aus, daß Mönch Akrura an einem Tag im Mai für 502,20 Mark, Mönch Visnuyasa für 430,73 Mark Schriften und Schallplatten an den Mann gebracht haben. Wochenumsatz der neunköpfigen Bettlergruppe: 9222,93 Mark. Pfarrer Hauth: "Die sahnen Hunderttausende ab. ohne es zu versteuern."
Lehrling Egon Schneider, der als "Krischna"-Buchhalter ein Jahr lang die "enormen Summen der fahrenden Sammeltrupps" zu registrieren hatte und in dem Frankfurter Prozeß als Zeuge aussagen soll, gab zu Protokoll: "Nicht eine einzige Mark wurde in dieser Zeit, wie behauptet, für hungernde Kinder in Indien verwendet. Es wurden vielmehr Bücher gedruckt, Reisen getätigt, Busse gekauft und wertvolle Geschenke an den Guru geschickt."
In " überladenen VW-Bussen", so schildert Schneider, "zogen wir von Dorf zu Dorf, von der Kleinstadt bis in die Großstadt, überall dorthin, wo den Menschen auf der Straße noch das Geld aus der Tasche zu ziehen war". Kirchenvertreter, Kripo-Ermittler und Eltern von Sekten-Jüngern hoffen, daß beim Frankfurter Krischna-Prozeß von einem bundesdeutschen Gericht "endlich einmal festgestellt wird, daß deren Sammelpraktiken Bettelbetrug sind" (Mildenberger).
Ein solches Urteil, hofft der Vorsitzende der Münchner Elterninitiative, werde auch den Verkaufserfolg all dieser Sekten schmälern. Poschinger: "Die Muns laufen mit Gewerbescheinen rum und bieten ihre Zeitung "Eine Welt" an, die normal eigentlich niemand kaufen würde." Deshalb, so beobachtete der Eltern-Sprecher. "verschenken die Leutchen ihre Blättchen und bitten dann um eine Spende für irgendeine obskure Jugendarbeit". --
Auf juristischen oder staatlichen Beistand konnte die im Oktober 1975 gegründete Elterninitiative in ihrem Kampf gegen den "Mißbrauch von sozialem Engagement und psychischen Schwierigkeiten junger Leute" bislang nur in Ausnahmefällen bauen. Die Volljährigkeit mit 18. die grundgesetzlieb garantierte Religionsfreiheit, die Vereinigungsfreiheit und die Gemeinnützigkeit gehören zum Kalkül der Sektenmanager.
Fast alle Ermittlungsverfahren. die Staatsanwälte nach Eltern-Anzeigen wegen Freiheitsberaubung. Betrugs oder Körperverletzung -- bislang einleiteten, wurden wieder eingestellt. "Wenn einer von den Sektierern ein Auto klaut", sagt der Wiesbadener Staatsanwalt Winfried Lorei, "dann haben wir Paragraphen dafür. Aber das andere ist nicht unser Bier."

DER SPIEGEL 45/1976
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