01.11.1976

NUMERUS CLAUSUSPlatz von der Schwester

Im Kampf gegen den Numerus clausus greifen immer mehr Studienbewerber zu fragwürdigen, manchmal auch zu kriminellen Mitteln, um sich einen Platz zu beschaffen.
Als sich letzte Woche ein Medizinstudent an der Universität Stuttgart-Hohenheim das Leben nahm, hätte Rechtsanwalt Alfred W. Breinersdorfer schon zwei Stunden nach dem Suizid drei neue Klienten haben können; der Auftrag: Beschaffung des frei gewordenen Studienplatzes.
Der Stuttgarter Advokat, früher Mitarbeiter der Tübinger Universitätsverwaltung, heute bekannt wegen einer Reihe erfolgreicher Verfahren in Sachen Numerus clausus, lehnte ab: "Ich bin gern bereit, jedes Kapazitätsloch aufzureißen, aber selbst in diesem schwierigen Geschäft sollte ein Rest von Pietät bleiben."
Bei der Jagd nach Studienplätzen werden freilich Pietät und Legalität oft außer acht gelassen. Beispiel: Bernd Müller*. 24, Sohn eines vermögenden Unternehmers, Abiturnote 3,0, wartete seit drei Jahren auf einen Studienplatz. Wie alle Mitbewerber bekam er mit seinen Ablehnungsbescheiden das Los, das er an eine Universität einschicken konnte, um eventuell über die jährliche Uni-Lotterie doch noch einen Platz zu ergattern. "Es hat mich ein paar hundert Mark gekostet", sagt er. "über Photo-Offset die Los-Abschnitte nachdrucken zu lassen."
Die Fälschung des Originalloses gelang perfekt. Bernd Müller konnte eins an jede westdeutsche Universität schicken. Seit dem Sommersemester studiert er sein Wunschfach.
"Ich nenne das "corriger la fortune"", sagt er selbstgefällig. "Eine Sauerei", nennt es der Anwalt Breinersdorfer. "daß so was möglich ist, wo 28 000 Bewerber für das Medizinstudium auf Wartelisten stehen und mit sechs bis sieben Jahren Wartezeit rechnen müssen" -- ein Notstand im bundesdeutschen Bildungssystem, das immer mehr Bewerber zur Selbsthilfe provoziert.
Doch wer Erfolg haben will, muß das System durchschauen. Etwa 70 Prozent der Studienplätze in Medizin zum Beispiel werden zu 60 Prozent an Bewerber mit den Mindest-Abiturnoten 1,6 vergeben, zu 40 Prozent an Bewerber auf den Wartelisten, für die aus der Wartezeit und der Abiturnote ein Listenplatz errechnet wird. 15 Prozent aller Erstsemesterplätze werden für Härtefälle freigehalten. Der schnellste Weg, bei unzureichenden Noten und langer Wartezeit dennoch anzukom-
* Die Namen wurden von der Redaktion geändert.
men, ist somit die Anerkennung als Härtefall.
Ernst Günther, 25, Sohn eines Arztes, Abiturjahrgang 1970 mit der Note 3,8, stand im Sommersemester 1975 auf Rang 4077. Mit Rang 988 wäre er noch zum Studium zugelassen worden. Ein Semester später hatte er sich auf Platz 4048 vorgeschoben. "Ich hätte bestimmt noch mindestens drei Jahre warten müssen". sagt Günther.
Er muß vermutlich nicht. Ein angesehener Psychiater bescheinigte ihm, daß der Studienbewerber psychisch erkrankt sei, weil er durch "eine starke Vaterfixierung unter dem Druck stehe, dem Vater in dessen Kernbereich, der Medizin", ebenbürtig zu werden. "Das Erfordernis der sofortigen Aufnahme" ins Medizinstudium sei "zu bejahen".
Ernst Gunther hat gute Aussichten, als Härtefall akzeptiert zu werden. Erfolg hatte bereits Wolfgang Walker, dem derselbe Psychiater nach einem Selbstmordversuch bestätigte, "eine Wiederholung sei nur auszuschließen, wenn er sein Medizinstudium anfangen könne".
Hans Meisenring wählte einen Weg, der auch schon nicht mehr ungewöhnlich ist. Während er sieh bewarb, ließ sich auch seine Schwester, die 1969 ein glänzendes Abitur gemacht hatte und heute als diplomierte Bibliothekarin arbeitet, bei der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen (ZVS) für das Medizinstudium registrieren. Der Zulassungscomputer wies sie schon bald in einen Studienplatz ein. Geschickt warteten die Geschwister bis Nachruck- und Losverfahren abgeschlossen waren. Dann sprang die Schwester ab, und der Bruder erwirkte beim Verwaltungsgericht eine einstweilige Anordnung auf Zuteilung des von ihm nachgewiesenen frei gewordenen Studienplatzes.
Die Dunkelziffer der sogenannten Studenten, die heute Studienplätze für andere blockieren, schätzt Breinersdorfer auf acht bis zehn Prozent aller Zugelassenen. Daß neulich in München ein junger Mann wegen Betrugs angeklagt wurde, weil er seinen Studienplatz "für das Mehrfache von 10 000 Mark" (so die Staatsanwaltschaft) verkaufen wollte, paßt ins Bild.
Die Blockade von Studienplätzen "trifft jedoch vor allem die wirklichen Härtefälle", kritisiert Breinersdorfer. So hatte einer seiner Mandanten, Arbeiterkind, zu achtzig Prozent körperbehindert und mit der Note 3,0 im Abitur, drei Jahre vergeblich gegen seine Ablehnungen durch die ZVS gestritten. Es sei ihm der Nachweis nicht gelungen, beschied die ZVS, (laß seine Krankheit die schulischen Leistungen negativ beeinflußt habe. Erst als er einen Anwalt nahm und der mit Lehrergutachten und Leistungsprofil-Analysen dem Verwaltungsgericht in Gelsenkirchen zusetzte. bekam er seinen Studienplatz.
"Da sind Leute", sagt Anwalt Breinersdorfer, "die sind voll ausgebildete erstklassige Krankenpfleger und geradezu prädestiniert, Ärzte zu werden", aber "weil sie im Abi über eine Drei nicht hinausgekommen sind, verwehrt ihnen die Computergerechtigkeit den Zugang zum Studium".
So komme es in den sogenannten Elitefächern automatisch zu einer schichtenspezifischen Auslese, denn "wer kann schon sechs Jahre warten, ehe er endlich weitere fünf Jahre studieren darf", sagt Breinersdorfer, "in aller Regel doch nur der, der ohnehin privilegiert ist".
Für die anderen sucht der Anwalt nach Lücken im verwirrenden Uni-System, durch einen ständigen Vergleich aller Hochschulstatistiken. Wo etwa die sogenannte Eingangskapazität erweitert wird, "ist zu fordern und zu erwarten, daß auch in den höheren Semestern mehr Raum ist" (Breinersdorf), denn laut dem Verwaltungsgerichtshof Baden-Württemberg habe sich die Eingangskapazität nach der geringsten Durchgangskapazität zu richten.
Seinen Mandanten rät er deshalb zum Studium eines NC-freien Faches wie Chemie, "um möglichst viele Scheine zu machen, die den Anforderungen im Bereich vor dem Physikum entsprechen". Zwar tragen die Bescheinigungen der Unis über Prüfungen, die laut Approbationsordnung für Ärzte auf das Studium für Medizin angerechnet werden, immer den Zusatz "ein Anspruch auf Zuteilung eines entsprechenden Studienplatzes in Humanmedizin kann ... nicht abgeleitet werden". Aber sobald irgendwo Studienplätze -- etwa durch eine vergrößerte Einstiegskapazität -- in höheren Semestern frei werden, klagt der Anwalt "per Quereinstieg ein".
Als beispielsweise der baden-württembergische Landesrechnungshof kürzlich der Universität Ulm nachwies. ihr Personalaufwand sei dreimal so hoch wie an anderen Hochschulen ("In Ulm sind weniger Studenten eingeschrieben als Personal"), und eine Verdoppelung der Studentenzahlen im medizinischen Erstsemester von 144 auf 288 die Folge war, klagte Anwalt Breinersdorfer sofort für 15 seiner Mandanten vor dem zuständigen Verwaltungsgericht in Sigmaringen auf sofortige Zulassung.
Widerstand kam freilich weniger von den Professoren, die mit Recht darauf verweisen können, Ulm sei als Forschungsuniversität konzipiert, als von bereits eingeschriebenen Studenten, die es für "eine Zumutung halten", wegen des Schichtbetriebs "auch mal bis neun Uhr abends im Labor arbeiten zu müssen", berichtet ein Ulmer Universitätsbeamter: "lm zweiten Semester argumentieren die schon wie der Hartmannbund."

DER SPIEGEL 45/1976
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