01.11.1976

So schön einfach

Immer wieder lösen Fehlentscheidungen im Fußball Zuschauer-Krawalle aus. Dabei könnten elektronische Schiedsrichter-Hilfen die Zahl der Fehlurteile erheblich vermindern.

Recht könnte künftig billig sein. Für 75 000 bis 100 000 Mark wird Gerechtigkeit in drei gläsernen Kabinen angeboten -- wenigstens im Fußball.

Zweieinhalb Jahre tüftelten die französischen Ingenieure und Fußballfans René Moreau und Michel Jolly an ihrem System: Den Schiedsrichter auf dem Feld degradierten sie zum Erfüllungsgehilfen. Die Entscheidungen treffen drei Unparteiische in drei Glaskabäuschen zwischen Spielfeld und Tribüne. Einer spielt den Sprecher.

Jeder der drei hat eine Art elektronisches Klavier vor sich. Drücken etwa im Falle eines Foulspiels mindestens zwei innerhalb von zwei Sekunden den Knopf für Foul und nennen übereinstimmend die Nummer des Übeltäters, verkündet der Oberschiedsrichter die Entscheidung über den Stadion-Lautsprecher.

"Wir haben enge Verbindungen zum Fußballklub Monaco", versicherte Miterfinder Jolly. "Und Prinz Rainier interessiert sich auch für das Modell." Aber das "System Moreau-Jolly" ist nur der neueste Vorschlag, die ständig wiederkehrenden Fehlentscheidungen von Schiedsrichtern auszuschalten.

* Schiedsrichter Meuser nach einem Bundesligaspiel in Köln

Tatsächlich nimmt sich der Fußball bei seiner Urteilsfindung, verglichen mit anderen Sportarten, unterentwickelt aus. In der Leichtathletik oder im Skirennen entscheiden Hundertstelsekunden. Sobald aber TV-Aufnahmen Fehlurteile eines Pfeifenmannes nachweisen, tun die Fußball-Funktionäre, als sei das Fernsehen noch nicht erfunden.

Das dritte englische Tor, das keines war, entschied die Weltmeisterschaft 1966. Weil der holländische Schiedsrichter Leonardus van der Kroft zwei einwandfreie Tore nicht anerkannte, wurde Borussia Mönchengladbach um den Sieg im Europacup-Viertelfinale gegen Real Madrid betrogen -- abgesehen von der entgangenen Millionen-Einnahme in der folgenden Runde.

Aber die Fußballregeln statten jeden Schiedsrichter mit dem Recht aus, unantastbare, sogenannte Tatsachen-Entscheidungen zu fällen. Er darf ein Spiel auch abbrechen oder um eine willkürliche Spanne verlängern.

"Die Unfehlbarkeit der Päpste scheint ihre Parallele bei den Fußballschiedsrichtern der Neuzeit gefunden zu haben", meinte Horst Seifart, mehrmals TV-Koordinator für das Olympia-Weltprogramm. "Dabei ist der elektronische Beweis durch das Fernsehen oft leicht." Eine Kamera hinter dem Tor könnte mit Hilfe eingeblendeter Striche Abseits-Stellungen von Spielern auf 20 Zentimeter genau nachweisen. Unsichtbare Lichtschranken im Tor, die nur auf einen Ball reagieren, sind technisch ebenfalls kein Problem. Auch Harry Valérien, Moderator im ZDF-Sportstudio, stellte eine Möglichkeit vor, gerechtere Urteile herbeizuführen: Zwei bis vier Kameras sollen Entscheidungs-Hilfen liefern. Die Bilder überwacht ein Oberschiedsrichter außerhalb des Feldes. Der Schiedsrichter auf dem Feld pfeift weiterhin; aber der Mann am Monitor entscheidet und verkündet sein Urteil durch Zeichen, etwa rotes Licht für einen Elfmeter.

"Technisch ist das sicher zu machen", gab Werner Treichel, der Schiedsrichter-Obmann im Deutschen Fußball-Bund (DFB), zu. Aber: "Es besteht die Gefahr, daß das Spiet zerrissen wird." Die notwendigen Unterbrechungen würden freilich kaum länger dauern als etwa Pausen bei wirklichen oder vorgetäuschten Verletzungen. Allerdings wurde das System wohl eine halbe Million Mark kosten.

Beim Olympia in Montreal übertrugen die Veranstalter Leichtathletik-Entscheidungen auf zwei riesige Anzeigetafeln. Unmittelbar nach dem Zieleinlauf konnten die Zuschauer den Endkampf in Zeitlupe beobachten. Aber die Anlage kostete mehr als sechs Millionen Mark.

Daß die preiswerteren TV-Kameras unbedingt zur Wahrheitsfindung dienen, glauben nicht alle Experten. Fußball-Spezialist Rudi Michel nannte die Nachteile von Kamera und Gummilinse gegenüber zwei menschlichen Augen: Sie können "Szenen nicht räumlich erfassen" und verzerren daher. Bilder von stationären Kameras dürften mithin aus der Entfernung "in der Frage Tor oder nicht keine dokumentarische Beweiskraft haben".

Auch für oder gegen das dritte Tor im WM-Finale 1966 erbrachte nicht das Fernsehen eindeutige Beweise; ein Photo zeigte den Ball in der umstrittenen Szene auf der Torlinie aufprallend. "Wenn wir 1966 in Wembley unser Urteil auf diese Weise gefällt hätten", kritisierte der Schweizer Schiedsrichter Gottfried Dienst TV-Hilfen, "säßen wir wahrscheinlich immer noch dort."

In den USA lehnten die Funktionäre TV-Kameras für den Profi-Football ab: Sie fürchten. jede Entscheidung könne später durch Bilder aus anderem Blickwinkel widerlegt werden. Dann würden die Trainer bald gegen jede Entscheidung vorbeugend protestieren. Unanfechtbare Unterlagen könnten allenfalls zwölf Kameras und ebenso viele Aufzeichnungsgeräte gewährleisten.

Dagegen lichten TV-Kameras allenthalben schon einwandfrei ab, mit welchen Tricks und Tücken Spieler gelegentlich ihre Gegner bekämpfen. besonders im Rücken des Schiedsrichters. Nichts spricht dagegen, derlei Beweise bei Verhandlungen vor den Fußball-Gerichten auch in der Bundesrepublik heranzuziehen, wie es in Großbritannien und Österreich schon geschieht.

Einen Versuch, der dazu führen sollte, bessere Entscheidungen ohne Verzögerung und ohne nennenswerten Aufwand herbeizuführen, bestrafte der DFB: Bundesliga-Trainer Erich Ribbeck vom 1. FC Kaiserslautern ließ ein Freundschaftsspiel gegen Borussia Neunkirchen 1975 von zwei Schiedsrichtern leiten, ein Verfahren, das sich im Eishockey und Handball längst bewährt hat.

"Ich betrachte das Experiment als geglückt", frohlockte Ribbeck. Der DFB dämpfte die Freude durch 300 Mark Geldstrafe. Dagegen glaubt Schiedsrichter Dienst: "Das Fußballspiel ist einfach zu schnell geworden, um von einem einzigen Mann immer bestmöglich geleitet zu werden."

Aber die Frage der Schiedsrichtergerechtigkeit hat auch eine wesentliche, psychologische Seite. Besonders in der Schlußphase leiden Urteile oft darunter, daß Unparteiische nach einem Laufpensum von 10 bis 15 Kilometern ausgepumpt und somit anfälliger für Fehl- und Vorurteile sind.

Gerade falsche Entscheidungen in der oft hektischen Schlußphase lösen die meisten Krawalle aus. Jüngst ließ Schiedsrichter Heinz Quindeau im Bundesligaspiel Eintracht Frankfurt gegen Hertha BSC nachspielen. Der Ausgleich zum 3:3 für Hertha fiel in der 92. Minute.

Die Zuschauer revoltieren meist dann, wenn ihre Heimmannschaft durch strittige Entscheidungen um den Erfolg gebracht wird. In Frankfurt bedrohten sie Schiedsrichter Quindeau und bepflasterten den Bus der Berliner Gäste mit Steinen. Meist jedoch begünstigen die Unparteiischen die Heimmannschaft -- vor allem im letzten, entscheidenden Drittel. wenn die verdrängte Angst vor einem womöglich feindseligen Publikum wächst.

Technische Nothilfe für Schiedsrichter würde zwangsläufig dazu führen, daß Gastmannschaften günstiger abschnitten. Die Folgen wären voraussehbar: noch häufiger Skandale und Ausschreitungen. Die Benachteiligung bei Auswärtsspielen dagegen gleicht sich auf lange Sicht für jede Mannschaft in den Heimspielen aus.

"Laßt doch unser Spiel so schön einfach. wie es ist", bat Bundestrainer Helmut Schön. Das wird es vorerst wohl bleiben, solange die Technik noch zu teuer kommt oder Zweifel läßt. Auch das französische Knopfdruck-Verfahren verschiebt das Problem nur.

Die Sicht der drei Männer in ihren durchsichtigen Kisten ist allemal ungünstiger als die eines Schiedsrichters im Feld und auf Ballhöhe. Wer die gel-

* Oben: Ott (r.) Nationaltorwart Nigbur; unten: Spieler Hadziabdie (Jugoslawien) vor Archundia (Mexiko) im WM-spiel Jugoslawien gegen Schottland 1974 in Frankfurt

be oder rote Karte verdient, können drei aus der Entfernung keinesfalls gerechter beurteilen als einer allein am Tatort, Zudem müssen sie vor jedem Urteil über Knopf oder Sprechanlage abstimmen.

"Wir wollen unser System bei einem Universitäts-Turnier ausprobieren", hofft Erfinder Jolly. "Und beim Internationalen Schiedsrichter-Kongreß im April 1977 in Monte Carlo steht es auf der Tagesordnung."

Das Experiment eines malaysischen Schiedsrichters hingegen wird nicht weiter verfolgt. Er ließ sich von einem Fahrer in einem Geländewagen stets auf Ballhöhe chauffieren. Ein Sprecher des Weltverbandes winkte jedoch ab: "Das war wohl mehr ein Jux."


DER SPIEGEL 45/1976
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