01.11.1976

DIRIGENTENBin untröstlich

Kräche in den Opernhäusern und Lobeshymnen der Kritiker begleiten seine Karriere: Der Dirigent Carlos Kleiber läßt die Musikwelt „aus den Fugen gehen“
Der Dirigent klatschte dem Solisten zu, beide verneigten sich Hand in Hand vor dem rasenden Publikum: Nach ihrer Darbietung von Beethovens fünftem Klavierkonzert waren der Pianostar Arturo Benedetti Michelangeli und der Pultvirtuose Carlos Kleiber ein Herz und eine Seele.
Als indes das "musikalische Gipfeltreffen" ("Süddeutsche Zeitung") für die Schallplatte wiederholt werden sollte, war die Harmonie flöten: Mimose Michelangeli kam mit Kleiber nicht zurecht, Mimose Kleiber überwarf sich mit dem Klavierspieler, packte wortlos seine Sachen und reiste ab -- die Aufnahme platzte.
Echt Kleiber: Absagen, Kräche und Skandale sind die schrille Begleitmusik seiner außergewöhnlichen Karriere. Carlos Kleiber, 46, Sohn des berühmten Dirigenten Erich Kleiber (1890 bis 1956), gilt als widerborstigster, aber auch aufregendster Stabführer in Europas mittlerer Generation.
Bis er kommt, zittern die Veranstalter. Wenn er kommt, zittern die Musiker. Aber "wenn er dirigiert", schwärmte die "Welt", "ist alles verziehen": Dann "scheint die Welt aus den Fugen zu gehen" ("Stuttgarter Zeitung"), kommt "ein vulkanisches Element ans Opernpult, wie es vielleicht seit Gustav Mahler und dem jungen Klemperer nicht mehr da war" ("SZ"). Münchens "Abendzeitung": "Was ist der Mann für ein Ereignis!"
Das Ereignis findet allerdings selten statt. Umworben wie Karajan, empfindlich wie die Callas, herrisch wie einst Toscanini, hat sich Kleiber bislang nirgends recht festgemacht. Er verschmähte den Posten des Stuttgarter Opernchefs, stellte sich taub, als die Bayerische Staatsoper einen musikalischen Leiter suchte, und ließ sich von den Wiener Philharmonikern nicht einmal für die TV-populären "Neujahrskonzerte" verpflichten. Kleiber zu hören ist -- selbst in München, seinem Domizil -- Glückssache.
Spärlicher noch als Kleiber-Auftritte sind Kleiber-Platten -- bislang zwei. In diesem Herbst nun hat die Deutsche Grammophon Gesellschaft zwei spektakuläre Neuaufnahmen vorgelegt: Beethovens (scheinbar totgespielte) Siebte Symphonie und eine komplette, delikate "Fledermaus" -- Platten des Jahres.
Notenstrenge, Orchesterdrill und autoritäres Gehabe -- Kleibers unveränderliche Kennzeichen -- hat der erfolgreiche Außenseiter vom Vater geerbt. Dabei wollte Erich Kleiber, der 1935 vor den Nazis hatte emigrieren müssen, seinen Sohn zunächst gar nicht kapellmeistern lassen. Carlos mußte Chemie studieren und durfte nur nebenbei Partituren einsehen.
Erst dem 23jährigen gestattete Vater Kleiber, am Münchner Gärtnerplatztheater zu volontieren. Über Düsseldorf und Zürich arbeitete sich Carlos nach Stuttgart hoch. Hier, an den Württembergischen Staatstheatern, wurde der 36jährige sofort Liebkind und Enfant terrible.
Noch vor seinem offiziellen Amtsantritt verkrachte er sich über einer "Wozzeck"-Aufführung mit Regisseur Günther Rennert und etlichen Solisten. Als die Stuttgarter die Neutöner-Oper in Edinburgh ein zweites Mal aufführen wollten, sagte der Dirigent eine von der BBC zur Übertragung vorgesehene Darbietung kürzestfristig wegen "heftiger Magenschmerzen" ab.
Ein Bauchweh mit Folgen: Der Deutsche Bühnenverein stellte ein Zeugnis aus, zwei Ärzte gaben einander widersprechende Gutachten ab, ein Teil des Ensembles boykottierte den Maestro, der Stuttgarter Landtag palaverte über die Affäre.
1971 mußte das Stuttgarter Haus nach Auseinandersetzungen mit Kleiber Regisseur und Titelheldin einer "Elektra"-Aufführung austauschen. 1973 versetzte der Dirigent die Hamburgische Staatsoper bei einem Gala"Falstaff", 1974 ließ er sie auf einem "Rosenkavalier" sitzen. Kleiber ("bin untröstlich") fühlte sich durch einen "fiebrigen Infekt" indisponiert, Operndirektor Mares durch Kleibers Gagenforderung einem "Erpressungsversuch" ausgesetzt.
Wirbel auch in Bayreuth. So verbot Kleiber im Sommer letzten Jahres trotz vertraglicher Bindung die Radio-Übertragung eines von ihm geleiteten "Tristan". Sender in aller Welt begnügten sich daraufhin mit einem neun Jahre alten Ersatz-Mitschnitt unter Böhm.
Solche Extratouren haben allerdings Methode. Kleiber will immer probieren, bis alles sitzt, immer nur dirigieren, wo ihm Werke und Künstler passen. Mit jeder seiner ausgefeilten, aber nie sterilen Aufführungen spielt er gegen Rummel, Streß und Schlendrian des faden Opernalltags an. Der Mann macht lohnenden Ärger.
Eigentlich sollte er auch am vergangenen Donnerstag die "Wozzeck"-Premiere in der Deutschen Oper Berlin leiten, sagte aber schon vor vier Wochen wegen Krankheit ab. Nun ist er für Anfang Dezember, zur Eröffnung der Wintersaison, in der Mailänder Scala angekündigt -- ob er wohl kommt?

DER SPIEGEL 45/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 45/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

DIRIGENTEN:
Bin untröstlich

Video 02:58

Theresa Mays erbitterter Gegner Charmant, höflich, ganz schön rechts

  • Video "Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt" Video 01:04
    Schiffskollision vor Borkum: Frachter verkeilen sich - und werden getrennt
  • Video "Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)" Video 00:42
    Kommunikation zwischen Koalas: So laut wie ein Elefant (Bitte Ton anschalten!)
  • Video "Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit La Bestia" Video 12:04
    Flucht durch Amerika: Volles Risiko mit "La Bestia"
  • Video "Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste" Video 00:45
    Chaos in Sri Lankas Parlament: Sie warfen mit Stühlen und Chilipaste
  • Video "Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: Feuerwalze vor Neuseeland gefilmt" Video 01:33
    Rätselhaftes Unterwasser-Wesen: "Feuerwalze" vor Neuseeland gefilmt
  • Video "Lindnern, Lauch, Verbuggt: Sprechen Sie Jugend?" Video 01:29
    "Lindnern", "Lauch", "Verbuggt": Sprechen Sie Jugend?
  • Video "Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm" Video 01:29
    Amateurvideos aus New York: Verkehrschaos durch Schneesturm
  • Video "Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße" Video 00:38
    Überwachungsvideo: Zug kreuzt Straße
  • Video "Kampf um CDU-Vorsitz: Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise" Video 04:57
    Kampf um CDU-Vorsitz: "Mir hat Herr Spahn gefallen - erstaunlicherweise"
  • Video "Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb" Video 01:02
    Panoramavideo aus Kalifornien: Was vom Feuer übrig blieb
  • Video "Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten" Video 01:13
    Kontrollierte Detonationen: Südkorea sprengt Grenzposten
  • Video "Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen" Video 12:36
    Revolution in der Medizin: Die Mensch-Maschinen
  • Video "Phantasy-Epos Phantastische Tierwesen 2: Wer stoppt Grindelwald?" Video 01:47
    Phantasy-Epos "Phantastische Tierwesen 2": Wer stoppt Grindelwald?
  • Video "Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere Halos" Video 00:43
    Seltenes Lichtphänomen: Amateurfilmerin sichtet mehrere "Halos"
  • Video "Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt" Video 00:54
    Nach Kritik der First Lady: Trumps Vize-Sicherheitsberaterin abgesetzt
  • Video "Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts" Video 02:58
    Theresa Mays erbitterter Gegner: Charmant, höflich, ganz schön rechts