18.10.1976

China nach Mao: Kampf ums Überleben

Nur vier Wochen nach Maos Tod brach unter seinen Erben der Machtkampf aus. In einer dramatischen Palastrevolte unterlagen in China die von Frau Mao angeführten Partei-Linken gegen eine Koalition des Premiers Hua Kuo-feng mit den Militärs, den Garanten für eine Restauration im Reich. Signal für einen Bürgerkrieg?

Pekings Paradeplatz am Tor des Himmlischen Friedens blieb an diesem Abend menschenleer: Kein Massen-Umzug, kein Volksfest, kein Feuerwerk wie sonst am Vorabend zum 1. Oktober, dem chinesischen Staatsgründungstag.

Alljährlich hatten die Massen am "Tienanmen" genannten Platz gefeiert, daß Vorsitzender Mao persönlich vor nun 27 Jahren an dieser Stelle zum Zeichen des neuen China die rote Nationalfahne mit den fünf Sternen hißte.

Diesmal trafen sich, kurz nach Maos Tod, nur seine engsten Kampfgefährten: Partei- und Staatsführer aus den höchsten Stockwerken der chinesischen Machtpagode, zusammen mit 400 auserwählten Vertretern des Volkes. Im Turm am Tienanmen gedachten sie des großen Steuermannes.

"Wir müssen Trauer in Kraft verwandeln", schworen sie und gelobten, "sich zusammenzuschließen und nicht zu spalten, offen und ehrlich zu sein, nicht zu intrigieren und sich nicht zu verschwören".

Eine Woche später brachen sie den feierlichen Eid. In einem Machtkampf wie nie zuvor war Pekings Führung gespalten. Für Maos Erben ging es -- wenn sich die Indizien bestätigen -- ums nackte Überleben.

Was in Peking geschah, war halb Staatsstreich, halb Palastrevolution. Wie von Mao vorausgesagt, aber früher als von aller Welt erwartet, stürzten sich die Hinterbliebenen in ein Abenteuer und zerstörten das von Mao nach der Kulturrevolution mühsam ausbalancierte Machtgefüge der chinesischen Führung.

"Die derzeitige politische Krise ist zweifellos die schwerste, die das chinesische Regime seit seiner Gründung im Jahr 1949 erlebte", wertete die Pariser Zeitung "Le Monde" die noch immer zwielichtige Lage in Peking.

Die Nachfolge in kommunistisch regierten Staaten vollzieht sich weit dramatischer und gefährlicher als in der bürgerlichen Welt -- und zunehmend schneller:

Nach Lenins Tod brauchte Stalin vier Jahre, bis er stark genug war, seinen Gegenspieler Trotzki aus Rußland auszuweisen.

Nach Stalins Tod dauerte es vier Monate, bis Chruschtschow seinen Widerpart, den Sicherheitschef Berija, verhaften ließ.

Nach Maos Tod genügten genau vier Wochen, bis Premier Hua seine Gegner, angeführt von der Mao-Witwe Tschiang Isching, ausgeschaltet hatte.

Was sich in den entscheidenden Tagen seit dem nächtlichen Schwur der Pekinger Führung in China abspielte. läßt sich nur durch Indizien und Bruchstücke von Zeugenaussagen rekonstruieren. Nach altem Parteibrauch wurden die sensationellen Veränderungen bisher weder bestätigt noch kommentiert, auch nicht dementiert -- und das ist nach kommunistischer Praxis schon fast ein Geständnis.

Aus den unter solchen Bedingungen überprüfbaren Fakten ergibt sich ein brisanter Ablauf des Erbfolgekriegs:

Donnerstag, 7. Oktober: Kurz vor Beendigung der einmonatigen Staatstrauer nach Maos Sterbetag, dem 9. September, trifft sich in Peking das Politbüro -- das oberste Machtgremium der Partei. Von den 21 vor drei Jahren gewählten Mitgliedern sind inzwischen fünf verstorben, eins ist abgeschoben.

Von den verbliebenen 15 Genossen sind

* sechs erklärte Radikale oder "Linke", die sich zur puristischen Linie der Mao-Witwe Tschiang Tsching bekennen;

* ein Vertreter des einfachen Volkes -- ein ehemaliger Bauer -, der sich bisher stets auf die Seite der Radikalen schlug, weil er denen seinen Aufstieg verdankt;

* drei hohe Militärs -- der Politruk und der Kommandeur des Wehrbezirks Kanton und der Kommandeur des Wehrbezirks Peking;

* fünf Gemäßigte -- Premier Hua Kuo-feng, Verteidigungsminister Jeh Tschien-jing, Finanzexperte Li Hsien-nien, Pekings Bürgermeister und ein Parteifunktionär, der als Politruk der Pekinger Garnison fungiert.

Um das numerische Gleichgewicht in der über politische Grundsatzfragen seit langem zerstrittenen Führung zu wahren, macht Premier Hua einen Kompromißvorschlag:

Er selbst will die Führung der Partei übernehmen, dafür sollen aus der Gruppe der Radikalen der Chef-Politruk Tschang Tschun-tschiao Premier werden und -- neben dem schon von Mao ernannten amtierenden Partei-Vizevorsitzenden Wang Hung-wen -- noch zwei weitere Radikale, darunter die Mao-Witwe, in den neunköpfigen Ständigen Ausschuß des Politbüros aufsteigen, die eigentliche Exekutive der Macht.

Aber den Radikalen reicht das Angebot nicht aus: sie wollen die ganze Macht. Sie fordern mindestens drei der fünf Stellvertreter-Posten, das Amt des Premiers und vor allem den Parteivorsitz. Dabei berufen sie sich auf ein angebliches Testament Maos. Als Hua hart bleibt, drohen sie, ihn, ähnlich wie den im April gestürzten Vorgänger Teng Hsiao-ping, mit einer Massenkampagne aus dem Amt zu jagen.

Der auf eine Machtprobe vorbereitete Hua ruft seine Leibwächter und will die Putschisten unter Arrest stellen lassen. Es kommt zu einem Handgemenge mit den angeblich gleichfalls bewaffneten Radikalen: Schüsse fallen. Nach widersprüchlichen Meldungen werden dabei ein bis zwei Putschisten getötet, die Mao-Witwe Tschiang Tsching wird abgeführt.

Freitag, 8. Oktober: Premier Hua läßt die Veränderung an der Spitze durch völlig harmlos klingende Pressemeldungen der chinesischen Öffentlichkeit mitteilen. Der Leichnam des großen Mao soll -- wie der von Lenin und von Ho Tschi-minh -- einbalsamiert und in einem Kristallsarg öffentlich aufgebahrt werden.

Unscheinbarer, aber gewichtiger ist die zweite Meldung: Das ZK der KPCh hat beschlossen, die "Ausgewählten Schriften" und das Gesamt-Werk Maos in zwei Buchreihen zu veröffentlichen. "Die Aufgabe wird direkt der Führung des Politbüros unterstellt, mit Genossen Hua Kuo-feng an der Spitze", steht in der Pekinger Volkszeitung, "unter seiner Aufsicht wird der Ausschuß für die Bearbeitung ... verantwortlich sein."

Was in West-Ländern höchstens Experten und Buchhändler interessieren würde, ist im auf Mao-Schriften geeichten China ein ungemein wichtiges Signal: Hua, nicht Maos Witwe, hatte also das Monopol für die gültige Ausdeutung und Wertung der Mao-Hinterlassenschaft an sich gerissen.

Für Chinesen ein untrügliches Signal: Wer das unwidersprochen kann, muß auch der Nachfolger Maos sein.

Denn jahrelang hatte Tschiang Tsching das Monopol, die Worte ihres Ehemannes weiterzugeben und zu interpretieren. Als er, halb gelähmt, sich fast nur noch mit Zeichen und einzelnen Vokabeln im Hunan-Dialekt verständlich machen konnte, bemühten sich drei junge Chinesinnen, von seinen Lippen abzulesen: die in den USA aufgewachsene Nancy Tang, Maos Nichte Wang Hai-jung und die Ehefrau des Außenministers Tschiao.

Im März setzte Frau Mao durch, daß die drei Damen nicht mehr dolmetschen durften -- nur noch sie selbst. Damit konnte sie über Maos letzte Willensäußerungen verfügen -- wichtige Voraussetzung, sich als Erbin des Großen Vorsitzenden zu legitimieren.

Sonnabend, 9. Oktober: Erstmals wird Premier Hua als "Vorsitzender der Militärkommission vorgestellt, insbesondere aber als "Vorsitzender des Zentralkomitees" -- und das heißt nach chinesischer Nomenklatur: Hua ist Parteichef. Das zu einer solchen Nominierung einzig befugte Zentralkomitee jedoch hat gar nicht getagt.

Und -- wichtig noch -- die folgenschwere Mitteilung lief nicht über die Massenmedien, sondern erschien auf einigen wenigen Wandzeitungen. Unter Pekings Diplomaten beginnt das große Rätseln: War dies eine Provokation oder schon der Staatsstreich?

Sonntag, 10. Oktober: Auch die Sonntags-Kommentare, gewöhnlich Gradmesser für die gültige Politik, sind nicht sehr genau. Immerhin:

Der in allen Zeitungen und Radio-Stationen gleichlautend wiedergegebene Satz: "Wir müssen uns jetzt sehr eng um das vom Genosse Hua geleitete

Von rechts nach links: Tschiang Taching. Jeh Tschien-jing. Wang Hung-wen (dahinter: L. Hsiennien), Hua Kuo-feng <dahinter: tachang tschuntschiao).

zentralkomitee scharen" ist eine vage bestätigung für die situation.

selbst das schicksal der radikalen wird angedeutet: "jeder, der das marxistisch-leninistisch-maoistische gedankengut verrät und die weisungen des vorsitzenden mao verfälscht, und jeder, der revisionismus und schisma verübt und konspirativ tätig wird, muß scheitern", erfahren die chinesen.

montag, 11. oktober: in pekings straßen werden neue wandzeitungen geklebt. die bevölkerung wird darin aufgefordert, nachhaltig die armee zu unterstützen. erstmals werden auch botschaften und ausländische organisationen über den putsch-versuch vom donnerstag informiert -- durch mitteilungen ihres eigenen hauspersonals, nahezu ausschließlich von der partei ausgesuchte vertrauensleute. rückfragen der ausländer beim außenministerium bleiben jedoch ohne erfolg: "kein kommentar" ist der kommentar, aber es gibt auch kein dementi.

in schanghai, wo die radikalen ihre hausmacht haben, erscheint eine wandzeitung mit abweichendem text: "die dokumente vom zentralkomitee sind noch nicht veröffentlicht -- warum nicht?" unterschrieben ist das plakat von den "revolutionären massen einer dränage-kooperative". nach wenigen stunden wird es abgerissen.

aus der umgebung der pekinger universitäten peita und tsinghua' beides hochburgen der radikalen, wird verstärkte polizei-präsenz gemeldet. durch pekings straßen fahren mehr armee-laster als gewöhnlich, die aufsitzenden soldaten jedoch sind unbewaffnet.

am gleichen tag trifft in peking ein ausländischer staatsgast ein: michael somare, regierungschef des seit einem jahr selbständigen staates papua-neuguinea. auf dem flugplatz empfangen ihn nach dem in china besonders aufschlußreichen protokoll die zur zeit ranghöchsten männer: hua und der vize-premier li hsien-nien, ein in der kulturrevolution gemaßregelter, später rehabilitierter vertrauter von tschou en-lai.

ein zeichen für pekings nummer zwei.

statt sich um seinen gast zu kümmern, läßt li sich das auf dem flugplatz versammelte diplomatische korps vorstellen: ein zeichen für die neue nummer zwei in peking?

dem braunhäutigen papua-häuptlingssohn und herrscher über ein völkchen von zweieinhalb millionen wird in den folgenden tagen ein ungewöhnliches interesse zuteil: ausgiebig, wie vorher nur beim nixon-besuch 1972, begleitet ihn das chinesische fernsehen -- offenbar, um dabei hua und li pausenlos den chinesen vorzuzeigen.

mittwoch, 13. oktober: in den pekinger geschäften und bei der offiziellen agentur "hsinhua" werden keine bilder mehr von der mao-witwe und den mit ihr verbündeten putschisten verkauft. Überall im lande finden versammlungen statt, auf denen die partei-kader das volk "über die neue lage" informieren.

radio peking schildert eine auseinandersetzung aus dem jahr 1935, in der sich mao im politbüro gegen den spaltungsversuch eines später aus der partei gefeuerten spitzengenossen durchsetzen muß und zum parteichef gewählt wird -- mit hilfe der offiziere.

schon seit wochenende umlaufende gerüchte über weitere verhaftungen von 30 bis 40 linken spitzenfunktionären scheinen sich zu bestätigen: der chef von maos leibwache und mitglied des politbüros, der kulturminister (ein opernkomponist), ein neffe maos, vorsitzender eines revolutions-komitees in der provinz sowie eine reihe von pekinger top-journalisten melden sich nicht mehr.

donnerstag, 14. oktober: erstmals wird offiziell mitgeteilt, daß das zk zum wochenende nach peking einberufen ist, "um die veränderungen zu bestätigen" -- ein krasser verstoß gegen das parteistatut, das bei ernennungen den umgekehrten weg verlangt.

freitag, 15. oktober: neue wand-zeitungen in peking und in wuhan stellen die vier radikalen als "verschwörer" und "staatsfeinde" vor, die den neuen parteichef hua ermorden wollten. ein putsch von ihnen sei schon zu lebzeiten maos geplant und nur durch den pekinger wehrkreis-chef verhindert worden.

jetzt besteht auch für die mehrheit der 853 millionen chinesen, und für die mehrheit der 30 millionen parteimitglieder kein zweifel mehr: in peking ist wichtiges entschieden.

doch das volk scheint auf den jähen sturz der spitzen-nummern zwei, vier, fünf und sechs in der rund 40 namen umfassenden höchsten parteihierarchie mit gleichmut, zumindest mit disziplin zu reagieren. nur wenig spricht dafür, daß die entscheidungen noch umkehrbar sind.

damit hat in der pekinger führung eine gruppe von reinen machern gesiegt, die china -- sicher nicht von heute auf morgen -- auf die linie des pragmatischen staatsverwesers tschou en-lai, wenn nicht gar auf den kurs der gestürzten partei-mandarine liu schao-tschi und teng hsiao-ping zurückdriften wollen.

dem mao-auftrag, diesem schier endlos langen marsch -- geprägt durch kampf, widerspruch und entsagungen -- zu einem kommunismus "aus eigener kraft", dem glauben an ein rotes utopia als vorgedachte wirklichkeit waren zweifellos eher die gescheiterten radikalen verpflichtet. sind sie für immer gescheitert?

die fraktion der linksradikalen heißt die "schanghai-gruppe", weil von dieser stadt aus der 1965 bereits von der führung isolierte mao den sturm der kulturrevolution entfachte. mit dem auftrag an die roten garden:,, rombardiert die partei-hauptquartiere" gewann er seine autorität zurück.

die engsten vertrauten, die mao damals halfen, seinen eigenen staatsapparat und die partei zu zerschlagen, war jene clique von linkslastigen intellektuellen, die neben wachem verstand und scharfer zunge die für chinesische funktionäre selten gewordene fähigkeit besaßen, sich auch bauern, dockern und fabrikarbeitern verständlich zu machen und sich mit ihnen zu solidarisieren.

schanghai ist mit 15 millionen einwohnern die größte stadt der welt und chinas geistiges zentrum. seine bewohner gelten als weltoffen, gebildet und revolutionär -- fielen schon immer der verachtung aller provinzler chinas anheim. nur in schanghai konnten die kommunisten sich auf proletarier stützen -- andernorts führten sie bauernbewegungen an.

schanghai gab sich mit maos nahziel, der rückeroberung der macht, nicht zufrieden. schanghaier rotgardisten riefen die neue gesellschaft aus und propagierten den "neuen menschen". die "schanghaier kommune", nach dem pariser vorbild von 1871 geschaffen, war das experiment eines bürokratiefreien politischen Überbaus.

im sommer 1967 waren spiegel-redakteure dabei, als auf einer massenkundgebung die wichtigsten funktionäre für die stadtversorgung durch zuruf und öffentliches stimm- und vorschlagsrecht gewählt wurden.

schanghai, nicht nur hafen, sondern auch das größte industriezentrum chinas. versuchte damals zum beispiel neue, von importen und ausländischem know-how unabhängige produktions-methoden einzuführen. mit schrott und ersatzteilen entwickelten arbeiter "aus eigener kraft" eine auto-produktion (täglich zwei wagen), und von der zu kleinen djiangnan-werft liefen chinas erste 10 000-tonnenschiffe vom stapel -- aus vorgefertigten teilen zusammengeschweißt.

an die schanghaier universität gingen die ersten echten arbeiterstudenten; als lehrer waren -- erstmals in china -- bauern und facharbeiter bestellt.

eine partei, die in einem solchen sozialen umfeld wirkte, hatte auch nach der gewaltsam beendeten kulturrevolution andere ambitionen, als den staats- und parteiapparat zu restaurieren. der konflikt mit den partei-rech-

· * mit dem staatsgast michael somare, premier von papua-neuguinea

ten vom schlage eines teng hsiaoping, aber auch mit den gemäßigten, die sich um ruhe und konsolidierung im lande sorgten, war vorprogrammiert,

mit ihren dauerparolen: "rebellion ist gerechtfertigt" und "gegen den strom schwimmen" konnte sich die schanghaier führung durch maos unterstützung auch dann durchsetzen, wenn sie mitten in chinas produktionsschlacht die defätistische losung ausgab: "produziert nicht, wenn es für den falschen politischen kurs ist."

den nach ihrer meinung richtigen kurs bestimmten drei schanghaier genossen, vertraute der mao-ehefrau tschiang tsching.

* wang hung-wen, 44, der es in der kulturrevolution vom textilarbeiter zum mao-stellvertreter gebracht hatte und als letztes öffentliches auftreten die trauerfeier für sein verstorbenes idol leiten durfte. > Tschang Tschun-tschiao, 61, Journalist und lokaler Propagandaleiter der Partei. Er war der Gründer der Schanghaier Volkskommune und zuletzt Mitglied im Ständigen Ausschuß des Politbüros sowie Chef-Politkommissar der Armee.

* Jao Wen-jüan. 45, Schriftsteller Lind Kritiker, der 1965 in der Literatur-Zeitung ein Theaterstück des Pekinger Vize-Bürgermeisters ("Hai Jui wird entlassen") als versteckten Angriff auf Mao entlarvte -- die Rezension war das Startsignal für die Kulturrevolution.

Das clevere Schanghai-Quartett unterschätzte Bauernsohn Hua.

Die Schwiegermutter des Literaten, der zum Chefideologen der Partei aufstieg, ist Maos Witwe Tschiang Tsching, 63, die in den dreißiger Jahren in Schanghai ihre Karriere als Filmsternchen begonnen hatte, in Jenan Maos Wohlgefallen erregt hatte und ihn heiratete -- gegen den Willen der Partei-Veteranen.

Sie war es, die Chinas Kultur hatte revolutionieren wollen -- bis das Reich in die "Anarchie" (Mao) steuerte. Vieles von dem aggressiven Konzept, China wortwörtlich nach den mitunter mehrdeutigen Weisungen des großen Mao aufzubauen, scheiterte oder erwies sich zumindest als verfrüht. Auch steckte in der pausenlosen Mobilisierung der Massen ein Stück Totalitarismus, in dem Verzicht auf materielle Anreize in der Produktion und dem Vorrang ideologischer Bekenntnisse vor fachlicher Leistung viel Menschenverachtung.

So verloren die Kommunarden von Schanghai den Rückhalt auch bei jenen, für die sie vorgaben zu kämpfen: Sowohl die Bauern, denen sie den Privat-Verkauf untersagt hatten, als auch die Industriearbeiter, die sie um Prämien und höhere Löhne brachten, reagierten mit passivem Widerstand.

Ihren Anhang fand die politisch einflußreiche, aber ohne Massenbasis schwache Schanghai-Gruppe schließlich -- außer bei Mao -- vor allem bei den Schülern, Studenten und Journalisten: Die Linken beherrschten Chinas Massenmedien; zum Parteiapparat und zum Offizierkorps jedoch bekamen sie kaum Kontakt.

Gleichwohl wäre der Griff der Schanghaier nach der Macht fast gelungen. Im Kreis der Partei-Mächtigen, selbst der erklärten Gegner der Radikalen, wog der vertraute Umgang mit dem großen Mao schwer. Nur so ist zu verstehen, warum es Tschiang und ihren Genossen so leichtfiel, den von Tschou En-lai eingesetzten Teng Anfang dieses Jahres wieder zu stürzen.

Aber die Ungeduld, mit der die Mao-Witwe auch den nur als Kompromiß-Kandidaten gekürten Hua austricksen wollte, ließ sie vermutlich scheitern. Das clevere Schanghai-Quartett hatte den Bauernsohn Hua unterschätzt.

In den letzten Monaten der Mao-Ära war Tschiang Tsching nach Krankenbesuchen beim Großen Steuermann, mit Weisungen von ihm, die außer ihr keiner kannte, vor die Genossen getreten. Nun, da der Führer tot war, entwarf die Schanghai-Gruppe sogar ein Testament. Hua entlarvte es als Fälschung.

Wenige Tage vor dem Zusammenstoß soll Tschiang Tsching heftige Kämpfe mit den "antirevolutionären Elementen" prophezeit haben: einen Bürgerkrieg "innerhalb von zwei bis zehn Jahren".

Der neuen Kulturrevolution -- und der damit verbundenen neuen Anarchie -- wollte Hua zuvorkommen. Er schloß ein Bündnis mit den konservativen Militärs. Denn für eine Abrechnung mit der Partei-Linken reichten Huas Staatssicherheits-Verfügungstruppen nicht aus. Hua mußte damit rechnen, daß die Schanghai-Radikalen außer der Palastgarde von 35 000 Mann womöglich noch Hunderttausende Kämpfer der Volksmiliz hinter sich hatten.

Mit den Spitzen der Volksbefreiungsarmee (VBA) hatte Hua monatelang den Schlag vorbereitet. Den ganzen Sommer über traf sich die "Militärkommission beim ZK", das oberste Führungsorgan der Armee, zu Sondersitzungen, auf denen die Generäle mögliche Konsequenzen des bevorstehenden Mao-Todes berieten.

Hua wurde hinzugezogen und insgeheim ein Handel vereinbart: Mehr Macht für die Hua-Gruppe gegen mehr Geld für die Rüstung.

Den Linken war es nie gelungen, das Offizierskorps und die zum Gehorsam erzogenen Mannschaften für sich zu gewinnen. In den Augen der alten Haudegen waren die jungen Propagandisten von links nur Emporkömmlinge, die am Langen Marsch 1934/35 nicht teilgenommen hatten, den von ihnen verherrlichten Partisanenkrieg nicht kannten -- und die zum Aufbau der Volksrepublik nichts beigetragen hatten.

Die Schanghai-Gruppe jedoch wollte die Macht der Militärs beschneiden, wo sie nur konnte. Senkrechtstarter Wang Hung-wen forderte einmal öffentlich eine "Verjüngung der militärischen Führung" und bewarb sich -- glücklos -- um das Amt eines Chef-Politruk.

Wang mußte spätestens gewarnt sein, als die Militärkommission gleichberechtigt mit Partei, Parlament und Regierung die Bekanntmachung vom Ableben Mao Tse-tungs unterzeichnete. Neuer Vorsitzender der Militärkommission und damit Oberster Befehlshaber -- so wurde vorige Woche bekannt -- ist Hua Kuo-feng.

Noch nicht entschieden scheint zu sein, ob Hua die Armee oder die Armee Hua kontrolliert. "Unser Prinzip lautet: Die Partei kommandiert die Ge, wehre, und niemals darf zugelassen werden, daß die Gewehre die Partei kommandieren", hatte Hua-Vorgänger Mao 1938 gelehrt. Doch Mao hatte oft genug die Umkehrung dieses Prinzips zugelassen; er kam einst auf Beschluß der Militärs an die Parteispitze.

Während einer Marschpause bei der langen Rückzugsbewegung der roten Krieger durch China waren die Kommandeure zusammengetreten und hatten den Dauerstreit um die politische Führung beendet: Sie wählten -- woran jetzt Radio Peking erinnerte -- Mao zum "Vorsitzenden". Er blieb es bis zu seinem Tod.

"Die Armee ist ein Instrument für die' politische Schlacht."

Nachdem die Militärs 1949 die Kommunistische Partei in China an die Macht gebracht hatten, regierten sie selbst erst einmal -- als Minister und Provinz-Gouverneure -- das Land. Erst nach fünf Jahren gaben sie ihre Posten an Zivilisten ab.

Die zehn wichtigsten Generäle erhielten dafür 1955 den Rang eines Marschalls (Monatsgehalt: 1440 bis 1600 Mark*). Bei der ganzen Truppe wurden auf Verlangen der Militärs Rangabzeichen eingeführt. Die Offiziere, so urteilt der Hamburger China-Experte Wolfgang Bartke, "sahen sich plötzlich als ausführende Organe der hochgekommenen Partei-Kader, die einstmals kleine Politruks unter ihnen gewesen waren".

Die Armee zog sieh ins Kasernen-Getto zurück oder führte in Korea Krieg gegen die Amerikaner. Als Mao jedoch den "Großen Sprung nach vorn" unternahm -- ein Volkskommune-Experiment, bei dem der von Soldaten so geschätzte Stahl in Heimarbeit geschmiedet und die Landverteidigung den Reisbauern übertragen wurde -, traten die Kommandeure wieder zusammen und forderten moderne Waffen aus der Sowjet-Union.

Auch der heutige Hua-Verbündete General Li Hsien-nien -- nun Wirtschafts- und Finanzexperte -- stand anfangs hinter seinen Kameraden. Ihr

* Monatssold eines VBA-Soldaten: zehn Mark.

Anführer war der Verteidigungsminister und Marschall Peng. Er zwang Mao zum Rücktritt als Staatspräsident, verlor jedoch selbst sein Amt an Marschall Lin Piao, einen strengen Maoisten. Die Waage veränderte sich zuungunsten der Militärs.

"Die Armee ist ein Instrument für die politische Schlacht", proklamierte Lin Piao, "die Truppen müssen aktiv und spontan am Aufbau des Landes und der Massenbewegung teilnehmen." Er schaffte die Ränge und die Schulterstücke wieder ab und versah die Truppe bis hinunter zur kleinsten Einheit mit insgesamt rund 50 000 politischen Kommissaren.

Lin Piao stellte eine Sammlung von Mao-Zitaten zusammen -- das kleine rote Buch, das vier Jahre später auch dem Volk verordnet wurde. Autor Mao verkündete am 7. Mai 1966: "Die VBA soll eine große Schule sein!"

Doch viele örtliche VBA-Kommandeure zogen Ruhe und Ordnung vor und intervenierten für die Rechten. Im April des revolutionären Jahres 1967 redete Maos Ehefrau Tschiang Tsching auf die Militärkommission ein, im Juli verkündete sie gar: "Gebt Waffen an die Linken aus!"

Das war für die Militärs zuviel. Sie schlossen ein Bündnis mit Premier Tschou En-lai' um die Ordnung wieder herzustellen. Als erstes wurde Tschiang Tschings radikalster Propagandist von einer VBA-Patrouille verhaftet. Dann säuberten Truppen Stadt und Provinz von Rotgardisten.

Nachdem die Linken Schulen und Universitäten eingenommen hatten, wobei es Hunderte von Todesopfern gab, besetzte die VBA wichtige Fabriken und Büros. Die Kommandeure traten in sämtliche Verwaltungsorgane ein -- China wurde wieder von Militärs regiert.

Als Marschall Lin Piao 1971 ums Leben kam -- angeblich bei einem Putschversuch gegen Mao, wahrscheinlich wurde er jedoch erschossen -, waren zwei Drittel aller Provinz-Parteichefs Chinas in Wahrheit Berufs-Militärs. Premier Tschou En-lai und sein Vize Teng Hsiao-ping hatten die Partei-Biirokratie und auch die in der Kulturrevolution abgesetzten Kommandeure weithin rehabilitiert.

Die Militärs waren wieder in die Kasernen zurückgekehrt: Und sie befanden erneut -- an der Grenze zu Rußland wurde geschossen -, daß sie für den Ernstfall moderne Waffen brauchen -- wenn nötig, selbst aus Amerika.

Denn Chinas Volksbefreiungsarmee ist schlecht gerüstet. Zwar haben Chinas von den kulturrevolutionären Attacken ausdrücklich ausgenommenen Atom forscher im Eigenbau eine nukleare Vergeltungs-Kapazität für den Fall eines feindlichen Atomangriffs geschaffen, aber die Waffen der 3,5 Millionen VBA-Soldaten (UdSSR: 3,6 Millionen, USA: 2,1 Millionen Mann) taugen kaum für einen Krieg im letzten Viertel des 20. Jahrhunderts.

Während die Sowjetarmee an der China-Grenze mit 46 zum Teil auf Panzern montierten taktischen Atomraketen ausgestattet ist, unterhält die VBA drei Kavallerie-Divisionen, aber nur zehn Panzer-Divisionen gegenüber insgesamt 50 der UdSSR.

Vorigen Monat hielt der ehemalige US-Verteidigungsminister Schlesinger seinem chinesischen Kollegen Jeh vor, die VBA verfüge über zu wenig Waffen, um sowjetische Panzer zu stoppen oder hochfliegende Flugzeuge zu fassen: Schlesinger hatte selbst gesehen, wie Infanteristen nur von Hand gezündete Mörser besaßen und gegen Panzer mit Flammenwerfern oder Panzerfäusten aus der Korea-Zeit vorgingen.

Zu dieser Schwäche hat insbesondere Maos ideologische Lehre geführt, wonach Chinas Stärke nicht in Technologie und militärischem Professionalismus liegt, sondern in der Tiefe des Raums und der Vielzahl an Menschen: Mao und die Maoisten wollten jeden Aggressor im totalen Volkskrieg der 853 Millionen ertränken.

Die Folge der Mao-Strategie: VBA-Soldaten ziehen Reis, bauen Brücken, bewässern und graben U-Bahn-Schächte. Die Armee haut ihre eigenen Nahrungsmittel an und versorgt sich selbst mit Kleidung und Stahl. Ganze Divisionen bilden Maurer-Heere und "Produktions-Korps".

Außerdem muß die VBA Aufstände niederschlagen wie im vorigen Juli in Hangtschou. Den Einsatz hatte Teng persönlich geleitet, nachdem der Linke Wang mit Vermittlungsversuchen gegenüber streikenden Seidenfabrikarbeitern gescheitert war. So als Konterrevolutionär ausgewiesen, bemühte sich Teng um eine Koalition mit den Spitzenmilitärs: Er versprach moderne Waffen und erhöhte die Stahlproduktion. Teng: "Sich auf den Krieg vorzubereiten", wie Mao es gefordert hatte, "heißt, sich auf Eisen und Stahl vorzubereiten."

Die Linken konterten mit einem Mao-Zitat: "Waffen sind ... nicht der -entscheidende Faktor, entscheidend ... ist das Volk", und kürzten Chinas Wehretat um 25 Prozent.

Wie rasch sich Teng-Nachfolger Hua mit den Militärs geeinigt haben muß, ergibt sich aus den Orderbüchern westlicher Waffenhändler: Nach Huas Machtantritt im April interessierten sich VBA-Einkäufer in Schweden für Panzerabwehrwaffen, in Frankreich für AMX 30-Panzer Lind Mirage-Jäger, in Westdeutschland für MBB-Hubschrauber.

Während Chinas Linke die Kommmandeure zur Koalition mit den Feinden der Maoisten trieben, hatten sie an der Basis nur selten Erfolg. Nur wenige Kompanien bekannten sich zum Tschiang-Tsching-Kurs -- so eine Einheit für ABC-Kriegsführung in Tschekiang, die von Frau Mao sogleich zur "Links-Modell-Einheit" erklärt wurde.

"Was die tun, kümmert uns nicht", schob der Wehrbezirkschef von Wuhan die linken Aspirationen beiseite, "wir tun unsere Arbeit." Sein Kamerad in Schenjang (Mandschurei), General Li Teh-scheng, ist der einzige unter den 11 Wehrbezirkskommandeuren Chinas, der seit der Kulturrevolution für die Linke Partei ergriffen hat. Seine Truppen wurden von Hua zu einem Teil rechtzeitig in andere Provinzen dirigiert.

Nur auf eine Streitmacht glaubte Tschiang Tsching noch zählen zu können: die als Palastgarde agierende Sondereinheit Nr. 8341. Sie ist dicht am Tienanmen-Platz in Peking kaserniert und steht unter dem Befehl des Politbüromitglieds Wang Tung-hsing, der Mao als Leibwächter gedient hat.

Doch der wache Sinn der Chinesen für Loyalität, von dem die Maoisten zu Maos Lebzeiten profitiert hatten, und ihre Neigung, mit den stärkeren Regimentern zu marschieren, kehrte sich nun gegen die Linken: Nachdem Huas Leibwächter vollendete Verhältnisse geschaffen hatten, schossen 8341 Soldaten vorige Woche mitten auf dem Tienanmen-Platz mit Maschinengewehren jedermann sichtbar und friedlich auf Papp-Zielscheiben.

Eben dort hatte die gleiche Division im April die Sympathiekundgebung der 100 000 Hauptstädter für Teng Hsiaoping auseinandergetrieben " unterstützt von der Volksmiliz. Diese hatten sich die Linken als paramilitärische Massenbasis für den Bürgerkrieg herangezogen. Bis zum vorigen Freitag, über eine Woche nach der Palastrevolution, wagte kein Milizionär den Kampf mit den Militärs -- sogar die Plakate "Liebt die Armee!" ließen sie kleben.

Den Kern der Volksmiliz bilden fünf Millionen mit Infanteriewaffen ausgerüstete Reservisten. Darüber hinaus sind 20 Millionen Maoisten nach Art der Betriebskampfgruppen in der DDR zu einer "Rückgrat-Miliz" zusammengefaßt. Mit Holzknüppeln bewaffnet, sorgen sie auf den Straßen für Ordnung. Hinzu kommt noch eine "Reguläre Miliz" aller jungen Einwohner, die sich im Schießen üben -- etwa 75 Millionen Kämpfer.

Nur in Peking und Schanghai erhielt das Jungvolk Maschinenpistolen aus eigenen Waffenfabriken. An allen anderen Orten wurde die Miliz der örtlichen Armeegarnison unterstellt.

Ob die Milizionäre schießen, ist ungewiß. In der Tradition der Roten Garde reinigten sie bislang etwa Photo-Ateliers von kleinbürgerlichen Konterfeis, rügten Friseure wegen "ungebührlichen Haarschnitt-Stils" und fingen auch in einem Hotel "Monster, die sich mit anderen Gästen vereint hatten" -- wie auch immer.

Sind Chinas Revolutionäre müde geworden? Es scheint so. Die "Volkszeitung" gab die Stimmung wieder: "Die Restauration kommt ja früher oder später doch."

Die restaurativen Kräfte Chinas ruhten nicht; sie arbeiteten an der Tendenzwende. Denn die seit Tschou Enlais Tod anhaltende Patt-Situation lähmte die Pekinger Regierungspolitik und lud dem Reich zusätzliche Probleme auf.

Im Ausland ist der neue Mann eine Größe ohne Gewicht.

So blieben die Förderungs-Kapazitäten an Erdöl weit hinter den Erwartungen zurück, weil China nicht genug Gerät und Röhren für die Pipelines beschaffen konnte. So führte die Schanghaier Ermunterung, "immer zu rebellieren", in den Betrieben zu Bummelschichten und wilden Streiks.

Hinzu kam, daß der gerade zum Premier ernannte Hua mit den schwersten Naturkatastrophen der letzten Jahrzehnte fertig werden mußte. Nach dem Juli-Erdbeben, das große Teile der Region von Peking zerstörte, leben noch immer Hunderttausende von Obdachlosen in Zelten und Behelfshütten oder kampieren auf Grünanlagen. Sie erhielten jetzt den Befehl, sich als Schutz vor dem nahen Winter einen Meter tief in Erdhöhlen einzugraben. Zudem ist der schon gezähmt geglaubte 5000 Kilometer lange Gelbe Fluß wieder über die Ufer getreten.

Der Wind war für neue Massenmobilisierung nicht günstig, wie sie die Schanghai-Gruppe plante -- das wußte Hua, der die Stimmung im Volk als ehemaliger Polizeiminister gut kennt.

Er und Finanzexperte Li brauchen Ruhe, um den ehrgeizigen Plan zu erfüllen: China bis zum Jahr 2000 in die Gruppe der führenden Industrienationen der Welt zu führen.

Ein Anti-Mao, wie Teng, ein elitärer, allein auf die Effizienz bedachter Technokrat, ist Hua nach seinem bisherigen Lebenslauf nicht. Er ist vor 56 Jahren geboren und stammt wie Mao aus der Provinz Hunan.

Am Langen Marsch hat er seiner Jugend wegen nicht teilgenommen. Dafür schlug er 1952, drei Jahre nach Maos Machtübernahme, einen Bauernaufstand nieder, wofür er damals KP-Kreissekretär wurde.

Dem großen Vorsitzenden fiel er erstmals als Mao-Verehrer auf: Hua ließ in seiner Provinzhauptstadt eine Gedenkhalle für den damaligen Staatschef Mao bauen, Nachfolger Liu ließ sie wieder schleifen.

In der Kulturrevolution schlug sich Hua, der als schneller Denker gilt, auf die Seite seiner Kritiker. Die Roten Garden stellte er an, um Bewässerungsgräben in Maos Geburtsort Schaoschan zu ziehen.

1969 wurde Hua als maotreuer Agrar-Experte in das ZK gewählt. Zwei Jahre später trat er in den Staatssicherheitsdienst ein und bekam angeblich die heikle Aufgabe, den Putschversuch des Mao-Vize Lin Piao zu untersuchen. Dafür kam er 1973 ins Politbüro. Zwei Jahre später wurde er Vize-Premier und Polizeiminister.

Das hielt den chinesischen Berija freilich nicht davon ab, auf der Landwirtschafts-Konferenz in Datschai gegen den rechten Teng und die linke Tschiang Tsching mit einem Grundsatzreferat anzutreten. Erfolg: Allein Huas Strategie, die Landwirtschaft bis 1980 voll- zu mechanisieren (bisher: 20 Prozent), fand die Gunst Maos.

Im Februar wird der Aufsteiger amtierender Ministerpräsident und darf als erste Amtshandlung den Privatreisenden Nixon als Staatseast empfangen. Sieben Monate später steht er nun im Zentrum der Macht -- Ochsentour auf chinesisch.

Freilich: Aufschlüsse über seine künftige Politik gibt die Vita des Hua kaum. Daß er ein guter Organisator ist, daß er trotz ehrgeiziger Ziele das Augenmaß behält, ein intimer Kenner des Partei- und Sicherheitsapparats ist, scheint gewiß.

Hua ist damit der erste Sicherheitschef, der es in der kommunistischen Welt zum Parteichef gebracht hat. Vor ihm sind Berija und Schelepin (Sowjet-Union), Jugoff (Bulgarien), Zaisser (DDR) und Moczar (Polen) an diesem ehrgeizigen Plan gescheitert.

Im Ausland ist Chinas neuer Mann vorerst eine Größe ohne Gewicht. Er hat -- und darin auch Mao ähnlich -- nie China verlassen und spricht keine fremde Sprache. Charles Benoit, der amerikanische Dolmetscher. der jüngst die Gespräche Huas mit James Schlesinger übersetzte, schilderte dem SPIEGEL den Mao-Nachfolger so:

"Hua ist sich seiner selbst außerordentlich sicher, er machte den Eindruck großer Zuversicht. Er war der Mann im Sattel, und jeder in seiner Nähe verhielt sich danach."

Der Mann an der Spitze hat im Gegensatz zu seinem Vorgänger Mao außer ein paar Aufsätzen über Landwirtschaft und Bewässerung nie eine Schrift verfaßt, theoretische Erörterungen interessieren ihn ebensowenig wie Kunst und Literatur. Mit ihm, dem Verteidigungsminister Jeh und dem gelernten Zimmermann Li haben die Provinzler über die Städter gesiegt.

Offen bleibt, ob der Maoist aus der Mao-Nachfolgegeneration trotz seines Siegs über die Linksfraktion für lange Zeit der neue Führer der Chinesen bleibt, oder nur ein Mann des Übergangs ist.

Wie schon nach Maos Tod wurde vergangene Woche der gestürzte Teng Hsiao-ping, 72, im Flugzeug nach Pekin gesehen, diesmal -- so "Le Monde" -- sogar in Begleitung des Militärbefehlshabers von Kanton, eines Politbüromitglieds.

Für den toten Steuermann sind sie alle nicht die gewünschten Erben. "Die Fortsetzer der revolutionären Sache des Proletariats gehen aus den Kämpfen der Massen hervor, im revolutionären Sturm stählen sie sich und wachsen sie. In den langjährigen Kämpfen der Massen muß man die Funktionäre prüfen und kennenlernen und dabei Nachfolger auswählen und ausbilden."

So schrieb Mao Tse-tung im Juli 1964 in seiner Schrift "Über den Pseudokommunismus Chruschtschows und die historischen Lehren für die Welt".

Mao -- soviel scheint jetzt sicher -- hat seine Nachfolger nicht genügend geprüft und ausgewählt.


DER SPIEGEL 43/1976
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China nach Mao: Kampf ums Überleben