11.10.1976

Sieger nach Protesten

Stürze und Sabotage, Pannen und Proteste erschwerten den Kampf um die Weltmeisterschaft der Autorennfahrer. Die Werke Ferrari und McLaren spionierten und intrigierten auch zwischen den Rennen.
Sechs Wochen nachdem er die letzte Ölung erhalten hatte, stritt Automobilweltmeister Nikolaus Lauda schon wieder um das Benzin des Rivalen James Hunt. Im Tank des McLaren-Rennwagens von Hunt entdeckten Kontrolleure vor dem Großen Preis von Monza Benzin mit der Oktanzahl 101,6 -- zulässig sind höchstens 101.
"Los, kümmere dich jetzt um Protest und Disqualifikation", stachelte Niki Lauda, 27, den Rennleiter des Ferrari-Teams an. Ferrari mit seinem Star Lauda und McLaren mit Hunt rivalisierten als einzig ernsthafte Bewerber um die Formel-I-Weltmeisterschaft 1976.
Lauda, der vom schweren Sturz auf dem Nürburgring Anfang August Brandnarben im Gesicht und auf der Schädeldecke sowie ein zerfetztes Ohr zurückbehalten hat, riskierte Anfang September in Monza den Start, weil Verfolger Hunt in der Weltmeisterschaft-Wertung bis auf zwei Punkte an ihn herangekommen war.
Der Benzin-Protest hatte Erfolg. Hunt mußte, fast aussichtslos, aus der vorletzten Startreihe das Rennen aufnehmen. Vor ihm lagen 23 andere Rennwagen. In der elften von 52 Runden endete Hunts Aufholjagd. Sein McLaren raste aus einer Kurve und wurde demoliert. Lauda indes erreichte unter dem Jubel der italienischen Ferrari-Fans den vierten Platz und lag nun fünf Punkte vor Hunt.
"Meine Hochachtung vor Lauda ist grenzenlos", lobte der frühere Automobilweltmeister Jackie Stewart. "Es ist das größte Comeback in der Geschichte des Automobilsports." Verlierer Hunt verriet englischen Sportreportern: "Lauda ist kein Sportsmann aus der Wundermaus ist eine Ratte geworden."
Noch nie hatte es in der Fahrer-Weltmeisterschaft so häufig Proteste und Pannen, Disqualifikationen und Revisionen gegeben wie 1976. Laudas Ferrari-Rennstall und die US-Konkurrenz McLaren mit dem englischen Fahrer Hunt vermeiden keinen Streit. Fanden Lauda und Ferrari eine Strecke zu gefährlich für die etwa 500 Kilo schweren und von ebensoviel PS angetriebenen Formel-1-Rennwagen, warfen ihnen die McLaren-Leute Feigheit vor. "Um mit einem Ferrari zu gewinnen, genügt schon ein halbes Hirn", spottete McLaren-Chef Teddy Mayer.
Schon im dritten der 16 WM-Läufe gab es die erste Verstimmung. Der günstig liegende Hunt schied mit einem Defekt aus. Zwei Ferraris belegten die ersten Plätze." Das war Sabotage", schimpfte Mayer. "Ich bin sicher, dahinter steckt die Ferrari-Mafia."
Zwei Wochen vor dem nächsten Rennen jubelte das McLaren-Team: Ferraris Weltmeister Lauda war mit einem Traktor umgestürzt und hatte sich zwei Rippen gebrochen. Doch zum Großen Preis von Spanien auf dem Jarama-Kurs trat Lauda an.
Lange führte er sogar. bis in einer Kurve Hunt innen über die Grasnarbe den Weg abkürzte und Laudas Ferrari auf die zweite Position abdrängte. So blieb es bis zum Ziel. Hunt höhnte: "Niki ist ein tolles Rennen gefahren." Lauda klagte: "Ich stieß mir bei Hunts Kurven-Überfall die kaputten Rippen und wollte eigentlich aufhören."
Ferrari legte Protest ein -- nicht wegen des Kurvenmanövers, sondern weil Hunts Wagen entgegen dem Reglement zu breit sei: um 1,8 Zentimeter. Hunt wurde disqualifiziert. Doch McLarens Gegenprotest brachte ihm den Sieg endgültig ein. Hunt: "Sonst könnten wir ja unsere Siege auch bei einer Partie Backgammon austrudeln."
Anders als der meist in sich gekehrte Lauda gilt James Hunt, 29, als Draufgänger. Wegen zahlreicher Unfälle am Anfang seiner Karriere nannten ihn Konkurrenten "den Verschrotter". Doch in der vorwiegend von englischen Funktionären und Konstrukteuren gelenkten Grand-Prix-Branche ist er der einzige englische Fahrer, der zur Weltklasse zählt.
Zum Durchbruch verhalf ihm Thomas Alexander Lord Hesketh, der einen großen Teil seines 70 Millionen Pfund zählenden Erbes in einen rein englischen Rennstall steckte. Arbeitsplätze fanden hier nur Engländer. die zudem unverheiratet sein mußten.
Zur Feier des ersten Grand-Prix-Sieges lud Lord Hesketh Hunt und alle Mitarbeiter auf sein Schloß Towcester ein, nahe der Silverstone-Rennbahn, Das Formel-1-Bacchanal endete in den 50 Zimmern des Schlosses. James Hunt ("Liebe ist mein Ausgleichssport") berichtete: "In jedem Zimmer fand ein Mixed statt."
Hunt lernte das Photomodell Suzy Miller kennen und heiratete trotz des Junggesellengelübdes. Wohnsitz: Marbella an der Costa del Sol. Dann spannte ihm Hollywoodstar Richard Burton die Frau aus. Zur selben Zeit trennte sich Lauda von seiner adeligen Freundin und heiratete eine frühere Gespielin des Filmstars Curd Jürgens.
Hunt (Jahresgage: 300 000 Dollar) wollte indes Lauda nicht nur den Weltmeister-Titel abjagen, sondern auch wie der Ferrari-Fahrer mehr als eine Million Mark pro Saison verdienen. Nach dem technischen Zwist in Spanien hatte McLaren für Brands Hatch, wo der Große Preis von England stattfinden sollte, einen verbesserten Wagen herausgebracht.
Kurz nach dem Start zum Großen Preis von England gab es jedoch eine Massenkarambolage, in die auch Hunts Wagen verwickelt wurde. Bis zum neuen Start reparierten McLarens Mechaniker den Schaden. Hunt siegte.
Lauda, der Zweiter geworden war, protestierte: "Fahrer, die die erste Runde nicht beendet haben, dürfen zur zweiten Runde nicht mehr antreten." Das Renngericht stimmte ihm zu. Der Titelverteidiger rückte zum Sieger auf, sein Vorsprung wuchs auf 17 Punkte an. McLaren beantragte eine Berufungsverhandlung.
"So sollte eine Weltmeisterschaft nicht entschieden werden", rief McLaren-Boß Teddy Mayer. "Lauda muß seine Rennen auf der Bahn gewinnen und nicht am grünen Tisch." Lauda empörte sich: "Der Mann ist ein Lügner und Betrüger, das haben wir doch schon mehrmals erlebt."
Da stürzte Lauda auf dem Nürburgring so schwer, daß andere Fahrer den benommenen Weltmeister aus dem brennenden Ferrari ziehen mußten. Hunt siegte. Eine Woche lang lag Lauda auf der Intensivstation. Er erhielt die Letzte Ölung. Die Ärzte glaubten nicht, daß er jemals wieder Rennen fahren könnte. Ferrari engagierte einen anderen Fahrer.
Doch Lauda überlebte und beschloß, so schnell wie möglich wieder Rennen zu fahren. Zwei WM-Läufe nur hatte er versäumt, doch Hunt, einmal Sieger, einmal Vierter, lag fast gleichauf. Rechtzeitig zum Großen Preis von Italien in Monza stieg Lauda in einen neuen Ferrari. Für seinen mit Wunden übersäten Kopf hatte er sieh einen Spezial-Sturzhelm basteln lassen. Mit Lauda schickte Ferrari im Heimspiel sogar drei Wagen an den Start. McLarens Mayer rügte: "Das ist ausgesprochen schäbig."
Hunt aber, in dessen Tank Kontrolleure Benzin mit etwas zu hoher Oktanzahl gefunden hatten, wurde fast ans Ende des Feldes der 26 Rennwagen zurückgesetzt. Lauda belegte den vierten Platz und erhielt drei Punkte. Hunt, der ausschied, blieb ohne Punkt. Doch nun protestierte McLaren: Während des Rennens habe Regen eingesetzt, und die Veranstalter gaben Zeichen zum Abbruch. Fast alle Fahrer, Hunt war schon ausgeschieden, fuhren weiter.
Verfolger Hunt indes reiste zum nächsten Rennen, dem Großen Preis von Kanada in Mosport, schon zwei Wochen vorher an, früher als alle anderen Fahrer. Lauda bestand erst noch die Prüfung für seinen Pilotenschein. Hunt probierte derweil täglich auf der mit Schlaglöchern versehenen Piste und in den nur ungenügend mit Leitplanken gesicherten Kurven die günstigste Fahrweise aus.
Als Lauda nach Mosport kam und die Strecke sah, weigerte er sich zu starten. Einige Fahrer stellten sich auf seine Seite. Doch Hunt, der im Training den besten Startplatz erkämpft hatte. erklärte sich startbereit. Lauda schrie: "Dem ist wohl hier eine Melone auf den Kopf gefallen." Hunt siegte, Lauda wurde wegen eines Defekts nur Achter und erhielt keinen WM-Punkt.
Für das letzte Rennen der Saison, den erstmals angesetzten Großen Preis von Japan (24. Oktober), rechnet Hunt mit einer Schwäche Laudas: Zeitumstellungen bereiten dem Weltmeister Schwierigkeiten. Er leidet bei Rennen in Übersee unter Kopfschmerzen, das linke, brandgeschädigte Auge tränt. Außerdem sind die Ferraris am Ende der Saison technisch nicht mehr in bestem Zustand. McLaren-Chef Mayer. "Jetzt drehen dort auch die Mechaniker durch."
Allerdings auch Hunt: In Kanada raste er hinter der Ziellinie in die Leitplanken. Der Schatten des eigenen Wagens hatte ihn irritiert.

DER SPIEGEL 42/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 42/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Sieger nach Protesten

  • Spektakuläre Drohnen-Aufnahmen: Die größte Felsbrücke der Welt
  • Recycling in China: Familie Peng im Plastikmüll
  • Darts-WM: Acht Millimeter entscheiden über den Sieg
  • Seltene Aufnahmen: Hier schlüpft gerade ein Tintenfisch