27.09.1976

VERFASSUNGSSCHUTZFür Bums

Kasseler Verwaltungsrichter verpflichten den hessischen Verfassungsschutz, Akten über einen Lehrer offenzulegen. bie Staatsschützer fürchten nun eine Preisgabe ihre Überwachungspraxis.
Im oberhessischen Biedenkopf bezog er als "Kriegsdienstverweigerer im Range eines Oberleutnants" gegen die Bundeswehr Stellung. An der Universität Gießen kandidierte er für die marxistische Hochschulgruppe "Bums".
Wo immer der Pädagoge Hans Roth, 34, stritt, ob gegen den Bund oder für Bums, der hessische Verfassungsschutz führte heimlich Buch. Jetzt sollen die Wiesbadener Staatsschützer offenlegen. was sie über Roth gesammelt haben.
Das Verwaltungsgericht Kassel beschloß jetzt in einem Musterprozeß, in dem der Lehrer in Wartestellung und derzeitige Jugendwart die Vernichtung über ihn angelegter Verfassungsschutz-Akten durchsetzen will, das Land Hessen müsse vorab dem Gericht "die den Kläger betreffenden Vorgänge" vorlegen -- frei zum Einblick auch für den Betroffenen.
Der im Bundesgebiet bislang beispiellose Richterspruch bringt, so er Bestand hat und Schule macht, die Verfassungsschützer in Bedrängnis. Die Kontrolleure fürchten nun die Preisgabe ihrer Praktiken und Techniken der Überwachung verdächtiger Bürger. "Das wäre", sorgt sich der Abteilungsleiter für Verfassung und Recht im Wiesbadener Innenministerium Peter Beckmann, "schädlich für unsere ganze Arbeit."
Ein Ende übertriebener Gesinnungsschnüffelei erhoffen sich von dem Beschluß dagegen all jene Bewerber für den öffentlichen Dienst, die bei Behörden allzu schnell in den Verdacht mangelnder Verfassungstreue geraten. "Zur Zeit", wirft Roths Anwalt Peter Becker den Verfassungsschützern vor, "wird doch alles gesammelt. was links erscheint."
Über Roth hatten die Staatswächter reichlich Material zusammengetragen: Flugblätter und Handzettel, in denen linke Parolen und Roths Name auftauchten, Berichte aus Zeitungen, etwa über einen Roth-Vortrag ("Wir leben im Gesellschaftssystem organisierter Friedlosigkeit") im evangelischen Jugendheim Staffelberg.
Auszüge aus den Akten wurden Roth vorgehalten, als er sich nach bestandenem Examen um eine Referendarstelle im hessischen Schuldienst bewarb. Ein Einstellungsgespräch mit Vertretern des Kasseler Regierungspräsidenten überzeugte den hessischen Kultusminister: Roth wurde "unter Berufung in das Beamtenverhältnis auf Widerruf zum Lehramtsreferendar" ernannt.
Der Vertrauensbeweis bestärkte Referendar Roth in seiner Annahme, daß der Verfassungsschutz allenfalls Blätter über belanglose politische Studentenaktivitäten geheftet. nicht aber Dossiers über Handlungen oder Haltungen in Händen habe, die den Verdacht der Verfassungsfeindlichkeit zuließen -- er verlangte die Vernichtung der "Ausforschungsakte" (Roth).
Um sich Klarheit zu verschaffen, ob die gesammelten Stücke wichtig oder nichtig sind, forderten die Kasseler Richter die Wiesbadener Verfassungsschützer zur Vorlage des Materials auf. Zwei Flugblätter von "Spartakus" und Bums. dazu einen Artikel der "Oberhessischen Presse" präsentierten die Beklagten freiwillig im Prozeß. Doch die laufenden Nummern der Aktenstücke deuteten auf umfangreiche Unterlagen. "Die hatten wohl vergessen", schloß Kläger Roth, "die Seitenzahlen zu retuschieren."
Was das Landesamt weiter über Roth recherchiert hatte, wollten die Verfassungsschützer für sich behalten. Sie beriefen sich auf eine Vorschrift der Verwaltungsgerichtsordnung (VwGO) die stets bemüht wird, wenn die Schutzämter Geheimes oder Heikles verbergen möchten.
Nach Paragraph 99 VwGO dürfen sie das, "wenn das Bekanntwerden des Inhalts dieser Urkunden oder Akten und dieser Auskünfte dem Wohle des Bundes oder eines deutschen Landes Nachteile bereiten würde" oder "die Vorgänge nach einem Gesetz oder ihrem Wesen nach geheimgehalten werden müssen". Das alles muß, so fordert es das Gesetz, "glaubhaft gemacht" werden.
Mitunter begnügen sich Gerichte. wie etwa der Bayerische Verwaltungsgerichtshof im letzten Jahr, wenn der Vertreter des Innenministeriums in der mündlichen Verhandlung die Unterlagen schlicht als "geheimzuhaltende Erkenntnisse nachrichtendienstlicher Art" deklariert.
Die Kasseler Richter verlangten mehr. Der hessische Innenminister persönlich, zumindest aber sein Staatssekretär, müßten durch "eidesstattliche Versicherung nach persönlich gewonnener Erkenntnis und Überzeugung" das Bedürfnis der Geheimhaltung darlegen und glaubhaft machen, bezogen "auf den konkreten Inhalt der Schriftstücke".
Als Staatssekretär Heinrich Kohl dann nur pauschal versicherte, die Offenlegung interner Akten würde "Rückschlüsse auf die Organisation und die Arbeitsweise der Verfassungsschutzbehörden" zulassen und somit "die Erfüllung des gesetzlichen Auftrags der Verfassungsschutzämter gefährden", ordnete das Verwaltungsgericht prompt die Vorlage der Akten an.
Nach Auffassung der Verwaltungsrichter sind Akten der Verfassungsschutzämter keineswegs "ihrem Wesen nach geheim". Die Rechtsprechung erkenne selbst, so die Begründung, "bei nachrichtendienstlichen Vorgängen die Geheimhaltungsbedürftigkeit derartigen Aktenmaterials aus seiner Natur" nicht an.
Die Wiesbadener Verfassungsschützer wollen den Spruch nicht gelten lassen. Sie kündigten Beschwerde an, denn hier gehe es, gab Beckmann zu bedenken, "um Grundsätzliches über die Landesgrenzen hinaus".

DER SPIEGEL 40/1976
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 40/1976
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

VERFASSUNGSSCHUTZ:
Für Bums

Video 00:57

Amateurvideo von Teneriffa Gigantische Wellen reißen Balkone weg

  • Video "Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: Lass mich bitte rein" Video 00:51
    Mays höchst ehrenvoller Mäusefänger: "Lass mich bitte rein"
  • Video "Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina" Video 12:04
    Drogenhandel und Zuhälterei in Kanada: Indigene Gangs von Regina
  • Video "Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt" Video 00:51
    Indien: Baby gerät unter einen Zug - und überlebt
  • Video "Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander" Video 02:58
    Möglicher Felssturz im Allgäu: Ein Berg bricht auseinander
  • Video "Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski" Video 01:08
    Wintersport-Gadget: Skifahren - nur ohne Ski
  • Video "Zwei Kopftuchträgerinnen: Dann sind alle Klischees zusammengebrochen" Video 04:14
    Zwei Kopftuchträgerinnen: "Dann sind alle Klischees zusammengebrochen"
  • Video "Schach-WM-Videoanalyse: Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern" Video 05:35
    Schach-WM-Videoanalyse: "Carlsen hatte Angst vor Caruanas Läufern"
  • Video "Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein" Video 00:42
    Verblüffende Verwandlung: Junge Asiatin wird zu Einstein
  • Video "Videoblog Altes Hirn vs. neue Welt: Warum Langweile gut tut" Video 02:18
    Videoblog "Altes Hirn vs. neue Welt": Warum Langweile gut tut
  • Video "Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!" Video 02:24
    Trumps Idee gegen Waldbrand: Holt die Harken raus!
  • Video "Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau" Video 01:09
    Spektakulärer Bau in China: Luxushotel eröffnet in Tagebau
  • Video "Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?" Video 07:34
    Wir drehen eine Runde: Wie fährt sich ein Hybrid-Kompaktauto?
  • Video "SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau" Video 11:44
    SPIEGEL TV vor 20 Jahren: Autodiebstahl in Moskau
  • Video "Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt" Video 01:57
    Video: Hier wird gerade das verschollene argentinische U-Boot entdeckt
  • Video "Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg" Video 00:57
    Amateurvideo von Teneriffa: Gigantische Wellen reißen Balkone weg