27.09.1976

André Heller über Curd Jürgens: „... und kein bißchen weise“Klebriges Gefühl an den Fingern

André Heller, 30, Wiener Liedermacher, Entertainer und Exzentriker, gründete zuletzt den nostalgisch -- poetischen „Zirkus Roncalli“.
Der Schauspieler Curd Jürgens hat sich zu einem Buch verstiegen. Das einzig Interessante daran ist, wie man es rezensiert, ohne Kaskaden von Ehrenbeleidigungsprozessen zu riskieren. Da Jürgens bedauerlicherweise nicht rechtzeitig das Gedächtnis verlor, sichern ihm seine Erinnerungen nur den absoluten Gesichtsverlust. Unter dem höflich untertriebenen Titel" und kein bißchen weise" bittet ein Kleinstbürger mit Ambitionen als Herrenmenschlein auf 492 Seiten zum schimmeligen Wort-Buffet.
Auf Mitleid darf der Mann nicht zählen, er ist nachweisbar großjährig und laut Angabe seines Seelenarztes Friedrich Hacker, einer Art Friederike Kempner der Psychoanalyse, voll zurechnungsfähig. Die 18 gedruckten Kapitel des Jürgensschen Bewußtseinsbankrotts münden folgerichtig in einen geistigen Offenbarungseid.
Dergleichen sollte pietäthalber unter Ausschluß des Publikums stattfinden, aber Droemer-Knaur exhibitioniert die "Lebensbeichte", die dem Leser das Privileg erteilt, "einen Künstler in seiner Empfindsamkeit und gefährdeten Menschlichkeit zu entdecken" (Klappentext), in einer optimistischen Startauflage von 100 000 Stück. Bei diesem Unterfangen dürfte freilich niemand auf seine Kosten kommen, ausgenommen einige Masochisten, deren Leidenschaften Langeweile, hausbackene Schmockerei und um Rechtfertigung japsende Oberflächlichkeit sind.
Man muß Jürgens persönlich zitieren, um ein Ausmaß dieses Arsenals der Peinlichkeiten zu erahnen. Erwähnenswert seine anmutige Bauernregel zum Aufspüren von Homosexuellen: "Schon aufgrund seiner Schwatzhaftigkeit und Klatschsucht kannst du kombinieren, daß er schwul war." Ebenbürtig die Beschreibung seiner Liebhaberqualitäten. "Scheu und inbrünstig wie Bach, gläubig und dämonisch wie Mozart, wollüstig und lasziv wie Klimt, zärtlich und ironisch wie Picasso, eifersüchtig und besitzergreifend wie Verdi, träumerisch, romantisch wie Rilke, dramatisch und verzweifelt wie Beethoven, schreiend und weinend wie Michelangelo." Und sonst geht"s Ihnen gut?! pflegt man derlei in Wien zu beantworten.
Jürgens hält auch mit seinen Eroberungspraktiken nicht hinterm Berg: "Der ernste forschende Blick tief in die Augen, möglichst, wenn ein Licht das Blau meiner Augen wirkungsvoll zur Geltung bringt, hat sich als unwiderstehlich entpuppt. Als Nummer zwei rangiert gut dosierte Abwesenheit, so daß die Ahnungslose mit bekümmerter Miene kaum umhin kann zu fragen: "Was bedrückt dich?' Bewährt hat sich auch die lange gequälte Pause, ehe das Geständnis hervorbricht: "Warum soll man eigentlich nicht darüber sprechen! Ich habe den ganzen Tag an deine Brüste gedacht."
Jürgens sieht und empfindet Frauen als öffentliche Bedürfnisanstalt für seine erotische und seelische Notdurft. Eine seiner, laut Buch, Hauptlieben hat mir geschmackvollerweise vor zwei Jahren gesagt: "Alles an diesem Mann ist banal, selbst im Bett ist er noch ein Gemeinplatz. So wie sich der kleine Moritz Curd Jürgens vorstellt."
Man möchte hinzufügen: Curd Jürgens ist der kleine Moritz als Curd Jürgens. Er hält sich für ein exzentrisches Lebewesen, verhält sich aber zum Exzentriker so wie der Enten-Imitator zur wirklichen Nachtigall. Er meint auf Seite 77, in einem herzigen Anflug von Intellekt, Camus hätte ihn, wären sie einander begegnet, einen "revoltierenden Dandy" genannt. Hier schlägt es vierzehn. War denn Camus ein arbeitsloser Kretin, daß er Zeit und Lust gehabt hätte, einen larmoyanten Spießer zu etikettieren?!
Das politische Credo eines Mannes, dem "die reaktionäre Clique um de Gaulle jede Hoffnung auf ein "Pan-Europa der Freunde" zerstört", ist beim schlechtesten Willen nicht ernst zu nehmen. Der gepriesene Rolls-Royce-Sozialismus ist einer der vielen, Verwirrung entspringenden, Anbiederungsversuche an einen eventuell kritischen Leser, der das vorliegende Buch ohnehin bloß als Scherzartikel betrachten könnte.
Einen großen Teil des "autobiographischen Romans" halten Kriegserlebnisse beschlagnahmt. Man nimmt zur Kenntnis, daß Fliegeralarm über Wien eine Hetz war, man ging, "die Flasche Wachauer unterm Arm, zum Franziskanerplatz und steigt in die Katakomben". Überall dort, wo bei sensiblen Zeitgenossen Angst, Entsetzen, Pein, Mord, Barbarei notiert wird, steht bei Jürgens: Gansbraten" Thüringer Klöße, Kaviar, Rühreier, Wodka, Grand Marnier, kühler, saurer Wein.
Am fassungslosesten entläßt einen des Mimen exklusive Erinnerung an das maßlose Elend der KZ-Häftlinge. "Ohne je ein Bild gesehen zu haben, erkenne ich instinktiv die gestreiften, schlotternden Kleider, die geschorenen Köpfe, die humpelnden Skelette: Überlebende aus Buchenwald. Keine zweihundert Meter entfernt ziehen sie an mir vorbei. Sie beachten mich nicht, schauen zu Boden; einige singen, und ich höre slawische Laute; der eine oder andere trägt einen Uniformrock über dem Kittel."
"'Hat die Vergeltung, die Strafe schon begonnen?' denke ich; und auf dem Heimweg ertappe ich mich dabei, laut französisch zu beten: "Notre père qui est au ciel ...' Ich kann nicht nach Hause, kann niemanden sehen, bis das Bild des Zuges über die Straße abgeblendet ist wie ein Film. Im Wald eine Lichtung. Es riecht nach verbranntem Gummi und Filz. Ein guter Geist hilft mir einzuschlafen. Ich träume von dem Schoß einer Frau, der sich langsam auf meinen Hals zu bewegt und warm und weich mein Kinn streichelt, sich auf meinen Mund legt, in Abständen, die mich atmen lassen, küßt. Ganz weit weg, wenn ich zum Himmel schaue, sehe ich einen schmalen Kopf wie einen Lampion, der sich bewegt, zwei große traurige Augen, die mich prüfend beobachten. Dort, wo der Nabel sein müßte, das Becken, befindet sich ein Loch, ein Abgrund, über den eine Straße führt, so daß ich nicht weiß, ob der Schoß mit der weichen, schimmernden Öffnung, die meinen Mund küßt, derselben Frau gehört."
"Ich erwache, schlage mit einem Tannenzapfen, der vom nächsten Baum hängt, auf mein Glied, bis es zusammenfällt."
Man soll die Memoiren des Curd Jürgens nicht angreifen, sie hinterlassen ein klebriges Gefühl an den Fingern.
Von André Heller

DER SPIEGEL 40/1976
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