04.10.1976

ZUCKERFlüssig ist billiger

Bauern und Zuckerfabriken setzen sich heftig gegen Lebensmittelkonzerne zur Wehr, die billig einen flüssigen Süßstoff anbieten.
Jahrzehntelang waren Zuckerrüben ein todsicheres Geschäft. Nun aber wollen mächtige Industriekonzerne den Rübenbauern ihren Markt verderben.
Als Verderber treten Unternehmen vom Kaliber der Hamburger Maizena GmbH, Tochter des US-Nährmittel-Konzerns CPC (Corn Products Company), oder die niederländische Koninklijke Scholten Honig-Gruppe auf, die im emsländischen Emlichheim eine Dependance unterhält: Die Stärke- und Honig-Firmen produzieren flüssigen Zucker, der aus Kartoffeln, Mais oder Weizenstärke hergestellt werden kann und 15 Prozent billiger als Zucker aus deutschen Rüben ist.
Die Zuckerverflüssiger bedienen sich dabei eines von dem Japaner Takasaki entwickelten Verfahrens, das in den USA unter dem Namen HFCS (high fructose corn syrup) seit Anfang der siebziger Jahre industriell ausgewertet wird und in Europa unter der Bezeichnung "[somerose" bekannt wurde.
Amerikas Lebensmittelkonzerne haben sich mit dem billigen Flüssigzucker, der sich für die industrielle Herstellung von Säften, Konfitüren, Schokolade-Produkten bestens eignet, bereits zehn Prozent des US-Zuckermarktes gesichert.
Dabei aber wollen es die Konzerne nicht lassen. Die Clinton Corn Processing Company im US-Bundesstaat Iowa etwa will ihre Produktion bis 1978 um 250 000 Tonnen HFCS auf 500 000 Tonnen verdoppeln. Der A. E. Staley-Konzern hat für den gleichen Zeitraum einen Ausbau seiner Kapazitäten von zur Zeit 400 000 Tonnen auf 1,1 Millionen Tonnen vorgesehen.
Produktionserweiterungen auf insgesamt eine Million Tonnen pro Jahr haben auch die Konzerne Anstar, American Maize, Amalgamated Sugar, Anheuser-Busch und Archer-Daniels vorgesehen.
Aus Angst vor einer amerikanischen Invasion zogen die Europäer rasch nach. So begann der belgische Stärke-Konzern Groupe Amylum seine Isomerose-Produktion auf 100 000 Tonnen auszubauen. Eine etwa gleich große Anlage errichtet die niederländische Koninklijke Schotten Honig.
Auf dem britischen Markt kooperieren die Holländer mit dem britischen Rohrzucker-Produzenten Tate & Lyle. In Tilbury (Essex) bauen beide Firmen eine gemeinsame Isomerose-Fabrik. die auf eine Jahreskapazität von ebenfalls 100 000 Tonnen wachsen soll. Kleinere Anlagen zogen die Konzerne inzwischen in Frankreich, Spanien und der Bundesrepublik hoch.
Schon für 1977 haben die Isomerose-Hersteller in der EG eine Produktion von 400 000 Tonnen eingeplant. Betroffen rechneten die Funktionäre des Bauernstandes aus, daß bei solchem Wachstum schon Anfang der achtziger Jahre eine Million Tonnen Isomerose im EG-Raum produziert werden.
"Was seit der Blockade Napoleons mühsam aufgebaut wurde", barmte die Bauernverbands-Zeitung "Das Landvolk", gehe "damit einem sicheren Ende entgegen. Für je hunderttausend Tonnen HFCS haben 17 000 Hektar Zuckerrüben zu verschwinden, haben drei durchschnittliche Zuckerrübenfabriken ihre Tore zu schließen".
Dabei verdroß es den Nährstand besonders, daß die neue Konkurrenz üppig mit Subventionen gefüttert worden war, ohne daß so recht jemand dahinterkam. Der größte Teil des flüssigen Zuckers nämlich wird aus billig importiertem amerikanischem Mais hergestellt. Bis heute aber kassieren die Konzerne munter Rückerstattungen für Maisstärke -- Agrarminister Ertl und seine Kollegen in der EG wollen sie nun von August 1977 an streichen.
Um den neuen Konkurrenten noch besser unter Kontrolle zu bringen, möchte die Bauern-Lobby bei der Brüsseler EG-Kommission durchsetzen, daß Isomerose der europäischen Zuckermarktordnung unterworfen wird. Die Stärke-Industriellen müßten sich dann ebenso wie die Zuckerwirtschaft marktregulierende Absatzquoten gefallen lassen.
Um in die Kostenlage von Industrie und Landwirtschaft zu leuchten, ließ Ertl-Staatssekretär Hans-Jürgen Rohr die Kombattanten in den vergangenen Wochen zu einem Hearing nach Bonn kommen. Die Bauern und die mit ihnen verbündeten Rübenzucker-Fabrikanten zwar legten den Ertl-Beamten ihre -- dort ohnehin bekannten -- Produktionskostenrechnungen auf den Tisch. Die Stärke-Bosse indessen zeigten sich abweisend.
Die Maizena GmbH rückte ihre Kalkulationen, die einen vermutlich brillanten Kostenvorteil vor den Rübenzucker-Fabrikanten ausgewiesen hätten, nicht heraus. Und die Emlichheimer Emsland-Stärke GmbH hatte schon vorher schlicht erklärt, sämtliche Isomerose-Produktionspläne seien "bis auf weiteres" fallengelassen worden.

DER SPIEGEL 41/1976
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