04.10.1976

GESELLSCHAFT

Sommer mit Nicole

Johannes heißt kaum noch ein Deutscher. Statt dessen wimmelt es in den Namensregistern der Standesämter von Manuelas und Mikes, Tanjas und Marcos.

Eine Vorliebe für indische Philosophie brachte das Paar zusammen. Beide reisten, sie Soziologiestudentin, er Psychologiestudent, gemeinsam nach Asien, Arabien, Amerika, und als die deutschen Eheleute Christiane, 28, und René Finkler, 27, eine Tochter bekamen, schwang im Namen, den sie ihr gaben, der ganze Weltenbummel mit Jamila Talatawi Apurva,

Jamila stammt aus dem Arabischen und heißt "die Schöne", Talatawi bedeutet in der Sprache der Hopi-Indianer "Lied an die aufgehende Sonne", Apurva bezeichnet im Sanskrit "das vorher noch nicht Dagewesene" -- was dem Standesamt Hamburg-Nord auch so vorkam.

Nach der Dienstanweisung für Standesbeamte von 1968 dürfen "Bezeichnungen, die ihrem Wesen nach keine Vornamen sind, nicht gewählt werden", und es bedurfte eines Gutachtens der Gesellschaft für Deutsche Sprache, ehe die Hamburger Behörde Talatawi als Namen akzeptierte.

Fremdartiges ist populär wie nie zuvor bei der Namensgebung. "Man merkt eben auch an der Namenswahl" daß die Welt kleiner geworden ist". sagt Iska von Bargen, Aufsichtsbeamtin der Hamburger Standesämter.

Als die Welt noch viel kleiner war, hörten etwa im 14. Jahrhundert 70 Prozent der Dresdner Ratsmitglieder auf einen der drei Vornamen Johannes Nikolaus oder Peter. Heute ist schon mal ein Ho Tschi-minh oder ein Winnetou dabei -- die Namensvielfalt ist größer geworden und schließt auch das Groteske ein.

Hörten im Jahre 1876 in Stuttgart 24 Prozent aller männlichen Bürger auf den Namen Karl, so kommen heute selbst Modenamen nur gelegentlich über vier Prozent hinaus, wie der Namensforscher Wilfried Seibicke vom Germanistischen Seminar in Heidelberg ermittelte.

Den in Deutschland gebräuchlichen Namensbestand schätzen Forscher auf rund 4000, wobei zwischen 1965 und 1975 laut Seibicke nur 45 Jungennamen und 51 Mädchennamen die ersten zehn Plätze der Hitlisten in 15 verschiedenen Städten ausmachen. Der gegenläufige Trend, die "Suche nach neuen, "unverbrauchten" Vornamen", ist gleichwohl unverkennbar, wie Seibickes Untersuchung zeigt, die jetzt von der Gesellschaft für Deutsche Sprache herausgegeben wurde* --

Zwischen den bayrischen Bergen und der Nordsee sind dabei Wanderungsbewegungen zu verzeichnen. Friesische Namen wie Abbo und Onno schieben sich nach Süden vor, süddeutsche Heilige und Nothelfer wie Ignaz und Egidius werden Patrone im Norden. Manche Eltern taten sich nach Seibickes Recherchen in altdeutscher Vergangenheit um (Pimpernelle), machten Anleihen in der Antike (Alkibiades) oder in der Welt der Märchen (Rapunzel).

Ein Modegefälle gibt es zwischen Städtern, die mit Neuem vorneweg sind, und bodenständigem Volk, das alles so lassen will; es ist auch zwischen den Konfessionen feststellbar. In den Heidelberger Kirchenregistern fand Seibicke bei katholischen Täuflingen ungleich mehr Modenamen als bei evangelischen Kindern. Bevorzugen Katholiken vollklingende Namen wie Manuela oder Daniel, halten es evangelische Eltern lieber kurz und karg. etwa mit Anke oder Jan.

Zeitereignisse wie die Olympischen Spiele in München (Olympia und Olympius) schlugen sich in den Geburtenregistern ebenso nieder wie Zeitströmungen: Partner-Look und Gleichberechtigung verhalfen Namenspärchen (Alexandra und Alexander, Stefanie und Stefan, Julia und Julian) zu "bemerkenswerter Verbreitung", wie Seibicke auffiel.

Gab die Studenten-Revolte so manchem Kind den Namen, etwa dem

* Wilfried Seibicke: "Vornamen". Gesellschaft für Deutsche Sprache, Wiesbaden, 1976. 240 Seiten; 18,80 Mark.

Sohn des Apo-Ideologen Dutschke, Hosea Che heißt nun der Knabe, so kam durch den Trip der Blumenkinder nach Goa und Katmandu Fernöstliches in deutsche Namenslisten, zum Beispiel Vayra, anstandslos eingetragen im schleswig-holsteinischen Dorf Nortorf bei Kiel, oder Haniroma, ebenfalls was Indisches.

Zwar beruft sich dann und wann ein pingeliger Standesbeamter -- nach Expertenurteil häufiger im Süden als im Norden der Republik -- auf die Bundesgerichtshofentscheidung von 1959, wonach "die Namensgebung die allgemeine Sitte und Ordnung nicht verletzen darf". Aber die Rechtsprechung ließ zunehmend Toleranz obwalten.

Nur Sachbezeichnungen sowie Adelsbluffs lassen deutsche Richter in der Regel nicht zu. "Grammophon" wurde ebenso abgewiesen wie "Princess Anne" oder "Baron". Auch wurden schon Dominique und Antoinette für Jungen, Gerrit und Fürchtegott für Mädchen untersagt, ebenso wie bestimmte Phantasienamen: Jama etwa, gebildet aus den ersten Silben der Namen von Vater Jakob und Mutter Maria, wurde verworfen.

Aber sonst geht fast alles, was irgendwo als Name gilt. Als ein deutscher Knabe Jun Andrijan heißen sollte, benannt nach den sowjetischen Weltraumpionieren Jun Gagarin und Andrijan Nikolajew, urteilte das Landgericht Münster: "Eltern sind in der Wahl ausländischer Vornamen auch dann nicht beschränkt, wenn diese Namen sich in der Bundesrepublik noch nicht eingebürgert haben, die Namensträger aber bekannt geworden sind."

Und als Malaika-Vannina, ein aus dem Ostafrikanischen und Korsischen gebildeter Doppelname. für die Eintragung im Namensregister anstand, beschloß das Oberlandesgericht Celle im letzten Jahr: "Auch nur im Ausland gebräuchliche Vornamen sind zumindest dann zulässig, wenn sie nach deutlichem Sprachgebrauch das Geschlecht des Kindes erkennen lassen und sowohl klanglich wie auch in der Schreibweise mit der deutschen Sprache vereinbar sind."

An Malaika, was so viel wie Engel heißt, wurde deutlich, daß es bei Gericht nicht darauf ankommen kann, ob ein Name aus dem Busch oder aus Paris stammt. Freilich schlagen die Namensgebräuche der europäischen Nachbarn stärker durch als Exotisches. Beliebt sind laut Seibicke vor allem Namen aus Skandinavien (Sven, Holger, Björn" Nils), aus dem slawischen Sprachraum (Boris, Mirko, Sascha, Katja, Sonja, Natascha), aus Frankreich (Yvonne, Nadine, Dominique, Simone) und aus Italien (Bianca, Sandra).

Wie der Kieler Germanistik-Professor Friedhelm Debus untersucht hat, werden in der schleswig-holsteinischen Hauptstadt bereits seit 1970 "eindeutig Vornamen fremder Herkunft bevorzugt": Auf der Hitliste der Mädchennamen, denen der Wissenschaftler "eine größere Modeanfälligkeit" bescheinigte als den Jungennamen, belegen Nicole und Tanja die Spitzenplätze; so genannt wurde bereits jede zwölfte Deern.

Betrug Ende der fünfziger Jahre der Anteil aller slawischen und romanischen Mädchennamen 4,2 Prozent, ist er mittlerweile auf 27 Prozent gestiegen. "Nicht so deutlich, wenngleich in der Tendenz identisch" sind laut Debus "die Verhältnisse bei den Jungennamen": Markus wurde bereits von der italienisch-spanischen Abwandlung Marco verdrängt, André und Mike ziehen auf Kosten der biblischen Namen Andreas und Michael kräftig an.

Am Beispiel Nicole deckte eine Kieler Seminararbeit die Entwicklung vom unbekannten zum modischen Namen auf. 1959 war noch kein Kieler Mädchen so genannt worden. Zu Beginn der sechziger Jahre wurde der Name gelegentlich ins Geburtenregister eingetragen. 1967 machte er immerhin schon 1,4 Prozent aus und hatte im folgenden Jahr eine Zuwachsrate von 0,6 Prozentpunkten. Nachdem im Frühjahr 1969 im ZDF die Erfolgsserie "Ein Sommer mit Nicole" gelaufen war, katapultierte sich der Name der Titelheldin im folgenden Jahr mit einem Zwei-Prozent-Anstieg auf die Spitzen-Position.

Mithin habe die Fernsehsendung. wie der Autor meint, "eine Verstärkerwirkung auf einen ohnehin vorhandenen Trend ausgeübt". Den Spitzenplatz in der Beliebtheitsskala belegte Nicole noch 1973 in Hambug wie in Karlsruhe, fiel aber im letzten Jahr etwa in Heidelberg vom ersten auf den fünften Platz zurück.

Wie Namen in und aus der Mode kommen, erläuterte Debus auf der diesjährigen Tagung der Gesellschaft für Deutsche Sprache in Mannheim: "Eine erste Phase umfaßt die Innovation, das heißt die Phase des langsamen Anstiegs, die nicht bei Null beginnen muß. Die zweite Phase ist die durch rapides Ansteigen gekennzeichnete Diffusion. Als dritte Phase schließt sich die Adaptation an, das heißt die Phase der relativ größten Verbreitung. Die vierte Phase repräsentiert die Restriktion, also das Abgleiten, den Rückgang."

Was heute für Nicole gilt, verlief bereits in der Nazi-Zeit nach dem gleichen Modell. So hat der zum Märtyrer stilisierte SA-Führer Horst Wessel wohl nur deshalb Namensmode machen können, weil zum Zeitpunkt seiner Ermordung 1930 Horst ohnehin in einer Phase rapider Verbreitung war. Die Adolf-Kurve (siehe Graphik) hingegen knickte sogar mit und trotz Hitlers Machtergreifung ab, und laut Debus ist des Führers Vorname "nie über geringere Werte im Dritten Reich hinausgekommen, wenn in der Literatur zuweilen auch anderes behauptet wird".

Wie aller Jubel zu Adolf Hitlers Zeiten kaum Kinder-Namen machte, so schlägt sich heutzutage Starrummel nur begrenzt in den Geburtenregistern nieder. "Namen von "Stars" findet man nur dann in großer Zahl wieder, wenn sie ohnehin dem Zug der Zeit entgegenkommen", stellt Seibicke fest.

Wer macht dann die Namensmode? Seibicke sieht vor allem Eltern "in den jüngeren Altersklassen der Mittelschichten" als Namen-Neuerer tätig. Debus mutmaßt, daß beim Auf- und Abstieg von Namen Begriffe wie "Mehrwert" und "Prestige" eine Rolle spielen.

Eine Untersuchung im schleswigholsteinischen Segeberg ergab, daß Arbeiter zwar modisch mitlaufen, aber keine Namensmode kreieren. Den Anstoß vielmehr geben Schreibtisch-Bürger mit Abitur, vor allem Akademiker, wobei dann so etwas herauskommt wie Jamila Talatawi Apurva.


DER SPIEGEL 41/1976
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