04.10.1976

REGISSEUREEher eine Szene

Ingmar Bergman lebt und dreht jetzt in München -- und geriet in Mißkredit.
Unterm blauen Himmel Hollywoods, wo ihm schon Bett und Schneidetisch gerichtet waren, mochte es ihm nicht gefallen. In München, bei Wind und Wetter, fühlt sich der Große Unklare aus dem Norden nun zu Hause.
Im feinen Viertel Bogenhausen, zusammen mit seiner fünften Ehefrau Ingrid, hat sich Ingmar Bergman, 58, seit einem Monat niedergelassen; diese Woche beginnt Schwedens prominentester Steuerflüchtling seinen ersten Film auf deutscher Erde.
Das 8-Millionen-Mark-Projekt heißt "Schlangenei" und spielt in deutscher Vergangenheit, im Inflationsjahr 1923. Ein jüdischer Trapezkünstler (Darsteller: Richard Harns) wird samt Freundin (Liv Ullmann) arbeitslos und gerät in eine Schlangengrube.
Ein seltsamer Arzt (Heinz Bennent) stellt ihn in seiner Klinik als Buchhalter an, doch bald durchschaut er, daß hier Mabusisches geschieht: Der Doktor macht Menschenversuche. Das Dritte Reich voraussehend, verläßt der Trapezkünstler die Weimarer Republik.
Noch nie habe er Bergman so "heiter und glücklich" gesehen wie hier in Deutschland, verkündet Bergmans Leib-Kameramann Sven Nykvist, der zuweilen darunter leidet, daß ihm der Regisseur andere Hemden vorschreibt.
Und Bergmans bärtiger deutscher Produzent Horst Wendlandt meint, der große Schwede werde wohl bald "zum deutschen Kulturkreis gehören". Das Glück ist nicht allerseits. Bergmans herrisches Naturell schafft Verstörung, die Demut, mit der der Gast belagert wird, läßt die Branche grollen, und politische Ungeschicklichkeiten brachten ihn in Mißkredit.
Die ZDF-Diskussion über seine TV"Szenen einer Ehe" etwa, vorletzte Woche, eröffnete er mit einer ehernen Szene: Als der Auftakt zu der Aufnahme nicht seinem Wunsch gemäß verlief, trommelte er wütend auf den Tisch
"völlig hysterisch und tyrannisch", so ein Teilnehmer. Über den Sender, in der geschnittenen Fassung, kam er als Prinz Charming.
Als Kniefall wird gewertet, daß die Projektkommission (der Filmförderungsanstalt) dem "Schlangenei" -- einer finanziell satten deutsch-amerikanischen Koproduktion -- ihre bislang größte Fördersumme zusprach: 700 000 Mark. "Kindergeld kriegt auch jeder", sagt Produzent Wendlandt, "ob er arm ist oder reich."
Auch den Goethe-Preis der Stadt Frankfurt (50 000 Mark steuerfrei), den Bergman Ende August entgegennahm, hätten Kritiker lieber bei einem gesehen, der ihn mehr braucht oder mehr verdient. Immerhin, es war SPD-Balsam auf die Wunde, die ihm Schwedens sozialdemokratische Steuerfahnder geschlagen hatten.
Schlimm freilich für die Genossen, daß sich Bergman, bei der Nachfeier im Münchner Schlemmer-Beisel "Boettner", an einen Tisch mit dem Wendlandt-Freund Franz Josef Strauß setzte. Zwar wollte Bergman sich, fürs "Schlangenei", von Strauß nur die 20er Jahre erhellen lassen -- Strauß: "Die Sozialdemokraten haben mit ihrer Militärfeindlichkeit Hitler an die Macht gebracht."
Aber die Münchner "Abendzeitung" meldete: "Bergman und Strauß verstanden sich auf Anhieb", und der Schwede halte Strauß für einen "hochinteressanten Mann". Frau Bergman habe überdies gestanden, daß sie nie Sozialistin gewesen sei und auch ihr Mann "sich jetzt bekehrt" hätte.
Das war Feuerwasser auf die Wahlmühlen des Franz Josef Strauß: Kürzlich habe er, gab er in Wahlreden an, den "berühmten Filmregisseur" in seiner "Münchner Wohnung zu Gast" gehabt. "Dieses Renommierpferd der Sozialdemokraten bat mir gesagt: "Ich bleibe in München. Da herrscht der Geist der Freiheit."
Entsetzt schrieb Frankfurts SPD-Kulturdezernent Hilmar Hoffmann daraufhin an Duz-Freund Bergman einen Brief, in dem er ihn über Strauß "aufklärte". Bergman zurück: Die "Abendzeitung"-Zitate seien zu "100 Prozent journalistische Erfindung". Und er habe nun "ein paar Tricks deutscher Politik kennengelernt".
Von Herzen glücklich in dem ganzen Kuddelmuddel ist offenbar nur einer. Als Heinz Bennent hörte, daß Bergman ihn als "Schlangenei"-Arzt wollte, "habe ich mich erst mal in eine Ecke gesetzt und richtig geheult"

DER SPIEGEL 41/1976
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