04.10.1976

HIFI-MESSEBoxen im Jenseits

Die Branche der Audio-Elektronik ist optimistisch: Das Weihnachtsgeschäft soll alle Rekorde brechen.
Als "Super HiFi" propagiert die bayrische Biedermarke Grundig ihren "Vorstoß in eine Welt des lebendigen Klanges". "Ultra HiFi" verheißt der bislang eher auf den Normalverbraucher fixierte Villinger Hersteller Saba. Telefunken bewirbt seitenlang seinen "Klang, der aus dem Vollen schöpft" -- die deutschen Hersteller tönen so, als hätten sie die High Fidelity soeben erfunden.
Mit einem Werbe-Aufwand, als würden sie Peter Stuyvesant verkaufen, und einem Konjunktur-Optimismus wie schon seit Jahren nicht mehr geht die Branche in einen "heißen HiFi-Herbst" (Fachblatt "Funkschau"): Kaum ein Produzent. der sich in der letzten Woche auf der Düsseldorfer HiFi-Messe nicht lauthals einer "neuen Geräte-Generation", einer "revolutionären Modell-Serie" oder doch wenigstens einer "total neuen Design-Linie" rühmte.
"Dies wird ein Weihnachtsgeschäft wie noch nie", frohlockt Wega-Chef Gerhard Schulmeyer, "die Leute haben das Geld und sind auch bereit, es auszugeben."
Wie bei Wega ("Wir bringen auf einen Schlag 15 neue Modelle auf den Markt") glauben überall die Manager daran" daß -- so Sonys Deutschland-Chef Jack Schmuckli -- "der Deutsche langsam HiFi-bewußt wird".
Er wird das ziemlich spät: Bislang ist nach Schätzungen des Gewerbes erst jeder vierte Haushalt der Bundesrepublik highfidel gerüstet, und selbst diese Quote wird bezweifelt. Denn die Diskussion darüber, was als HiFi-Qualität zu gelten hat, ist wieder ausgebrochen, und die Fronten scheinen unversöhnlich.
Die deutschen Hersteller starren immer noch fasziniert auf die sogenannte DIN-Norm 45 500, auf die sich die Branche ("wir sind die einzige Nation, die da Normen hat") seit zehn Jahren so viel zugute hält.
Aber diese Qualitätskriterien" so spotten insbesondere amerikanische und japanische HiFi-Produzenten" "verhalten sich zum Stand der heutigen HiFi-Technik so, als wolle man mit dem Bauschema einer Dampfmaschine in der Hand die Tauglichkeit eines Überschallflugzeuges testen".
Richtig ist, daß viele der nach DIN geforderten Minimalwerte, die einer Stereo-Anlage erst die HiFi-Weihen verleihen. inzwischen durchschnittlich um mindestens eine Zehnerpotenz überboten werden: Mit der vorgechriebenen Verstärkerausgangsleitung von zweimal sechs Watt oder dem erlaubten Klirrgrad von nicht mehr als einem Prozent treten heute licht einmal mehr mittlere Konsumgeräte an.
"Unter diesem HiFi-Begriff wird viel Schrott gehandelt", sagt Yamahas Deutschland-Repräsentant Edwin H. Fitzthum. Die japanische Spitzenmarke Werbeslogan: "Die neue Klangdefinition für das sensible Reich einer Minderheit") bietet einen neuen Verstärker mit weniger als 0,002 Prozent Klirrfaktor: "Wenn schon eine Norm", so Fitzthum, "dann brauchen wir dringend eine neue."
Unter der bisherigen ist es nicht einmal Aufschneiderei, wenn Saba und Grundig mit Ultra- oder Super-HiFi rotzen. "Was wir an HiFi bieten". so interpretiert Grundig bauernschlau sein Werbe-Motto, "das ist für Otto Normalverbraucher einfach super."
Noch machen die sogenannten Mehrweg-Anlagen (Rundfunkempfänger, Plattenspieler und immer häufiger such Kassettenrecorder in einem Gerät) rund 50 Prozent des westdeutschen HiFi-Umsatzes aus. Dementsprechend unübersehbar ist das Angebot kaum noch unterscheidbarer HiFi-Kompakt-Pakete (zu Preisen zwischen 600 und 2000 Mark).
"Deutschland ist ja immer drei oder vier Jahre hinter der japanischen Entwicklung her", lächelt Sonys Vizepräsident Norio Ohga, "bei uns werden schon so gut wie keine Kompaktgeräte mehr verkauft."
So bleiben Japaner und Amerikaner weiterhin die in den höheren Preisklassen bevorzugten Anbieter von HiFi-Komponenten, die deutsche Industrie Ist in der Prestige-Klasse, außer durch ein paar ambitionierte Bastler-Firmen, bestenfalls noch durch Telefunken, ASC und Wega vertreten, nachdem die einstmals führende Renommiermarke Braun sich dem Mittelstandskonsumenten zugewendet hat.
Die Neuheiten-Flut ("der Welt größter HiFi-Spezialist Pioneer" zeigt allein etwa 35 neue Geräte) bringt nur wenige technisch bedeutende Neuigkeiten (siehe Kasten Seite 241). Um so mehr ist an verspieltem Bedienungskomfort und an Geräte-Kosmetik geleistet worden.
Die meisten deutschen Anlagen sind inzwischen so schlank und mattschwarz wie einst nur die des Designpioniers Braun. Lediglich Grundig setzt mit den mütterlich gerundeten Formen einer schwellenden Softline, mit Zierleisten und glitzernder Schmuckkästchendekoration auf "ein wohnliches Design" weil die Leute den kalten technischen Look nicht mehr wollen".
Demnach würden es die Japaner schwer haben: Bei ihnen dominieren gebürstete Metallicfronten, robuste Armaturen mit Profi-Touch -- Technics' teuerste Serie mutet, in militärischem Olivgrün, wie die Ausstattung einer Funkkabine auf einem Lenkwaffenzerstörer an.
Ausgefallenes Design jenseits der großen Trends gibt es nur noch bei einigen kleineren: bei Sonab aus Schweden oder B & 0 aus Dänemark, deren konsequente Flachbauweise noch immer unverkennbar ist; bei ein paar Acrylglas-Verarbeitern, die alles durchsichtig machen, und bei einer Handvoll amerikanischer High-Fi-Society-Marken, deren Mut zur Häßlichkeit ungebrochen bleibt.
Auf dem kleinen, aber profitintensiven Markt der HiFi-Freaks und -Aficionados geht der Kampf um die höheren Wattzahlen (bei etwa zweimal 300 fängt zur Zeit das snobistischere HiFi-Hören an) und bessere Meßdaten munter weiter -- sehr häufig allerdings, diese Meinung gewinnt auch unter den treuherzigsten Fans immer mehr Anhänger, "ein pures Schattenboxen weit jenseits der Hörgrenze".
Ausgerechnet das Messeheft der Fachzeitschrift "HiFi Stereophonie" machte jetzt einem lieb gewordenen Aberglauben der Audio-Puristen den Garaus: daß etwa bei Verstärkern auch oberhalb derzeit noch meßbarer Spitzenqualität gehörmäßige Unterschiede bemerkbar seien.
Deutschlands HiFi-Papst Karl Breh kommt nach ausführlichen Tests und Hörvergleichen von sieben Spitzen-Endstufen zu dem Ergebnis, daß "keine signifikanten Unterschiede festgestellt werden konnten".
Im Preis indes sind sie um so deutlicher zu bemerken: Der teuerste Verstärker in dieser Qualitätsklasse" ein japanischer Sansui-BA-5000, kostet annähernd 5000 Mark. Der preiswerteste. QUAD 405 aus England, ist schon für rund 1200 Mark zu haben.

DER SPIEGEL 41/1976
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