13.09.1976

Himmel und Erde sind in Bewegung geraten

Ein Bauernsohn aus der Provinz Hunan, Krieger und Poet, hatte 800 Millionen Chinesen in die glückliche Zukunft des reinen Kommunismus führen wollen: Mao Tsetung. Doch der größte Politiker des Jahrhunderts brachte seine Utopie trotz lebenslangem Kampf der Realität kaum näher, bei seinem Tod war sein Haus nicht bestellt.

Als der "Große Steuermann" und "alte Buddha" (Mao über Mao) starb, fanden die Steuerleute der Welt, von Beileidsbesuchen ausgeschlossen, größere Worte als üblich.

Frankreichs Giscard sah pathetisch "den Leuchtturm des Weltgeistes" erlöschen, Amerikas Kissinger etwas diesseitiger "einen Titanen unserer Zeit" scheiden. Bayerns Strauß erinnerte sich, noch diesseitiger, daß bei seinem letzten Mao-Besuch "gegenseitiger ideologischer Missionsdrang ... nicht zur Debatte" stand.

Richtig froh waren nachweislich nur Sowjetbürger auf der Straße: "Gott sei Dank, höchste Zeit."

Höchste Zeit? Gewiß nicht. Der "Meister" -- diesen Titel schätzte Mao besonders -- hatte sich immer nur für einen Lehrer gehalten, die ganze Welt freilich als seine Schulklasse angesehen und 800 Millionen Landsleute als Musterschüler in der ersten Reihe. Ein ähnliches Phänomen kennt die Geschichte nicht.

27 Jahre lang unterzog Mao das größte Volk der Erde einem permanenten Erziehungsprozeß, hämmerte ihm seine Vokabeln ein, suchte die Mentalität der Bauern umzupolen -- doch am liebsten schrieb er Gedichte.

Für seine pädagogischen Experimente stand ihm ein Volk zur Verfügung, das in Jahrtausenden bereits zum Dulden und zur Disziplin, zu Fleiß und Anpassung erzogen war, begabt mit außergewöhnlicher Schöpferkraft und Phantasie: der rechte Stoff, aus dem Mao den neuen Menschen nach seinem Bild gestalten wollte, ein leeres Blatt, so sein eigener Vergleich, auf das er nur seine Zeichen zu tuschen brauchte. In grauer Kluft und Turnschuhen saß er nächtens am Schreibtisch und dachte sich immer neue Parolen und Kampagnen aus, neue Konstruktionen gesellschaftlichen Zusammenlebens, die einmal doch funktionieren mußten.

Er schickte mehrere hundert Millionen Bauern in die Kommunen und 14 Millionen Schüler und Studenten aus den Städten zu den Bauern. Er ließ Hunderttausende Grundbesitzer erschießen und ebensoviel Funktionäre unter Schandhüten beichten.

Er gab den Befehl aus, alle Fliegen totzuschlagen und die Spatzen vom Himmel fallen zu lassen, zog Dämme durch das Land und Terrassen über die Berge. Er verordnete ein Mindestheiratsalter von 27 Jahren, für das dritte Kind gibt es keine Lebensmittelkarte.

Traf Dürre das Land oder brach ein Damm in seinem Reich, baute ein Monteur eine neue Maschine oder sorgte sich ein Sanitäter um ein krankes Kind, riefen sie alle nicht mehr die Erdgeister an, sondern zitierten die goldenen Worte ihres Vorsitzenden: "Seid mutig, habt Mut zu kämpfen, alle finsteren Mächte werden vernichtet werden."

Er ließ sich lobhudeln wie ein Götze, aber er lebte wie ein Mönch. Maos Metaphern drangen aus seiner chinesischen Klause in die Umgangssprache des Westens -- der Papiertiger etwa, unter dem er erst die Atombombe, dann den Imperialismus, Amerika und die Reaktionäre, schließlich Rußlands neue Zaren verstand.

Seine Schüler im Westen lehrte er. daß Revolution kein Deckchensticken ist und politische Macht aus den Gewehrläufen komme. Begeistert zogen Zehntausende unter seinem Banner über die Boulevards der großen Städte des Westens, enttäuscht sahen sie, wie der Prophet Unwürdige und Gestrige an seine Tafel lud: die Heath, Strauß, Julie Eisenhower, ämterlos sie alle.

Doch derselbe Mann hatte der überschäumenden Welt des Genusses eine Alternative gewiesen: Konsumverzicht, Bescheidenheit, arm, aber ehrlich zu leben und an Ideen zu glauben.

Mit Sicherheit war Mao nicht der Marxist, für den er sich hielt. Sein Objekt China kam nach den Schriften von Marx und Engels für die große Zukunftskommune nicht in Betracht, in der jeder ohne individuellen Lohn freiwillig Leistungen erbringt und dafür nach seinen Bedürfnissen zugeteilt erhalten sollte. Mao wollte nicht zuwarten, bis der Kapitalismus jene Industrialisierung vollzogen hatte, die dem Reich der Freiheit die materielle Basis geben würde. Seine Proletarier waren stets die Bauern.

Er stellte die reine Lehre auf den Kopf, suchte eine ganze Periode der gesellschaftlichen Entwicklung zu überspringen und statt dessen mit viel gutem Willen und richtigem Bewußtsein das gesellschaftliche Sein zu ersetzen -- ein phantastischer, ein großartiger Plan, aber irreal.

Mao erteilte seinem eigenen Werk die Zensur: "Das Chinesenreich wird nicht im Schlamm versinken und der Himmel nicht einstürzen, denn wir haben einige gute Dinge getan, und unsere Lenden sind gefestigt."

Bei seinem Tod ist China ein weltweit anerkannter, geordneter Staat. Die Bauern verhungern nicht mehr bei Dürre oder Flut, die Kinder werden nicht mehr verkauft, die Füße der Frauen nicht mehr verkrüppelt. Für jedermann ist das Existenzminimum gesichert, das Arbeitsmaß erträglich. Analphabetismus und Epidemien sind fast ausgerottet.

Ein wenig hat der Lehrer Mao Tsetung sogar den chinesischen Menschen verändert, der Solidarität nur gegenüber seiner Familie oder seinem Clan kannte, dem der abendländische Begriff des Mitleidens mit Unbekannten fremd war.

Heute haben die Reisbauern aus den Provinzen ein gesamtchinesisches Nationalbewußtsein und ein Empfinden für Verbundenheit gegenüber dem Nächsten, sie haben gelernt, "dem Volk zu dienen". Die Gruppe, das Arbeitsteam, die Dorfgemeinschaft, die Klasse, die Nation haben neues Selbstbewußtsein gewonnen.

China. bis auf die Provinz Taiwan vereinigt und unabhängig, hat sich dem Alleinvertretungsanspruch der Moskauer Orthodoxie mit so durchschlagendem Erfolg widersetzt, daß die mächtige Sowjet-Union ihre Politik weitgehend an ihrer China-Angst orientiert.

Aber: Der Konflikt mit seinem größten Nachbarn belastet auch China. Am Welthandel nimmt das Riesenreich bislang kaum Anteil, seine Einwohner leben isolierter von der Umwelt denn je.

Der Kuli von einst beginnt heute, die "fünf großen Dinge" für sich zu reali-

* Am 27. Mai beim Besuch des pakistanischen Staatspräsidenten Bhutto.

sieren: Radio, Armbanduhr, Fahrrad, Kugelschreiber, Nähmaschine.

Aber: Für solche Genüsse hatte Mao gerade nicht sein Leben lang geschrieben und gekämpft. Sie standen nicht in seinem roten Büchlein, sondern im Programm seiner Gegner von der bürgerlichen Kuomintang und der "revisionistischen" Phalanx innerhalb der eigenen Partei. Mao wollte etwas ganz anderes: den Kommunismus.

Er träumte von jenem neuen Menschen, der gleichzeitig arbeitet und verwaltet, kämpft und studiert. Niemand sollte einem anderen untertan sein -- keinem Arbeitgeber, Bürokraten, Professor, Offizier.

Um diese schöne neue Welt zu erreichen, veranstaltete Mao die Kampagne "Laßt hundert Blumen blühen" und seinen "Großen Sprung nach vorn", ließ er die Kultur revolutionieren und Konfuzius kritisieren.

Und er ließ brutal die Blumen wieder ausjäten, die "Volkskommunen" als Familienersatz abschaffen und durch gewöhnliche Kollektivwirtschaften unter dem gleichen hochtrabenden Namen ersetzen.

Er ließ die Rotgardisten vom Militär unterdrücken und die Bürokraten zurückrufen -- und dann die Bürokraten wieder durch Revolutionäre kritisieren. Er entfachte einen Personenkult, wie ihn die Welt hysterischer noch nicht erlebt hatte.

Und er zerschlug die soeben errichteten Strukturen so unermüdlich, daß sich die Frage stellt, oh die ununterbrochene Kette der Kampagnen und Gegenkampagnen nur das intellektuelle Spiel eines großen Experimentators war, der über Millionen Menschenschicksale Gewalt gewonnen hatte.

Mao nannte das kräfteverschleißende Hin und Her die permanente Revolution. Sie hat bei Maos Tod folgendes Stadium erreicht:

Im China von 1976 gibt es neun Lohnklassen -- von 26 bis 380 Jüan im Monat (33 bis 494 Mark). Die Arbeiter wünschen sich noch differenziertere Prämien für unterschiedliche Leistungen. Die "Bürokratenklasse" (Mao) sammelt sich und sucht sich Privilegien zu sichern, die Offiziere sehnen sich nach den Rangabzeichen, die Mao ihnen nahm. Als Ersatz tragen sie Uniformblusen mit aufgesetzten Taschen, die Gemeine nicht haben.

Maos Pläne waren so hochfliegend, seine Utopien so lehensfern, daß es unweigerlich zu Katastrophen gekommen wäre, hätte nicht Ministerpräsident Tschou En-lai den Großen Vorsitzenden immer wieder ins Diesseits zurückgeholt, die Scherben des Soziallaboratoriums China aufgesammelt, Verwaltung, Armee und Wirtschaft nach funktionellen Grundsätzen neu organisiert. Acht Monate vor Mao starb Tschou.

Er hinterließ als Vermächtnis, wie er, der Realist, sich China im Jahr 2000 vorstellte -- eine industrielle Supermacht. "Noch in diesem Jahrhundert", hat Tschou auf dem letzten Volkskongreß erklärt, solle "Chinas Volkswirtschaft in den vordersten Reihen der Welt stehen".

Dies Ziel ließ sich nicht mit Maos Sozialträumen erreichen, sondern allenfalls über materielle Anreize, Privatisierung der Landwirtschaft, Zentralisierung der Industrie unter Leitung erfahrener Fachleute. Es war im Grunde -- das macht Mao zur tragischen Figur -- bei anderer Ausgangslage das Modell der verachteten, bekämpften Sowjet-Union.

Tschous Konzept entwickelte der Mann fort, den Tschou als Nachfolger hinterlassen hatte: Vizepremier Teng Hsiao-ping. Für Mao hieß dies Programm (so die Pekinger Zeitschrift "Rote Fahne"), "Chinas sozialistische Wirtschaft in eine kapitalistische Wirtschaft unter einem Bürokraten-Monopol umzuwandeln" -- also Maos Lebensziel umzukehren. Fünf Monate vor Maos Tod wurde Teng von den Linken gestürzt, die sich auf Mao berufen konnten.

Eine unnachsichtige Propagandakampagne rollt seither gegen die vielen kleinen Tengs in Wirtschaft, Verwaltung und Armee -- jene Klasse von Funktionären aus der Schule Tschou En-lais, die dem chinesischen Sozialismus gegen Maos Träume die fehlende materielle Basis hatten unterschieben wollen.

Das maoistische Hauptargument gegen das Programm von Tschou & Teng laut "Rote Fahne": "Wenn man Prämien ausgibt, mittels materieller Dinge den Enthusiasmus der Menschen anreizt, so ist es unvermeidlich, daß das Denken der Kader und Massen korrumpiert wird, daß die Menschen dazu gebracht werden, nur an ihre eigenen Interessen zu denken und nach Ruhm und Gewinn zu streben und die zwischenmenschlichen Beziehungen in Geldbeziehungen zu verwandeln" und das ehrenhafte Ziel des Sozialismus zu vergessen".

Der erfahrene Administrator Teng Hsiao-ping war das letzte Opfer Maos. der sich in seinem politischen Leben von allen seinen Freunden und auserwählten Nachfolgern getrennt hatte -- außer von Tschou.

Noch im Mao-Nachruf der Pekinger Nachrichtenagentur "Hsinhua" sind all die rechten und -- wegen des selbst ockupierten Standorts in Anführung gesetzten -- "linken" Abweichungen von der Mao-Linie aufgezählt, die der Rebeil von Peking verurteilt hatte, bis niemand mehr in der alten Garde auf seiner Seite stand als seine Ehefrau Tschiang Tsching, 63.

Mao Tse-tung war dennoch kein Diktator. Er rühmte sich zwar gern, daß er Gewalt angewendet habe und verglich sich mit dem blutrünstigen Kaiser Schih Huang Ii aus dem dritten Jahrhundert vor Christus, der 460 konfuzianische Gelehrte lebendig hatte begraben lassen. Mao: "Wir haben 46 000 begraben."

Doch niemals konnte Mao Tse-tung die Alleinherrschaft ausüben -- unter Genossen war er nie voll akzeptiert, immer mußte er sich gegen seine Umwelt durchsetzen, im Pantheon des Weltkommunismus fraglos die größte politisch wie menschlich bewegendste Figur. Sein Leben war permanenter Kampf.

Geboren ist Mao im Dorf Schaoschan in der südchinesischen Provinz Hunan in den Morgenstunden des 26. Dezember 1893: zur Stunde des grünen Drachens, am Tage des roten Hahns, im Monat der grünen Maus und im Jahr der schwarzen Schlange -- nach dem konfuzianischen Kalender.

Sein Vater, erst kaiserlicher Soldat, später Bauer, der es als Reis- und Schweinehändler und Geldverleiher zu einigem Wohlstand gebracht hatte, sieht in seinem Ältesten den Hoferben. Er schickt ihn -- eine Ausnahme -- schon mit sieben Jahren auf die Dorfschule, damit er die Lehren des Konfuzius und die Buchführung lernt, und läßt ihn in der Freizeit auf den Feldern schuften. Mao erinnert sich an ihn als den "ersten Kapitalisten, unter dem ich zu leiden hatte".

Genau genommen ist er auch der letzte. Als Landmann Mao merkt, daß der Sproß nicht nach seinem Willen gerät und trotz aller Prügel nicht davon abzubringen ist, heimlich in Räuberpistolen mit Titeln wie: "Die Schwurbrüder vom Pfirsichgarten" zu schmökern, verliert er sein Interesse an ihm. Der ungeratene Sohn wird Lehrer.

Auf der Oberschule in der Provinzhauptstadt Tschangscha klebt er mit 18 eine Wandzeitung, in der er die Rückkehr des nach Japan emigrierten Revolutionärs Dr. Sun Jat-sen fordert. Er liest Bücher von Darwin, Thomas Huxley, John Stuart Mill, Adam Smith oder Rousseau -- alle in chinesischer Übersetzung. Mao später über seine wohl wichtigsten Lehrjahre: "Wie ein losgelassener Wasserbüffel im Gemüsegarten."

Als sein Vater droht, ihm das monatliche Zehrgeld zu entziehen, meldet sich Mao beim Lehrerseminar an -- hauptsächlich, weil es kein Schulgeld verlangt. Während der zehn Semester geht der Bauernsohn gänzlich in der bürgerlichen Welt der "Weißen Kragen" auf: "Neben ihnen kamen mir Bauern und Arbeiter eher dreckig vor."

Im Jahr 1917 erscheint in der Zeitung "Neue Jugend", die für Keuschheit, Askese und Ferienarbeit bei den Bauern eintritt, ein Aufsatz über den Wert der körperlichen Ertüchtigung: "Der Hauptzweck ist soldatisches Heldentum; alle seine Merkmale wie Mut. Unerschrockenheit, Kühnheit und Ausdauer sind reine Willenssache." Gezeichnet ist der Artikel in dem Wandervogel-Blatt mit dem Pseudonym "Der Student mit den 28 Strichen", die erste Veröffentlichung von Mao Tse-tung.

Mit 25 bekommt Mao" wenn auch nicht gerade mit glänzenden Noten, das Diplom zum Volksschullehrer. Lust, in die Schule zu gehen, hat er sowenig wie zuvor. Er geht nach Peking, lernt die Studenten Tschou En-lai und Teng Hsiao-ping kennen und kehrt zurück nach Fschangscha. China-Beobachtcr Karl-Heinz Janßen hat den letzten Wissensstand des weiteren Mao-Lebenslaufs gesammelt*.

Aus Protest gegen den Friedensvertrag von Versailles, in dem die ehemals deutsche Kolonie Kiau-tschau den Japanern zugesprochen wird, ziehen 1919 Hunderttausende von Schülern und Studenten zum Pekinger Tienanmen-Platz.

* Karl-Heinz Janßen: Das Zeitalter Maos. Eugen Diederichs Verlag, Düsseldorf, 288 Seiten, 32 Mark.

Für Mao, der eine Studentenzeitung unter dem Titel: "Kritische Blätter vom Hsiang-Fluß" gründet, ist der Aufruhr ein Signal: "Himmel und Erde sind in Bewegung geraten. Wir sind aufgewacht ... Wir, das sind die Arbeiter, die Studenten, die Lehrer und die Bauern."

Sind sie aufgewacht? Als Maos ehemaliger Lehrer Professor Ischen im Frühjahr 1920 in Schanghai mit Hilfe eines sowjetischen Komintern-Agenten die erste kommunistische Zelle gründet, ist Mao in dem kleinen Kreis der einzige Proletarier -- aus Geldmangel arbeitet er gerade in einer Wäscherei. Im nächsten Jahr ist er einer der zwölf Gründungs-Delegierten der KP Chinas.

Genosse Mao ist mit wildem Eifer dabei, auch wenn ihm der Komintern-Befehl wenig behagt, möglichst ein Bündnis mit der bürgerlich-nationalen Kuomintang-Partei des Sun Jat-sen zu suchen und die Anstrengungen für den Klassenkampf auf die Industriearbeiter der Städte zu konzentrieren.

Als 1925 britische Polizisten in Schanghai linke Studenten erschießen, rufen die Arbeiter von Schanghai, Kanton und Hongkong den Generalstreik aus. In wenigen Wochen wächst die KPCh von knapp 1000 auf über 50 000 Mitglieder an.

Doch Maos Idee, durch das Versprechen einer allgemeinen Landreform auch die Bauern für die KP zu gewinnen, stößt bei der eigenen Führung wie auch beim Bündnispartner Kuomintang auf Widerstand.

Von Mao angeheizte Bauernaufstände in Hunan geraten außer Kontrolle, die blutige Metzelei bringt die KP-Führung gegen die Bauernbünde auf. Doch ehe eine endgültige Entscheidung über Maos Schicksal fällt, inszeniert im April 1927 die Kuomintang unter dem General und Sun-Schwager Tschiang Kai-schek die Nacht der Messer.

Sie läßt Zehntausende von Genossen in Schanghai, Hunderttausende im ganzen Land niedermetzeln. Die durch Stalin auf die Arbeit mit den Industriearbeitern verpflichtete KPCh verliert nicht nur den größten Teil ihrer Führung, sondern auch ihre proletarische Basis.

Mao erlebt die Genossen-Jagd im heimischen Hunan; rund 20 000 seiner Bauernbündler läßt der Garnisonskommandant niedermachen. Nur durch Glück entgeht Mao der Erschießung. Die Partei wirft ihm "abenteuerlichen Opportunismus" vor und enthebt ihn aller seiner Ämter, die Kuomintang-Truppen fahnden nach ihm. Mao flüchtet mit seinem Haufen in die nahen Berge.

Im Frühjahr stößt der General Tschu Teh, wie Mao heimliches KP-Mitglied, mit 10 000 ausgebildeten Soldaten zur Bauerntruppe. Unter Tschu, der nach der Befreiung zum Oberbefehlshaber der Armee aufsteigt, dienen Politkommissar Tschen Ji, später chinesischer Außenminister, und ein taktisches Jung-Genie: Lin Piao, 21.

Die verbündete Armee, von der die Gegner nur als "Tschu-Mao-Truppe" sprechen -- was so viel wie "Schweineborste" heißt -, gründet mitten im Feindesland 1931 die erste chinesische Sowjet-Republik; Mao wird Regierungschef, zur Partei gehören 2000 Arbeiter, aber 120 000 Bauern.

Fünf Feldzüge führt General Tschiang Kai-schek, beraten von dem deutschen General von Seeckt, gegen die Bergfestung. Dann entscheidet sich die eigene Parteileitung, beraten von dem deutschen Kommunisten Otto Braun, gegen Maos Willen zum Rückzug in sicheres Gebiet.

Der nun beginnende legendäre "Lange Marsch" ist in der modernen Kriegsgeschichte ohne Beispiel. In drei Frontarmeen marschieren 230 000 Rotarmisten fast zwei Jahre lang 12 000 Kilometer -- die Entfernung von Berlin nach Kapstadt.

Schlecht bewaffnet, nur mangelhaft verpflegt, in ständige Kämpfe mit dem weit überlegenen Feind verwickelt, müssen Maos Soldaten 18 Bergketten, bis zu 5000 Meter hoch, überwinden und 24 breite Flüsse überqueren.

Unter härtesten Bedingungen werden aus der Not jene soldatischen Tugenden geboren, die den Stil der maoistischen Armee auch künftig prägen sollen. Soldaten, meist auf sich selbst gestellt, die mit der Feldhacke und dem Buch ebenso umzugehen wissen wie mit dem Gewehr, die das Vertrauen der Bevölkerung erwerben können, die nicht plündern, brandschatzen oder vergewaltigen und die auch ohne Kodex ihren. Führern gehorchen.

Auf einer längeren Rastpause in Tsunyi läßt Mao die politische und militärische Führung zusammenrufen und einen Revolutionären Militärrat und ein neues Politbüro wählen. Er selbst setzt sich an die Spitze des Ständigen Ausschusses.

Seit damals, Mao ist 41 Jahre alt, hat er den Posten des Vorsitzenden bis zu seinem Tod nicht wieder abgegeben -- Mao wurde der am längsten amtierende Parteichef der Welt. Er selbst beschreibt den Coup im Gebirge später so: "Damals habe ich als stinkender Buddha wieder begonnen, Wohlgeruch anzunehmen."

Am 20. Oktober 1935 treffen die Vorauskommandos in der Provinz Schensi am Jenan-Fluß auf eine kahle Löß-Landschaft, in die hohen Uferhänge graben die Roten ihre Höhlen. Von der übrigen Welt abgeschnitten. wird der Höhlenstaat von Jenan in mehrfacher Hinsicht zum Modell. Aus Sorge um ihre Leute -- nur rund 50 000 haben den langen Marsch überlebt -- müssen Mao und seine Führer Methoden der Selbstversorgung entwickeln und sich nach neuen Kämpfern für die Revolution umsehen.

Der bislang von der Partei gehinderte Bauernbefreier setzt seine Landreform durch, läßt industrielle Kleinbetriebe anlegen, gibt mitunter sogar selbst Unterricht in Agrarwirtschaft. "Von fremder Hilfe unabhängig, autark sein!" ist die Parole.

Das meiste aus dem Mikrokosmos von Jenan überträgt Mao später auf ganz China. Die Kunde von dem roten Musterstaat im Norden zieht immer mehr Anhänger aus dem ganzen Land in seine Reihen.

Von vielen wird die erdnahe Harmonie auch gründlich mißverstanden. Ein Genosse aus den USA, als Polit-Tourist angereist, kommt unter dem Eindruck dieser Notgemeinschaft ins Schwärmen: Kommunismus sei doch nur ein anderes Wort für Liebe. "Nein", antwortet Mao trocken, "der Kommunismus ist nicht Liebe, er ist der Hammer, mit dem wir den Feind zerschlagen."

So intensiv wie nie zuvor und wie wohl auch niemals später grübelt Mao über einem neuen Bild vom Menschen und der Gesellschaft. Nahezu alle Visionen, die später Millionen auch außerhalb Chinas erregen werden, wurden in den durchwachten Nächten von Jenan entwickelt und zu Papier gebracht, ungeprüft an Realität und Alltag.

Vergeblich versucht sein Gegenspieler General Tschiang Kai-schek, den Bauernführer auszuräuchern. Auf ihn und General Tschu Teh hat er je eine Viertelmillion Silberdollar als Kopfgeld ausgesetzt. Tschou En-lai, der spätere Premier, ist Tschiang nur 80 000 Dollar wert.

Doch nicht Mao, sondern Tschiang wird verraten. Meuternde Offiziere setzen den Kuomintang-Chef in Sian fest und sind bereit, ihn Mao auszuliefern. Mao läßt den General unter der Bedingung frei, daß beide Parteien einen Burgfrieden und eine militärische Allianz gegen die Invasion der Japaner schließen.

Im Kreis der Genossen ebenso umstritten ist Maos Verlangen, das ZK möge sein langjähriges Verhältnis mit der Filmschauspielerin Tschiang Tsching (Grüner Fluß) legalisieren, die unter ihrem Künstlernamen Lan Pin (Blauer Apfel) zu bescheidenem Ruhm gekommen war. Als die Genossen zögern, ihr Jawort zu geben, droht der Vorsitzende mit Sitzstreik.

Die schöne Tschiang Tsching, mit der Mao schon zwei Töchter hat, ist auf dem Papier seine vierte Frau. Die erste, ein sechs Jahre älteres Nachbarmädchen, war ihm nach konfuzianischer Sitte schon in Schaoschan als Kind von den Eltern zugesprochen worden; die Ehe wurde nie vollzogen.

Seine zweite Frau hatte Mao während seiner Lehr- und Wanderjahre in Peking kennengelernt: Jang Kai-hui, Tochter seines Lieblingslehrers, wie Mao Revolutionärin, schließlich auch KP-Mitglied. Im Jahr 1927 trennen sich die beiden, drei Jahre später wird Jang beim mißglückten Sturm auf Tschangscha von der Kuomintang gefaßt und zusammen mit Maos Schwester ei-schossen.

Ihre beiden Söhne können dem Massaker entfliehen; Mao An-jing, der Älteste, fiel im Korea-Krieg, sein heute 45 Jahre alter Bruder soll als Ingenieur in der Sowjet-Union leben.

Die Rotarmistin Ho Tsu-tschen wird Maos dritte Frau; sie bekommt fünf Kinder, vier davon, auf dem "Langen Marsch" geboren, werden bei Bauern zurückgelassen und sind verschollen. Ein Bruder Maos, Tse-tan, aktives Parteimitglied, fiel bei den Kämpfen im Bürgerkrieg in der Provinz Kiangsi.

Daß Mao den Krieg heil überlebte, war wohl nur Glück: Rechnet man die Aufstände der Bauernbünde im hei-

* Funktionäre mit Schandhüten auf einem Lkw

matlichen Hunan dazu, hat er 26 Jahre lang Krieg geführt, als er nach dem Sieg über Japaner und Kuomintang am 25. März 1949 im eroberten Peking einzieht.

Es ist ein verwandelter Mao, nicht mehr der puritanische Gleiche unter Gleichen der Jahre von Jenan. Im Generalsumhang mit pelzbesetztem Kragen läßt sich der Vorsitzende, im US-Jeep stehend, von der Truppe feiern. Nicht nur Parteipropaganda und Volkslegende, auch Mao selbst setzt die neuen Maßstäbe. Wenige Tage nach der japanischen Kapitulation schreibt er ein Gedicht, in dem er seinen Platz in der chinesischen Geschichte beansprucht:

"Groß ist die Schönheit dieser Berge und Flüsse, sie verführte die Kaiser der Dynastien Tschin und Han, Tang und Sung, sich im Kampf um sie zu messen.

"Doch alle waren sie klein an Wuchs, und Dschingis-Khan verstand nur den Falken zu schießen zum Spaß. Denn die überragende Gestalt beobachtet heute die Szene."

Mao als Übermensch und Super-Kaiser -- millionenfach vervielfältigen seine Propagandisten das strahlende Bild, nur noch wenige Auserwählte relativieren es. Dem Volke entrückt, lebt Mao in der einsamen Pracht des Palastes in der Verbotenen Stadt, während die chinesische Befreiung Millionen an Menschen verschlingt.

Wie viele Chinesen nach Abschluß des Krieges durch Klassenkampf, die Landreform, durch Hunger und Entbehrungen oder schlicht durch Rache umgekommen sind, ist bis heute nicht bekannt. Westliche Schätzungen reichen an die fünf Millionen. Der Revolutionsheld Mao, darauf angesprochen, rechtfertigt das Sterben mit einer revolutionären Parabel: "Wenn man etwas gerade biegen will, muß man es unbedingt verbiegen."

Am 1. Oktober 1949 ruft Mao die Chinesische Volksrepublik aus, das jahrtausendealte Reich der Mitte ist der größte kommunistische Staat der Welt geworden.

Für das Experiment, das Riesenreich China von Grund auf zu verwandeln, stehen deutsche Paten: Marx, Engels, Kant, Erich Paulsen ("System der Ethik"), dazu George Washington und der amerikanische Unabhängigkeitskrieg, und -- sosehr Mao es auch verleugnet -- immer wieder Konfuzius, der vor 2400 Jahren lebte.

Am 16. Dezember 1949, wenige Wochen nach der Gründung der Volksrepublik, besteigt der inzwischen 55jährige Parteichef den Zug nach Moskau -- es ist seine erste Auslandsreise. Er will dem großen Stalin zum 70. Geburtstag gratulieren. Aber der Georgier läßt den Gast Wochen im Hotelzimmer warten; als sich die beiden endlich treffen, ist der chinesisch-sowjetische Konflikt schon vorprogrammiert.

In China hängt das Bild des Volksbefreiers bald in jeder Hütte, wie einst Buddha schließen die Chinesen "die Sonne, die niemals untergeht", in ihr Tischgebet ein. Die Distanz rächt sich.

Als Mao unter dem Trauma des ungarischen Volksaufstandes von 1956 mit der Parole "Laßt hundert Blumen blühen" zur freimütigen Kritik auffordert, muß er unter der Last der Vorwürfe die Aktion bald in ihr Gegenteil verkehren. Mao: "Daß wir in der Vergangenheit 2,3 Millionen getötet, eingesperrt oder überwacht haben, war ausgesprochen notwendig."

Der Versuch, mit einer gewaltigen Kraftanstrengung die ungeliebten Russen und "bis zu meinem Tode" sogar die Amerikaner ökonomisch zu überholen, wird vollends zum Fiasko. Die nach Jenaner Vorbild in Volkskommunen gepreßten Bauern verweigern sich, die in allen Dörfern selbstgebastelten Volkshochöfen, die das Land industrialisieren sollen, versagen.

Der "Große Sprung" wird ein großer Rückschlag. Mao, von eilfertigen Provinzfunktionären falsch informiert, muß zugeben: "Ein Chaos mit Riesenausmaßen."

Als der Stalin-Nachfolger Chruschtschow mit seiner Brandrede in Bukarest im Sommer 1960 endgültig mit China bricht ("In Peking sitzen Verrückte, die einen Atomkrieg entfesseln wollen"), hat Mao das Amt des Staatspräsidenten schon an Liu Schao-tschi abtreten müssen und sich grollend zurückgezogen: erster Schritt auf dem Weg zum politischen Eindiedler.

Mit Ehefrau Tschiang Tsching lebt er allein in einem Haus in der Prominenten-Exklave 40 Kilometer vor Peking, raucht täglich 50 Zigaretten, trinkt unmäßig starken Tee und läßt seinen lauten Zorn an gelegentlichen Besuchern aus -- vorher läßt er vorsorglich alle Fenster schließen.

In Bild und Schrift, in den Propagandasendungen von Kino und Radio ist er noch immer allgegenwärtig; doch der Chef, so muß es scheinen, trägt nur noch den Titel, von den politischen Entscheidungen ist er isoliert.

Da setzt wie einst in der Oberschule von Tschangscha im Sommer 1966 eine Wandzeitung Zeichen: Schüler und Studenten werden aufgerufen, gegen die drohende Verbürgerlichung des roten China zu rebellieren.

Das Reich wird vom Erdbeben der Kulturrevolution erschüttert, Spontaneität, Rigorismus, Improvisation sind plötzlich die wichtigsten Tugenden. Mao: "Widerspruch, das ist die Bewegung, das Ding, der Prozeß, das Denken. Den Widerspruch in den Dingen zu verneinen, hieße alles verneinen."

Er, der Greis, steht wieder an der Spitze und führt die ganz Jungen gegen die verkrusteten Strukturen der Partei. Der eigene Staatschef, Liu Schao-tschi, wird gestürzt.

Als das Land im Chaos zu versinken droht und viele an die Gefahr glauben, die Feinde in Moskau könnten die Verwirrung zum tödlichen Schlag nutzen, bremst Premier Tschou En-lai im Sommer 1968 den Elan mit Hilfe der Armee.

* Delegierte des IX. Parteitages 1969

Die Rotgardisten, bewaffnet mit Maos rotem Buch, sollen ihren Eifer künftig in Feldbrigaden und Fabrikhallen beweisen. Auf dem IX. Parteitag der KPCh im April 1969 wird Verteidigungsminister Lin Piao nach Maos Willen zum erklärten Stellvertreter und Nachfolger gekürt -- erstmals planen die Chinesen für die Zeit nach Mao.

Aber so lange will der ehrgeizige Lin nicht warten: Im Oktober 1969 erscheint ein Bericht, in dem Mao zum "Mit-Kommandanten" der Volksbefreiungsarmee ernannt wird.

Während westliche Beobachter noch rätseln, was das soll, da Mao als Parteichef ohnehin "die Gewehre kommandiert", versucht Lin -- so die offizielle Version -- in einem Staatsstreich, sich gleichberechtigt neben den Steuermann zu setzen.

Nach dem in der Kulturrevolution gestürzten Lin und dem treulosen Lin ist von der Spitzen-Garde der Partei-Veteranen, die Mao auf seinem langen Marsch begleitet haben, nur noch Tschou En-lai geblieben.

Er gibt China wieder einen funktionierenden Staat, in dem gleichwohl der von Mao geforderte Widerspruch Raum hat und die gestürzten Parteilinken keineswegs ausgeschaltet sind.

Maos Salon in der fürs gemeine Publikum unzugänglichen Kaiserstadt wird zum Wallfahrtsort der Großen dieser Welt -- die Sowjet-Treuen ausgenommen. Durch seine Aussöhnung mit den USA eröffnet Mao der Welt eine neue politische Dimension, die Tripolarität.

Erst wenige Wochen vor seinem Tod muß der Prophet endgültig darauf verzichten, durch Fragen und Ratschläge das Rad der Weltgeschichte zu drehen.

Seit 1930, als ihn das amtliche Organ der Komintern "Inprecor" zum erstenmal totsagte ("an Auszehrung gestorben"), hat die Welt achtmal seinen Tod erfahren. Kehlkopfkrebs, Lungenkrebs. Tuberkulose, kaum eine tödliche Krankheit, die ihm nicht angedichtet wurde.

Die neunte, die echte Todesmeldung gab nicht bekannt, woran Mao gestorben ist. Vor drei Monaten war der Wiener Neurologe Walther Birkmayer nach Peking eingeladen und nach bestimmten Erscheinungsformen der Parkinsonschen Krankheit ausgefragt worden. Niemand sprach von Mao, aber Birkmayer mußte einen genauen Zeitplan für die Einnahme der von ihm empfohlenen Medikamente aufstellen.

Was wird aus Maos China ohne Mao? Zerfällt das Reich in die oft beschworenen "Bergfestungen" selbständiger Armee-Kommandanten oder konkurrierende Provinz-Parteichefs?

Mao hinterläßt sein Haus unbestellt. Die alten Fronten innerhalb der Partei, die "zwei Linien", kämpfen gegeneinander in Permanenz -- und jetzt erst recht um die Nachfolge Maos:

* die ideologietreuen Radikalen um Maos Witwe Tschiang Tsching, welche die Lehre des Meisters Mao hüten und noch heute den Kommunismus auf Erden schaffen möchten, und

* die praxisnahen Reformer, deren Programm zum Schrecken der Maoisten Elemente des Kapitalismus enthält.

Im April war es den Radikalen gelungen, Tschous designierten Nachfolger Teng Hsiao-ping auszuschalten. Dessen Anhänger hatten ein schweigendes Memorial für Tschou En-iai in eine Sympathie-Kundgebung für Teng, gegen Mao & Frau umfunktioniert. An die 100 000 Demonstranten versammelten sich auf dem Tienanmen-Platz in Peking.

Maos Leibgarde, Polizei und Volksmiliz räumten den Tienanmen-Platz von den Mao-Feinden. Das ging offenbar nicht so schnell: Eine Einsatzgruppe von 600 Milizionären wurde nachher gelobt, "zwölf Stunden lang ohne Essenspause" gekämpft zu haben.

Der Aufstand im Herzen der Hauptstadt führte den bis dahin kaum bekannten, im Richtungsstreit nicht festgelegten Staatssicherheitsminister Hua Kuo-feng an die Spitze: Er wurde vom Politbüro ernannt, nicht von den dafür zuständigen Organen, dem Zentralkomitee und dem Volkskongreß. Der neue Premier wäre -- gestützt auf seine Geheimpolizei -- in der Nachfolgekrise der rechte Mann an der Spitze, wenn auch nicht eben ein neuer Mao. Aber die Entscheidung um die Linie nach dem Ende der Ära Mao würde durch ihn nur hinausgeschoben. Die Machtverhältnisse an der Spitze sind unklar.

Denn der Ständige Ausschuß des Politbüros, das oberste Machtzentrum der Partei. besteht seit dem Tod von Mao, Tschou En-lai und drei weiteren Spitzenveteranen außer dem Neuling Hua nur noch aus dem Verteidigungsminister Marschall Jeh, 78, einem alten Tschou-Freund, ferner dem in die Mandschurei abgeschobenen General Li, 60, und einem jungen Mann namens Wang. Der war innerhalb von sechs Jahren vom Schanghaier Fabrikfunktionär zum Mao-Vize aufgestiegen, was ihm den Spitznamen "Hubschrauber" einbrachte.

Wang. 44, ist Vertrauensmann der Mao-Witwe Tschiang Tsching. Zu Frau Maos Radikal-Fraktion, der "Mafia von Schanghai", gehört auch der fünfte ständige Politbürokrat Tschiang Tschungtschiao, 61, Journalist aus Schanghai.

Im ZK haben die Radikalen nicht die Mehrheit, dort sitzen noch genügend Befürworter des Kurses von Teng Bei Tengs Absetzung hatte es sogar offenen Protest für dessen Linie gegeben. In mehreren Städten tauchten gefährliche, von den Linken als konterrevolutionär angesehene Symbole auf: Trauerkränze für Tschou En-lai. In der Provinz Hopei wurden Waffenarsenale und Getreidespeicher geplündert. In der Provinz Kueitschou führten laut Partei-Report Klassenfeinde

konterrevolutionäre Aktivitäten durch, verteilten Handzettel, brachten Briefe in Umlauf, klebten Wandzeitungen und Gedichte, priesen Teng, griffen lautstark die Zentrale mit dem Vorsitzenden Mao an ...

Im Juli wurden den ausländischen Studenten in Peking Reisen in die Provinzen untersagt, weil dort der Klassenkampf tobe. Vorigen Dienstag veröffentlichte die "Volkszeitung" eine Instruktion der Parteiführung mit der Nachricht, zwischen den rivalisierenden Gruppen sei der "bewaffnete Kampf" ausgebrochen. Die Weisung: "Wir dürfen uns nicht dahinein verstricken, alte Rechnungen zu begleichen. Es ist verboten, Kampfgruppen zu organisieren."

Zwei Tage später starb Mao. Frau Mao und die radikale Fraktion verloren damit ihre wichtigste Stütze. Ihr bleiben aber die angestammten Machtbasen in den Meinungsmedien: Seit der Kulturrevolution sind alle Zeitungen. Zeitschriften, Rundfunk- und Fernsehstationen, Operntruppen und Verlage in der Hand der Radikalen.

Vorigen Monat lieferte die "Peking Rundschau" für ausländische Leser -- offenbar von den Radikalen unzensiert -- im Gewand einer historischen Parabel ein Bild des aktuellen Machtkampfes: Das Reich sei einerseits bedroht von den Eunuchen am Hofe und der Palastgarde, andererseits von "Statthaltern fern liegender Provinzen" mit ihren Garnisonen.

Außer der Palast-Garde (35 000 Mann) hat Frau Mao keine Truppen hinter sich; der Versuch, die Volksmiliz auf die Seite der Radikalen zu ziehen, ist noch nicht gelungen. Muß wieder -- wie in der Kulturrevolution die Armee in Chinas Innenpolitik eingreifen, dann wohl nicht auf seiten der Radikalen.

Die Parteichefs der Grenzprovinzen und ihre Garnisonen stehen ohnehin eher auf der Teng-Linie. Acht der 27 Provinz-Parteisekretäre und drei der zehn Wehrbezirks-Befehlshaber Chinas hatten nach dem Teng-Sturz eine Loyalitätserklärung verweigert.

Tritt Tschiang Tsching dennoch das Erbe ihres Mannes an, versucht sie einen Maoismus ohne Mao, wird sich der Kampf zwischen den zwei Linien fortsetzen -- mit der Gefahr eines Bürgerkrieges und der möglichen Einladung an die Sowjet-Union, den Machtkampf zu entscheiden.

Mao Tse-tung, der Weise aus den Lößhöhlen Jenans, war sich der Zukunft seines Reiches selbst durchaus nicht sicher gewesen. Vielleicht werde die neue Generation permanent weiter revoltieren, deutete er einmal im Gespräch mit seinem amerikanischen Freund Edgar Snow an.

Es könne aber auch sein, daß die Jugend "schlechte Dinge" tue, ihren Frieden mit Reaktion und Imperialismus mache und sich hinter den Konterrevolutionären zusammenschließe.

In tausend Jahren, befand Mao Tsetung, würden "wahrscheinlich sogar Marx, Engels und Lenin ziemlich lächerlich wirken".


DER SPIEGEL 38/1976
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