06.09.1976

FERNSEHENVier alle

Otto-Show, ARD. Montag, 6. September. 21.00 Uhr.
Wenn bei der Produktion amerikanischer Fernseh-Shows vom Studiopublikum nach einem Gag Beifall verlangt wird, flammen riesige rote Applausleuchten auf. Westdeutschlands Blödel-König Otto (Waalkes), 28, hat derlei Humor-Hilfen nie gebraucht. Seine Fans jubeln und klatschen schon bei der winzigsten Pointe.
"Ich hab"s nämlich", ulkt er in seinem vierten TV-Programm am Montag dieser Woche, "nicht mehr nötig, ganze Witze zu erzählen, Ich werfe den Leuten einzelne Wörter entgegen, und sie freuen sich darüber."
Pfannkuchen" -- (eingeblendeter) Applaus! "Schneidbrenner" -- (eingeblendeter) Applaus! Otto: "Sehen Sie, die Leute sind einfach zu unkritisch."
Was ist da illegitimer Scherz auf Kosten des Publikums, was Selbstironie. was bittere Wahrheit. was Ausdruck erlittener Blessuren durch harsche Kritik? Henryk M. Broder hat dem spillerigen Ostfriesen einen "verengten Lustigkeits-Blickwinkel voller Anzüglichkeiten und zynischer Randbemerkungen" nachgesagt. Für Benjamin Henrichs ist Otto ein "harmloser Blödmann", der -- "Nonsens für Kleinbürger" -- bloß "Herrenwitzchen erzählt".
Henrichs wertet den Otto-Witz in der "Zeit" an der absurden Komik des großen Karl Valentin ab, und das wohl zu Recht. Denn mit Valentins grandioser Ermüdung der Logik in epischen Mono- und Dialogen haben Ottos flinke und flüchtige Blackouts tatsächlich kaum etwas gemein. Humor ist, zumal in unterschiedlichen Zeiten Lind verschiedenen Medien, ein weites Feld. Und es kommt immer darauf an, wie man einen Jux erzählt.
Da gibt es, beispielsweise, im ZDF jenen unsäglichen Ilja Richter. den mit dem 90-Grad-Bückling, der sich mit Blackouts beim Publikum anbiedert Lind ein Höchstmaß an Hirnverkleisterung schafft. Otto wirkt neben ihm wie ein Meister verbaler Irreführung, wenn auch nur auf Kalauer-Niveau. Er verwechselt Flamingo und Flamenco, läßt Rosi Mittermaier nicht "bitterlich", sondern "Buttermilch" weinen und durchlöchert so die hohle, selbstgerechte Seriosität des Medien-Angebots.
Die assoziative Methode dürfte klar sein: Waalkes tauscht ein Wort durch ein ähnlich klingendes aus und schaltet damit auf eine andere Gedankenspur im -- überzeugend etwa im neuen Sketch "Das Wort zum Samstag":
Als ich neulich in meiner Musik-Box blätterte, da stieß ich auf folgende kleine Zeile: Theo, wir fahr'n nach Lodz. Nun, was wollen uns diese Worte sagen? Da ist von einem Menschen die Rede, von einem ganz bestimmten Menschen, nicht Herbert nicht Franz, nicht Willi. Nein, Theo ist gemeint. Aber um welchen Theo handelt es sich? Ist es nicht such jener Theo in uns allen, der in so wunderbaren Worten vorkommt wie Theologie, Theodorant ...? Und an diesen Theo ist eine Botschaft gerichtet: Theo, wir fahr'n nach Lodz. Vier fahren. Da sind also vier Menschen unterwegs, und wer sind diese vier? Die vier Jahreszeiten? Die vier Musketiere? Oder sind es vier alle ...? Die Waalkes-Späße sind dem Fernseh-Zeitalter entsprossen und nehmen dieses vielfach aufs Korn: das Salbadern der Predigten, die Idiotie der Werbung, den elitären Anspruch der Kultur-Gettos. Otto decouvriert den kleinbürgerlichen Klassiker-Kult, Indem er einen Führerschein-Prüfling mit Goethe-Sentenzen antworten läßt,
In vier Jahren hat der Ex-Student der Kunsterziehung, der in einer gemieteten Zehn-Zimmer-Villa immer noch auf der Matratze am Fußboden nächtigt und Partys in Jeans und einem alten Nadelstreifen-Jackett besucht, rund vier Millionen Mark brutto eingenommen. Er wurde in der Einöde des deutschen Unterhaltungsbetriebs vielleicht zu schnell an die Spitze katapultiert. Das macht ihm angst, aber das hat ihn auch zielstrebig zur erfolgreichsten Entwicklung seines Talents unter all den Entertainern der sogenannten Hamburg-Szene motiviert.
"Aus dem, was mir fehlte", schrieb Henry Miller einmal an Lawrence Durrell, "fertigte ich mein Lied." Otto, demnächst gewiß für eine Spielfilm-Komödie im Stil von Woody Allen tauglich, singt heute schon recht gut.
Von Siegfried Schmidt-Joos

DER SPIEGEL 37/1976
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