30.08.1976

AFFÄRENKomm, weitermachen

Kritische Porno-Dokumentation oder auch nur Porno pur -- der deutsche Film „Snuff“.
In ihrer Schlagzeile versprach die Münchner "Abendzeitung" letzten Montag den deutschen Zuschauern: "Heute im Fernsehen: So werden Frauen in Sex-Filmen gequält" "Panorama" hatte angekündigt, Ausschnitte aus einer Sex-Dokumentation mit dem Titel "Snuff" zu senden, die sich dekuvrierend mit der heimischen Pornofilm-Produktion auseinandersetze.
Doch statt der Sex-Scharlatanerie gab"s nur Scharlau. Ein Hauptdarsteller der Dokumentation, der Porno-Regisseur Robert Furch, hatte dem Justitiariat des NDR mit Klage gedroht. sollte "Panorama" "Snuff"-Teile senden. Begründung: Die Produzenten des Films seien nicht im Besitz seiner Persönlichkeitsrechte -- was nachweislich falsch ist -, außerdem seien die angeblich dokumentarischen Aufnahmen gestellt. Sprach's und ist seitdem nicht mehr zu erreichen
Damit ist bereits zum drittenmal der Versuch gescheitert, diese vernichtende Selbstdarstellung der Porno-Industrie einer breiteren Öffentlichkeit bekanntzumachen. Zweimal schon hatte das ZDF einen "Snuff"-Bericht in seiner Sendereihe "Apropos Film" angekündigt und, allerdings wegen anderer Motive, nicht gebracht. Nun hat sich, so der Stand der Affäre am Freitag letzter Woche, ein Kinokettenbesitzer bereit erklärt, "Snuff" Ende Oktober in seinen 20 Theatern zu zeigen -- ohne Verleih allerdings, denn alle angesprochenen Firmen hatten bereits vor längerer Zeit abgewinkt.
Das mag wenig verwundern, wenn man die Hintergründe der "Snuff"-Produktion kennt. Richard R. Rimmel, Produzent und Ko-Regisseur des Films, hat nämlich quasi über seine eigene Schulter geblickt. Rimmel ist mit seiner Firma "Contifilm" seit 1968 im Sex-Geschäft und zeichnet als Produzent und Kameramann für Porno-Streifen wie "Kamasutra" (1968), "Die Auto-Nummer, Sex auf Rädern" (1972) und "Teenager-Report" (1973) verantwortlich. Bei eben letzterem Film und, drei Jahre später, in einer "Lysistrata"-Sexplotte hat er Teile der Dreharbeiten dokumentarisch mitfilmen lassen und seinen angestellten Regisseur Robert Furch bei der Arbeit beobachtet.
Diesen Umstand verheimlicht Rimmel sowohl im "Snuff"-Film selbst als auch in den von ihm initiierten Presseberichten. So hieß es in einem Artikel in der "Süddeutschen Zeitung": "Rimmel drehte mit Einverständnis der Sex-Filmhersteller und -Mitarbeiter, die sich vom Wirken des in München lebenden Polen offenbar Publizität versprachen."
Ebensowenig war der Linkskatholik und Schriftstellerverbands-Vorsitzende Carl Amery, der Text und Kommentar zu "Snuff" verfaßte, über Rimmels Vorleben informiert.
Trotz oder gerade wegen all der Rimmel-Schummeleien, und abgesehen von der durch Furchs Verschwinden noch nicht geklärten Frage nach der dokumentarischen Aufrichtigkeit, ist "Snuff" neben Hans-Jürgen Syberbergs Film "Sex-Business Made in Pasing" die bisher eindringlichste und deprimierendste Darstellung der deutschen Porno-Filmindustrie.
Der Filmtitel spielt reißerisch auf eine in den USA verbreitete Filmwelle an, in deren sadistischen Produkten Frauen nicht nur sexuell mißbraucht, sondern am Ende auch noch umgebracht werden. Im Frühjahr 1976 war in New York ein Film mit eben jenem Titel zu sehen -- laut Verleihwerbung in Südamerika gedreht, wo "ein Menschenleben noch billig ist" -, in dem ein Mädchen zerstückelt wird. Damals hatten vor allem Frauenorganisationen und Intellektuelle gegen "Snuff" protestiert. Bei genauem Hinsehen hätten sie allerdings den spekulativen Betrug dieses Killer-Pornos bemerken können: Die Abschlachtung des Mädchens war natürlich nur vorgetäuscht.
Genau hinzusehen würde sich auch bei Rimmels "Snuff"-Version empfehlen, vor allem für jene deutschen Intellektuellen wie Carl Amery, Kurt Sontheimer oder Horst Holzer, die Rimmel mit Empfehlungsschreiben beistehen.
Denn nach genauer Betrachtung des Films ist Furchs Vorwurf, die ihn betreffenden Passagen seien gestellt, nicht völlig von der Hand zu weisen. Bei einer Szene etwa, in der eine Darstellerin ihr Sexspiel weinend abbricht, auf Furch zurennt und ihn verprügeln will, steht die Dokumentarkamera in der Schußachse der Spielfilmkamera, hätte also, sollte diese Szene wirklich gedreht worden sein, mitten im Bild gestanden.
Gleichviel, Carl Amerys von echter Betroffenheit zeugender Kommentar verliert dadurch nichts an Wahrheit: "Der eingeplante Mord zu Pornogeschäftszwecken vor der Kamera, das ist sozusagen der letzte konsequente Schritt der Entwicklung, die wir dokumentiert haben ... Die Verantwortlichkeit, die über die des Juristen hinausgeht, fällt in diesem Falle der Gesellschaft ohnehin zu."
Rimmels "Snuff" handelt denn auch vom Tod: vom Selbstmord des Sex-Sternchens Claudia Fielers. Sie hatte in Rimmels Produktion "Teenager-Report" mitgespielt und sich letztes Jahr während der Dreharbeiten zu einem weiteren, niemals fertiggestellten Rimmel-Porno, einer von Furch inszenierten "Lysistrata", mit Schlaftabletten vergiftet -- aus Gründen, die vielleicht nicht direkt, aber doch mittelbar mit ihrem Beruf zu tun hatten.
An ihrem Schicksal und an dem der mit falschen Versprechungen zur Pornofilmerei angelockten Sekretärinnen und Kellnerinnen dokumentiert sich Ausbeutung in ihrer krassesten Form. Diese Branche hantiert mit Menschen wie der Fleischbeschauer im Schlachthof. Furch während der Probeaufnahmen: "Bitte notieren Sie: Hängebusen, krumme Beine -- uninteressant."
Hier werden psychische Krüppel gezüchtet für ein Produkt, das ebenfalls auf psychische Krüppel als Konsumenten zugeschnitten ist. Die gemimte Lust vor der Kamera harmonisiert dabei auf das perfideste mit der frustrierten Trieberwartung vor der Leinwand.
Die wahren Schuldigen an diesem so profitablen Teufelskreis sind weder der in seiner ganzen miesen Schwatzhaftigkeit armselige Regisseur Furch, der seine Selbstachtung mit Erinnerungen an Regieassistenzen bei Noelte oder Düggelin aufrechtzuerhalten sucht, noch der Produzent und verkappte Selbstankläger Rimmel, der halt auch nur nimmt, was der Markt ihm bietet -- die wahren Schuldigen sind dort zu finden. wo sie schon vor Jahrzehnten Robert Musil ausgemacht hat.
Dessen Erkenntnisse, aus "Der Mann ohne Eigenschaften", sind im Nachspann von "Snuff" zu lesen: "Was soll das tausendjährige Gerede darüber, was gut und böse sei, wenn sich herausgestellt hat, daß das gar keine "Konstanten' sind, sondern "Funktionswerte', so daß die Güte der Werke von den geschichtlichen Umständen abhängt und die Güte der Menschen von dem psychotechnischen Geschick. mit dem man ihre Eigenschaften auswertet." Wolfgang Limmer
Von Wolfgang Limmer

DER SPIEGEL 36/1976
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