16.08.1976

GESTORBENKarl Schmidt-Rottluff

Karl Schmidt-Rottluff, 91. Der Maler war der letzte Überlebende eines epochalen Kunst-Aufbruchs. Als einer von vier Dresdner Architekturstudenten hatte er 1905 die (von ihm so getaufte) "Brücke" mitbegründet, jenen Stoßtrupp der Moderne, der aus Provinzabgeschiedenheit, über internationale Entwicklungen schlecht informiert, doch die deutsche Malerei auf den neuen Weg des Expressionismus führte. [m zeitweilig fast uniformen "Brücke"-Stil der schroffen Formkürzel und leuchtenden, flächig aufgetragenen Farben vertrat Schmidt-Rottluff gegenüber dem genialischen Gruppenhaupt Ernst Ludwig Kirchner das "stille Leben der Dinge". Dem wortkargen Wesen des Künstlers entsprach eine vergleichsweise ruhige Monumentalität seiner in Öl und Aquarell gemalten, auch wuchtig in Holzstücke geschnittenen Figuren, Landschaften und Stilleben.
Die lebhafte, in fast drei Jahrzehnten reich entfaltete Produktion provozierte prompt das Verdikt der Nazis, die mehr als 600 seiner Arbeiten in deutschen Museen konfiszierten und über den Maler Arbeitsverbot verhängten. Nach dem Zweiten Weltkrieg lehrte er in West-Berlin; seine Kunst konnte sich entspannen wie im Bild mit Palette, Steinhägerflasche und SPIEGEL (Photo). Gemeinsam mit dem "Brücke"-Gefährten Erich Heckel (gestorben 1970) ermöglichte er durch reiche Schenkungen das Berliner "Brücke"-Museum. In Berlin ist er auch, am Dienstag voriger Woche, gestorben.
Paul Lücke, 61. Den Pakt mit den Sozialdemokraten zur Großen Koalition suchte der christdemokratische Bonner Innenminister als Mittel zum Zweck -- er brauchte, und bekam, für die heftig umstrittenen Notstandsgesetze die notwendigen Mehrheiten. Beim zweiten Schlag zur "Sicherung unserer Demokratie und aus Angst vor einem zweiten Weimar" (Lücke) folgte der Bündnispartner den Wünschen des Innenministers nicht mehr: Als sich die Sozialdemokraten weigerten, für ein Mehrheitswahlrecht nach britischem Vorbild zu votieren, sah Verfassungsänderer Lücke ("Wir brauchen ein Wahlrecht, das klare Mehrheiten schafft") den Bestand bundesdeutscher Demokratie langfristig gefährdet und trat 1968 als Innenminister zurück. Lücke hatte dem Bundestag von 1949 bis 1972 ununterbrochen angehört: zunächst als Vorsitzender des Ausschusses für Wiederaufbau und Wohnungswesen (1950 bis 1957), unter Adenauer und Erhard als Wohnungsbauminister (1957 bis 1965) schuf er die Voraussetzungen für den sozialen Wohnungsbau, ehe er als Innenminister das Grundgesetz "auch für politische Schlechtwetterperioden rüsten" (Lücke) und ändern wollte. Dienstag vergangener Woche starb der Unionspolitiker in Erlangen an den Folgen einer zweiten schweren Darm-Operation.

DER SPIEGEL 34/1976
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