20.09.1976

Es gibt ein Leben vor dem Tod

Nach elf Jahren DDR-Berufsverbot trat am vorletzten Sonnabend der Ost-Berliner Liedermacher Wolf Biermann wieder öffentlich auf: in der evangelischen Nikolaikirche in Prenzlau, Bezirk Neubrandenburg. In einem Brief an seine in Hamburg lebende Mutter berichtet Biermann von dieser Veranstaltung:
Emma, liebe Mutter, liebste Genossin, nun lach mich nicht aus und schrei nicht gleich: Näher mein Gott, zu dir! Ich habe vor paar Tagen in Prenzlau in einer Kirche gesungen.
Nach elf Jahren der erste Auftritt. Ich war eingeschüchtert, die Kirchenleute waren entzückt: Herr Biermann, so voll war unsere Kirche seit langem nicht, und das verdanken wir Ihnen. Eine riesige schöne alte Kirche ohne Kirchturm in der Heine-Straße, und gerammelt voll mit jungen Leuten. Der Altarraum war durch eine große Pappwand provisorisch abgeschnitten, eine Art Podium über den Bänken unterhalb der Kanzel war aufgebaut.
Das Ganze lief als Gottesdienst, auf diese Weise ersparten sich die Kirchenleute die polizeiliche Anmeldepflicht und brauchten für meinen Auftritt nicht um eine Genehmigung nachsuchen.
Als der Jugendpfarrer von Prenzlau mich eingeladen hatte, war die Rede von 100 Zuhörern. Ich hatte mich also auf ein christliches Kaffeekränzchen eingerichtet, aber in so einem gewaltigen Gottesfaß mit soviel Leuten drin, da hören die Albernheiten auf.
Eine Prenzlauer Beat-Band mit einer DDR-Vermona-Verstärkeranlage war auch da, die Jungs hatten nur zwei Titel drauf, und die Anlage hatte einen teuflischen Piepton, wegen der unvermeidlichen Rückkopplung. In dem riesigen Kirchenschiff sausen die Töne von allen Ecken und Enden wieder ins Richtmikrophon, es war greulich.
Ich ließ also die Anlage abstellen und bat die Leute näher zu kommen. Und so kletterten die jugendlichen Helden auf die Bühne und zwängten sich in die vorderen Sitzreihen, saßen übereinander und auf den Lehnen und Gebetbuchtischen, ein Menschenknäuel um mich rum. Um mich herum starrten die Mikrophone der verschiedensten Mitschneider: der offizielle Pfaffentonmeister, diverse Pastoren, langhaarige Jugendliche und auch die Herren von der Sicherheit waren da mit einem Cassetten-Recorder.
Ich redete und sang und sang und unterbrach die Lieder und redete. Ich sprach und sang über das ABHAUN. Es wurde ein Traktat gegen das Abhaun, eine Predigt gegen die Republikflucht. Was soll aus der DDR werden. wenn immer diejenigen davonlaufen, die endlich in Widerspruch zu den Verhältnissen geraten sind? Natürlich ist es um allerhand reaktionäre Stinker nicht schad, nicht alle, die uns verlassen haben, waren die Fettaugen auf der deutschen demokratischen Wassersuppe, aber zumeist waren es doch die Aufrichtigen, Empfindsamen und Verletzlichen, die uns verlorengingen. Ich sang das Lied vom Flori Have. Und bei der Strophe "Zu uns fliehn dann in Massen / die Menschen, und gelassen / sind wir drauf vorbereit"' kam ich ins Stottern, ich konnte den allzu utopischen Text nicht mehr.
Und das war gut so, denn ich hatte nun Gelegenheit, über diese Utopie zu sprechen, die sich ja sehr schnell in Realität verwandeln kann und wird, wenn in der DDR der reale Sozialismus vom wirklichen Sozialismus abgelöst wird. Ich sagte dann, daß es ja eigentlich drei Arten des Abhauns gehe: Zweitens nämlich das Abhaun nach innen, die Republikflucht in die Republik, die Flucht in die private Idylle oder in die offizielle Karriere. Unter jungen Christen die östliche Version der Jesus-people, die DDR-Jesus-Leute, für die das Evangelium geschrumpft ist auf den arm-seligen Satz: Jesus liebt mich. Was kümmert mich der Terror in der Schule, die Barbarei der Polizei, der Trott auf Arbeit, was geht mich die beschissene Welt an -- Jesus liebt mich, und ihr könnt mir alle mal.
Und dann gibt es noch eine dritte Art von Abhaun: die Flucht in den Tod -- dieser Satz wirkte wie ein Schock. Alle dachten an den Pastor Brüsewitz. Ich sagte: Das Motto ihrer Veranstaltung hier stammt ja aus dem 86. Psalm und heißt etwa so: Herr, zeige mir deinen Weg ... Ich konnte damit nichts anfangen, ich las aber ein bißchen weiter und fand im 88. Psalm einen Satz, der war mir ein guter Kommentar zur Republikflucht in den Tod. Es heißt da: Ja, willst du denn unter den Toten Wunder tun?!!
Ich sang das Oma-Meume-Gebet: O Gott, laß du den Kommunismus siegn! Ich sagte: Als ich hierherfuhr, dachte ich: was kann ein Kommunist diesen DDR-Christen schon erzählen. Soll ich von unseren Gemeinsamkeiten reden? Warum hab ich in all den elf Jahren meines Berufsverbots die vielen Angebote, in der Kirche aufzutreten, abgelehnt? Warum habe ich es jetzt und zum erstenmal gemacht? Werde ich unterm Rock der Kirche genügend Luft kriegen zu singen? Ist das ein Ersatz für mich? Hat es für mich, für sie hier einen Sinn?
Soweit ich von außen sehe, gibt es in der Kirche der DDR eine Gruppe meist älterer reaktionärer Menschen, die gegen jede Art von Sozialismus giften. Sie haben, zum Glück, kaum Einfluß auf das, was in diesem Land los ist. Es gibt eine andere Gruppe von sogenannten fortschrittlichen Christen, die um einer ärmlichen Karriere willen der stalinistischen Bürokratie zum Munde reden. Auch diese Leute spielen in unserem Land keine gute oder gar keine Rolle.
Wenn die Kirche überhaupt, und zum Nutzen der DDR, eine Chance hat, dann, meiner Meinung nach, nur als eine ROTE KIRCHE, eine Kirche, die sich auf die kommunistischen Dimensionen des Evangeliums besinnt, und so eine christlich-kommunistische Kritik an unseren Verhältnissen übt und so eine Position einnimmt, die wirklich fortschrittlich und aufbauend ist. Ich weiß nicht, sagte ich, ob meine Genossen im ZK, Abteilung Kirchenfragen, entzückt über solche ROTE KIRCHE wären, aber wer weiß.
Ich sang dann das Lied von der Auferstehung, nein, es war ja kein Harmonium für mich da, ich sprach den Text "Jesus, der große Schmerzensmann ..."
und sprach darüber, wie ich auf weltliche Art die Geschichte von der Auferstehung lese. Ich erzählte den Leuten vom Besuch einer jungen Theologin. Diese Dame überfiel mich gleich mit der schmierigen Beteuerung, daß sie nicht an Gott glaube.
Sie glaubte mir wohl damit zu gefalln, und ich dachte mir: wenn sie schon nicht mal fromm ist, hat sie wenigstens was gelernt und kann mir vielleicht noch was Interessantes über die Auferstehung Christi erzählen, über die ich schon bei verschiedensten Gelegenheiten in Liedern und Gedichten was geschrieben habe ...
Und da winkte dieses verirrte Lamm Gottes lässig ab und zwinkerte mir zu und vertraute mir an, daß die ganze Auferstehungs-Story erstunken und erlogen und blödsinnig sei ... Die Leute lachten und freuten sich, als ich ihnen erzählte, wie ich diese Dame rausgeschmissen habe und warum.
Ich sprach dann darüber, daß wir hier in der DDR auferstehen müssen in unseren verschiedensten Werken. Und sang die 2. und die 3. Ermutigung. Es gab Diskussionen und beste Laune. Ich fand, daß im großen und ganzen die DDR-Christen für mich eigentlich kein Ersatzpublikum sind, sondern gute und aufrichtige Leute, denn wer in unserem Land Karriere machen will, wer wirklich hochkommen will, der tritt ja in die Staatskirche unserer Landesfürsten ein. Die normalen DDR-Christen aber werden (ausgenommen die paar CDU-Bonzen) diskriminiert, in Ausbildung und Beruf oft benachteiligt. Ich schloß diesen Auftritt ab mit dem neuen Lied, dessen Schlußzeilen bestens alles Gesagte und Gesungene auf den Begriff brachten: "Ich möchte am liebsten weg sein / und bleibe am liebsten hier." Das ging von vielleicht halb acht bis um neun. Dann war eine Pause. Die Leute liefen in der Kirche rum, aßen Bockwurst und kauften sich an einem Stand Bücher. In einer anderen Ecke hatte man einen "Tauschmarkt" aufgebaut, wo sympathischer Nuddelkram gegen Nuddelkram getauscht werden konnte: Puppen, Ketten, Bücher, Graphiken, Steine, Schnitzereien, alte Schallplatten, bunte Tücher, Bierdeckel und anderer Schnickschnack.
Gegen zehn trat ich ein zweites Mal auf und sang bis elf durcheinander allerhand Lieder, die die Leute hören wollten. Sie riefen mir die Titel zu, und ich sang. "Das Barlach-Lied", "Die hab ich satt " die "Bibelballade" konnte ich nicht singen, und bei manchem anderen Lied blieb ich stecken. Aber das war keine Peinlichkeit. Ich erzählte den Leuten, daß ich eben seit elf Jahren öffentlich nicht mehr singe und daß ich deshalb immer nur die Lieder perfekt spielen kann, die ich grade gemacht habe. Das Berufsverbot hat auch zerstörerische Folgen, ich habe keinen Grund, das zu kaschieren.
Wenn ich bei diesem oder jenem Lied ins Stolpern kam, war es meist die Gitarre. Auch bei der "Großen Ermutigung". Aber schon bei der zweiten Strophe war ich auch in den Fingern wieder perfekt, und das freute das Publikum doppelt. Sie sahn ja, daß meine Schwierigkeiten erstens keine Masche waren und zweitens leicht korrigierbar, es machte mir und denen sogar Spaß. Am Schluß wollten etliche Leute unbedingt noch das Che-Guevara-Lied. Und da animierte ich zum Mitsingen des populären Refrains. Das ging ausgezeichnet. Fröhliches Pathos.
Emma, liebe, geh doch mal zu Kurt und photokopiere ·den Teil dieses Briefes, wo ich dir von Prenzlau schrieb. Paß aber auf, daß kein Privatkram dabei ist! Bist du so lieb und schickst das an den SPIEGEL-Mettke? Es wird ihn bestimmt interessieren und freun. Immerhin ist es doch ein ermutigendes Zeichen, daß unsere Genossen mir diesen Auftritt in Prenzlau ermöglicht haben, denn verhindern hätten sie ihn ja leicht können.
Vielleicht kommt nun doch einiges in Bewegung. Die Berliner Konferenz hat vielleicht doch manche alten Genossen nachdenklich gemacht. Viele junge jedenfalls diskutieren mit Leidenschaft die Reden der Genossen Berlinquer, Carrillo und Marchais, die ja im ND veröffentlicht werden mußten.
Und vielleicht sind auch einige verstockte, aber ehrliche Leute hier stutzig geworden, wenn sie sich aus dienstlichen Gründen meine neue Spanien-LP angehört haben. Mir jedenfalls war diese Prenzlauer Predigt eine weltliche Wohltat, jetzt weiß ich es wieder besser: "Es gibt ein Leben vor dem Tod." Tschüß Emma!

DER SPIEGEL 39/1976
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