20.09.1976

Blinde Zukunft?

„Die Wildente. Spielfilm von Hans W.Geissendörfer. Deutschland 1976. 105 Minuten. Farbe.
Wenn Ibsens Dramen der realistischen Periode Fanfaren sind (für die Frauenemanzipation, gegen die morschen Stützen der Gesellschaft, gegen die politische und private Lebenslüge), so wirkt die spätere "Wildente" bestenfalls wie eine gestopfte Trompete, ein Plädoyer für das dumpfe Weiterwursteln, gegen das neuernde Idealisieren.
Geissendörfer hat also mit der "Wildente", scheinbar, die neueste Stimmung im Westen verfilmt -- Nostalgie, ein Grund, nicht nur CDU, sondern ausgerechnet diesen Ibsen zu wählen?
Denn während ein Kanzler-Kandidat, nennen wir ihn ruhig: Kohl, mit über- und unterschwelligen Parolen durchs Land zieht, die dem Bürger seine ungetrübte Privatheit (zurück)verheißen, unbehelligt von Weltverbesserern und Ideologen, könnte man meinen, auch Ibsen habe seinen Hjalmar Ekdal in seinem brakigen häuslichen Frieden belassen wollen, um ihn als verträumten Pantoffelhelden vor dem Wahrheitsfanatiker Gregers Werte zu schützen.
Doch vermeidet Geissendörfers schöner, ruhiger und präziser Schauspieler-Film solche Parallel-Kurzschlüsse dadurch, daß er -- anders als das Theater -- eine wirklich Zwölfjährige (die frei von jedem Kinderkitsch anrührende Anne Bennent) zur eigentlichen "Heldin", also auch zum wirklichen "Opfer" seines Films machen kann.
Und dieses Mädchen ist mit ihrem verlogen-behäbigen, schäbig-idyllischen Elternhaus genauso geschlagen wie mit der eifernden Liebe des Weltverbesserers Werle, bei dem Ibsen nicht den Reformeifer kritisiert, sondern die Tatsache, daß dieser Reformeifer moralisch statt ökonomisch vorgeht.
Bruno Ganz spielt daher auch nicht nur den Tölpel, der seine eigene Schwäche und Verklemmtheit mit puritanischen Forderungen an seine Opfer übertönt -- er spielt auch (und dies macht seine Tragödie) den einzigen, der die kleine Ekdal liebt: inbrünstig wie eine bessere Zukunft.
Unter den wenigen Szenen, die der Film, weil er nicht an Schauplatz-Akte gebunden ist, dem Stück zudichtet, führt einer diesen Gedanken besonders weit über Ibsen hinaus: Werle (Ganz) beschwört das Mädchen (Anne Bennent), an ihrem Bett sitzend, zu ihrer Opfertat nicht als blindwütiger Rechthaber, sondern als verzweifelt Liebender -- jemand, der eine Kindheit retten möchte, weil er selbst um seine betrogen wurde.
Den Preis dafür zahlt Jean Seberg als Gina Ekdal: was passiert, läßt sie eher kühl und unberührt. Aber Geissendörfers dem Stück mit großer Bescheidung und Einfühlung folgender Film macht eines ganz klar: Die
* Mit Anne Bennent und Peter Kern.
schmierige Wahnwelt-Idylle des träge verfetteten Photographen (Peter Kern) wäre auch ohne Verstörung von außen zusammengebrochen. Was die kleine Ekdal im Elternhaus erwartete, wäre eine blinde Zukunft.
Hellmuth Karasek

DER SPIEGEL 39/1976
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