09.08.1976

Rechtsradikale: „Bereit bis zum Letzten“

Rechte Systemüberwinder machen nach Anarcho-Vorbild im Untergrund gegen den „Volkskrebs Demokratie“ mobil. Staatsschützer haben einen harten Kern von bewaffneten Aktivisten ausgemacht, Kämpfer üben paramilitärisch, Prügel- und Bombertrupps traten bereits in Aktion. An Basis im Volke indessen scheint es den Neonazis zu hapern. Letztes Wochenende muhten sich Rechtsradikale in Hamburg um mehr Aufmerksamkeit.
Dem Hamburger Polizeischüler Hans Joachim Neumann und dem Bundeswehrunteroffizier Willi Wegner war bange um "den Volkskörper als Ganzes". Deshalb beschlossen sie, "notfalls mit der Waffe in der Hand" erste Hilfe zu leisten. Wegner stahl, zwecks Aufrüstung Gleichgesinnter, acht Maschinenpistolen, Neumann stiftete den Überbau -- ein Buchmanuskript namens "Das Vierte Reich".
Zwar blieben die Aktionen der Reichswahrer aufs übliche Tatschema rechtsradikalen Polit-Rowdytums beschränkt: Hakenkreuzschmiererei. Grabschändung, Brandstiftung im linken Buchladen. Doch als die Polizei ausheben kam, fand sie bei den beiden nicht nur Schießgerät, sondern auch neuzeitliches Gewaltinstrumentarium wie Funkausrüstung und "Mob-Pläne".
Bald darauf kamen die Verhafteten gegen Meldeauflage wieder frei und verschwanden prompt. Das war 1974. Wegner wurde erst im April dieses Jahres aufgespürt, Neumann bis heute nicht. Seither haben Fahnder Gewißheit, daß sich die Ultrarechte nach Anarcho-Vorbild längst auch einen Untergrund zugelegt hat. Dort macht nach Erkenntnissen des Verfassungsschutzes mittlerweile ein harter Kern von 100 Aktivisten und mehr als 1000 Sympathisanten heimlich Front -- gegen den "Volkskrebs Demokratie", für eine "Staatsform mit Führerstruktur".
Konspirativ, unter falschem Namen und mit Deckadressen, zetteln bundesweit organisierte Rechtsradikale Aktionen an, die mit Verbalradikalismen von NPD und "Aktion Widerstand" nichts mehr zu tun haben. Untereinander durch Kontaktleute verbunden, die oft statt Namen nur Kode-Nummern kennen, werden immer mehr völkische Männer aus einem dicht abgeschotteten Zellensystem heraus aktiv. Rechtsextreme Untergrundzirkel
* treffen sich im Frankfurter "Kampfbund Deutscher Soldaten" oder dem "Stahlhelm", in Wehrsport- und Kampfgruppen zu paramilitärischen Kriegsübungen,
* starten nachts mit Plakaten, Pinseln und Funkgeräten zu Schmier- und Klebeaktionen ("Rotfront verrecke", "Saujuden raus"),
* horten "für den Ernstfall" Waffen in geheimen Verstecken -- mehrere tausend Schuß Munition, Pistolen, Gewehre und Handgranaten,
* terrorisieren Bürger und verüben -- neuerdings -- auch schon mal Brand- und Bombenanschläge.
Das Bundesamt für Verfassungsschutz hat eine deutlich "erkennbare Zunahme von neonazistischen Strömungen" ausgemacht, Länderinnenminister rechnen mit "verstärkten Aktivitäten rechtsextremistischer Organisationen". Doch im Bundesinnenministerium geht demnächst erst einmal ein Soziologen-Team daran, alle bisherigen Belege daraufhin zu sichten, wer da eigentlich rechts unten mobil macht. Denn wie diese "kleinen militanten nazistischen Gruppen" (so der Mainzer Innenminister Heinz Schwarz) einzuordnen sind, wissen offizielle Szenenbeobachter noch nicht so recht.
Bizarr wohl die These eines Verfassungsschützers' der "handfeste Indizien" dafür sieht, "daß da vieles vom KGB gesteuert wird"; und plausibler schon die Ansicht des Hamburger Verfassungsschutzleiters Hans-Josef Horchern, da seien "viele Leute dabei, die "ne Menge träumen".
Den Stoff, aus dem diese Träume sind, umreißt ein hoher Staatsschützer so: "Angestachelt von einer überwerti-
* Jüdischer Friedhof in Mainz.
gen Idee und fanatischem Haß gegen Andersdenkende, kämpfen Kleinbürger vor verklärtem historischem Hintergrund für Werte, die mit der Ratio nicht mehr erfaßbar sind."
Doch die Fahnder finden nicht nur Altbackenes. Mit der NPD ist zwar das lange Zeit einzig wirksame Sammelbecken für die diversen Alt- und Jungnazi-Sekten niedergegangen; doch auf rechte Vereinsmeierei, die den Parteigenossen bislang immer noch die Schlagkraft nahm -- "Keiner will sich unterordnen, jeder will ein kleiner Führer sein" (Staatsschützererkenntnis) -, scheint kein Verlaß mehr. V-Leute der Innenministerien vermelden vielmehr allerorten einen "starken Willen zur einheitlichen Organisation", der die Volksgenossen wieder zusammenschweißt.
So trafen sich im September letzten Jahres unter dem sportlichen Namen "Schießclub Bocholt e. V." 50 Herren aus dem gesamten Bundesgebiet in einer Gastwirtschaft im Wiesbadener Vorort Klarenthal zu vertraulichen Gesprächen. "Doch um Schützenfeste", berichtet ein Verfassungsschützer, "ging es in Wiesbaden nicht": Die 50 Gäste, allesamt Delegierte rechtsradikaler Organisationen, gründeten eine neue "Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei" (NSDAP) und wählten einen Führer: Wilhelm Heinrich Wübbels, 51, Frührentner aus NRW und neuer Stern der ganz rechten Szene.
Idol Wübbels rief den Schießklub seither mehrmals zu konspirativen Treffen zusammen und schwor die Gemeinschaft auf engere Zusammenarbeit und strikte Geheimhaltung ein. "Ohne Referenzen", staunte ein Verfassungsschützer über die bis dahin bei Rechtsradikalen ungewohnte Abschottung, "kommt man da nicht mehr rein."
Wegweiser in den Untergrund für Neonazis spielte lange Zeit der Rechtsanwalt Manfred Roeder. Bei Fackelschein und unter schwarzweißroten Fahnen hatte Roeder, Vorsitzender der "Deutschen Bürgerinitiative" (DBI). seine mindestens 150 Gefolgsleute gelegentlich mit Abgekupfertem von RAF und Mao auf neuen Stil vergattert. Wir sind gezwungen, wie Guerillas eine Freiheitsbewegung ins Leben zu rufen. das heißt, daß wir wie die Partisanen im Volk schwimmen und überall angreifen. Mit psychologischer Kriegsführung. Mit allen anderen Mitteln, die uns zu Gebote stehen. Jedes Volk wendet Gewalt an, wenn es um seine Lebensrechte geht. Gegen Roeder ermittelt nun die Frankfurter Staatsanwaltschaft wegen Bildung einer kriminellen Vereinigung. Denn auf dem Knüll-Köpfchen bei Bad Hersfeld hatte der Anwalt bei Sieg-Heil und Horst-Wessel-Lied den Kriegszustand verkündet: "Diese aufgezwungene Demokratie muß bis zum letzten Atemzug bekämpft werden."
Einig mit Roeder in Sachen Demokratie geht auch Karl-Heinz "Mickey" Hoffmann, 38, von Mitgliedern seiner "Wehrsportgruppe Hoffmann" im bayrischen Heroldsberg kurz "der Chef" genannt. Ausgerüstet mit Pistolen und Karabinern (Typ: 98k), scheucht Häuptling Hoffmann hauptsächlich junge Leute zu strammen Märschen und Manövern in die Wälder an der Pegnitz. Mit Lastern in Tarnfarbe und mit Totenköpfen auf den Türen karrt der Chef seine "Schwarze Legion" zum Manöver ins Gelände. "Wir fühlen uns", gab ein Hoffmann-Legionär nach der Übung preis, "als Soldaten, als Damm gegen die rote Flut."
Anfang Mai dann kletterte der Bundeswehrgefreite und Hoffmann-Fan Dieter Epplen mit einer Bombe in der Tasche über eine Mauer an Münchens Englischem Garten, um den US-Soldatensender AFN in die Luft zu sprengen. Doch der selbstgebastelte Sprengkörper explodierte zu früh, Epplen wurde schwer verletzt. Der Taschenkrepierer zeigte, wie aus Kriegsspiel und Emotionen auch schon mal ein Stückchen Wirklichkeit werden kann.
Und auch das Feindbild der Verfassungsschützer gerät seither ins Verschwimmen. Denn denkbar erscheint nun auch Zweiflern, daß manches bislang unaufgeklärte Polit-Verbrechen, dessen Hintermänner schlankweg in linksradikalen Anarchozirkeln vermutet wurden, in Wahrheit aufs Konto der anderen Front geht. Und es gibt genug Belege dafür, daß auf rechtsaußen die Schwelle zwischen Verbalradikalismus und Straftat oft überschritten wird. Neonazistische Aktivisten beispielsweise steckten ein FDJ-Heim in West-Berlin in Brand. andere Rechtsradikale legten Feuer in einem DGB-Haus im Landkreis Hannover. Im Hamburger Kulturzentrum "Fabrik" prügelten braune Schlägertrupps mit Ketten, Schlagringen und Eisenstangen, in Darmstadt droschen Anhänger des Rechtsanwaltes Roeder auf Polizisten ein, die ihren Führer abführen wollten.
Roeder-Freund Kurt Müller, Mitglied im Schießclub Bocholt und Chef einer NS-Kampfgruppe, stoppte in Mainz gemeinsam mit Frau Ursula zwei Radfahrer und trat sie zusammen. Dem Stadtrat und Müller-Gegner Willi Abts drohte nachts ein anonymer Anrufer: "Sie dreckiger Judenfreund, ich werde Sie und Ihre Brut zusammenschlagen." Beim Müller-Bund wurden letzthin 2600 Schuß Munition, Gewehre, Pistolen, Dolche und Schlagstöcke sichergestellt, und Polizeipräsident Hans-Georg Kaesehagen ließ für seine Beamten ein spezielles Fahndungsheft mit Konterfeis der Aktivisten drucken.
Immer seltener nämlich ertappt die Polizei NSDAP-Akteure. Denn selbst Klebe- und Maltrupps starten kaum mehr spontan, sondern stets gut vorbereitet und nur zu zweit ("Einer klebt, einer paßt auf") zu nächtlichen Ausflügen. "Unsere Aktionen", verriet ein Neonazi aus Niedersachsen, "laufen alle abgeschirmt mit Funksprechern, und wir haben die lieben Polizisten immer auf unserer Frequenz."
Glück hatten bayrische Verfassungsschützer, als sie in München einen Zweiertrupp erwischten -- einen 17jährigen Schüler und den US-Studenten Marc Weber, beide nach eigenem Eingeständnis Mitglieder der illegalen NSDAP-Auslandsorganisation, Kämpfer "für das deutsche Volk" und "unsere arische Rasse".
Doch wer in München und anderswo noch zum Geheimbund gehört, bleibt im dunkeln. Denn bei der NSDAP-AO' so gestand einer der beiden Festgenommenen, "bilden je zwei Mitglieder eine Zelle. Die einzelnen Zellen wissen nichts voneinander".
Auch Gary Rex Lauck, Deutschamerikaner aus Lincoln im US-Bundesstaat Nebraska und Führer der Neonazis, kennt keine Namen. Mit seinen Leuten verkehrt "Kamerad Gerhard" nur über Zahlenkombinationen, die erst von geheimen Kontaktleuten entschlüsselt werden können.
Lauck, der bis zu seiner Ausweisung vor 18 Monaten in der Bundesrepublik "Frontbesuch" und "Zellenaufbau" betrieb und bei geheimen Treffen referierte, "warum wir Amerikaner noch Adolf Hitler verehren", sekundiert den Rechten vom Ausland her.
Im Parteiorgan "NS-Kampf ruf" erteilt er "SD-Hinweise"' bietet Sympathisanten Hakenkreuz-Aufkleber an -- hundert Stück für fünf Mark -- und wirbt Mitglieder.
Indes, die Aufnahmebedingungen im rechten Untergrund sind hart, "Feige und Laue" sind unerwünscht. Wer Nationalsozialist sein will, muß alles andere aufgeben: "Für unser Ziel", tönte ein Lauck-Anhänger' "müßt ihr bereit sein, ins Gefängnis zu gehen, Eigentum und Ruf zu verlieren."
Doch auch für rechte Untergründler endet das Abtauchen in die Illegalität bisweilen abrupt. Als etwa der ausgewiesene NSDAP-AO-Chef Lauck am Abend des 25. März mit 20 000 Hakenkreuz-Klebern in Mainz aus dem Zug stieg, wartete schon die Kripo. Vorletzte Woche verurteilte ihn die Koblenzer Staatsschutzkammer zu milden sechs Monaten Freiheitsentzug mit Bewährung.
Der Neonazi aus Übersee reiste jedoch nicht nur mit Klebezetteln durch die Lande. Eine Rolle hat Lauck womöglich auch in der kriminellen Polit-Vereinigung "Nationalsozialistische Kampfgruppe Großdeutschland" (NSKG) gespielt. Die hatte sich unter die Führung des Waldarbeiters Manfred Knauber, 39, geschart, zehn Aktivisten aus Nordrhein-Westfalen und Bayern, die "im Sinne unseres Führers weiterkämpfen" wollten. Doch trotz aller Heimlichkeit flog die Gruppe auf. In Mönchengladbach und in München beschlagnahmten Fahnder 2000 Schuß Munition, Eierhandgranaten, Pistolen und Karabiner. Und im Programm fanden sich Gedanken, die Kamerad Gerhard aus USA importiert hatte.
Obwohl die rechte Truppe im Februar in Düsseldorf abgeurteilt wurde, sind Verfassungsschützer unsicher, ob nicht doch noch NSKG-Zellen die Staatsaktion überlebt haben. Denn die Hartnäckigkeit, mit der überführte Gesinnungstäter beim Geschäft bleiben, erstaunt die Verfassungsschützer.
Den Drillmeister Mickey Hoffmann aus Bayern etwa, dem bis zum Bombenanschlag seines Sympathisanten Epplen im Mai kein Gesetzesverstoß nachzuweisen war, konnte auch der Münchner Bomben-Reinfall nicht entmutigen. Er macht, so beobachten V-Männer' "jetzt lustig weiter".
Obwohl die teils wohlbewaffneten Rechtsultras ihre Entschlossenheit zur Gewaltanwendung nicht mehr nur bekunden, messen Staatsschützer ihnen indes kaum das Kaliber der Konkurrenz vom anderen Flügel zu. Denn anders als die Linksextremisten haben die rechten Bomber keine geschlossene Ideologie und kaum eine nennenswerte Sympathisantenszene. So verschwommen nämlich ihr Ideengebräu, so eng begrenzt der Kreis potentieller Unterstützer. "Wenn die auf den Bau oder in die Schule kommen, werden sie ausgelacht", höhnt ein Verfassungsschutz-Experte. "Die können", so ein anderer, "ihren Koffer nicht einmal bei NPD-Leuten verstecken."
Als ungefährlich gelten die rechten Polit-Schwadroneure indes bei keinem professionellen Beobachter der Szene. Denn unter den 100 Kerntrupplern vermuten V-Leute Fanatiker, die "bereit sind, bis zum Letzten zu gehen".
Und "wenn man eine Kugel im Bauch hat", sagt Hamburgs Verfassungsschutz-Chef Horchem, "ist es egal, ob das ein Spinner war oder einer, der den Marx vor- und rückwärts hersagen kann".

DER SPIEGEL 33/1976
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