12.07.1976

Bundeswehr: Skandal um den Chilenen-Oberst

Der Vortrag des chilenischen Oberstleutnants Helmut Kraushaar vor der Bundeswehrführungsakademie in Hamburg wird ein Nachspiel haben: Verteidigungsminister Georg Leber ordnete auf der Abteilungsleiterkonferenz letzte Woche eine strenge Untersuchung an. nachdem ihm durch den SPIEGEL bekanntgeworden war, was Kraushaar unter dem lebhaften Beifall deutscher und ausländischer Offiziere Ende Juli wirklich gesagt hatte. Der chilenische Oberstleutnant hatte sich nämlich nicht nur auf eine "geographisch-kulturelle Darstellung" und einen "historischen Abriß" seines Landes beschränkt. wie ein Sprecher der Führungsakademie dem SPIEGEL auf Anfrage erklärt hatte. Kraushaar attackierte in seiner Rede vielmehr heftig die Regierung Allende und verteidigte den Putsch der Militär-Junta des Generals Augusto Pinochet. Die Volksfrontregierung, so der Oberstleutnant, habe einen "Massenmord von Offizieren und Oppositionellen" geplant. "Raub, Diebstahl und Mord waren an der Tagesordnung." Deshalb sei eine Machtübernahme durch die Militärs notwendig geworden.
Über die hohe Zahl der eingesperrten Gegner der derzeitigen Diktatoren und die Folterung politischer Gefangener verlor der Chilene dagegen kein Wort. "Enthaltsamkeit und Sittenstrenge", so Kraushaar statt dessen, seien jetzt oberstes Gebot der Regenten. Und: "Ordnung und Recht sind wiedererlangt worden. Niemand hat Angst um sein Leben oder um seine Habe." Der chilenische Oberstleutnant, dessen Teilnahme an einem Bundeswehrlehrgang vor einem Jahr in der Öffentlichkeit heftig kritisiert, aber vom Verteidigungsminister dann doch durchgesetzt worden war, ist inzwischen in seine Heimat zurückgekehrt. Ob auch in Zukunft chilenische Offiziere an die Führungsakademie eingeladen werden, will Leber vom Ergebnis der angeordneten Untersuchung abhängig machen.

DER SPIEGEL 29/1976
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