12.07.1976

FORSCHUNGDreh dich, dreh dich

Der Staat will Löffelbiegern und ähnlichen Wesen auf die Finger sehen. Ein 100 000-Mark-Programm soll mit dem Hokuspokus aufräumen -- „wenn nicht doch was dran ist“.
In den physikalischen Instituten der Münchner Universität, wo sonst so diesseitige Erscheinungen wie die "Interferenz von Laserlicht" oder die "Stoßprozesse schwerer Ionen" untersucht werden, passieren seit einigen Wochen seltsame Dinge.
Löffel hüpfen ohne erkennbaren Grund auf Labortischen, Styroporstücke schaukeln unberührt auf Bürostühlen, Kerzenhalter drehen sich auf unerklärliche Weise um die eigene Achse, und -- seit Uri Geiler schon geläufig -- Löffel, Schlüssel werden durch bloße Berührung verbogen.
Der Wunder-Täter ist Claus Rahn, 28, Sanitärkaufmann aus Bremerhaven. Der ehemalige Regionalmeister im Hochsprung (2,01 Meter) ist von seinen telekinetischen Fähigkeiten ("Ich bin echt echt") ebenso überzeugt wie von seiner Aufrichtigkeit: "Ich habe noch nie ein krummes Ding gemacht."
Eines doch -- nämlich den Sicherheitsschlüssel ("Zeiss Ikon HM 95 228 d") der kaufmännischen Angestellten Martha Heinisch, den er 30 Zentimeter vor dem verblüfften Gesicht der Frau ohne Kraftaufwand "leicht nach links um etwa 45 Grad" verbog. Und alles, was Rahn in München-Garching dreht und wendet, wird von Wissenschaftlern ausführlich zu Protokoll genommen.
Mal läßt er ohne Hinlangen mit dem bloßen Kommando "Dreh dich!" einen Briefbeschwerer derart rotieren, daß eine anwesende Zeugin alsbald "in der linken Hand ein fremdartiges Kribbeln, Spannen und Brennen" verspürt, das "bis zum Einschlafen anhielt". Mal verblüfft er zwei Techniker im Raum 25, indem er einen "Metallspatel aus nichtmagnetischem Stahl" mit "leicht gespreizten Fingern" nach kurzer Beschwörung "ruckweise im Uhrzeigersinn" dreht.
Claus Rahn, der sich zu Hause in Bremerhaven auch schon (bislang vergeblich) am Globus der Stadtbibliothek versucht hat, ist sich seines Wertes voll bewußt: "Sämtliche Professoren lecken sich doch die Finger nach mir." In Garching stand er für einen Honorarvorschuß von 3300 Mark plus Aufenthaltskosten von 1200 Mark zwei Monate lang als Versuchsperson zur Verfügung. Doch weil die magischen Demonstrationen nur dann und wann gelingen (Rahn: "Ich bin übel dran: Ich kann nicht immer"). mußten die Wissenschaftler bisweilen auch mit Vorführungen zu ungewohnter Zeit und außerhalb des Instituts vorliebnehmen.
So berichtet etwa der Physiker Dr. Lorenz Kramer über einen Besuch Rahns in seiner Privatwohnung: Wir machten es uns beim offenen Kamin gemütlich. Einige passende Gegenstände waren bereitgelegt. Herr Rahn setzte sich und begann mit einigen Löffeln zu hantieren, entschied sich schließlich für einen unserer großen silbernen Suppenlöffel (Hochzeitsgeschenk). Dann wurde der Löffel auf dem Teetisch umgedreht niedergelegt. Herr Rahn ließ seine gespreizten Hände ca. sieben Zentimeter darüber schweben, und nach etwa zweimal hastig ausgestoßenem "Dreh dich begann der Löffel sich zu bewegen. Aus dem Protokoll des Privatdozenten Dr. Klaus Eberhard:
Etwa gegen 23.15 Uhr trafen wir in meiner Wohnung ein. Die Atmosphäre war sehr gelockert. Um so erstaunter war ich, als nach etwa 15 Minuten Herr Rahn mich bat, seinen Puls zu fühlen und meine Hand auf seine Brust zu legen. Ich konnte deutlich das starke und schnelle Klopfen seines Herzens spüren. Wir beide gingen in die Küche und suchten schließlich einen großen Löffel, Länge etwa 25 Zentimeter, aus. In suggestiver Weise sagte Herr Rahn einigemal "Dreh dich, dreh dich", und nach wenigen Sekunden drehte sich der Löffel in der Tat um einen Winkel von etwa 90 Grad im Sinne einer Rechtaschraube.
Der Naturwissenschaftler Professor Friedrich Rieß über einen Versuch in seinem Haus:
Um 23.30 Uhr erklärte Herr Rahn sich zu einer Demonstration bereit. Zu diesem Zeitpunkt schwitzte er bereits stark an seinen Händen. Er schien vom durch das Fenster scheinenden Vollmond sehr angeregt. Er erklärte sich bereit. mit dem Spielzeugauto einen Versuch zu machen. Herr Rahn versuchte das Auto zu bewegen; zunächst mit einer Handstellung, die bei ihm typisch ist, dann zog er plötzlich seine Hände zurück und forderte Herrn Rieß auf, seine Hände über das Auto zu bringen. Herr Rieß bewegte seine gespreizten Hände über das Auto. Die Bewegung schien sich auf das Auto zu übertragen, denn es rollte plötzlich mit gleichmäßiger Geschwindigkeit auf Herrn Rahn zu und blieb an der Tischkante hängen.
Die nicht gerade wissenschaftlichen Versuchsbedingungen und die naive Beobachtung von Nebensächlichkeiten (Hochzeitsgeschenk, Vollmond) können die Garchinger Wissenschaftler in ihrem Forscherdrang nicht bremsen. Für den Versuchsleiter der "telekinetischen Untersuchungen" in Garching, Dr. Hans-Dieter Betz, 35. der mit einer Arbeit auf dem Gebiet der angewandten Laserphysik in Heidelberg promovierte und jahrelang am renommierten Massachusetts Institute of Technology in den USA arbeitete, ist an den Darbietungen Rahns "durchaus was dran".
Physiker Betz, der durch das Aufsehen um Uri Geiler auf die Psi-Phänomene aufmerksam wurde, hat außer Rahn auch schon ein 12jähriges Mädchen, das ihm Kupferstücke und Plastikdrähte kunstgerecht verformt hat, sowie ein Schweizer Medium getestet. das durch bloßes Handauflegen einen elektrischen Widerstand von 68 Ohm auf 244 Ohm erhöhen konnte.
Vorerst geht Physiker Betz von der Arbeitshypothese aus: "Entweder ich finde den Trick -- der ist schon "ne Menge wert; oder ich stoße auf ein echtes Phänomen -- das ist noch interessanter." Zu den echten Phänomenen würde der Wissenschaftler "einen biophysikalischen Effekt nach Art des Zitteraals" zählen, noch mehr aber "etwas völlig Neues, das unser Weltbild ungeheuer erweitert".
Einen gewöhnlichen Trick hält Betz. der inzwischen auch an Magierkongressen teilnimmt, für "sehr, sehr unwahrscheinlich". Gleichwohl mag er auch nicht völlig ausschließen, daß der Bremerhavener Rahn zum Beispiel mit unsichtbaren Fäden arbeitet. Immerhin: "Mit den Fäden kommt der nicht ungeschoren aus unseren Labors; das weisen wir ihm nach."
Solcher Nachweis wird die Steuerzahler fast 100 000 Mark kosten. Denn Betz hat bei der von Bund und Ländern finanzierten "Deutschen Forschungsgemeinschaft" (DFG) einen Antrag auf Unterstützung seines Projektes gestellt und ist dort auf Wohlwollen gestoßen. Der DFG-Referent für Physik, Erich Kirste, der etwa acht Prozent des 600-Millionen-Jahresetats der Gemeinschaft verwaltet: "Es ist an der Zeit, diesen Dingen auf den Grund zu gehen."
Vorsichtshalber hat Kirste für den heiklen Fall ("Die DFG kann sich da ja wirklich blamieren und ihren Namen aufs Spiel setzen") statt der üblichen zwei gleich fünf Gutachter nach München beordert, deren Urteile bis Mitte des Monats erwartet werden.
Versuchsleiter Betz ist optimistisch ("Die Gutachten werden positiv sein, daran besteht kein Zweifel"); und frohgemut sieht er weiteren Forschungen entgegen, bei denen er längst über das bloße Löffelbiegen hinausdenkt -- etwa an Wünschelruten oder an die schwebende Jungfrau: "Wenn man Löffel akzeptiert, ist doch Levitation nur noch eine Frage der Intensität."
Auch Testperson Rahn ist guter Dinge: Seine Erfahrungen hat er inzwischen für 1000 Mark an den Heinrich Bauer Verlag ("Quick", "Neue Revue") verkauft. Von einem etwaigen Trick will er deshalb nichts wissen: "Wenn ich plötzlich als Scharlatan dastünde, da hätten ja die Professoren zigtausend Mark umsonst rausgeschmissen."

DER SPIEGEL 29/1976
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