14.06.1976

LOCKHEED-SKANDALKrumme Summe

Der zweifelhafte Zeuge Hauser läßt nicht locker. Er präsentiert in Sachen „Starfighter“-Beschaffung neue Dokumente und neue Namen.
Es war am 14. Mai, einem Freitagnachmittag, als Don Harns, Lokalreporter der Zeitung "The Arizona Republic", an die Tür des eleganten Eigenheimes 9965 West Cameo Drive in Phoenix (Arizona) klopfte. Versteckt hinter einem Baum lauerte mit aufgepflanzter Teleoptik Sue Levy, die Photographin des Blattes. Das Journalistenteam war auf heißer Fährte in Sachen Lockheed-Skandal.
Ein etwa 60jähriger Mann, hager, Hornbrille und sportlich gekleidet, öffnete. Harns fragte ihn, ob er Roha heiße. Die Antwort: "Ja -- uh. nein. Mein Name ist Shaw. Ich bin Mr. Shaw. Mr. John Shaw." Dann erzählte er dem Reporter, er habe das Haus von Roha, der an just jenem Morgen abgereist sei, für sechs Monate gemietet.
Bildvergleiche, die Reporter Harns später anstellte, bewiesen: Der Mann, der sich Shaw nannte, war tatsächlich Clarence H. Roha. 59, pensionierter Angestellter des amerikanischen Flugzeugkonzerns Lockheed. jenes Unternehmens, gegen das seit über einem Jahr wegen des Verdachts ermittelt wird, Spitzenpolitiker und Parteien in aller Welt mit Dollarmillionen geschmiert zu haben.
Shaw alias Roha war zu Beginn der 60er Jahre einer -- der maßgeblichen Techniker im Koblenzer Verbindungsbüro der Lockheed Aircraft Corporation. Zu jener Zeit wickelte die Bundeswehr unter dem damaligen Verteidigungsminister Franz Josef Strauß das größte Waffengeschäft der Nachkriegszeit, den Kauf von 700 Starfightern des Typs F-104, mit dem kalifornischen Konzern ab.
Zwischen 1961 und 1964 agierte im Koblenzer Lockheed-Büro am Friedrich-Ebert-Ring 2 als Verbindungsmann zum Bonner Verteidigungsministerium auch jener jetzt gleichfalls in Phoenix ansässige Ernest F. Hauser, Amerikaner österreichischer Herkunft. der im Herbst vergangenen Jahres durch die Veröffentlichung eines angeblich authentischen Tagebuches seinen früheren Freund Strauß und dessen CSU beschuldigt hatte, von Lockheed Schmiergelder angenommen zu haben.
Hauser hatte seine Tagebuchenthüllungen wenig später vor einem Untersuchungsausschuß des amerikanischen Senats und vor der US-Börsenaufsicht unter Eid bekräftigt. Doch den Fahndern gelang es bislang nicht, seine Behauptungen über Bestechungszahlungen im Zusammenhang mit der deutschen Starfighter-Beschaffung zu verifizieren.
Es war Phoenix-Bürger Hauser, der den "Arizona Republic"-Reporter auf die Spuren des Pensionärs Roha gesetzt hatte. Seinen Namen und Aufenthaltsort ins Gespräch zu bringen erschien Hauser offenbar nützlich.
Denn die amtlichen Washingtoner Lockheed-Fahnder hatten sich zuvor vergeblich bemüht, Roha zu finden. Schriftliche Ladungen kamen wegen Unzustellbarkeit zurück, eine andere Spur endete bei einer Briefkastenadresse in Dortmund, sein Telephon hatte Shaw/Roha vorübergehend abgestellt.
Hauser schien die Entdeckung Rohas Geld wert zu sein. Der Hamburger Illustrierten "Stern", der er schon sein Lockheed-Tagebuch verkauft hatte, bot er für 10 000 Dollar interessant wirkende neue Papiere an, in denen der Name Roha eine wichtige Rolle spielt.
In Photokopie legte er zwei auf Papier des Koblenzer Lockheed-Office getippte Briefe vor: In dem Schreiben vom 14. Mai 1962 berichtet C. H. Roha seinem damaligen Koblenzer Büroleiter A. M. Folden, er habe telephonisch von einem Mann namens M. Howard aus dem Lockheed-Büro München die Bestätigung erhalten, daß eine Barzahlung von 1 376 418,73 Dollar durch F. Meuser (damals Lockheed-Vertreter in Genf) direkt an "F Z (CSU MUNICH)" gezahlt worden sei.
Hauser erläuterte dem SPIEGEL die Abkürzung: "Ich kenne keinen bei der CSU, der außer Friedrich Zimmermann (Parlamentarischer Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Bundestag, d. Red.) seinen Namen mit diesen Buchstaben abkürzt."
Die krumme Dollar-Summe, so geht aus dem Hauser-Papier hervor, war angeblich die Anerkennungsgebühr für den Kauf von 217 Starfightern mit der Modellnummer 603.10.19 und neun Flugzeugen mit der Modellnummer 583.10.20.
Überdies wird in dem mit Rohas Unterschrift versehenen Brief angekündigt, daß eine Zahlung an die Niederlande für die Serie "D-6654 (Modell 683.10.19)" folgen solle.
In einer zweiten Kopie vom 23. Mai 1962 meldet Roha seinem Vorgesetzten Folden, daß er, wiederum telephonisch, diesmal von einem Mann namens Art Johannsen vom Lockheed-Büro auf dem Amsterdamer Flughafen Schiphol die Bestätigung erhalten habe, daß Meuser 876 327,89 Dollar an einen Menschen namens G. Aalbertsberg "für Bernhard", den niederländischen Prinzgemahl, gezahlt hat, eine Nachricht, die kürzlich durch die Weltpresse ging -- freilich ohne Bezug auf den Lieferanten Hauser.
Die "Stern"-Leute aber trauten der Zuverlässigkeit ihres Vertragspartners Hauser nicht so ganz. Sie legten das Holland-Papier niederländischen Experten vor, die den Brief alsbald für gefälscht erklärten. Ein Versuch, Hauser mit einem Lügendetektor zu testen, scheiterte: Der frühere Geheimdienstler stand laut Aussagen eines "Stern"-Reporters unter dem Einfluß einer die Aussage entwertenden Droge.
Das Urteil über den anderen Brief angebliche Zahlungen Lockheeds an "F Z (CSU MUNICH)" -- fällte kürzlich das zollkriminologische Institut in Köln im Auftrag der Abteilung "Ermittlung in Sonderfällen" (ES) des Bundesverteidigungsministeriums. Danach konnte Hauser nicht, wie er behauptet hat, im Jahre 1962 im Koblenzer Lockheed-Büro eine Kopie der von ihm verbreiteten Art, eine sogenannte Trockenphotokopie. hergestellt haben. Dieses Verfahren ersetzte dort erst von 1964 an die bis dahin übliche Naßkopie-Methode.
Überdies, so ergaben die Recherchen, existierten Briefbogen in der von Hauser angeblich 1962 kopierten Art zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht. 1962 habe die untere Spitze des Lockheed-Sterns im Briefkopf genau in den Zwischenraum zwischen dem "E" und dem "B" der Straßenbezeichnung "Friedrich-Ebert-Ring" geragt. Erst ab 1964 seien Bogen von der Art des Hauser-Briefes benutzt worden, bei denen die Sternspitze auf das "E" weist.
Auch die in dem Papier genannten Starfighter-Stückzahlen und Seriennummern stimmen nicht. Bis zum 15. Mai 1962 habe Lockheed keineswegs, wie aus dem angeblichen Dokument ersichtlich, 226 Starfighter geliefert, sondern lediglich 42 und zwei weitere am 15. Mai. Weder die "tatsächliche Auslieferungsquote noch die Planzahlen" lassen nach Auskunft der Bonner Bundeswehr-Detektive den Schluß auf 226 gelieferte Flugzeuge zu.
Die unter anderem in dem Deutschland-Papier genannte Seriennummer "D-6654" sei keine Lockheed-Bezeichnung, sondern gehöre zu einem von der italienischen Firma Fiat hergestellten Flugzeug. Und Maschinen dieses Typs sind weder in die Bundesrepublik noch in die Niederlande geliefert worden.
Am 20. Mai, eine Woche nachdem Reporter Harns ihn dank des Hauser-Tips aufgetan hatte, erschien der in Hausers Papieren der Mitwisserschaft an der Lockheed-Korruption bezichtigte Pensionär Roha vor dem Notar Lela E. Letson in Los Angeles: Dort beschwor er, daß er zwar im Lockheed-Büro in Koblenz gearbeitet habe, von direkten oder indirekten Lockheed-Zahlungen im Zusammenhang mit der F-104 an politische Parteien oder andere ausländische "officials" wisse er jedoch nichts.
Der Leiter der Bonner Aufklärungs-Abteilung ES, Ministerialrat Fritz-Josef Rath, ist sich inzwischen ziemlich sicher, wer die Hauser-Papiere hergestellt hat: Ernest F. Hauser selbst. Bei der Lektüre der Kopien stießen Sprachkenner sofort auf die für einen Amerikaner -- und Roha ist Amerikaner -- ungewöhnliche Schreibweise des Wortes "telefone" mit "f" anstatt des im Englischen üblichen "ph".
Als Rath-Helfer Gerhard Scheidges akribisch einen Stapel von Spesen-Abrechnungen des ehemaligen Bonner Lockheed-Lobbyisten Hauser kontrollierte, fand er heraus, daß dieser in seinen in englischer Sprache handschriftlich ausgefüllten Formularen das Wort "telephone" immer mit "f" geschrieben hat (siehe Photo).
Sowohl in Bonn. wo sich ein Staatssekretärs-Ausschuß weiterhin um die Aufklärung der Lockheed-Affäre bemüht, wie bei den Senatsfahndern in Washington ist die Hoffnung gesunken, daß mit Hausers Hilfe die Wahrheit noch ergründet werden kann.
In Bonn hofft man immerhin, vielleicht noch rechtzeitig vor der Wahl aus neuen Washingtoner Unterlagen die Hintergründe des Starfighter-Geschäftes aufzudecken.
Eine heiße Spur gibt es: Im Jahre 1966 hatte ein ehemaliger Verkaufsmanager von Lockheed, Paul White, gegenüber Fahnder Rath erklärt, die Firma habe Schmiergeld-Zahlungen stets über Auslandsrepräsentanten an die richtigen Adressen geleitet. Als die Lufthansa in den 50er Jahren von Lockheed 14 Super Constellations gekauft habe, sei deshalb immer auf zwei Konten der damaligen deutschen Commerz GmbH (Frankfurt) gezahlt worden -- an eine Bankadresse in der Bundesrepublik und auf ein Schweizer Nummernkonto.
Lockheed-Syndikus John Martin hat später erklärt, die Firma habe diese Praxis im F-104-Geschäft nicht mehr angewandt. Aus Papieren, die der US-Senat bei Lockheed gefunden hat, geht jedoch hervor, daß dem jetzigen Lockheed-Vertreter, Christian Steinrucke (Düsseldorf), ein Teil seiner Zahlungen laut Vertrag wiederum auf ein eidgenössisches Nummernkonto überwiesen werden sollte. Diesen Weg auch beim Starfighter-Geschäft nachzuweisen ist nach wie vor Raths Ziel.
Unterdessen wird sich Zeuge Ernest F. Hauser wegen seiner vielfältigen Beiträge zum Fall Lockheed von den amerikanischen Justizbehörden und dem FBI befragen lassen müssen. Ungefragt legte er für den SPIEGEL schon eine neue Spur. Die Roha-Briefe habe er von einem Amerikaner namens McAwoy, ebenfalls Lockheed-Mann und ebenfalls wohnhaft in Phoenix. Hauser: "Der ist ein Sammler, eine Packratte wie ich, der hat noch einen ganzen Koffer voll." Immerhin: Mc-Awoy gibt es wirklich, er hat seinerzeit in Koblenz gearbeitet und ist heute noch in Arizona für Lockheed tätig.

DER SPIEGEL 25/1976
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