25.07.2005

KATHOLIKENDer Gotteskrieger vom Rhein

Der Kölner Kardinal Joachim Meisner hat sich zum Anführer des rechten Flügels seiner Kirche entwickelt. Im nächsten Monat hat der Fundamentalist seinen großen Auftritt - beim katholischen Weltjugendtag in der rheinischen Metropole.
Für Kardinal Joachim Meisner, Erzbischof von Köln, ist längst klar, dass Johannes Paul II. selig gesprochen werden muss: Kaum war der polnische Papst tot, habe er doch prompt ein Wunder bewirkt. Johannes Pauls persönlicher Intervention beim lieben Gott habe es der deutsche Kardinal Joseph Ratzinger zu verdanken, dass er nun als Karol Wojtylas Nachfolger auf dem Thron sitzt.
"Wenn ein Heiliger im Himmel ist, dann ist sein Wirkungsradius viel größer als vorher", verkündete Kirchenmann Meisner.
So schlicht ist die Welt des 71-jährigen, in Schlesien geborenen Klerikers, der seit 16 Jahren Deutschlands frohsinnigste Katholiken regiert - wenn auch selten zu deren Freude.
Der Kardinal liebt klare, unkomplizierte Worte, die seinem Weltbild entsprechen. Darauf können sich Gläubige wie Ungläubige verlassen. Neulich ermahnte er alle katholischen Bundesbürger: "Wir müssen uns eindeutig gegen den Zeitgeist stellen."
Das bedeute: "Schluss mit der endlosen Diskussion über Frauenpriestertum und Abschaffung des Zölibats." Stattdessen müsse es "um die Neuevangelisierung Europas gehen". Und wer sich dabei "christlich" nennen dürfe, das "bestimmen wir".
Die CDU jedenfalls nicht. Der wollte der kämpferische Gottesmann rechtzeitig vor der Neuwahl wieder einmal das C im Namen verbieten. Die Partei sei längst zu säkularisiert. "Was christlich ist, kann nicht die CDU definieren." Was er von der Kanzlerkandidatin Angela Merkel hält, hat er ebenfalls kundgetan: "Wie konnte eine Frau Familienministerin werden, die selbst geschieden ist und mit einem geschiedenen Mann zusammenlebt?"
Anfang des Jahres sorgte der Kardinal für erheblichen Aufruhr, weil er Frauen, die abtreiben, in eine Reihe mit Massenmördern wie Hitler, Stalin und Herodes stellte. Er vergleicht Abtreibung mit dem Holocaust und die Abtreibungspille mit Zyklon B. Gegen ihn hagelte es sogar Strafanzeigen wegen angeblich diffamierender Äußerungen über Homosexuelle. Die Ermittlungen wurden jedoch eingestellt.
Kanzler und Außenminister kritisierte er indirekt wegen ihrer vielen Ehen, den öffentlich-rechtlichen Rundfunk wegen "häufiger Gotteslästerung" und ganz Europa als "eine aus den Fugen geratene Gesellschaft".
Joachim Meisner ist der gefürchtetste unter den katholischen Kirchenfürsten der Republik. Der Gotteskrieger von Köln ist mittlerweile zum Wortführer der katholischen Fundamentalisten in Deutschland avanciert. In seinem Erzbistum geben obskure rechtskatholische Gruppen den Ton an - vom Geheimbund Opus Dei, dessen Deutschlandzentrale in Köln sitzt, bis zu dubiosen Missions- und Frömmigkeitszirkeln. Meisners Wort hat auch deshalb Gewicht, weil seine Erzdiözese die größte Deutschlands mit dem höchsten Pro-Kopf-Aufkommen an Kirchensteuer ist. Jahresetat: 678 Millionen Euro.
Im nächsten Monat hat der Kardinal mit der schlichten Weltsicht zudem einen großen Auftritt mit garantiert globalem Echo: Mitte August sollen Hunderttausende Jugendliche aus mehr als 160 Ländern
zum katholischen Weltjugendtag in die rheinische Metropole kommen. Erwartet werden zu dem Event außerdem 600 Kardinäle und Bischöfe sowie Tausende Priester und Mönche.
Eigentlich sollte Johannes Paul II. der Star der Massenveranstaltung werden. Zum Weltjugendtag anno 2000 in Rom hatte der Charismatiker aus Polen etwa zwei Millionen Menschen auf die Beine gebracht. Nun kommt, dem bald seligen Wojtyla sei Dank, immerhin der Nachfolger Benedikt XVI. Ob der genauso zieht wie sein Vorgänger, ist offen. Die Veranstalter haben die angekündigte Besucherzahl von einer Million schon kräftig nach unten revidiert.
Auf jeden Fall soll der Auftritt Benedikts absoluter Höhepunkt des Treffens werden. Für den päpstlichen Abschlussgottesdienst wurden 80 000 Kubikmeter Kies auf einem Acker bei Köln zu einem künstlichen Berg aufgeschüttet, eine teure "Kathedrale für einen Tag" (Werbeprospekt).
Insgesamt kostet das fromme Spektakel rund 100 Millionen Euro, ein knappes Drittel ist von den deutschen Diözesen aufzubringen. Das Geld muss auch Meisners Finanzverwalter anderswo einsparen, etwa bei Kindergärten, in der Jugendarbeit oder beim Personal. Nicht wenige Meisner-Kritiker fürchten gar, selbst das reiche Erzbistum Köln könnte an den Kosten des Weltjugendtags Pleite gehen.
Doch solche Töne mag Kardinal Meisner nicht hören. Erst vor wenigen Wochen kündigte der Leiter seiner Rechtsabteilung, Wilhelm Meller. Der Justitiar hatte sich mehrfach durch Kritik am bischöflichen Sparprogramm unbeliebt gemacht. Meisner löste Mellers Abteilung einfach auf - als "Sparmaßnahme".
Wichtiger als derlei Querelen ist für den Erzbischof der Schulterschluss mit seinen Päpsten, dem im Himmel und dessen irdischem Nachfolger. So wie Johannes Paul II., der Meisner zum Kardinal gemacht hat, verehrt der Kölner auch den Nachfolger Benedikt XVI., der nach seiner Überzeugung "am vollkommensten die Kontinuität" im Papstamt verkörpert. Von dem ehemaligen Kardinal Ratzinger sind keine unangenehmen Liberalisierungstendenzen in Moral und Kirchenlehre zu befürchten.
Meisner hält sich für den einzig wahren Statthalter Benedikts XVI. in der Bundesrepublik. "Der Papst", sagt er, "ist Stellvertreter Christi - und ich vertrete den Papst in Deutschland. Köln ist das deutsche Rom, und der Dom ist unser Petersdom." Was ist schon die deutsche Bischofskonferenz, und wer ist schon deren Vorsitzender, der Mainzer Kardinal Karl Lehmann?
Viele Kölner Katholiken halten ihren selbstbewussten Chef allerdings für eine Plage. Als "extrem unchristlich und herzlos" beschreibt der ehemalige leitende Religionsredakteur beim WDR-Fernsehen, Ulrich Harbecke, Autor eines Romans über einen Kardinal, der Meisners Züge trägt ("Der gläubige Kardinal"), dessen Amtsführung: "Nichts als Befehl und Gehorsam, Kasernenton statt Dialog. Da wird denunziert und verleumdet, unterdrückt und verfolgt. Meisner verordnet ein Christentum, von dem man sich nur mit Grausen abwenden kann."
Meisner, einst Bischof von Berlin, wurde 1989 von Johannes Paul II. auf seinen jetzigen Posten gehievt - gegen den Willen des Kölner Domkapitels. Seitdem säubert er seine Kirche von Feinden, als würde Satan überall sein Haupt gleichzeitig erheben. Er versetzte missliebige Pfarrer, er drangsalierte Theologen und überzog die katholische Herder-Buchhandlung in der Kölner City mit einem Boykott, nur weil dort auch Lesungen kirchenkritischer Autoren stattfanden.
Einem Theologieprofessor drohte er, ihm wegen ketzerischer Gedanken die kirchliche Lehrerlaubnis zu entziehen, sollte der Dozent nicht postwendend eine vorformulierte Verpflichtungserklärung über die Anerkennung des wahren katholischen Glaubens unterschreiben. Harbecke: "Geistliche werden wie dumme Schuljungen und Fußabtreter behandelt. Viele haben längst die innere Kündigung vollzogen."
Pluralismus in der katholischen Kirche ist Meisner zuwider. In der Erftstädter Gemeinde St. Kilian schwelt seit Monaten ein Konflikt mit dem Kardinal. Der Gemeinderat hatte zu einem Pfarrfest den Franzosen Jacques Gaillot eingeladen. Der ist zwar noch vom Vatikan anerkannter Bischof mit allen Rechten, wurde aber wegen abweichender Auffassungen 1995 von Johannes Paul II. als Oberhirte der Diözese Evreux abgesetzt. Deshalb untersagte Meisner den Auftritt Gaillots.
Weil ihm die Arbeit des ökumenisch engagierten Kölner Priesters Günter Fessler nicht passte, lud Meisner Fessler zum
"Dialog". Den eröffnete er mit den Worten: "Sie können mit mir gern diskutieren, am Ende müssen Sie mir aber doch gehorchen." Dann erklärte der Kardinal dem Pastor sein Weltbild: "Sehen Sie, Pfarrer Fessler, was passiert, wenn ich hier das Tischtuch nur an einer Stelle ziehe? Am Ende fällt das ganze schöne Geschirr herunter. So ist das auch in unserer Kirche."
Nach dem Urteil vieler seiner Kleriker ist ihr Chef "unfähig zur Kommunikation", lasse Diskussion oder Kritik nicht zu. Theologen und Intellektuelle seien ihm zuwider. Sein Amtsbruder Lehmann warf Meisner öffentlich vor, "immer nur Defizite" zu sehen "oder den Teufel an die Wand" zu malen.
Im Grunde träumt Meisner vom Wiedererstarken jener Volksfrömmigkeit, die er als Kind in den ersten elf Lebensjahren in Schlesien erlebte und später als junger Priester und Weihbischof im Eichsfeld. In diesem Katholiken-Reservat der DDR fand das Flüchtlingskind seine katholische Parallelwelt zur realsozialistischen Gesellschaft der DDR - überall in der geordneten Landschaft Pilgerkreuze, Prozessionen, Wallfahrten, Kirchweih, arbeitsfreie Wochenenden mit gutbesuchten Gottesdiensten.
Dieses Bild einer heilen Welt in einer unheiligen Umgebung hat Meisner heute noch, dahin will er zurück. Hier liegen die Wurzeln seines Unwillens, irgendetwas an der katholischen Kirche zu verändern. Er will nicht einmal eine Debatte darüber, wie die Kirche auf die veränderten Bedingungen der Gesellschaft reagieren sollte.
Er, der sich so eindeutig gegen den Zeitgeist stellen will, bedient diesen Zeitgeist mit schlichten Schuldzuweisungen: an die rot-grüne Regierung, an die 68er-Generation, an die Schwulen und Lesben, an die Frauen, die nicht zu Hause am Herd bleiben wollen, an Geschiedene, an eine auf Spaß und Lust fixierte Gesellschaft, für die Zucht und Ordnung Unwörter sind.
"Von der heutigen Zeit überforderte Menschen suchen einfache Lösungen", urteilt der emeritierte Kölner Theologieprofessor Johannes Brosseder über den Kölner Oberhirten. "Die bietet er an und verspricht Sicherheit und Geborgenheit. Meisner als Sprachrohr Gottes bestärkt diese Leute darin, dass sie mit ihren kruden Auffassungen richtig liegen."
Wenn sich die katholische Weltjugend in vier Wochen abseits der für sie aufgebauten Kulissen in seinem Erzbistum umschaut, wird sie entdecken, dass die rechtspopulistischen Sprüche des Kardinals Folgen hatten: Meisner zieht reaktionäre Gruppierungen in der Kirche an wie kein anderer. Die Zahl der Kölner Katholiken dagegen ist in seiner Amtszeit um fast eine viertel Million gesunken - schneller als anderswo. Diese "lauen Katholiken" indes will Meisner sowieso nicht.
Lieber sind ihm obskure Gläubige wie die "Auerbacher Schulschwestern", die eine Realschule in dem bayerischen Klosterort betreuen und die Sexualkundekapitel vorsorglich aus den Schulbüchern herausgerissen haben. Zu einem Solidaritätsgottesdienst mit den öffentlich angefeindeten Nonnen reiste Meisner in die Oberpfalz.
Konservative Kirchengruppen finden stets ein offenes Ohr beim Kardinal - sei es der "Initiativkreis katholischer Laien und Priester", das von rechten Adeligen finanzierte "Forum Deutscher Katholiken", seien es die "Lebensschützer" der Johanna Gräfin von Westpfalen. O-Ton des "Initiativkreises": "Die Kirche im deutschsprachigen Raum und nicht nur dort befindet sich in einer bedrohlichen Krise. Es sind nur Inseln, auf denen katholisches Leben blüht; das ,Festland' ist von den Fluten des Unglaubens und des Abfalls überspült worden."
Doch in Meisners Imperium gibt es auch blühende Inseln. In Düsseldorf etwa haben die strafforganisierten "Legionäre Christi" bereits die Jugendarbeit okkupiert. Die berüchtigte Ordensgemeinschaft kämpft zur Freude Meisners an der Kölner Front "für die Neuevangelisierung".
Meisner fördert sie alle. Der Kardinal hat sogar eine eigene Nachwuchsschmiede gegründet, ein "missionarisches Priesterseminar" namens "Redemptoris Mater". Unter der Leitung dreier iberoamerikanischer Kleriker kämpfen die meisten der 60 Priesterkandidaten für den "Neokatechumenalen Weg", eine als besonders rückschrittlich verschriene "Geistige Gemeinschaft" in der katholischen Kirche. In der britischen Diözese Clifton etwa wurden die Neokatechumenalen 1994 als "extremistische Sekte" verboten.
Lange Zeit war Meisner in der Deutschen Bischofskonferenz isoliert. Doch inzwischen sammeln sich hinter ihm die Hardliner, die in den letzten Jahren vom Vatikan auf diversen Bischofsstühlen platziert worden sind. Im Herbst steht die Neuwahl des Vorsitzenden der Konferenz an; seit nunmehr 18 Jahren hat das Amt der in Meisners Augen viel zu liberale Mainzer Erzbischof Kardinal Lehmann inne. Ob Lehmann nochmals antritt, ist unklar. Meisners Chancen auf seine Nachfolge stehen nicht schlecht.
Wohin würde ein Kirchenführer Meisner die deutschen Katholiken führen? "Ins Ghetto", sagen seine Kritiker. "In den Himmel", verkündet er selbst. Doch Meisners Himmel, wo ist der?
Wohl nicht in der Bundesrepublik Deutschland. Vor Vertrauten im geheimniskrämerischen Gestrigen-Bund Opus Dei verkündet der Kardinal schon mal, was ihm vorschwebt: eine aggressive Kirche, die Front macht gegen Abtreibung, Gleichberechtigung für Homosexuelle, sexuelle Libertinage.
Man müsse "auch in Demokratien wie der deutschen" gegen staatliche Gesetze "in Opposition gehen". Auch der Kardinal Meisner hat als Bischof einen Eid auf die Verfassung geschworen.
Eine der seltsamsten Sumpfblüten im Meisner-Sprengel betrifft den "Indult", ein Ausnahmerecht, die alten lateinischen Riten wieder zu praktizieren. Bei den Gottesdiensten der Indult-Anhänger spielen auch gewagte Gebete gegen "die verworfene Judenschar" eine Rolle.
Wie der Kardinal das seinem Idol, dem Judenfreund Karol Wojtyla droben im Himmel, klar macht, ist sein Geheimnis. PETER WENSIERSKI
Von Wensierski, Peter

DER SPIEGEL 30/2005
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