25.07.2005

GLOBALISIERUNGYou funny me

Die englische Sprache erobert die Welt - und die Welt macht sie sich zum Schrecken der Briten untertan.
Wer in Asiens aufstrebenden Nationen Karriere machen will, braucht dreierlei: Leistungswillen, Ellenbogen und Englischkenntnisse. Legionen junger Chinesen büffeln deshalb die Weltsprache Nummer eins. Sie lernen den Unterschied zwischen "download" und "down the road" - und verzweifeln häufig an der Aussprache.
Es hilft aber nichts: In jedem dritten Staat der Erde ist Englisch Amtssprache. Bis zu 75 Prozent aller Internet-Seiten kommen auf Englisch daher. Kaum etwas läuft im internationalen Geschäftsleben ohne das Idiom der Queen oder was daraus geworden ist.
Mit Englischkursen werden weltweit jährlich 2,3 Milliarden Dollar umgesetzt. Pekings Polizisten etwa sind verpflichtet, bis zu den Olympischen Spielen 2008 in ihrer Heimatstadt 600 Vokabeln zu beherrschen, Taxifahrer müssen zumindest Begriffe wie "Restaurant" oder "Platz des Himmlischen Friedens" kennen.
Sogar in Indien, wo Englisch seit Kolonialzeiten gleichberechtigt neben Hindi steht, sind Sprachschulen ein 100-Millionen-Dollar-Markt. Die Ergebnisse klingen leicht kurios. Inder sagen beispielsweise "primmri" statt "praimeri" (für primary = ursprünglich). Lautbildung und Intonation geben ihrem Englisch ein eigenständiges Gepräge.
Zwar hören sich auch angelsächselnde Teutonen recht speziell an, wenn sie das "r" aus dem Rachen knorzen und am "th" scheitern. Aber selbst fernöstliche Radiosprecher, die es von Berufs wegen eigentlich besser können müssten, sagen immer öfter "sis" statt "this" und "tree" statt "three". Das eigentlich Falsche gewinnt auf diese Weise, in Teilen der Welt, allmählich normative Kraft.
Die Wandlungen des "Standard American-British English" (SABE) betreffen mindestens in gleichem Maße die Semantik. "Japlish", ein japanisch-englischer Mischmasch, oder "Hinglish", der Mix aus Hindi und Englisch, sind kreative, in ständigem Fluss befindliche Ausweitungen der Lingua franca. Wörter ändern ihren Sinn; Deklination, Konjugation und Satzbau werden regionalen Gepflogenheiten angepasst, fallweise aber auch umgekehrt.
"Hungry kya?" ("Hast du Hunger?"), fragt ein südasiatischer Werbeslogan für Domino's Pizza. "You funny me? I funny you!", warnen junge Malaysier ihre Kumpel und benutzen ein Adjektiv einfach als doppeldeutiges Verb: "Du machst mich an? Ich werd's dir zeigen!"
Der Anpassungsfimmel der Deutschen, die in der Back-"Factory" ganz selbstverständlich Muffins ordern, outdoor mountainbiken und zum "CallYa"-Tarif durchs Web googeln, ist also nichts Besonderes, sondern eher Ausdruck einer modernen Notwendigkeit, jedenfalls im Kern. Wer in der einen Welt verstanden werden und seine Interessen wahren will, der muss die eine Sprache können. Irgendwie.
David Crystal, ein britischer Linguistik-Papst und Mitverfasser der "Cambridge Enzyklopädie der Sprache", zieht eine zwiespältige Bilanz der globalen Anglifizierung. Einerseits meldet er ein historisches Allzeithoch, denn die Zahl der Muttersprachler, rund 375 Millionen, wird mittlerweile
um das Dreifache von jenen übertroffen, denen SABE zumindest einigermaßen vertraut ist. In einem Jahrzehnt werden sich vermutlich drei Milliarden Menschen untereinander verbal verständigen können, fast die halbe heutige Weltbevölkerung.
Andererseits sieht Professor Crystal einen Trend zur Vereinfachung und Verhunzung, vor dem es Oxfordianern grausen muss. Die Weltsprache ist nicht Englisch, sondern schlechtes Englisch.
Rückkopplungseffekte auf das wahre, reine SABE sind zu beklagen und Probleme durch all die Modifikationen in der Fremde - dabei reden schon US-Amerikaner und Australier manchmal aneinander vorbei, etwa wenn von "Barbie" die Rede ist: Die Amis denken spontan an die rosa Puppe ihrer Kindheit, die Aussies an ein Barbecue, ein Grillfest.
Zu alledem verändert auch noch die anglophone Kulturszene kräftig die eigene Sprache. Der Straßenjargon von Rappern und HipHoppern infiziert Nachahmer in aller Herren Länder. Kürzel wie "4 u" (for you) finden besonders schnell Akzeptanz; sie sind ultimative Vereinfachungen des ohnehin prägnanten und auch deshalb so erfolgreichen SABE.
Dass Sprachen sich weiterentwickeln, ist normal - ein ständiges Update sozusagen. Beim Welt-Englisch jedoch nimmt dieser Prozess ungekannte Formen an. Es differenziert sich zu Regionalsprachen wie Pidgin (in der Karibik) aus, zu fachbezogenen Begriffssphären wie dem Computer-Englisch, zum coolen Code für Youngster, zu einer Magerversion für Touristen.
Nicht auszuschließen ist insofern, dass der scheinbar unaufhaltsame Siegeszug eine paradoxe Langzeitwirkung hat. Dass das eine Englisch mit allerlei Landessprachen sich verselbständigende Amalgame bildet. Dass sein Basiswortschatz irgendwann globales Allgemeingut wird, es aber viele Englischs gibt. Und dass Geschichte sich vielleicht doch wiederholt.
Auch die Römer exportierten schließlich ihre Sprache in ein ansehnliches Imperium. Übrig geblieben sind nach zwei Jahrtausenden das Italienische - und viele europäische Sprachen, die einen gemeinsamen lateinischen Fundus haben. RÜDIGER FALKSOHN
Von Rüdiger Falksohn

DER SPIEGEL 30/2005
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