25.07.2005

FILMSehnsucht nach der Steppe

Mit dem Dokumentarfilm „Die Geschichte vom weinenden Kamel“ gelang der aus der Mongolei stammenden Münchner Filmstudentin Byambasuren Davaa ein Welterfolg. Nun kommt das neue Werk der für den Oscar nominierten Regisseurin ins Kino: „Die Höhle des gelben Hundes“.
Für die große Show hatte sie sich gut gewappnet: Über den roten Teppich vor dem Kodak Theatre in Los Angeles ging die Regisseurin Byambasuren Davaa Ende Februar dieses Jahres mit einem Powerriegel in der Tasche. "Ich hatte gehört, dass man da vier Stunden lang auf seinem Sitz ausharren muss", berichtet die 33jährige Regisseurin - und noch immer rutscht sie nervös auf der Sitzbank hin und her und wedelt mit den Armen, während sie vom aufregenden Abend der diesjährigen Oscar-Verleihung erzählt. "Aber dann", sagt sie mit einem Lächeln, "war es doch ganz locker. Fast wie bei einem Theaterbesuch."
Den Oscar nahm Byambasuren Davaa an diesem Abend dann doch nicht mit nach Hause. Ihr Dokumentarfilm "Die Geschichte vom weinenden Kamel", in dem sie zusammen mit ihrem Co-Regisseur Luigi Falorni das Leben mongolischer Nomaden beschreibt, wurde nicht prämiert.
Aber vielleicht wäre die begehrteste Auszeichnung, die es in der Filmbranche zu gewinnen gibt, denn auch etwas zu viel des Guten gewesen - das übertriebene Happy End einer ohnehin schon beispiellosen Erfolgsstory. Die handelt von einer aus der Mongolei stammenden Filmemacherin, die es innerhalb von nur fünf Jahren aus ihrer Heimat in der zentralasiatischen Steppe über München bis nach Hollywood geschafft hat.
"Die Geschichte vom weinenden Kamel", von Davaa im Rahmen ihres Studiums an der Münchner Hochschule für Fernsehen und Film (HFF) gedreht, eine Fingerübung also, hat allein in Deutschland über 300 000 und weltweit Millionen Kinozuschauer begeistert; der Film ist in knapp 80 Länder verkauft - und damit eine der erfolgreichsten Kinodokumentationen der vergangenen Jahre.
Das Nachfolgewerk "Die Höhle des gelben Hundes", das in dieser Woche in die Kinos kommt, wurde im Mai beim Festival in Cannes international zu Höchstpreisen gehandelt - dabei ist es erst Davaas Abschlussarbeit an der HFF. Fertig ist sie mit dem Studium noch nicht: "Bald muss ich
anfangen, für mein Examen in Kommunikationswissenschaft zu pauken", sagt sie und schaut ein wenig genervt drein.
Und doch wirkt sie weder eingebildet noch kokett, wenn sie versichert, dass ihr der Erfolg keine Angst macht. Natürlich empfinde man es als schmeichelhaft, wenn einen das US-Nachrichtenmagazin "Newsweek" zur "heißesten mongolischen Filmemacherin" mit einem außerordentlichen Sinn für natürliche Schönheit deklariert; die "Washington Post" reihte "Die Geschichte vom weinenden Kamel" gleich in die "stolze Tradition" ethnografischer Meisterwerke ein.
Davaa hat genau den richtigen Zeitpunkt erwischt: Dokumentarfilme, auf den Kinoleinwänden jahrzehntelang eher kümmerlich präsent, erfreuen sich seit einiger Zeit stetig wachsender Beliebtheit. So spielte etwa Michael Moores Abrechnung mit George W. Bush, "Fahrenheit 9/11", im vergangenen Jahr weltweit über 200 Millionen Dollar ein - mehr als viele Hollywood-Blockbuster.
Doch Davaas Doku-Dramen sind totaler Anti-Moore: Sie zeigen stille, unspektakuläre Bilder aus dem Alltag der Mongolen. Und sie beschreiben nicht nur eine fremde Kultur, sondern erzählen en passant auch kleine Geschichten - wie (im ersten Film) die einer Kamelmutter, die ihr Junges nicht mit Milch versorgen will, oder (im neuen Werk) die eines kleinen Mädchens, das in einer Höhle einen jungen Hund findet und mit nach Hause nimmt.
Mit dieser Mischform aus Spiel- und Dokumentarfilm hat Davaa das Kinopublikum rund um den Globus dazu gebracht, sich für ihre kaum bekannte, wüsten- und steppenreiche Heimat zu interessieren - und sie bescherte dem Land zwischen Russland und China ungeahnten touristischen Zulauf.
"Ich glaube, dass viele westliche Zuschauer im Leben der Nomaden eine Art Gegenbild zu ihrer eigenen Welt sehen", erklärt sich die ebenso zierliche wie energiegeladene Regisseurin den ungeahnten Erfolg. "Vielleicht sind sie zivilisationsmüde und sehnen sich nach einer ursprünglichen, naturverbundenen Daseinsform. Wir Menschen streben immer nach dem, was wir nicht haben - in meiner Heimat zum Beispiel schaut die junge Generation aus der Stadt nach Westen."
Sie selbst brach nach einem Jura-Studium und einigen Semestern Film an der Universität von Ulan Bator, der Hauptstadt der Mongolei, im Jahr 2000 nach München auf, um dort an der HFF zu studieren. Davaa, die das Leben der Nomaden aus der eigenen Familie kennt, räumt freimütig ein, dass sie die Möglichkeiten und Angebote des Westens freudig begrüßt hat. Erst mit der Zeit habe sie sich gefragt, ob man wirklich "hundert verschiedene Sorten Putzmittel braucht, um die Wohnung sauber zu halten".
Doch wohlfeile Konsumkritik liegt Davaa ziemlich fern.
Als der Familienvater Urjindorj Batchuluun in "Die Höhle des gelben Hundes" mit seinem knatternden Motorrad aus der Steppe in die Stadt aufbricht, wünscht sich seine Frau als Mitbringsel eine Schöpfkelle aus Plastik - die alte aus Metall ist kaputt. Später lässt sie die neue Kelle nach alter Gewohnheit in der Pfanne liegen, wo sie natürlich schmilzt. Macht aber fast gar nichts, denn Töchterchen Nansal funktioniert die traurigen Überreste im Nu zum Napf für ihren Hund Zochor um.
"Fortschritt an sich ist nichts Schlechtes", sagt Davaa. "In ,Die Geschichte vom weinenden Kamel' zeigen wir Nomaden vor dem Fernseher. Wenn wir den Film in der Mongolei vorführen, freuen sich die Zuschauer in diesem Moment immer mit den Figuren über diese Errungenschaft. In fast allen anderen Ländern reagiert das Publikum dagegen ablehnend und sieht sich durch diese Szene in seiner Auffassung bestärkt, dass die Konsumgesellschaft kulturelle Identität zerstört."
Westliche Zuschauer projizieren offenbar ihre Träume von einer heilen Welt in Davaas Filme hinein. Kein Wunder, sind da doch intakte Familien zu sehen, die ein Leben jenseits von
Gewinnstreben und Karrieresucht führen. Da necken unfassbar süße und bezopfte Kleinkinder niedliche Hunde oder reiten auf gemütlich trabenden Kamelen durch die unendlich weite Landschaft.
Nur: Davaa beschönigt und romantisiert nichts, sie filmt mit einem unbestechlichen Blick. Sie schaut in "Die Höhle des gelben Hundes" nicht weg, wenn ein Schaf gehäutet wird oder wenn die kleine Nansal die Landschaft nach Dung absucht, weil er zum Heizen und zum Räuchern benötigt wird. In aller Ausführlichkeit ist zu sehen, wie viel Zeit und Mühe die Zubereitung von Käse kostet - da die Figuren dabei aber eher ungewöhnliche Hilfsmittel wie Wagenräder und Bindfäden einsetzen, ist die Sequenz so unterhaltsam wie lehrreich.
Weil die Nomaden dazu verdammt sind, extrem pfiffig und erfindungsreich zu sein, um ihr Leben zu meistern, kann Davaa immer wieder die Phantasie bei der Arbeit zeigen.
Das Kino, hat Alfred Hitchcock einmal gesagt, sei das Leben, aus dem man die langweiligen Teile herausgeschnitten habe. "Die Höhle des gelben Hundes", von der Cutterin Sarah Clara Weber rigoros auf den Punkt geschnitten, belegt diesen Satz idealtypisch: Der Film macht aus hartem Alltag spannendes Kino.
Um diese Lebensbedingungen so präzise und packend darstellen zu können, haben Davaa und ihr Team sich ihnen unterworfen. "Wir haben uns ganz und gar der Familie Batchuluun angepasst", erzählt die Regisseurin. "Wir wollten nicht, dass sie für uns irgend etwas verändern." Mitten in der Steppe, anderthalb Autostunden vom nächsten Ort entfernt, schlug das sechs-
köpfige Filmteam sein Lager auf - in angemessener Distanz zu Jurte der Familie.
Für das Filmmaterial musste eigens ein Kühlschrank zum Drehort geschafft werden. Zig Kilometer von der nächsten Steckdose entfernt, wurde das Gerät mit Akkus und einem Generator betrieben, der die ganze Nacht hindurch laufen musste, da er tagsüber die Tonaufnahmen ruiniert hätte.
"Anfangs haben wir kein Auge zugetan, doch schließlich haben wir diesen infernalischen Lärm kaum noch wahrgenommen", erinnert sich Davaa. "Erstaunlich, woran man sich so alles gewöhnen kann."
Gewöhnung, Anpassung - das sind die Lieblingswörter von Byambasuren Davaa, und aus ihrem Munde klingen sie überhaupt nicht nach Verzicht und Verlust: "Sehen Sie, in der Mongolei lernen wir von klein auf, uns anzupassen. Wir wollen uns die Natur nicht untertan machen, sondern im Einklang mit ihr leben, und versuchen immer, Nehmen und Geben ins Gleichgewicht zu bringen - das erfordert eine hohe Anpassungsfähigkeit."
Manchmal stößt die allerdings an Grenzen: Die Familie, die Davaa in "Die Geschichte vom weinenden Kamel" porträtierte, wird nach dem weltweiten Erfolg des Films seit dem letzten Sommer oft von Touristen heimgesucht. Das bereitet der Regisseurin Sorgen: "Ich möchte, dass die Familie weiterhin ungestört leben kann."
So wächst Davaa immer mehr in die Rolle einer Kulturbotschafterin ihres Landes hinein. "Was bleibt mir auch anderes übrig?", fragt sie mit einem verschmitzten Lächeln. "Aber ich sehe meine Aufgabe als Filmemacherin auch tatsächlich darin, die Geschichten anderer Menschen zu erzählen - wie die Geschichten aus meiner Heimat."
In "Die Höhle des gelben Hundes" begibt sich der Kameramann Daniel Schönauer konsequent auf die Augenhöhe der Nomaden, ob diese nun auf dem Boden hocken oder reiten. Nur für wenige, ausgewählte Momente erhebt sich der Film über die Welt, die er beschreibt - aber nur, weil man manche Dinge mit Gottes Augen eben am besten sieht.
Zum Beispiel das hölzerne Gestell, das unter dem Dach einer Jurte zum Vorschein kommt, als die Familie Batchuluun am Ende ihr Zelt abbaut. Als es verpackt ist, bleibt mitten im Grün nur ein kreisrunder Abdruck zurück, der schon bald wieder zugewachsen sein wird - darauf nehmen Vater und Mutter Platz und danken dem Gras dafür, dass sie auf ihm wohnen durften.
Diese Lebensphilosophie hat Byambasuren Davaa mit ihren Figuren gemein. So respektvoll, wie die Nomaden mit der Natur umgehen, behandelte sie die Nomaden - für einige Wochen teilte sie mit ihnen das Leben, und als sie am Ende wieder ging, hinterließ sie so wenige Spuren wie möglich. LARS-OLAV BEIER
* Bei der Oscar-Verleihung in Hollywood am 27. Februar.
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 30/2005
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