25.07.2005

KUNSTDas bürgerliche Püppchen

Postumer Ruhm für Hélène de Beauvoir: Vier Jahre nach ihrem Tod tritt die Malerin aus dem Schatten ihrer Schwester, Sartres berühmter Lebensgefährtin Simone de Beauvoir.
Vor der ersten Verabredung mit Jean-Paul Sartre verließ Simone de Beauvoir der Mut: Sie schickte ihre zwei Jahre jüngere Schwester vor. Es war Hélène, die 1929 im eleganten schwarzen Kleid ein düsteres Pariser Café betrat und, so hatte Simone sie instruiert, nach einem unattraktiven Mann mit Brille Ausschau hielt. Dummerweise gab es aber gleich zwei von der Sorte. Sie sprach den Hässlicheren an - Treffer: Es war der junge Philosoph. Der durchschaute das Spiel und gab sich beleidigt.
Der Nachmittag wurde ein Reinfall. Ihr Verehrer sei "nicht halb so unterhaltsam, wie man sagt", berichtete Hélène hinterher ihrer Schwester, die sich darum allerdings nicht groß scherte. Wenig später wurden Simone und Sartre unzertrennlich - und Hélène ihre stete Begleiterin. Während das junge Paar fürs Philosophiediplom an der Sorbonne lernte, besuchte sie eine Kunstschule und verbrachte jede freie Minute im Louvre. Eines Tages, kündigte die forsche Simone der jüngeren Schwester damals an, würden sie berühmt sein: sie selbst als Schriftstellerin, Hélène als Malerin. Sie sollte nicht ganz recht behalten.
Obgleich Hélène de Beauvoir mit ihren Gemälden, Radierungen und Kupferstichen bis in die neunziger Jahre einigen Erfolg hatte und Ausstellungen in der ganzen Welt bestückte - von Amsterdam, Paris, Mailand und Berlin bis Tokio und New York -, trat die 2001 verstorbene Künstlerin nie völlig aus dem Schatten der berühmten Schwester und wurde zuletzt so gut wie vergessen.
Doch nun, vier Jahre nach Hélènes Tod, steht ihr lange Zeit wegen Erbstreitigkeiten blockierter Nachlass zum Verkauf: Viele ihrer Bilder werden im August in Paris angeboten. Eine Galerie in Regensburg zeigt schon jetzt eine erste Auswahl (bis Dezember), weitere Ausstellungen, unter anderem in Cambridge, sind geplant.
Gut 60 Jahre war die jüngere Beauvoir-Schwester als Künstlerin aktiv, entsprechend vielfältig ist ihr Werk: Es reicht von zarten, luftigen Aquarellen bis zu farbenreichen Ölbildern, von eher klassisch-konventionellen Zeichnungen bis zu abstrakten Kompositionen. Viel Natur ist auf ihren Bildern zu sehen - Landschaften und Tiere, Wasser und Pflanzen -, aber auch Städte, Bauten und immer wieder Menschen, vor allem: immer wieder Frauen. Auch Simone de Beauvoir stand des öfteren Modell.
Dass die Beziehung der beiden eng, aber keineswegs immer konfliktfrei war, schildert eine unlängst in Frankreich und den USA erschienene Doppelbiografie der Beauvoir-Schwestern*.
Hélène hatte es von Anfang an nicht leicht an der Seite der energischen Schriftstellerin und Frauenrechtlerin. Als 1910, zwei Jahre nach Simone, statt des erwarteten Stammhalters eine weitere Tochter zur Welt kam, war die aristokratische Familie der Beauvoirs nicht allzu euphorisch. Trost fand Poupette ("Püppchen"), wie sie alsbald von allen genannt wurde, bei ihrer Schwester. Die beiden Mädchen waren unzertrennlich. "Sie war mein Gefolgsmann, mein zweites Ich ... wir waren einander vollkommen unentbehrlich", erinnerte sich Simone später. Früh schienen die Rollen verteilt: Simone, die Selbstbewusste, Eigensinnige, die schon auf Kinderbildern mit trotzigem Blick in die Kamera schaut; Hélène, die sanfte Blonde, deren Blicke sich träumerisch in der Ferne verlieren.
Tatsächlich war es aber die Jüngere, die ihre Karriere als Erste vorantrieb. Während Simone und Sartre noch im Schuldienst standen und keine Zeile publiziert hatten, eröffnete Hélène bereits 1936 ihre erste Ausstellung in der Pariser Galerie Bonjean. Pablo Picasso höchstpersönlich schaute vorbei und zeigte sich angetan: "Sehr interessant", lautete sein Urteil, und: "Ihre Malerei hat etwas." Zwar argwöhnten Bekannte, dass ihm mindestens genauso gut wie
die eher traditionellen Ölgemälde die anmutige 25-Jährige gefiel, aber immerhin: Die Segnung des Meisters half, die Ausstellung wurde ein voller Erfolg. Finanziell hatte die junge Malerin freilich noch zu kämpfen. Die Miete für ihr Atelier zahlte Simone von ihrem Lehrergehalt, im Gegenzug tippte Hélène die Manuskripte der angehenden Autorin ab - und die von Jean-Paul Sartre: Sein erster großer Roman "Der Ekel" ging zuallererst durch ihre Hände.
Der Zweite Weltkrieg trennte die Schwestern. Hélène reiste ihrem Freund, dem Sartre-Schüler und späteren Kulturattaché Lionel de Roulet, nach Portugal nach. Von Lissabon ging es 1947, inzwischen verheiratet, nach Wien, Belgrad, Casablanca, Mailand und über Paris schließlich 1963 nach Goxwiller im Elsass, wo sie bis zu ihrem Tod lebte.
Die wechselnden Lebensstationen hinterließen nicht nur motivisch Spuren in ihrem Werk. Das Licht Portugals und Italiens, die Farben Marokkos, die Gondeln Venedigs und das Meer beeinflussten den Stil der Malerin weit mehr als zeitgenössische Kunstströmungen. Auf Moden gab Hélène ohnehin nicht allzu viel; die Malerin hatte von Anfang an ihren eigenen Kopf. Als sich in den späten vierziger Jahren in Frankreich längst alles um die abstrakte Kunst drehte, begann sie erst zögerlich, sich vom Figurativen zu lösen. Als ganz Paris etwas später nur noch von der informellen Malerei sprach, schuf sie spätkubistische Gemälde.
Sie suchte ihren Weg zwischen Realismus und Abstraktion, nicht selten findet sich auf ihren Gemälden beides nebeneinander. Dem Publikum und der Kritik gefiel's - in manchen Jahren eröffnete Hélène de Beauvoir bis zu fünf Ausstellungen, Museen in Paris und Pittsburgh kauften ihre Bilder.
Eine gute Selbstvermarkterin war die zierliche Malerin, die selbst im hohen Alter täglich zu festen Zeiten arbeitete, nie. Sie scheute entschiedene, öffentlichkeitswirksame Auftritte, wie Simone de Beauvoir sie beherrschte.
Auch wenn Hélène das ungern hörte: Ihre beste Werbung war die berühmte Schwester. Wann immer Simone de Beauvoir und Sartre auf ihren Vernissagen auftauchten, sorgte das Traumpaar des Existentialismus für Neugier. Simone nahm zeit ihres Lebens regen Anteil an der Arbeit Hélènes, und auch der große Denker spendete Lob: "Ihr Werk vermag zu überzeugen und zu bezaubern", schrieb er 1975 zur ersten Retrospektive in Brest.
Dennoch trennte die Malerin von dem Intellektuellenpaar mit den Jahren nicht nur die räumliche Distanz. Hatte Simone schon früh die Häuslichkeit der jüngeren Schwester spöttisch als "bürgerlich" abgetan, so war diese als Diplomatengattin in ihren Augen endgültig "Teil des Systems". Ihre persönliche Beziehung schien das allerdings nicht zu berühren. Hélène verehrte die Ältere geradezu abgöttisch. Noch im reifen Alter hingen die beiden Schwestern stundenlang am Telefon und giggelten wie junge Mädchen.
Die wahre Enttäuschung kam erst nach dem Tod Simones. 1990 wurde ihr Briefwechsel mit Sartre veröffentlicht. Statt der liebevollen, treusorgenden Schwester schrieb hier die hart urteilende, bisweilen zynische Intellektuelle. "Die anderen Maler ihres Alters sind genauso schlecht wie sie", ätzte die Schriftstellerin. "Warum sollte ich ihr Talent zusprechen, wenn sie keines hat?" Von der Kränkung erholte sich Hélène nie. Als Jahre später weitere Briefe Simones erschienen, versteckten Freunde den Band vor Hélène.
Tatsächlich war Hélène de Beauvoir keineswegs so unpolitisch und bürgerlich, wie ihre Schwester sie oft hinstellte. Tief beeindruckt von den Studentenunruhen in der französischen Hauptstadt, schuf sie etwa eine Serie von Gemälden, die sich mit dem Mai 1968 beschäftigte. Und gerade in ihrem Spätwerk bestimmt der Kampf für Frauenrechte die Motive: Auf einem ihrer bekanntesten Bilder steht eine Reihe düsterer, gesichtsloser Richter drohend einem jungen, zerbrechlich gezeichneten Mädchen gegenüber. Die junge Frau, die in Paris des Kindsmords angeklagt war, gab es tatsächlich. Die Malerin hatte Kontakt zu ihr und Frauen in ähnlicher Situation, und sie versuchte ihnen zu helfen, wo sie konnte.
Als Hélène de Beauvoir im Juli 2001 starb, kamen zu ihrem Begräbnis in Paris so auch zahlreiche der Feministinnen, die sich in den siebziger Jahren um Simone gruppiert hatten. Eine von ihnen sprach wohl für alle, als sie damals bemerkte: "Es ist, als wäre Simone ein zweites Mal gestorben, eine wärmere, fröhlichere Simone." JENNIFER WILTON
* Claudine Monteil: "Les soeurs Beauvoir". Edition 1, Paris; 204 Seiten; 16,15 Euro. "The Beauvoir Sisters". Seal Press, Emeryville; 220 Seiten; 14,95 Dollar.
Von Jennifer Wilton

DER SPIEGEL 30/2005
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