02.08.1976

Der Ring-Kampf von Bayreuth

Die Jubiläumsfeier zum 100jährigen Bestehen von Bayreuths Festspielhaus geriet zum Eklat: Die eingefleischten Wagnerianer empfanden die "Ring"-Deutung des französischen Quartetts Boulez, Chéreau, Peduzzi (Bühnenbild) und Schmidt (Kostüme) als "brutale Vergewaltigung". Hausherr Wolfgang Wagner hat zudem durch die Eheschließung mit seiner langjährigen Sekretärin Gudrun Mack den Familien-Clan wieder tödlich verfeindet.

Die Hohe Frau von einst sprach ihr Urteil schon nach der Generalprobe. "Jetzt", entfuhr es Winifred Wagner, 79, in der Familienloge, "sind wahrhaft die Irren los."

Letzte Woche wurde der Bayreuther Wagner-Tempel tatsächlich zum Tollhaus, die Festspielgemeinde zum gröhlenden Mob. Schrill wie nie zuvor geiferten auf dem Grünen Hügel alte Kameraden und junge Pilger, Deutsche, Amerikaner und Franzosen unisono gegen Bayreuths Jubiläumsgabe: eine Neuinszenierung des "Ring des Nibelungen". für dessen Uraufführung Richard Wagner seine Gralsburg vor 100 Jahren gebaut hatte.

Schon nach dem "Rheingold", dem "Vorabend" zum Götter- und Germanenkoloß, gellte ein hundertfacher Wutschrei der Altwagnerianer durch ihr Heiligtum. Nach der "Walküre" verstärkten Trillerpfeifer den Protestchor zum Tumult. Beim "Siegfried" platzten Pfeiftöne schon mitten in die Aufführung, die "Götterdämmerung" versank vollends mit Rabauken und Trompeten. Zu Beginn des dritten Aktes brüllten die Radaubrüder: "Vorhang runter."

Die Musik wurde unhörbar, und wenig später gab"s mancherlei Patzer. Denn auch im "mystischen Abgrund", beim sonst brillanten Orchester, hatte sich, so kursierten Gerüchte, Widerstand gegen die Macher formiert. Zur Zentenarfeier waren Nietzsches Bayreuther "Bildungs-Cretins" wiederauferstanden.

Vor den Fernsehkameras, die im Foyer des Festspielhauses eigentlich Jubiläumsstimmung einfangen sollten, spuckte Bayreuths Stammkundschaft Gift und Galle gegen die entartete Kunst: "Ein Kasperltheater". "brutale Vergewaltigung", "der Wagner, der Richard, dreht sich im Grabe um".

Publizistische Unterstützung kam aus dem klingenden Wien. "Solch absurde Verständnislosigkeiten"" maulte der "Kurier", "fallen auf die Nerven", der "Ring" sei zur "Spielwiese" planiert, auf der Frischlinge "ihre ersten Gehversuche in Richtung Oper machen". Erstmals in der Bayreuther Geschichte stand auf dem Grünen Hügel ein Buhmann" dem die Teutonen im Publikum -- am Ende der Tetralogie deutlich die Mehrheit -- fortissimo den Krieg erklärten: Patrice Chéreau, 31, laut "Frankfurter Rundschau" "Frankreichs genialstes Theaterkind"" laut Bayreuther Zwischenrufern ein "Idiot", ein "Wirrkopf"" "ein Schwein".

Forsch wie den "Ring" zeigte sich Chéreau auch selbst auf der Bühne: in schlipslosem Hemd und Blue jeans, richtig wie ein Strolch, der sich am Gral vergangen hat.

Schlimme Ahnungen von kommendem Unheil hatten Bayreuths Getreue schon befallen, als letztes Jahr Chéreaus Berufung ins Allerheiligste bekannt wurde. Nur mit Mühe hatte der Festspielleiter Wolfgang Wagner überhaupt ein Team für den Geburtstags-"Ring" finden können.

Als der Berliner "Schaubühnen"-Chef Peter Stein absagte, mußte der Komponistenenkel mit jener Crew vorliebnehmen, die der seit seinem "Parsifal" Bayreuth-begeisterte Pierre Boulez anbot: Chéreau als Regisseur, Richard Peduzzi als Bühnenbildner und Jacques Schmidt als Kostümentwerfer. Die "Welt" ernannte Chéreau denn auch schon vorab zum "Unsicherheitsfaktor Numero eins

Tatsächlich hatte Kettenraucher Chéreau bis dahin von Wagner keinen blauen Dunst. Wagner-Opern, so bekannte er, seien ihm "immer schrecklich langweilig" vorgekommen. Erst nach seinem Besuch Bayreuths im letzten Sommer, wo er, krawatten- und kommentarlos, den faden germanischen "Ring" des Komponistenenkels und begeistert "dieses einmalige Opernhaus" besichtigt hatte, fand er zum Gesamtkunstwerker. Seine erste Entdeckung: "Wagner ist nicht heilig."

Falsche Scheu war Chéreau schon immer fremd. Jahrelang hatte er im Theater der Pariser Trabantenstadt Sartrouville "engagiertes Volkstheater" ("Neue Zürcher Zeitung") und sich selbst, nach eigenen Worten, "durch Schulden einen Namen" gemacht. 1972, nach verschiedenen Auslandsverpflichtungen, wurde er zum "Théâtre National Populaire" in Villeurbanne nahe Lyon berufen.

Als der phantasievolle Franzose. ehemaliger Germanistikstudent, Anfang Mai in Bayreuth mit den Proben und damit seine dritte Arbeit für das Musiktheater begann, war ihm klar. "Wenn man einer Geschichte nur auf den Grund geht. wird das oft als Provokation empfunden. Diese Art von Skandal kann ich nicht ausschließen."

Seine Mitarbeiter Peduzzi und Schmidt lieferten zum "Ring", "dieser riesigen und tollen Mischung von Ideen des 19. Jahrhunderts", den optischen Sprengstoff. Chéreau: "Man braucht ja nicht schüchtern zu werden, nur weil gerade ein Jubiläum ist."

Doch just zum Jubeljahr, zu dem Bundespräsident Scheel und der Pariser Opernchef Liebermann, Madame Pompidou und, unvermeidlich, die Begum Aga Khan angereist waren, hatten die Konservativen wohl eine Art musikalisches Burgtheater erwartet: würdig und langweilig. Nun war es -- scheinbar -- respektlos und sicher unterhaltsam. Den Altgedienten vergingen Hören und Sehen.

Kein Wunder, daß die welschen Tempelschänder denn vor allem auch in der betulichen "Gesellschaft der Freunde von Bayreuth" Aufruhr entfachten. Schon am Dienstagmorgen, als der "Ring" erst zur Hälfte geschmiedet war, rottete sich im Selbstbedienungsrestaurant der Festspiel-Stätte eine laute Meute gegen die französischen Gastarbeiter zusammen.

Man wolle sich, so wetterten die Mäzene, "nicht von Anfängern auf den Arm nehmen lassen" und "keine parodistische Darbietung erleben". Ein New Yorker Rechtsanwalt, der sich selbst als "Stimmführer der Buh-Rufer" brüstete und Trillerpfeifen kostenlos unter Gesinnungsbrüdern verteilte, fragte: "Wird mit uns etwa geblechtrommelt oder "Katz und Maus" gespielt?" Dann forderte er eine Änderung der Vereinsstatuten: Um "solchen Mist" in Zukunft auszuschließen, müßten die Geldherren "auch ein künstlerisches Mitspracherecht erwerben". Andernfalls würden die Gaben der 2105 Mitglieder -- dieses Jahr 510 000 Mark -- drastisch gestrichen.

Gegen diese Attacken wußte sich der Festspiel-Manager Wolfgang Wagner nur müde zu wehren. Als er ankündigte, man wolle überlegen, ob am "Ring" der Franzosen nächstes Jahr weitergearbeitet werde, brüllten die sogenannten Freunde von Bayreuth: "Nein." Und forderten die sofortige Absetzung. Verdattert verließ der Komponistenenkel die Walstatt.

* Gudrun Wagner (2. v. r.) und Wolfgang Wagner (r.)

Um so glücklicher schien er zwei Tage später endlich privatem Zwist entkommen zu sein. Einen Monat nach der Scheidung von seiner Frau Ellen, mit der er über 30 Jahre verheiratet gewesen war, ließ sich der 57jährige mit seiner langjährigen Mitarbeiterin Gudrun Mack, 32, trauen Der lokale "Nordbayerische Kurier" wußte auch warum: "Frau Mack packt zu, wo immer es nötig ist."

Doch schon keimt, nach Art des Hauses, aus dem jungen Glück neuer Hader: Im Clan ist Rabatz. Seine Thronfolger hat Wolfgang erst einmal gedeckelt: "In der nächsten Generation der Familie", bekannte er in einem Interview, "ist noch niemand da, über den man diskutieren könnte." "Mein Onkel nimmt den Mund entschieden zu voll", schoß daraufhin Neffe Wolf-Siegfried ("Wummi"), 32, Sohn von Wieland, zurück und ernannte sich trotz Regie-Pleiten in der deutschen Provinz zum Bayreuther Kronprinz: "Ich heiße schließlich Wagner." Nun will er gemeinsam mit Wolfgangs Sohn Gottfried "um Bayreuth kämpfen".

Zu diesem Kampf verbünden sich nur bislang Verfeindete. Winifred Wagner, die Wolfgang solange als braven Sohn verhätschelt hatte. gewährte ihrer Schwiegertochter Ellen in Villa Wahnfried demonstrativ Asyl. Sie ließ sich auch nicht blicken, als ihr Sproß jüngst, wie sie selbst, Ehrenbürger von Bayreuth und damit berechtigt wurde, in den städtischen Häusern gratis baden zu gehen.

Auch die beiden Kinder lehnen sich gegen den Vater auf" Gottfried, der in diesem Jahr noch Bayreuther Regie-Assistent spielen durfte, verkehrt nur noch schriftlich und über Anwälte mit ihm. Eva, "Mädchen für alles" im Betriebsbüro der Festspiele, läuft Gefahr, ihren Job zu verlieren. und mußte auf der Vereinssitzung der Freunde von Bayreuth gar den Saal verlassen. Sonst, so hatte der Papa gedroht, werde er vor aller Augen das Weite suchen.

Auch bei den Festspielen? Bayreuths Orthodoxe sind ihm, nach Boulez, Chéreau und Konsorten, gram. Die Mäzene drohen, ihre Gaben zu kürzen. Die Familie, die keine ist, schneidet ihn.

"Egal, wie diese Festspiele ausgehen", so hatte Wolfgang vor deren Start verkündet, "ich werde nicht abtreten." Warum auch: An seiner Seite steht nun die starke Gudrun und kann sich zum Aufstieg auf den Grünen Hügel rüsten, als neue Hohe Frau.


DER SPIEGEL 32/1976
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