28.06.1976

Südafrika: Die Buren haben Angst

Auf dem Rücken von 21 Millionen Farbigen hatten die vier Millionen Weißen ihre Herrschaft und ihren Reichtum an der Südspitze Afrikas gegründet. Auch nach dem Fall der weißen Bastionen Angola und Mocambique schien Südafrika ungefährdet. Dann brach der Aufstand in Soweto los. Beim Treffen mit US-Außenminister Kissinger im Bayerischen Wald lehnte Südafrika-Premier Vorster jede Reform des Apartheidsystems ab.

So hautnah wie in diesen Wochen war den Deutschen das ferne Afrika seit Nachtigall und Lettow-Vorbeck nicht mehr und vor allem nicht so unproportioniert.

Ausgerechnet in der deutschen Provinz, dem Bayerischen Wald, mußten sich US-Außenminister Kissinger und· Südafrika-Premier Vorster zu ihren Schicksalsgesprächen über die Zukunft der weiten Landstriche zwischen dem Sambesi und dem Kap verkriechen.

Ausgerechnet in der deutschen Hauptstadt kamen hochbrisante Geheimakten der südafrikanischen Botschaft gleich zentnerweise abhanden und an die Öffentlichkeit -- eine der größten Pannen der Diplomatiegeschichte (siehe Kasten Seite 90).

Ausgerechnet die deutsche katholische Kirche eilte dem Weitgewissen einmal weit voraus: Münsters Bischof Tenhumberg kündigte zum Vorster-Besuch eine "operative Phase" gegen das "Unrechtssystem" in Südafrika an. Tenhumberg: Die deutsche Regierung müsse das Ende der Teilnahme der deutschen Wirtschaft an der Ausbeutung Südafrikas erzwingen. "Die Kirche ... ist in der Situation des Propheten, der warnen muß, ehe es zu spät ist."

So mutig des Hirten Wort, zu spät kam es dennoch. Denn als in der Johannesburg-Vorstadt Soweto der Aufstand der Schwarzen losbrach" wurde deutlich, was die Europäer mit dem Machtwechsel in den Portugal-Kolonien Angola und Mocambique verdrängt hatten: Ihre Kolonialgeschichte, bestehend aus so fernen Ingredienzien wie kaiserlich-deutschen Kamelreitern, holländischen Buren-Trecks und dem britischen Sir Cecil Rhodes, hat drei europäische Nationen gleichzeitig eingeholt. Das dramatischste Kapitel der Dekolonisierung steht erst noch bevor: die Liquidation der weißen Herrschaft im Süden Afrikas.

Daß die britische Ex-Kolonie Rhodesien -- 270 000 Weiße, 5,8 Millionen Schwarze -- für die Weißen nicht zu halten sein würde, schien nach dem Fall Angolas klar; daß die deutsche Ex-Kolonie Südwestafrika -- 90 000 Weiße, über 700 000 Schwarze -- als nächste Frucht fallen werde, ebenfalls.

Die Republik Südafrika aber ist von ganz anderer Dimension: vier Millionen Weiße, der Welt größter Gold- und Diamantenproduzent, strategischer Eckpfeiler der Schiffahrtsroute vom Indischen Ozean nach Europa und Amerika.

Dazu ein zwar aberwitziges und unmoralisches, aber doch teuflisch effizientes Herrschaftssystem, Apartheid genannt, dessen lückenlose Polizeigewalt Stabilität noch auf viele Jahre hin zu garantieren schien.

Daß es irgendwann einmal zu Ende sein mußte mit der weißen Herrlichkeit am Kap, daß dann Hunderttausende heimkehrender britischer, deutscher, holländischer Afrikaner den konservativen Parteien ihrer Vaterländer aufhelfen würden, mochte allen Einsichtigen schon früh unabwendbar scheinen. Aber daß der Anfang vom Ende bereits 1976 in Sicht kommen würde, hatte kaum jemand vorausgesehen, vor allem nicht in Südafrika selbst.

Der Aufstand der Schwarzen erschütterte die Weißen des Landes. Denn die Nachkommen der einst mit Büchse und Bibel angereisten Siedler glaubten, ihre Neger zu kennen. "Südafrikas Weiße", so Premier Vorster selbstsicher, "verstehen die Mentalität des schwarzen Mannes."

Das hatten Portugiesen und Rhodesier auch behauptet. Und wie heute die Südafrikaner hatten sie alle Warnungen von außen ärgerlich als "Einmischung" abgetan. Von Wunschdenken blind, weigerten sie sich, die Zeichen an der Wand zu sehen: Portugals Weiße bauten noch am Vorabend ihres Untergangs das Jahrhundertprojekt Cabora-Bassa-Damm. Rhodesiens lan Smith, heute selbst von den Südafrikanern aufgegeben, wähnte sich noch vor wenigen Jahren als Herrscher über die "glücklichsten Schwarzen der Welt".

Südafrika-Premier Vorster glaubte ein Rezept gegen die vollständige Entkolonisierung des Kontinents zu haben. Er forderte "sechs Monate Zeit, und die Welt wird erstaunt sein, wo das Land steht". In einer dramatischen Neuorientierung seiner Außenpolitik nahm er nun hin, daß sich die Verteidigungslinie gegen die schwarze Welle jäh vom Sambesi nach Süden verschob, und konzentrierte sich auf die "Verteidigung des eigenen Kraals" (so ein US-Diplomat).

Er überhörte Mitte 1974 die verzweifelten Hilferufe weißer Siedler in Mocambique, die sich mit Gewalt der Machtübernahme durch die linke Frelimo widersetzten. Er wünschte statt dessen der Frelimo "alles Gute" und "zu ihrem eigenen und zu unserem Besten eine stabile Regierung".

Südafrika zog seine Polizeitruppen aus Rhodesien ab, preßte lan Smith, inhaftierte schwarze Nationalisten aus dem Gefängnis zu entlassen und mit ihnen über eine Neuverteilung der Macht zu verhandeln -- eine für das eigene Land als induskutabel abgelehnte Idee.

Vorster war lediglich bereit, über die Zukunft Namibias, der von Südafrika beherrschten Ex-Kolonie Deutsch-Südwestafrika. zu diskutieren. Und wurden seine Minister, einst Oppositionspolitiker, nach Treffen mit Schwarzen des "Umgangs mit Freunden von Sittlichkeitsverbrechern und Mördern" geziehen" so reist der Regierungschef nun selbst nächstens zu den Schwarzen: zu Präsident Houphouet-Boigny von der Elfenbeinküste und zu Liberia-Präsident Tolbert, zu Senegals Senghor und Sambias Kaunda.

Pretoria gewährte der Zentralafrikanischen Republik Entwicklungshilfe, schickte Sambia während einer Versorgungskrise Mais, unterhält korrekte Wirtschaftsbeziehungen mit dem revolutionären Regime in Mocambique, das seinerseits weiterhin 125 000 Bürgern erlaubt, als Devisenbringer in Südafrikas Bergwerken zu arbeiten.

Doch als in Angola der Krieg zwischen prowestlichen und linken Kräften entbrannte, überwanden die Buren die "tiefe historische Furcht, außerhalb ihres Lagers in eine gefährliche Lage zu geraten" (so der Londoner "Economist"): Ermuntert von den Amerikanern, griffen Pretorias Truppen in den Bürgerkrieg ein, provozierten damit das Eingreifen von Russen und Kubanern auf der Gegenseite und mußten dann ruhmlos wieder abziehen. Der "Mythos vom unbesiegbaren Südafrika zerfiel", klagte die "Rand Daily Mail" in Johannesburg.

Die Ansätze zur Détente nach außen wären freilich auch ohne das Angola-Desaster fragwürdig geblieben, solange es keine Neuorientierung der Innenpolitik gab. Vorster, so fordert der greise südafrikanische Liberale und Autor des Weltbestsellers "Denn sie sollen getröstet werden", Alan Paton, solle "seine Bemühungen um unser Überleben auf unser eigenes Land konzentrieren -- das heißt, Détente mit unseren eigenen Schwarzen" suchen.

Damit aber scheitert Vorster. Denn "obwohl er intellektuell die Notwendigkeit eines Wechsels erkennt, widersetzt er sich diesem Wechsel aus emotionalen und psychologischen Gründen" (Paton).

So ließ die Regierung zwar verschiedentlich schwarze gegen weiße Sportler antreten, in vielen Parks und Fahrstühlen die "Nur für Weiße"-Schilder entfernen, die Oper in Kapstadt allen Rassen öffnen. Das Verteidigungsministerium ermahnte die weißen Soldaten: "Vermeiden Sie die schlechte Sitte, Bantus mit "Affe" oder "Pavian" anzureden."

Aber als "Gefangener der Vergangenheit" (Londons "Times") kann der Bure Vorster die Apartheid" das System der Rassentrennung, nicht überwinden. Sie ist zu tief in der Geschichte seines Volkes verwurzelt, sie hält die Wirtschaft in Gang.

Vorsters burische Landsleute kamen vor über 300 Jahren ans Kap" die ersten 80 Siedler als Angestellte der Niederländisch-Ostindischen Gesellschaft, die damals in Kapstadt eine Zwischenstation unterhielt. Ihnen folgte ein stetiger Strom holländischer Einwanderer, meist einfache, puritanische Bauern und Handwerker, an denen Aufklärung und Französische Revolution spurlos vorübergegangen waren.

Anders als die Portugiesen in Afrika, sahen sie die Vermischung mit den Einheimischen als "Schande für die Niederländer und andere christliche Nationen" an. Die von England 1834 verkündete Sklavenbefreiung war für sie ein "gottloser" Akt (so die Schwester des Treckführers Piet Retief). Denn ihr Herrenmenschentum fanden die Buren in der Bibel begründet, etwa im Dritten Buch Mose, Kapitel 25. Vers 44: "Willst du aber leibeigene Knechte und Mägde haben, so sollst du sie kaufen von den Heiden, die um euch her sind."

Ihre Knechte und Mägde holten sich die Kap-Buren von den Schwarzen des Kontinents sowie aus Malaia und Madagaskar. Die hellhäutigen Asiaten stuften sie in der Rassenhierarchie immerhin noch über den damals "Kaffern" und heute offiziell Bantus genannten Afrikanern ein.

Anfang des 19. Jahrhunderts besetzten die Engländer das strategisch wichtige Kap-Gebiet. In ihrem "Großen Treck" zogen zwischen 1835 und 1843 rund 12 000 verbitterte Buren ins Landesinnere, wo sie die Burenstaaten Transvaal und Oranje gründeten. In die Verfassung von Transvaal schrieben sie:" Das Volk gestattet keine Gleichheit zwischen Farbigen und den weißen Einwohnern, weder in der Kirche noch im Staat."

Das imperialistische England machte sich die beiden Burenrepubliken untertan, als dort Ende des 19. Jahrhunderts Diamanten und Gold gefunden wurden. Im Burenkrieg von 1899 bis 1902 unterstützte Deutschlands Kaiser den legendären Ohm Krüger mit Waffen. brachte damit freilich nur die Briten gegen sich auf und rettete den Buren dennoch nicht ihre Unabhängigkeit. Buren und Deutsche

in britischen Internierungslagern.

Generationen junger Deutscher sangen das Lied vom sterbenden Burenkapitän -- "Es lebe Oranje, Transvaal" -- und verdrängten gern, wie grausam des Kaisers Soldaten 1904 die aufständischen Hereros in Südwest straften: Zehntausende Schwarze kamen damals durch die Deutschen um.

Die Mehrheit der heute rund 120 000 Deutschen und Deutschstämmigen in Südafrika und Namibia sympathisierte immer mit den Buren -- und die Buren mochten die Deutschen: Im Zweiten Weltkrieg kämpfte die vom pro-britischen General Smuts regierte Südafrikanische Union zwar an der Seite der Alliierten gegen das Dritte Reich. Aber führende Buren. wie der heutige Premier Vorster. der damals Jugendführer der Hitler-freundlichen "Ossewa Brandwag" war, verbrachten den Krieg zusammen mit deutschen Siedlern in englischen Internierungslagern. Heute wählen die meisten Deutschen, in vaterländischen Vereinen wohlorganisiert, Vorsters rassistische Rechtspartei

Wie heute die jungen Schwarzen von Soweto lehnten die von den Briten besiegten Buren die Sprache der Sieger ab und sprachen weiter ihr Afrikaans.

Im englisch beherrschten Wirtschaftsleben ihres Landes zeichnete sich in der ersten Hälfte dieses Jahrhunderts dann ab. was die Buren stets bekämpft hatten: eine Assimilation von Schwarz und Weiß. Denn aus den Stammesgebieten strömten Millionen Afrikaner in die Diamanten- und Goldgruben. Aus Kraal-Bewohnern wurden Städter und Lohnarbeiter.

Obwohl London seine südafrikanische Kolonie schon 1910 in die Unabhängigkeit entlassen hatte, konnten die Buren erst seit 1948 die fortschreitende Integration der Schwarzen stoppen.

Mit Parolen wie "Assimilation ist Selbstmord der Weißen" schlug damals die rechte Nationale Partei von Hendrik Verwoerd die vor allem von englischsprechenden Südafrikanern unterstützte gemäßigtere Vereinigte Partei. Verwoerd erklärte das von dem deutschstämmigen Professor Eiselen entwickelte System der Apartheid zur Staatsdoktrin.

Werner W. Max Eiselen. 1899 als Sohn eines deutschen Missionars in Transvaal geboren, hatte in den zwanziger Jahren in Hamburg und Berlin studiert und war später in der südafrikanischen Eingeborenen-Verwaltung tätig. Die bis heute gültige Grundidee der somit deutschstämmigen Apartheid:

Durch die Schaffung von Bantustans, auch "Heimatländer" genannt, soll das spannungsreiche Miteinander der Rassen durch ein friedliches Nebeneinander ersetzt werden. Jede ethnische Gruppe soll sich in eigenen Territorien selbst regieren und so "ihre Identität bewahren".

Um die notwendigen nicht-weißen Arbeitsmillionen optimal ausnutzen und beherrschen zu können. erklärten die Apartheidsapostel sie zu "Gastarbeitern", die nur auf Zeit in den -- natürlich zu den weißen Bereichen zählenden -- Industriegebieten leben dürfen. Den heute 18 Millionen Schwarzen wurden 13,7 Prozent des Bodens reserviert, 86,3 Prozent dagegen den vier Millionen Weißen.

Für die Afrikaner hatte die theoretisch so wohl tönende Rassentrennung schreckliche Konsequenzen: Sie müssen hinziehen, wo der weiße Mann befiehlt, und Arbeit annehmen, die er ihnen zuweist, sie sind rechtlos und dürfen nicht streiken. "Die Quintessenz des Apartheidsystems", so eine Uno-Analyse, "ist, daß es den Afrikanern unmöglich gemacht wird, etwas anderes zu sein als billige Arbeitskräfte,"

Jeder Schwarze über 16 muß ein Paßbuch bei sich tragen, wenn er sich in städtischen Gebieten aufhält. Das Papier gilt nur, wenn der Arbeitgeber darin monatlich bescheinigt hat, daß der Paßinhaber bei ihm beschäftigt ist, Nichtarbeitende Angehörige dürfen meist nicht mit dem Geldverdiener leben.

So müssen Hausangestellte in Johannesburg seit 1973 unterschreiben, daß sie niemanden mit in die Stadt bringen. Aber allein in zwei Johannesburger Stadtteilen sind 5000 von 6000 weiblichen Angestellten verheiratet. und viele haben Kinder. Hunderttausende schwarzer Arbeiter müssen jahrelang von ihren Familien getrennt in Männerlagern leben." Könnt ihr als Christen hinnehmen, daß die weiße Industrie auf Kosten des schwarzen Familienlebens gedeiht". fragte der Schriftsteller Paton seine Landsleute, "Überflüssige Menschen" in Massen abgeschoben.

Andries Treurnicht, Pastor der Niederländisch-Reformierten Kirche und stellvertretender Minister für Bantu-Ausbildung, widerspricht Paton: "Es gibt Leute, die im Namen des Christentums fordern, jeder in Südafrika müsse leben können, wo er will, arbeiten. wo er will, heiraten, wen er will " . . Solche Leute sind nicht nur wirklichkeitsfremd und naiv, sondern auch gefährlich . Nach einer Verhaftungsaktion gegen Oppositionelle rief Paton einen Freund an." Ich schäme mich, daß ich nicht auch abgeholt worden bin."

Afrikaner, die als Industrie-Heloten der Weißen nicht mehr geeignet oder zu alt sind für Farmarbeit, können als "redundant people". überflüssige Menschen, abgeschoben werden, Etwa nach Sada, eine triste Siedlung südlich von Queenstown in der Kap-Provinz. wo Zehntausende ohne Arbeit dahinvegetieren.

Abgeschoben werden auch aufsässige Arbeiter und ganze Siedlungen. wenn nach dem Landverteilungsgesetz Gebiete für die verschiedenen Rassen neu aufgeteilt werden. Londons "Times" verglich solche Umsiedlungen mit "stalinistischen Massendeportationen".

Der Kombination phantastischer Bodenschätze und dem Heer billiger schwarzer Arbeitskräfte verdanken Südafrikas Weiße ihren beispiellosen wirtschaftlichen Aufstieg. Wie "ein Urlaub ohne Ende" kam noch vor Jahren einem deutschen Auswanderer das Leben am Kap vor.

Die Weißen schwelgten im höchsten Lebensstandard nach den USA. Sie haben sogar prozentual mehr Swimmingpools und reisen öfter ins Ausland als die Amerikaner. Sie haben weißere Strände als Bali.

In ihren Häfen herrscht ständig Hochbetrieb: 12 000 Schiffe legen pro Jahr an, viele von ihnen müssen bis zu drei Wochen auf das Löschen der Fracht warten.

Gedränge auch auf den Straßen: Drei von fünf Autos in Afrika fahren auf den wohlasphaltierten Straßen des Apartheid-Staates. Das Land erzeugt mehr Industrie- und Konsumgüter als alle schwarzafrikanischen Staaten zusammen.

Ein Land der Superlative also: größter Exporteur von Schmuckdiamanten, zweitreichstes Land an Uran. Mehr als 50 verschiedene Mineralien werden abgebaut, darunter Kohle, Eisenerz, Kupfer, Antimon, Asbest und Chrom. Vor allem aber waren es die riesigen Vorkommen an Gold, die den Reichtum Südafrikas garantierten.

Als 1886 ein Farmer namens George Harrison am Witwatersrand einen Pfahl in den Boden rammte, um seine Stalltür zu befestigen, stieß er auf Gold. Seither gedeiht eine Goldindustrie ohnegleichen. In 44 Minen wird das gelbe Metall abgebaut, jedes der sieben großen Goldreviere des Landes ist größer als jedes andere außerhalb Südafrikas.

Die Goldverkäufe tragen mit mehr als einem Drittel zu den Exporterlösen Südafrikas bei. Von den 940 Tonnen, &e die Welt (ohne UdSSR) 1975 förderte, wurden 708 Tonnen aus südafrikanischer Erde gewühlt.

Die weltweit steigenden Preise für das Edelmetall erlaubten den Südafrikanern in den vergangenen Jahren, ihre Wirtschaft grandios auszubauen. Investoren aus allen Industriestaaten strömten ans Kap. fast alle Gesellschaften. die Rang und Namen in der Welt der Börsen und Bilanzen haben, gründeten südafrikanische Niederlassungen.

Es kamen die US-Giganten General Motors, IBM, ITT, Goodyear und 300 andere amerikanische Unternehmen -- insgesamt legten sie allein bis 1974 etwa 1,5 Milliarden Dollar in Südafrika an. Hunderte von britischen, französischen und westdeutschen Firmen, von British Leyland und Rolls-Royce bis zu Rosenthal und VW, suchten ihren Anteil an einem Boom, der bis vergangenes Jahr schier grenzenlos schien.

Gewinnmargen von 20 bis 25 Prozent galten als normal in dem südafrikanischen Dorado. Denn außer den natürlichen Schätzen bot das Land einen Reichtum exklusivster Art: billige Arbeitskräfte, Schwarze, die mit einem Bruchteil des Lohns zufrieden zu sein hatten. den Weiße verdienen.

Solche Vorteile schöpften die Unternehmen voll aus. Britische Firmen gar zahlten ihrer schwarzen Belegschaft noch weniger als das gesetzliche südafrikanische Existenzminimum von 300 bis 400 Mark für eine fünfköpfige Familie.

So war es denn naheliegend, daß die westlichen Industrieländer 1975 geschlossen gegen einen von 101 Uno-Staaten eingebrachten Antrag zum Verbot des Handels mit Südafrika stimmten. Zu den Neinsagern gehörte auch die Bundesrepublik. die 1974 als größter Lieferant Südafrikas (Waren im Wert von drei Milliarden Mark) Großbritannien auf den zweiten Platz gedrängt hatte.

In der Hoffnung auf einen Rekordpreis von 200 Dollar je Goldunze entwickelte Vorsters Regierung ehrgeizige Wirtschaftspläne. machte sie sich gar Gedanken über die Entwicklung bis zum Jahr 2000. Ziel: Südafrika sollte unabhängig werden von Lieferungen aus einem zunehmend feindseligen Ausland. Vor allem wollte die Regierung eine riesige Anlage zur Benzingewinnung aus einheimischer Kohle bauen, um auf dem Energiesektor autark zu sein.

Diesen Träumen bereitete die internationale Entwicklung des Goldpreises ein schnelles Ende. Als im vergangenen Jahr die Unze wieder auf 130 Dollar abglitt, mußte Vorsters Regierung den Rand zweimal um insgesamt 22,8 Prozent abwerten. Gleichzeitig aber stiegen die Preise für Importwaren immer stärker. Schlimmer noch ist, daß der durch die Leistung der schwarzen Arbeitskräfte ermöglichte Boom diesen selbst zum Nachteil gereicht -- schon deshalb, weil die Grundnahrungsmittel immer teurer werden. "Gesetz und Ordnung müssen wiederhergestellt werden."

Etwa 390 000 Schwarze arbeiten in den südafrikanischen Goldgruben. Sie leben meist in unternehmenseigenen Kamps, die streng bewachten Militärstraflagern gleichen, und werden durch eine tägliche Zuteilung von zwei Liter Bantu-Bier bei Laune gehalten.

Die meisten dieser Arbeitskräfte kamen aus den Nachbarstaaten Malawi, Mocambique und Lesotho. Doch schon seit zwei Jahren drosseln diese Staaten den Arbeiterstrom nach dem Süden. Südafrikas eigene Schwarzen aber fanden in der aufblühenden Wirtschaft des Landes angenehmere Jobs als die Knochenarbeit unter Tage.

So mußte Südafrika zu Zwangsmaßnahmen greifen, um genügend Schwarze für die Minenarbeit zu rekrutieren. Einen Vorwand boten die Paßgesetze von 1950, die alle südafrikanischen Städte zu "weißen Gebieten" deklarieren: Allein 1974 wurden mehr als 170 000 Schwarze wegen Verstoßes gegen dieses Gesetz festgenommen und viele mindestens für ein Jahr zur Minenarbeit verpflichtet.

Der Arbeitskräftemangel trifft auch alle anderen Wirtschaftszweige. Die noch vor Jahren strikt durchgehaltene sogenannte "Job Reservation" für Weiße muß immer häufiger durchbrochen werden.

Freilich sind Südafrikas Weiße weit entfernt davon, ihren Schwarzen für gleiche Arbeit gleichen Lohn zu zahlen. Im Durchschnitt verdient ein weißer Arbeitnehmer noch immer das 18fache eines Schwarzen.

Die vier Millionen weißen Südafrikaner stecken drei Viertel des Volkseinkommens in die Tasche, den Rest teilen sich 21 Millionen Schwarze, Mischlinge und Südafrikaner asiatischer Herkunft. Stärker als die Weißen haben die schlecht verdienenden Schwarzen unter der von den Weißen gemachten Inflation zu leiden.

Die armen Schwarzen aber müssen auch noch die Schulbücher ihrer Kinder bezahlen, die reichen Weißen nicht. In schwarzen Klassen unterrichtet nicht selten ein Lehrer 100 Schüler. "Finden Sie es als Christen richtig", fragt Alan Paton die Weißen, "daß der Staat für die Ausbildung eines weißen Kindes zwischen 400 und 500 Rand jährlich aufbringt, für ein schwarzes Kind aber nur 30 bis 40 Rand?"

Daß die Rassentrennung statt der von der Regierung erhofften friedlichen Entwicklung den Rassenhaß fördern mußte, zeigte sieh an Oberschulen und Universitäten. Noch als in zahlreichen Institutionen alle Bevölkerungsgruppen zugelassen waren, galten sie als Stätten des Dialogs. Heute sind die schwarzen Oberschulen und Universitäten Brutstätten des Radikalismus.

Die jungen Schwarzen dort nennen Südafrika unter sich "Azania" -- wie die exilierten Radikalen. Sie jubelten, als in Mocambique die Frelimo die Macht übernahm, freuten sich über Südafrikas gescheiterte Angola-Intervention.

Die älteren Nationalistenführer sind für sie "Onkel Toms". "Nehmen Sie meinen Sohn", erzählte vor zwei Jahren der schwarze Politiker Häuptling Lucas Mangope, "es vergeht kaum ein Tag, an dem er mir nicht mit dem Argument in den Ohren liegt: Schau doch, wie die Schwarzen rund um uns herum ihre Unabhängigkeit erhalten. Sind sie denn reifer für die Freiheit?"

Die schwarzen Oberschüler und Studenten haben sich inzwischen in eigenen Organisationen zusammengeschlossen. Denn längst hat der weiße Rassismus einen schwarzen Rassismus erzeugt. Zu einem Treffen in Hammanskraal bei Pretoria versammelten sich 320 Intellektuelle -- Vertreter der Afrikaner, Asiaten und Mischlinge. Nur Weißen war der Zutritt verboten.

"Du kannst bewährter Anti-Apartheidskämpfer gewesen sein, im Gefängnis, unter Polizeibeobachtung oder verbannt", klagt ein weißer Liberaler, "die jungen Schwarzen beeindruckt das keineswegs."

Sie empfanden es denn auch als Herausforderung, als die Regierung ausgerechnet nach dem Fall der weißen Bastionen Angola und Mocambique den Unterricht in der "Sklavensprache" Afrikaans erweitern wollte und damit selbst einen ersten Funken an das Pulverfaß legte.

Sudafrikas Buren-Regierung aber ist nicht bereit, die sinnlose und provozierende Verordnung über den erweiterten Afrikaans-Unterricht zurückzunehmen. Sie fürchtet, daß Nachgeben als Schwäche gedeutet werden könnte, und demonstriert Stärke. Vorster: "Gesetz und Ordnung müssen wiederhergestellt werden. Koste es, was es wolle." So starben denn über 170 Schwarze bei dem ersten größeren Aufstand seit 1960.

"Der schwarze Mann ließ die Muskeln spielen", spottete eine Flugschrift aus dem schwarznationalen Untergrund in Johannesburg, und schon wähnten die Weißen ihr Ende nahe.

Nachdem vorletzte Woche, an dem laut Johannesburger "Sunday Times" "blutigsten Mittwoch unserer Geschichte". zwei Weiße, die einzigen überhaupt, in Soweto massakriert worden waren, griff die paramilitärische Polizei gnadenlos durch. Aus der Hüfte schossen größtenteils selbst noch blutjunge Polizisten, unterstützt von Panzerfahrzeugen und Infanterie, auf steinewerfende Demonstranten, darunter viele Kinder und Jugendliche.

Bei den Aufständen in Kwathema, dem Schwarzen-Getto für Springs" versuchten Ordnungstrupps Anfang letzter Woche eine ganze Gruppe von Lehrern in einem Kleinbus zu vergasen. Sie warfen einen Tränengaskanister in das Fahrzeug und hielten die Türen von außen zu. Nur gezielte Steinwürfe von Schülern retteten die Lehrer. Es stellte sich heraus, daß sie vom Schulleiter als Friedensstifter herbeizitiert worden waren.

Selbstgefällig ermunterte der südafrikanische Polizeioffizier Gerd Prinsloo seine Männer, als auch um Pretoria "Bantu-Verwaltungsbüros" und Schulen in Flammen aufgingen: "Wir werden keine Schwäche zeigen." Und wieder wurde in die Menge geschossen.

"Selbst Schrotgewehre verkaufen sich wie Pfannkuchen."

Hohl klang es, wenn da noch Justizminister Kruger die schwarze Bevölkerung aufforderte, "nicht den Glauben an den guten Willen des weißen Mannes zu verlieren". Gummigeschosse, so der Minister gleichzeitig, seien nicht wirkungsvoll, da sie "den Menschen an das Gewehr gewöhnen". Wünschenswert sei vielmehr, wenn die Leute wüßten, daß man einem Polizisten mit Gewehr lieber gleich aus dem Weg geht. Auch den Einsatz von Wasserwerfern schloß der Minister aus, denn in dem Millionen-Getto Soweto "gibt es zuwenig Wasserpunkte, und der Druck ist zu niedrig".

Gegen einen neuen Ausbruch schwarzer Gewalt versuchen viele, sich mit Waffen zu schützen. Statistisch gesehen besitzt jeder dritte Südafrikaner heute schon eine Waffe. Jetzt erzielen Waffengeschäfte Rekordumsätze. "Selbst Schrotgewehre verkauften sich wie Pfannkuchen", meldete "Oggenblad" in Pretoria. In der TV-Serie "Die Boer en sy Roer" wird die Öffentlichkeit über den Umgang mit Schießgerät belehrt. Alleinstehende Mütter mit Kindern quartieren sich bei Freunden ein. Im Parlament warnte Justizminister Jim Kruger davor, fremdes Hauspersonal einzustellen. Unweit Pretorias formierte sich letzte Woche eine Bürgerwehr.

Die aufständischen schwarzen Wohngebiete Mabopane und Garankua nämlich grenzen unmittelbar an reiche weiße Farmgebiete" einer der Grundbesitzer war am Montag während der Aufstände überfallen worden.

Daraufhin schlossen sich die rund 100 Landbesitzer der Umgebung zusammen und patrouillieren nun im Ein-Stunden-Rhythmus während der Nacht durch die riesigen Ländereien. "Oggenblad" glorifizierte die Bürgerwehr: "Es war wie beim zweiten Freiheitskrieg."

Allerdings lassen vor allen Dingen viele jüngere Südafrikaner oftmals den Kampfgeist der Väter vermissen. Als im Mai in Pretoria Wehrpflichtige eingemustert wurden, fehlten 600 Mann. John Keene, Regimentsunteroffizier des "Rand Light Infantry Regiments" (RLI), glaubt zu wissen warum: "Das hat wohl etwas mit Angst zu tun." Mehr als 15 Prozent der RLI nämlich stehen angeblich auf der schwarzen Liste der Schwarzen.

Auch der weiße Einwandererstrom (1975: rund 42 000) droht zu versiegen. Anfang dieses Jahres brachten Abgesandte der Stadtverwaltung Durban ganze 24 unterschriebene Verträge aus England und Deutschland mit.

Es droht noch schlimmer zu kommen. Denn was als Schülerstreik gegen das Sprachdiktat in Soweto begann, wurde nach dem brutalen Eingreifen der Polizei eine landesweite und teilweise nicht nur spontane Solidaritätsaktion. In Mamelodi riefen die Jugendlichen "Viva Soweto".

Immer öfter hört man die Hymne der schwarzen Nationalbewegung, "Nkosi, sikelele Afrika", "Gott, segne Afrika", aber auch die unmißverständliche Aufforderung "Bulala mlungu", "Tötet die Weißen!"

Die Weißen haben es nun aber, besten Worten zum Trotz, mit der Angst bekommen.

Auf Donald Woods, Chefredakteur des "East London Daily Dispatch"" machen starke Burenworte wenig Eindruck: "Sie sind viel zerbrechlicher, als man ihnen ansieht. Die meisten würden nicht zugeben, daß sie Angst haben ... Aber wenn ein Bus eine Fehlzündung hat, zucken sie zusammen: Jetzt geht"s los." Ein junges Burenmädchen gibt zu: "Wir sprechen nur vom Kampf bis zum letzten Mann, um unsere Furcht zu verbergen."

Der Reporter der Londoner "Times", Denis Herbstein, ein Südafrikaner, kehrte kürzlich nach acht Jahren in seine Heimat zurück. Er notierte einen Unterscheid: "Damals sagte man mir: "Wenn es dir hier nicht paßt, hau ab ins Kommunisten-England. Heute nehmen mich Leute beiseite und flüstern: "Hast du keine Idee, wie man hier wegkommt?""

Das Klima der inneren Spannung im Verein mit der zunehmenden Aggressivität der schwarzafrikanischen Nachbarstaaten beginnt auch die weißen Investoren abzuschrecken.

Schon scheuen sich viele Finanziers, ihre Gelder den Südafrikanern anzuvertrauen. Als Vorsters Regierung eine Anleihe über nur 25 Millionen Dollar zu immerhin 9,75 Prozent Zinsen am Eurodollar-Markt aufnehmen wollte, fanden sich kaum Interessenten. Der Kurs bereits placierter Anleihen des staatlichen Energieversorgungsunternehmens Electricity Supply Commission und der Stadt Johannesburg sackte bis zu 20 Prozent ab.

Krisenangst hat vor allem auch Südafrikas Reiche erfaßt. Ein Johannesburger Diamantenhändler schätzt, daß Privatleute jeden Monat Edelsteine im Wert von rund zehn Millionen Rand (30 Millionen Mark) über die Grenze schaffen und so die strengen Devisenbestimmungen umgehen.

Die Anfang April verfügte Fast-Verdoppelung der südafrikanischen Verteidigungsausgaben auf vier Milliarden Mark trägt auch nicht gerade dazu bei, den Bossen Vertrauen in die Zukunft einzuflößen. Empörte sich die progressive Parlamentsabgeordnete Helen Suzman: "Die glauben, nur mit eiserner Hand und Machtpolitik den weißen Mann retten zu können." "Die Zeit arbeitet nicht für Sie, Herr Vorster."

Ein Ausweg durch Wandel des in sich unflexiblen Systems ist nicht in Sicht, schon theoretisch kaum denkbar: Er würde nicht nur die politische Herrschaft, sondern auch die wirtschaftliche Basis der Weißen ins Wanken bringen. Das schließt kosmetische Operationen zum Dampfablassen nicht aus, die indessen die jetzt begonnene Konfrontation kaum mildern dürften.

So dürfte dann den Buren à la longue keine andere Wahl bleiben, als die Wagenhurg Südafrika zum letzten Gefecht zu formieren, wie es die Vorväter auf dem Treck ins Landesinnere getan hatten, oder aber dem Abzug ins Abendland festen Auges entgegenzusehen.

Durchaus folgerichtig widersetzte sich deshalb Südafrika-Premier Vorster im Bayerischen Wald allen Reformforderungen Kissingers. An sich wollten sie über Rhodesien reden, nach Soweto aber stand Südafrika zur Debatte. Denn Washington, seit dem Angola-Desaster entschieden auf die Seite der schwarzen Mehrheiten geschwenkt, zeigte sich taub gegen alle Vorster-Vorhalte, wie wichtig ein weißes Südafrika für den Westen sei.

Das Problem, politisch unlösbar, ausweglos -- was konnte da der Genius loci von Bodenmais und Grafenau wohl helfen, was die Vorhaltungen des deutschen Kanzlers Schmidt bewirken: "Die Zeit arbeitet nicht für Sie, Herr Vorster"?

Herr Vorster zeigte sich so unnachgiebig, daß sich die Deutschen am Ende fragten, weshalb er überhaupt die weite Reise unternommen habe.

Über das Treffen auf ihrem Boden von Anfang an unglücklich, waren die Gastgeber über die Gäste vom Kap am Ende nur noch sauer: "Sie haben sich wie Besatzungsoffiziere aufgespielt", ärgerte sich Staatssekretär Bölling, "unglaublich und geradezu flegelhaft."


DER SPIEGEL 27/1976
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Südafrika: Die Buren haben Angst