28.06.1976

KONZERNEKleiner David

Der Schweizer Großkonzern Nestlé verkauft seine Babynahrung in der Dritten Welt mit Methoden, die als „unethisch und unmoralisch“ bezeichnet werden dürfen.
"Riese Goliath geht in die Knie", raunten die Prozeß-Zuschauer einander zu, "der kleine David hat ihn doch noch geschafft."
19 Monate lang hatte Goliath, der Schweizer Multi Nestlé einem Berner Bezirksgericht Beweise vorgelegt, um eine Gruppe Berner Studenten wegen "niederträchtiger Verleumdungen" verurteilen zu lassen. Doch als am vergangenen Dienstag im Berner Amtshaus die letzte Prozeßrunde begann, warf der Nestlé-Anwalt das Handtuch und zog drei der vier Klagepunkte zurück.
Der Konzernriese war über seine Milchersatz-Produkte gestrauchelt, mit denen er "die Säuglings-Sterblichkeit in den Entwicklungsländern wirksam bekämpft" haben wollte, so hieß es im Firmenstammhaus zu Vevey. Die Kunstnahrung, so behauptete jedoch die Berner Gruppe, bewirke das schiere Gegenteil.
Internationale Hilfsorganisationen hatten herausgefunden, daß vor allem das Nestlé-Produkt Lactogen Müttern in der Dritten Welt von Firmen-Werbern als Baby-Kost auch dann aufgeschwatzt wurde, wenn sie selbst stillen konnten. Dauernde Reklame-Berieselung aus Transistor, durch Plakate. manchmal gar durch speziell geschulte "Milch-Schwestern". bringe eingeborene Mütter dazu, ihren Säuglingen statt der Brust die Flasche zu reichen.
Doch der Griff zur Flasche, so analysierte der englische Journalist Mike Muller 1974, sei oft tödlich. Denn die meisten Mütter hätten "weder das Geld noch das Wissen, noch die Kücheneinrichtung, um eine ungefährliche Flaschennahrung zubereiten zu können". So entstehe "eine meist tödliche Kombination aus Diarrhöe, Marasmus und oraler Moniliasis".
Mullers Studie ("The Baby Killer) lieferte so viel Anschauungsmaterial über die Werbetricks der Nestlé-Verkäufer, daß die Berner "Arbeitsgruppe Dritte Welt" sich berechtigt fühlte, Mullers Broschüre unter dem griffigen Titel "Nestlé tötet Babys" in deutscher Übersetzung aufzulegen.
Dem Konzern am Genfer See schien dies "eine ungeheuerliche Verleumdung". Mit einem Bündel von Ehrverletzungsklagen und massiven Strafanträgen sollten die Nestlé-Kritiker zum Widerruf gezwungen werden. Die 13 Gruppen-Mitglieder indes blieben stur bei ihrer Behauptung.
Nestle, mit 18,3 Milliarden Franken Umsatz zweitgrößter Nährmittel-Produzent der Welt, kam gegen die finanzschwache Entwicklungs-Gruppe zunehmend in Beweisnot. Denn die Berner konnten Fachleute, vor allem Ärzte, aus Entwicklungsländern mobilisieren, während sich für die Nestlé-Sache kein Mediziner engagieren mochte.
Pluspunkte erhoffte Nestle schließlich von der Schlußverhandlung: Ein Professor von der Universität Lagos sollte für die Kläger aufmarschieren.
Doch der Professor aus Lagos war dorten plötzlich "unabkömmlich". Dafür berichtete der letzte, von der Berner Gruppe beigebrachte Zeuge G. J. Ebrahim, Pädiatrie-Ausbildungsleiter bei der Weltgesundheitsorganisation aus Indien: "In den Entwicklungsländern ist die Saugflasche nichts als ein Mordinstrument", und für den tödlichen Trend zur Flasche trage "die aggressive Lactogen-Werbung von Nestle die Hauptschuld".
Nestlé-Anwalt Hans-Peter Walter, der "unsere Geltung als achtbares Unternehmen" gerichtlich hatte schützen wollen, strich daraufhin den Klagenantrag auf die Titel-Phrase "Nestle tötet Babys" zusammen.
Als unbestreitbar muß Nestle seither gelten lassen, daß seine Babykost-Verkaufsmethoden in der Dritten Welt >"unethisch und unmoralisch" sind; > "den Tod oder bleibende geistige und körperliche Schädigung Tausender von Kindern" verursachen; > die Mütter irreführen, indem "als Krankenschwestern getarnte" Verkäuferinnen dem Flaschen-Geschäft "einen wissenschaftlichen Anstrich" geben.
Daß hingegen die Multi-Milchhändler "vorsätzlich oder fahrlässig Babys umbringen", mochte das Gericht denn doch nicht akzeptieren: Für ihren Schock-Titel "Nestle tötet Babys" wurden die Entwicklungskämpfer am Donnerstag verurteilt -- nicht wegen Verleumdung, wie es die Kläger wollten: Jeder der 13 bekam "wegen übler Nachrede" als symbolische Strafe 300 Franken aufgebrummt. Dem Konzern aber empfahl der Gerichtsvorsitzende" seine Verkaufsmethoden "durch und durch zu revidieren".

DER SPIEGEL 27/1976
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