28.06.1976

Kunstdiebstahl: Wie im Schlaraffenland

Aus Palästen und Hütten, aus Kirchen, Museen und Galerien holen immer mehr Diebe immer mehr Kunstwerke. Einzelgänger wie organisierte Banden beliefern einen expandierenden grauen Markt. Allein in der Bundesrepublik entstand im letzten Jahr ein Schaden von 10,4 Millionen Mark. Aufklärungsquote: unter 20 Prozent.

In Saint-Cloud bei Paris, am Sitz von Interpol, tagte Anfang Juni eine konspirative Runde. Kriminalbeamte aus Deutschland und Frankreich, Österreich und Benelux trafen sich diskret zu einem Zusammenspiel ohne Grenzen.

Über Sprachbarrieren und Rechtshürden hinweg einigten sich die Fahnder auf eine konzertierte Aktion: Gemeinsam wollen sie endlich einer verästelten Landfahrersippe von Kunst- und Antiquitätendieben beikommen, die seit sechs Jahren nahezu unbehelligt Villen, Kirchen und Schlösser im Grenzgebiet zwischen Maas und Mosel ausräumt.

Robert van Nieuwkerke, 31, genannt "Pitso", der von Interpol Brüssel und Wien per Haftbefehl gesucht wird, agiert nach den Erkenntnissen des Wiesbadener Bundeskriminalamts (BKA) als "Kopf des Stammes". Er lenkte eine mindestens siebenköpfige Gang sowie eine Klientel von rund 40 Mittätern, Hehlern und Kontaktpersonen. Mit einem Geschwader schneller Opel-,"Commodore" schmuggelt das fahrende Volk kostbare Beutestücke über Europas grüne Grenzen unwiederbringlich auf den grauen Markt.

Unzählbar ist das Diebesgut an alten Möbeln und Heiligenfiguren, das der mit falschen Pässen operierenden Zigeunersippe schon in die Hände gefallen ist, verschlungen sind ihre Geschäftsbeziehungen, unüberschaubar ist der Kreis der Hintermänner. "Seit Jahren", so gesteht Kriminalhauptkommissar Siegfried Rupp, Kunstraub-Experte im BKA, "kann sich die Nieuwkerke-Bande wie im Schlaraffenland fühlen."

Schlaraffenland wie für Pitso und die Seinen ist überall und Tag für Tag. Weltweit, besonders ausgeprägt freilich in Europa, registriert Interpol eine seit 1968 steil ansteigende Zahl von Kunstdiebstahls-Delikten. Kein Rembrandt und kein Delacroix, keine Barockmadonna und kein Biedermeiersekretär scheint mehr sicher. Immer häufiger siebt sich ein Kirchendiener bei Dienstantritt statt dem Altarbild einem leeren Raum gegenüber, registriert ein Museumsdirektor beim Routine-Rundgang, daß wieder mal eine Rokoko-Kommode mit ein paar Beschlägen weniger dasteht.

Fälle aus jüngster Zeit: 140 Gemälde des 16. und 17. Jahrhunderts holte ein Münchner Einbrecher-Sextett in drei aufeinanderfolgenden Nächten seelenruhig aus der Villa des Wittelsbach-Prinzen Joseph Clemens zu München-Bogenhausen ab. Der Hausherr entdeckte den Diebstahl erst, als er im Gemäldedepot nach einer seiner 20 Hauskatzen suchte.

119 Picasso-Spätwerke raubten maskierte Unbekannte mit Pistolengewalt aus dem Papstpalast in Avignon, während drei Nachtwächter gefesselt und geknebelt nach Luft rangen. Mitten im Besucher-Gewühl des Pariser Louvre griff ein entschlossener Kunstfreund sich ein sienesisches Bildchen des 14. Jahrhunderts von der Wand und verschwand damit in der Menge.

Griechische Töpferware kam im Hannoverschen Landesmuseum abhanden, im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe ein Jugendstilleuchter mit elfenbeinerner Aktfigur. Der Verlust historischer Waffen wurde aus dem württembergischen Schloß Neuenstein gemeldet und aus dem Düsseldorfer Standesamt die Einbuße einer gemalten "Mutter mit Kind am Gartenzaun".

Einschlägiges Zahlenmaterial, international oder auch nur bundesweit, ist nicht vollständig zur Hand. Weil die Polizei von Land zu Land unterschiedliche Kriterien benutzt oder auch gar keine Spezialerhebungen anstellt, kann es eine verbindliche BKA-Statistik nicht geben.

Auf eine SPIEGEL-Anfrage bei den Landeskriminalämtern meldeten, für 1975, Bayern 448 Fälle von Diebstahl aus Museen, Schlössern, Kirchen und Ausstellungen, Baden-Württemberg 158, Niedersachsen 111, Hamburg 67, Schleswig-Holstein 61. Rheinland-Pfalz 41. Von 1970 bis 1975 wurden allein aus bayrischen Gotteshäusern 665 Madonnen, 554 Christusfiguren, 1217 Heilige, 1046 Engel, 2171 Gemälde und 1584 Leuchter gestohlen.

Der jährliche Gesamtschaden hat sich nach BKA-Schätzung von 1973 bis 1975 fast vervierfacht (von 2,8 auf 10,4 Millionen Mark) und bei Museumsdiebstählen sogar mehr als verzehnfacht -- auf 3,2 Millionen. Kirchen- und Kapellmarder steigerten in derselben Zeit ihren Anteil (1975: 5,2 Millionen Mark) um gut 300 Prozent. Weltweit wird, vom Internationalen Museumsrat (ICOM), der Jahresschaden durch Kunstdiebstahl bei mehreren Milliarden Mark vermutet. Mit der Leiter ins Museum.

10 443 Gemälde, andere Kunstgegenstände und Antiquitäten wurden während der letzten drei Jahre allein in Nordrhein-Westfalen entwendet. Aber von den dort 1975 registrierten 120 Kunstdiebstählen (Gesamtschaden: mehr als sechs Millionen Mark) ließen sich nur zwei aufklären, nur eines von 67 Delikten im Jahr 1974. Insgesamt liegt die Aufklärungsquote in der Bundesrepublik unter 20 Prozent. Und weil das so ist, registriert zum Beispiel der Stuttgarter LKA-Fahnder Wolfgang Reichert, "wissen wir kaum etwas über die Hintergründe".

Restlos aufzuhellen ist ein spektakulärer Diebstahl günstigenfalls dann, wenn wenig erfahrene Einzelgänger sich spontan an alten Meistern vergriffen haben, wegen der Einmaligkeit der Objekte aber auf Absatzschwierigkeiten stoßen.

Typisch in Anlage, Ablauf und Fahndungsaufwand war da der Fall, der 1971 in Tours an der Loire seinen Anfang nahm: In einer Dezembernacht, Freundin Jacqueline war im französischen Hotelbett schon eingeschlafen, schlich der Tscheche Karel Whitman aus dem Gasthof "Théâtre", trank sich Mut an und landete den größten Coup seines Lebens.

Mit einer Leiter von einer Baustelle kletterte der Tourist durch ein Fenster

* Polizei-Pressekonferenz in Duisburg.

ins Stadtmuseum, nahm ein Rembrandt-Frühwerk ("Flucht nach Ägypten") sowie ein Seestück des Niederländers Jan van Goyen an sich und schlenderte, nachdem er die Bilderrahmen in eine Mülltonne versenkt hatte, mit den Holländern unterm Mantel ins Hotel.

Whitman und Freundin verpackten die Wert-Leinwände zwischen schmutziger Wäsche im Koffer, brachten sie nach Berlin und zeigten bald das weniger prägnante Goyen-Werk einem Bildhauer. in dessen Haushalt Jacqueline eine Stelle als Kindermädchen gefunden hatte. Der vermittelte das Bild für 5000 Mark an einen Wilmersdorfer Kunsthändler -- und dieser wiederum verkaufte es für 9000 Mark weiter an einen pensionierten Senatsrat.

Danach rückte Whitman auch mit seinem Rembrandt heraus, den der Bildhauer fürs erste bei einer Schwester in Essen unterstellte. Doch während der Dieb selber sich in der Heidelberger Altstadt nach einem Käufer umtat, hatte die Polizei schon einen Wink erhalten -- Whitman wurde observiert und schließlich in Berlin festgenommen.

Der Kompagnon bemühte sich unverdrossen auf eigene Faust weiter und nahm Kontakt zu einem Freund im Saarland auf, der denn auch bald an dem in Aussicht gestellten Geschäft Gefallen fand.

Wenige Tage später klingelte beim Kustos des Museums in Tours das Telephon. Eine Frauenstimme mit deutschem Akzent bot den Rückkauf der gestohlenen Bilder für 10 000 Mark zuzüglich 30 000 Mark Vermittlungshonorar an. Eine direkte Unterredung wurde für "Samstag, 17 Uhr, im Saarbrücker Bahnhofsrestaurant" ausgemacht. Erkennungszeichen der Frau: ein gelber Ledermantel und die Zeitung "L'Aurore".

Interpol Paris, BKA und saarländische Kripo organisierten eine Groß-Observation in der Bahnhofshalle. Doch fünf vor fünf lief die "Aktion Rembrandt" schon aus dem Ruder.

Am Zeitungskiosk fragte die gelbe Dame vergebens nach "L'Aurore" -- das Blatt war ausverkauft. Als die von der Polizei instruierte Verkäuferin ihr jedoch statt dessen "Le Monde" aufschwatzen wollte und -- verabredetes Zeichen -- die Hand auf ihre Schulter legte, wurde die Observierte mißtrauisch und eilte hinaus zum Bahnhofsvorplatz. Der Wagen, in den sie stieg, wurde anfangs noch verfolgt, geriet dann jedoch außer Sicht.

Noch in derselben Nacht indes stellte sich ein Ehepaar der Polizei -- es war der saarländische Freund von Whitmans Bildhauer-Komplicen nebst Frau, eben der Dame in Gelb. "Um aus der Sache rauszukommen" und "weil wir doch eigentlich nur den Rembrandt wiederbeschaffen wollten", sagten sie zu, das Spiel mit dem Bildhauer zum Schein weiterzuspielen. Als Kaufinteressent trat fortan ein Beamter auf, und für die Verhandlungen stellte das BKA 100 000 Mark Vorzeigegeld bereit.

Als Scheinkäufer und Vermittler am Flughafen in Berlin-Tempelhof ankamen, wartete der Bildhauer schon in einem angemieteten VW. Er war "umsponnen", so BKA-Fahnder Rupp, "von einer riesigen Observation".

Kaum daß er im Wagen das Rembrandt-Bild in Augenschein genommen und sich von seiner Identität überzeugt hatte, übergab der Scheinkäufer einen Koffer mit 100 000 Mark in bar. Der Bildhauer zählte nach, übergab das Gemälde und hielt nach wenigen Kilometern, um den anderen aussteigen zu lassen. Der aber gab beim Abschied, durch Lüften seines Hutes, den Observanten das Signal, daß "alles in Ordnung" sei. Minuten später war der Helfer festgenommen, der Geldkoffer in Sicherheit. Exodus von

Meisterwerken.

Happy-Ends ähnlich wie dieses hat die Polizei diverser Länder nicht einmal selten vorzuführen. Die Mehrzahl weltberühmter Gemälde jedenfalls, deren Diebstahl in den letzten Jahren Schlagzeilen machte, konnte über kurz oder lang geborgen werden.

Zurück im Colmarer Martinsmünster ist, nach 17 Monaten Abwesenheit, die Anfang 1972 gestohlene Schongauer-"Maria im Rosenhag". Nur elf Tage lang mußte im gleichen Jahr die venetische Gemeinde Castelfranco das Madonnen- und Heiligenbild Giorgiones aus ihrer Pfarrkirche entbehren; bloß kurzfristig verschwunden war auch 1973 eine Mantegna-Altartafel aus Veronas Kirche San Zeno. Seit Januar ist das Bostoner Museum wieder im Besitz seines 1975 geraubten Rembrandt-Bildes.

Und kürzlich hatte die italienische Kleinstadt Urbino allen Grund, mit Glocken zu läuten, die seit dem Krieg außer Betrieb gewesen waren: Heim in den Herzogspalast am Ort kehrten zwei wahrhaft unschätzbare Werke des Frührenaissance-Meisters Piero della Francesca ("Geißelung Christi".., Madonna von Senigallia") und ein Raffael-Damenporträt ("Die Stumme") -- Opfer eines Coups vom Februar vorigen Jahres, der kaum übertrieben als "größter Kunstraub aller Zeiten" gemeldet worden war.

Die Irrfahrt dieser drei Gemälde hat, in den bruchstückhaften Verlautbarungen der Carabinieri, starke Ähnlichkeit mit dem Rembrandt-Fall von Tours. So scheint es immer wieder darauf hinauszulaufen, daß große Kunst zwar unschwer zu entwenden, doch schwerlich zu verwerten ist.

Unerklärt bleibt dabei nur, wieso derart brotlose Verbrechen immer neue Nachfolgetaten zeitigen sollen. Gewiß. häufig spielt die Illusion einschlägig unerfahrener, von Kunstmarkt-Rekordpreisen angelockter Gelegenheitsdiebe eine Rolle. Aber insbesondere der Exodus von Meisterwerken aus italienischen Kirchen und Museen bliebe (samt ihrer Rückkehr dorthin) ein Rät-

* Photos 1 bis 6: Geißelung Christi (Piero della Francesca), Griechischer Bronzekopf, "Kreuzabnahme" (Unbekannter Meister), "Die Stumme (Raffael), "Der gegeißelte Christus (Antonello da Messina). "Madonna von Senigallia (Piero della Francesca). Photos 7 bis 12: "Der ungläubige Thomas (Caravaggio zugeschrieben), "Jesus vertreibt die Händler" (Wandteppich), "Tancred und Erminia" (G. F. Barbieri), "Das Abendmahl" (Wandteppich), "Maria Magdalena (Bernard van Orley), "Fußwaschung" (Wandteppich).

sei, wenn die neben dem heimlichen Verkauf zweite Möglichkeit, illegalen Kunstbesitz auszumünzen, nicht doch erfolgreicher wäre, als Betroffene einräumen möchten: die Erpressung von Lösegeld.

Enorme Forderungen aus dem Untergrund -- drei Milliarden Lire (etwa neun Millionen Mark) -- waren in Urbino schon einen Tag nach der Tat publik geworden. Offizielle hatten sie allerdings mit demonstrativem Stolz zurückgewiesen.

Urbino-Bürgermeister Oriano Magnani (KP) proklamierte für die verschuldete Kommune als eine "Frage des Prinzips", die Gangster würden "überhaupt nichts bekommen". Vorsichtiger erklärte Roms damaliger Kulturgüter-Minister Spadolini, jeden Erpressungsversuch "nicht einmal, sondern zehnmal" prüfen zu müssen.

Gab es zunächst kein Geld für die Kunst-Kidnapper, so blieben auch die Bilder noch verschwunden. Frühzeitig getätigte Verhaftungen erwiesen sich als Fehlschlag: Offenbar hatten kontaktierte Ganoven nur unliebsame, in diesen Fall aber nicht verwickelte Konkurrenten angeschwärzt.

Als dann am 23. März dieses Jahres die Bilder tatsächlich aufgetaucht waren (im Hotel "Muralto" im Schweizer Locarno), gelangten bunte, doch ein wenig wirre Action-Stories in die Presse: von einem just bis zum Fund-Haus verfolgten Alfa Romeo und von einer Verabredung im Apenninen-Dorf Mercatino Conca, bei der Carabinieri immerhin 200 Millionen Lire hätten übergeben sollen, zu der die avisierten Empfänger aber nicht erschienen.

Ohnehin, so der römische "Messaggero", sei die präparierte Geldtasche mit wertlosem Papier unter einer dünnen Tarnschicht von Banknoten gefüllt gewesen. Heiter deutet Pio Alferano, Chef des zentralen Carabinieri-Trupps für Kunstdiebstahl" an, die Kriminellen hereingelegt zu haben.

Eingeweihte halten solchen Wortbruch, sollte er wirklich praktiziert worden sein, bei den herrschenden Landesbräuchen schlicht für lebensgefährlich -- ganz abgesehen von den Folgen für unausbleibliche künftige "Nachforschungen" nach gestohlenem Kunstgut, die man besser Verhandlungen nennen würde.

Die nämlich finden, sei es auch über Mittelsmänner, zwischen Kontrahenten statt, die eher wie gleichberechtigt kriegführende Parteien als auf die Art von Katz und Maus miteinander umgehen, und sie können sich über Jahre hinziehen. So mag es auch heute noch aussichtsreich erscheinen, etwa das große Caravaggio-Gemälde ("Die Geburt Christi") zurückzuholen, das bereits am 18. Oktober 1969 aus dem Oratorium San Lorenzo in Palermo gestohlen worden ist.

Der Doppelraub des Pizza-Bäckers.

Was Kenner der Szene in informellen Gesprächen enthüllen, ist ein deutlich mafiageprägter Hintergrund, ein Terrain zwielichtiger Zwischenträger, ausgeklügelter Übergabe-Bedingungen, gelegentlich sogar notariell fixierter, richterlich abgesegneter Prämien-Abreden und abenteuerlicher Methoden der Lösegeldbeschaffung.

Zu einer Figur in diesem Spiel kann beispielsweise auch ein deutscher Museumsdirektor werden, der für Gemälde, die er in Italien kaufen möchte, keine Ausfuhrgenehmigung bekommt. Denn unter Umständen würde ihm die zuständige Behörde die gewünschte Lizenz doch erteilen, falls er dem Kaufpreis noch einmal jene 10 oder 15 Millionen Lire zulegt, die ein Unterhändler für die Wiederbeschaffung eines gestohlenen Bildes fordert.

Und es kennzeichnet das Milieu, wenn dieser Unterhändler plötzlich in seinem Laden von zwei finstren Gesellen aufgesucht und niedergeschlagen, einer der Schläger aber wenig später beim Kartenspiel erschossen wird.

In dieser atypischen Sparte der Kriminalität, eher eine Art von Entführung als ordinärer Diebstahl, muß oft das Interesse an der Geisel-Rettung das an Strafverfolgung überwiegen. Sofern Verhaftungen nicht überhaupt nur dazu dienen, das Gesicht der Polizei zu wahren, dürften zumeist kleine Hehler und ausführende Organe, kaum aber die Drahtzieher gefaßt werden.

Carabinieri-Colonnello Alferano "hofft" zwar, mit drei geschnappten Verdächtigen die Diebesbande von Urbino in der Hand zu haben. Aber diese Aussicht ist ebenso vage wie die Chance, durch Inhaftierung des Duisburger Pizzabäckers Enzo Bianchi nebst Familie (Ende 1975) den spektakulären Gemälde-Doppelraub aus der Mailänder städtischen Galerie für moderne Kunst zu sühnen.

Aus dem Kofferraum des Gastarbeiters stellte die Polizei elf lieblos verpackte Gemälde, unter anderem von Corot, Gauguin und Modigliani, als Teile der Mailänder 36-Bilder-Beute sicher; andere fanden sich bei Vater Bianchi im umbrischen Foligno oder hatten schon im Oktober herrenlos in einem Gepäck netz des Riviera-Expreß Ventimiglia-Amsterdam gelegen.

Bedeutsamer noch muten aber die Umstände des Delikts selber in seiner merkwürdigen Duplizität an. 28 Bilder waren nämlich bereits im Februar 1975 und dann, nach einer Rückführung, zusammen mit acht weiteren im Mai ein zweites Mal gestohlen worden -- jeweils bei offenbar durch gekaufte Nachtwächter ausgeschalteter Alarmanlage. Den Rückfall führen Sachkenner darauf zurück, daß Konditionen der Erstattung (zum Beispiel: keine Verhaftungen) nicht eingehalten worden seien.

Daß aber auch jetzt keineswegs alle Gemälde zurück sind, läßt eine plausible Spekulation zu: Sie verbleiben, statt barer Münze, endgültig den Dieben.

Öffentlich diskutiert, wenn auch selten geklärt, wurde eine Zahlung von Lösegeldern oft genug, so beim Giorgione von Castelfranco, so auch beim Bostoner Rembrandt. Strahlende Publizität hatte sie schon einmal erlangt, als im Jahr 1962 Henri Nannen diskret 100 000 Mark an die (später doch gefaßten) Räuber der Volkacher Riemenschneider-Madonna ausfolgte.

Daß Versicherungen für Kompromisse mit Kunstdieben ansprechbar sind, gilt kaum noch als Geheimnis und ein Zehntel des offiziellen Marktwerts als fairer Satz. Aber auch unversicherte Privatleute, denen eher gängiges Gut abhanden kam, klagen, daß sie Löse- oder Schmiergelder investieren mußten, um den Recherchen der Polizei vom Fleck zu helfen.

Mit deren Engagement ist nicht jeder so recht zufrieden. Der Graphiker Paul Wunderlich zum Beispiel, dem aus seinem holsteinischen Landhaus ein ganzer Stapel der eigenen Lithographien geklaut wurde, konnte die Gesetzeshüter auch dann nicht zum Nachfassen bewegen, als Unbekannte, anscheinend im Besitz des Diebesgutes, sich beim Hamburger Galeristen Thomas Levy angelegentlich nach dem Wert von Wunderlich-Graphik erkundigten. Zum Schluß wurde der Künstler gar zu dem Geständnis aufgefordert, er habe die Straftat nur vorgetäuscht.

Die Kölner Kunsthändlerin Eva Stünke (Galerie "Der Spiegel") verzweifelte ebenfalls an den kurvenreichen Polizei-Dienstwegen, als sie eine ihr gestohlene Zeichnung des Pop-Künstlers Lichtenstein in London ortete (Kollegen-Anruf: "Sie wird mir gerade angeboten"). Nur durch einen Londoner Anwalt, der einen Bobby von der Straße mitnahm, konnte sie das Blatt noch rasch genug sicherstellen.

Hilflos steht allerdings die Polizei vor der Mehrzahl der Fälle, in denen die Diebe nicht durch weltweite Berühmtheit ihrer Beute behindert sind und Millionenwerte einen großen Fahndungsaufwand rechtfertigen.

Beispiel Bundesrepublik: Verlust- und Fundanzeigen italienischen Kalibers sind hier rar, gravierende Vorkommnisse meist international verflochten -- so die von Tours und Mailand, die Geschichte der beiden 15.-Jahrhundert-Bilder, die 1971 aus dem florentinischen Palazzo Vecchio verschwanden und 1973 aus deutschen Safes geborgen wurden (SPIEGEL 48/1973), oder auch die Affäre um ein Picasso-Bild aus einem Museum in Skopje.

Ein jugoslawischer Student hatte 1971 das "Mädchen mit den zwei Gesichtern" mitgenommen, war aber, als er das Bild in Wiesbaden versilbern wollte, sichtlich an einen getarnten Polizei-Agenten geraten. Die feierliche Rückgabe des Kunstwerks durch BKA-Chef Herold an den Skopjer Museumsdirektor Petkovski zählt zu den Höhepunkten in der Arbeit deutscher Kripo-Kunstspezialisten.

Als spektakuläre Fälle aus Deutschland selbst (und aus einer Boom-Zeit vor rund fünf Jahren) sind zu verbuchen:

* der Diebstahl von vier Franzosen-Bildern der Hamburger Kunsthalle vom November 1971 (noch im selben Jahr zurück);

* der dreier Gemälde aus dem Düsseldorfer Kunstmuseum (Februar 1972), von denen zumindest das wertvollste, eine Rubens-"Heilige Cäcilie", vor einem Jahr bei Frankfurt ans Licht kam, und

* der Raub der spätgotischen Schnitz-Madonna der Schloßkapelle Blutenburg in München, die zwei Monate später, im März 1971, von einer Gangsterbraut zurückerstattet wurde.

Typischer ist allemal der Einbruch in Privatvillen, der Raubzug durch abgelegene Wallfahrtskapellen oder der rasche Griff in die Graphikmappe einer Kunstgalerie -- Aktionen, deren Ertrag aus vergleichsweise unauffälligen Einzelstücken nicht so leicht wieder aufzustöbern ist. Tips vom. Gastronom

30 bis 45 Zentimeter hohe Engel und Heilige, wie sie -- gleich 55 auf einmal -- letztes Jahr vom gotischen Schnitzaltar der Liebfrauenkirche zu Oberwesel am Rhein gebrochen wurden. passen in jede bessere Diele oder an manche Hausbar.

Ein Glücksfall, daß der überwiegende Teil aus einer Brüsseler Garage geborgen werden konnte, wo die Figuren -- nach Kripo-Vermutung -- von belgischen Auftraggebern aus der Antiquitätenbranche abgestellt worden waren. In dieser Branche, so wird gemunkelt, wisse man auch, wo die restlichen zehn zu finden wären. Und sogar der Preis, den das Bistum Trier bei diskretem Rückkauf für jedes (offenbar bereits an Privatleute abgesetzte) Stück zahlen müßte, wird genannt: etwa 2000 Mark.

Noch tiefere Einblicke in die Zusammenhänge von Stehlern, Hehlern und Kunden gewann die Polizei schon 1972 in Köln, als ein großer auf Kunst spezialisierter Ring aufflog. Ein Jahr lang hatte die Bande etwa 60 Wohnungen und Kunsthandlungen geplündert, in einer Nacht zum Beispiel die Galerie "Der Spiegel" fast völlig leergeräumt.

Ausgefuchste Einbrecher und Gentleman-Ganoven schleppten Gemälde, Plastiken, Meißner Porzellan, Silber und Teppiche in eine Kölner Autowerkstatt, wo von Fall zu Fall der Auktionator Ernst August Rüdiger aus Hannover die Beute musterte, um Gängiges in den Handel zu schleusen.

Rüdiger und andere Großhehler lieferten an Abnehmer in ganz Europa, vor allem nach Frankreich und in die Schweiz. Als "neues kriminelles Phänomen" erschien Kölns damaligem Kripochef Werner Hamacher, der heute dem LKA in Düsseldorf vorsteht, "die Verbindung der Unterwelt mit der sogenannten Oberwelt". Die Bande, laut Hamacher "zunächst nur auf Pelze und Schmuck aus, wurde von Rüdiger systematisch in die Marktlücke der Kunst und der Antiquitäten gelockt".

Unter der Anleitung von Spezialisten holten die Einbrecher Beute jeweils dort ab, wo Tip-Geber Georg Ruhl, der als Gastronom Feste und Partys in den Wohnungen prominenter Kölner organisierte, wertvolle Kunstgegenstände ausgekundschaftet hatte. Erst als ein Täter auf dem Rückweg aus der Galerie Abel durch ein Glasdach vor die Füße eines Hotelportiers im Nachbarhaus stürzte, kam die Kripo auf eine Spur.

Die Männer im Hintergrund wurden dagegen identifiziert, als zwei Bestohlene vermißte Stücke -- in Hannover wiederfanden -- der eine auf der Kunstmesse am Stand seines Kollegen Rödiger, der andere in dessen Auktionsangebot. Nachträglich konstatierte Kripochef Hamacher, offensichtlich hätten gutsituierte Rödiger-Kunden auch "erkennbar gestohlene" Stücke gern erworben.

Wieweit die Affäre typisch war, bleibt auch in der betroffenen Branche strittig. Reiner Schütte, Geschäftsführer im Kölner Versteigerungshaus Lempertz, meint, generell könne der Kunsthändler "schon aus Zweckmäßigkeit" kein Hehler sein, und Kunst sei "ohnehin nicht ganz einfach zu verkaufen, besonders schlecht aber an der Haustür oder im Untergrund". "Spiegel"-Galeristin Eva Stünke dagegen ist fest überzeugt, weitaus mehr und weitaus leichter als durch honorige Kunsthandlungen werde auf einem grauen, auch für gestohlene Ware offenen Markt umgesetzt.

Über die Akteure dieses Markts kann etwa BKA-Kriminaloberrat Gerd Suffert "gar nichts Allgemeingültiges" sagen. Denn außer auf zielstrebige Teams wie die Bilder-Entführer in Italien, die Kölner Einsteige-Spezialisten oder auch die fahrende Nieuwkerke-Sippe kennt die Polizei unterschiedlichste Einzeltäter. So sind für den Kölner Kripo-Fachmann Winfried Sterzenbach auszumachen:

* der "normale" Einbrecher, dem "alles mitnehmenswert erscheint, was nicht niet- und nagelfest ist";

* der auf Kunst spezialisierte Dieb, in ständiger Verbindung mit einem Hehler, der nur "mitnimmt, was er absetzen kann" und gelegentlich "einen gezielten Auftrag" entgegennimmt;

* der gebildete Langfinger, zuweilen "abgebrochener Akademiker", der regelmäßig Galerien und Auktionen besucht.

Als Mann des dritten Typs zog beispielsweise der Kunsthistoriker Michael Hans Henss (dessen Freundin Ruth Becker in Zürich eine Galerie betrieb) durch zumeist süddeutsche Bibliotheken, trug sich unter vollem Namen in die Leserliste ein und ließ sich alte Bilder-Bücher vorlegen. Unbemerkt von der Aufsicht, fingerte er im Lesesaal ein Rasiermesser aus der Tasche und hatte, vom spätgotischen Meßbuch-Holzschnitt bis zur Kupferstich-Vedute von Merian, rund 380 Blätter herausgetrennt und fortgetragen, ehe er im April 1975 von der Züricher Polizei festgenommen wurde.

Etliche regelmäßige Besucher ihrer Galerie erkannte Kunsthändlerin Stünke wieder, als sie bei der Kripo Fahndungsphotos einsehen durfte. Doch weil solches Material meist unter Verschluß bleibt, laufen Kunsthäuser, die nicht potentielle Kunden durch aufdringliche Überwachung vergraulen möchten, ein unabsehbares Risiko.

Vorbeugung gegen Kunstdiebstahl bleibt auch sonst ein Problem. Nicht nur in Italien zittern Museumsdirektoren, wenn (wie zur Tatzeit in Urbino) ein Baugerüst am Haus steht oder (wie in Düsseldorf) dichter Nebel herrscht.

Alle Ausstellungsstücke einzeln an eine Alarmanlage anzuschließen, das ist auch in Deutschland noch nicht überall selbstverständlich. In Düsseldorf etwa hat die Stadt ein solches System erst nach dem Malheur spendiert, obwohl sein hoher Preis doch (so Hausherr Wend von Kalnein) "gegenüber dem Gesamtwert des Museums gar nicht zu Buch schlägt". Anderswo geht das -- zu spärliche -- Personal noch durch die Sammlung, um Schrauben zu verlöten, den Sandpegel in Keramikvasen zu erhöhen und Kleinobjekte mit Plastikstürzen zu überdecken.

Noch prekärer ist die Situation bei den Privatsammlern, die oft lieber ein zusätzliches Bild statt einer Alarmanlage kaufen und die häufig nicht einmal Photos der gestohlenen Werke besitzen. Die Chance, Diebesbeute zurückzubekommen, nähert sich damit Null. Sie zu erhöhen, bemühen sich Kunsthändler von Fall zu Fall durch telephonische Rundrufe, halten Fachzeitschriften ihre Spalten für Verlustanzeigen offen, sammelt in Paris eine Privatgesellschaft gar vorbeugend Informationen über noch nicht gestohlene Kunst. Mehr System könnte solches Bemühen durch eine laufend ergänzte Lose-Blatt-Publikation bekommen, die Auktionator Schütte sich von den Sachversicherern finanziert denkt.

Eine umfangreiche, wenn auch kaum lückenlose Dokumentation steht zumindest dem Bundeskriminalamt zur Verfügung. Rund 5000 Gemälde, 5000 Antiquitäten, mehr als 2000 Heiligenfiguren, Putten und Kultgegenstände. die seit 1970 als verschollen gelten, sind da registriert einige tausend weitere Objekte zusätzlich in einer älteren Kartei. "Selbst wenn in Australien ein wichtiges Gemälde abhanden kommt", erklärt der Leitende BKA-Kriminaldirektor Klaus Becker. "kommt es in unsere Sammlung rein."

Doch abgesehen davon, daß bisweilen "Definitionsprobleme" (Becker) auftauchen, weil Untergrund-Restauratoren "einfach umbauen, so daß plötzlich die Madonna den Jesus nicht mehr links, sondern rechts auf dem Arm hat" (LKA-Ermittler Rudolf Werner) -- ganz abgesehen davon, macht auch die Kommunikation im Polizei-Bereich Kunstfahndung erhebliche Sorgen.

Kompliziert ist oft schon die Verständigung zwischen Kripodienststellen in Städten und Landeskriminalämtern, zwischen LKA und BKA. Und über "das, was in manchem Nachbarland geschieht", so BKA-Suffert, "müssen wir erst anhand ausgeschnippelter Zeitungsmeldungen recherchieren".

Manches Nachbarland immerhin hat den Kunstdiebstahl noch vergleichsweise gut im Griff, so England mit einem "Art Squad" bei Scotland Yard, oder auch Frankreich. wo im Juni 1975 ein einschlägiges "Zentralbüro" gegründet worden ist. Sein Chef Roger Granier gebietet über stattliche 20 Spezialkräfte. In Italien allerdings, wo neben den paramilitärischen Carabinieri noch die allgemeine Polizei und die Steuerpolizei nach Kunstdieben fahnden und ein Sonder-"Bevollmächtigter für die Rückführung von Kunstwerken", Rodolfo Siviero, den Nutzen seiner Dienststelle beweisen muß, scheint die Konkurrenz bisweilen die Kooperation zu überwiegen.

Ähnlich verwirrend kann sich in der Bundesrepublik die Polizeihoheit der Länder auswirken. Denn das BKA darf, ohne originäre Zuständigkeit. auch überregionale Fälle nur in ausdrücklichem Auftrag bearbeiten. So ist das Wiesbadener Amt meist nur Clearing- und Auswertungsstelle für die kaum koordinierten Ermittlungen auf Länderebene. In der Provinz aber stagniert die Fahndung, weil hier -- so ein LKA-Beamter -- "alles nur mit der linken Hand gemacht wird". Einzelne Spezialisten in Köln, Hamburg oder München gelten als Ausnahmen.

Manchmal schwirren Sachfahnder ziellos zwischen Flensburg und Konstanz zu Antiquitätenläden aus, um heiße Hehlerware dingfest zu machen. Doch schon an der Ladentür, gesteht ein Landeskriminaler, "kriegen die"s Hosenschlottern, weil sie nicht mal den Unterschied von Rokoko und Chippendale kennen". Kunst- und Kunstmarktfachleute gibt es weder im BKA noch in den Landesämtern, und mancher Beamte hat "nicht mal Geld im Etat, um eine Kunstzeitschrift zu abonnieren

Um so intensiver diskutieren, angesichts rapide steigender Deliktzahlen und karger Aufklärungsquoten, Fahnder nicht nur in der Bundesrepublik eine Reform ihres Reservats Kunst. Als Alternative zum gegenwärtigen System stellen sie sich eine großräumige Flächenfahndung vor, koordiniert von einer Sonderkommission, in die Spezialkräfte auf allen Ebenen integriert wären. Ein Kriminaler: "Baader/Meinhof hat doch gezeigt, wie das geht."


DER SPIEGEL 27/1976
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