21.06.1976

KANDIDATENReise nach Jerusalem

Im „Jahr der Frau“ 1975 überboten sich die Parteien mit Gleichberechtigungs-Parolen. Im Wahljahr 1976 aber, bei der Aufstellung der Bundestagskandidaten, scheinen alle Versprechungen vergessen.
Bis Platz 18 hatte Franz Josef Strauß "friedlich dagesessen". Bei 19 "ging er rauf und hielt eine fünfminütige Laudatio auf mich".
Die sich so erinnert, ist Ursula Krone-Appuhn, 39, Vorsitzende der CSU-Frauen-Union. Und das für den bajuwarischen Parteichef ungewohnt heftige Lob -- Anfang Mai auf einer CSU-Delegiertenversammlung -- war bitter nötig. Es bewirkte, daß die Unions-Dame beim zweiten Anlauf doch noch einen guten Platz auf der CSU-Landesliste für die Bundestagswahl erhielt und die mächtige weißblaue CDU-Schwester mithin immerhin zwei Frauen (statt bisher einer einzigen unter 47 Männern) in den nächsten Bundestag schicken wird.
Sechs Wochen vorher hatte ein Strauß-Einsatz ("Die Frauen haben erste Priorität") nicht verhindern können, daß die Politologin Krone (Fachgebiet: Wehrpolitik) blamabel unterlag: Keine einzige Delegiertenstimme erhielt die Anführerin der CSU-Frauen bei ihrer Bewerbung um ein Direktmandat im frei gewordenen Wahlkreis Erlangen. Sieger blieb, unter zahlreichen männlichen Mitbewerbern, der Landrat a. D. Klaus Hartmann.
Wie in Erlangen lief es fast überall, und beileibe nicht nur in der CSU.
In München wurde die junge Favoritin für den SPD-sicheren Wahlkreis Nord, Sigrid Skarpelis-Sperk, 34, "zurückgetreten" (so das Frauenblatt "Brigitte"), weil es dem 50jährigen Minister und Chef der Südstaat-SPD, Hans-Jochen Vogel. einfiel, seinen Spitzenplatz auf der bayrischen Landesliste auch noch mit einem Direktmandat zu garnieren.
In Hessen bootete ein FDP-Nachwuchsmann die 54jährige FDP-Abgeordnete Barbara Lüdemann aus, obwohl sich die erst 1973 in den Bundestag nachgerückte Liberale in Bonn schon einen Namen als Familienpolitikerin gemacht hat.
In Göttingen siegte ein sozialdemokratischer Parteisekretär mit zwei Stimmen gegen die Professorin und Ratsfrau Ingeborg Nahnsen, 52, in München-Land verlor eine Kreisvorsitzende haushoch gegen den SPD-Professor Thomas Ellwein.
Ebenfalls in München unterlag die Betriebsrätin Ulrike Mascher, 37, dem schwergewichtigen SPD-Hinterbänkler Manfred Schmidt; im holsteinischen Plön wiederum siegte eine lokale männliche Parteigröße über das angestammte CDU-Bundestagsmitglied Irma Tübler.
Beim Vorwahlkampf um Kandidatenplätze für den nächsten Bundestag siegten mal alte Herren über junge Parteifreundinnen, mal junge Männer über ältere Damen, Prominente über Neulinge, Häßliche über Hübsche und umgekehrt -- aber allermeist Männer über Frauen.
Kurz vor Fertigstellung der letzten Landeslisten der im Bundestag vertretenen Parteien läßt sich bereits absehen, daß im Parlament nach den Wahlen im Oktober dieses Jahres etwa sieben Prozent aller Abgeordneten weiblichen Geschlechts sein werden -- gemessen am alten Bundestag ein Fortschritt nur um Zehntelprozente.
Die FDP wird voraussichtlich vier (bisher drei), die SPD maximal 17 (bisher 15), die CDU/CSU voraussichtlich um die 20 (bisher 17) Frauen in den Bundestag schicken -- gegenüber etwa 480 männlichen MdBs. Und diese klägliche Minderheit soll dann die weibliche Wählermehrheit (54 Prozent) in Bonn repräsentieren.
Nichts, so zeigt sich, hat sich geändert, obschon doch noch vor wenigen Monaten, im "Jahr der Frau" 1975, die gesamte Bonner Prominenz reuevoll Besserung gelobt hatte.
Da sprach der FDP-Chef Hans-Dietrich Genscher vom "Vollzugsdefizit" in Sachen politischer Gleichberechtigung. Da beklagte Bundespräsident Walter Scheel die "geradezu groteske" Unterrepräsentation der Frauen in der Politik fast wortgleich mit dem SPD-Vorsitzenden Willy Brandt, der selbstkritisch anmerkte, daß "Frauen bei der Besetzung öffentlicher Ämter in extremer Weise übergangen" würden. Da schrieb schließlich CDU-Kanzlerkandidat Helmut Kohl an seine Landesvorsitzenden: "Es muß uns gelingen. die Anzahl der Frauen, die für die CDU in den Bundestag einziehen, sichtbar zu erhöhen."
Es wird nicht gelingen, und nicht einmal der beträchtlich gestiegene Anteil weiblicher Parteimitglieder wird sich in der Zusammensetzung der Fraktionen des nächsten Bundestags widerspiegeln. Zwischen 1972 und 1976 wuchs der Anteil weiblicher Mitglieder bei der CDU von 14 auf 19 Prozent, bei der CSU von zehn auf zwölf, bei der SPD von 18,5 auf 20 und bei der FDP von 15 auf ebenfalls 20 Prozent.
Nur einmal in jüngerer Zeit ist bei parteiinternen Wahlen ein Mann zugunsten einer gleich qualifizierten Frau ins Parteiglied zurückgetreten, um "aus dem Appell des Parteivorsitzenden, Frauen zu wählen, die Konsequenz" zu ziehen. Es war, bei den Vorstandswahlen auf dem Mannheimer SPD-Parteitag, der Parlamentarische Staatssekretär Peter Glotz, und er tat es für MdB Anke Riedel-Martiny -- die kurz darauf seine Ehefrau wurde.
"Die Männer sind gar nicht so bös", witzelt Ursula Krone-Appuhn und zitiert ihre Parteifreundin Ingeborg Geisendörfer, die einmal das Nominierungs-Karussell mit einem alten Kinderspiel verglichen hatte: "Es ist wie bei der "Reise nach Jerusalem" -- immer ein Stuhl zu wenig da und die vorhandenen schon von Männern besetzt."
Deutlicher als je zeigte sich im Vorwahlkampf 1976, daß Frauen für Männer zu Konkurrentinnen geworden sind. Ein Parteipferd wie die Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Sozialdemokratischer Frauen (ASF), Elfriede Eilers, sagt es frei weg: "Von bestimmten Dotationen an ist der Konkurrenzkampf der Frau gegenüber noch härter als gegenüber einem Kollegen." Und Heide Simonis, MdB-Anwärterin aus Kiel, verzeichnet einen "Sturmangriff derzeit auf die Frauen, die einem die Arbeitsplätze und die Mandate wegnehmen".
Die wenigen neuen Frauen, die sich durchsetzen, einen aussichtsreichen Wahlkreis ergattern oder wenigstens einen guten Listenplatz, sind denn auch überwiegend jung, flink und eisenhart -wie etwa die Jungdemokratin Ingrid Maier-Matthäus, 30, aus Münster, die SPD-Volkswirtin Simonis, 32 (Wahlkreis Eckernförde), die SPD-Lehrerin Brigitte Traupe, 32 (Wahlkreis Hameln-Springe) oder die Hamburger CDU-Wirtschaftspolitikerin Birgit Breuel, 38.
Sie konnte, wie sie selber sagt, sich "nach einem Riesenkampf" auf Platz sechs der Landesliste bringen und verwies ("Katzer kocht vor Wut") den stellvertretenden Vorsitzenden der Sozialausschüsse, Gerhard Orgaß, nach hinten.
Es scheiterten die vielen Frauen, die "immer noch um zwei Grad zu anständig" sind (CSU-Kandidatin Krone-Appuhn). Das gilt für die Krone-Landsmännin Sigrid Skarpelis, die zugunsten ihres Parteichefs Vogel auf einen sicheren Wahlkreis verzichtete und den im Austausch zugesagten Listenplatz dann doch nicht bekam.
Das gilt vor allem aber für CDU-Frauen. Ihnen war von ihrer Partei gesagt worden, nur wer sich um ein Direktmandat bewerbe, dürfe mit einem guten Listenplatz rechnen. Sie taten es und fielen reihenweise durch.
Unter den Christdemokratinnen, die so "Flagge zeigten" (Breuel) und untergingen, sind allein drei Bundestagsabgeordnete: Paula Riede (Waiblingen). Maria Stommel (Leverkusen) und Irma Tübler (Plön); aber auch die hessische Landtagsabgeordnete Ruth Beckmann aus Frankfurt, die Bürgermeisterin von Hilden, Ellen Wiederhold" die Rendsburger Ratsherrin Susanne Wiemer nebst vielen anderen.
Nicht minder verbittert sind die abgehängten SPD-Frauen. Als in München-Land die stellvertretende Kreisvorsitzende Anna ("Mc") Abrolat. 34, gegen Professor Ellwein unterlag, weigerten sich die Frauen des Ortsvereins Gräfelfing, fortan die "Dreckarbeit" (Gemeinderätin Lydia Willkop) im Wahlkampf zu erledigen und legten ihre Ämter nieder. Und als in Hamburg die Bundestagsabgeordnete Wiltrud Rehlen von einem SPD-Kreisfunktionär aus dem Rennen gedrängt worden war, rebellierte die Hamburger ASF, deren Vorsitzende die Genossin Rehlen ist, und erzwang erstmals eine Geschlechterdiskussion auf dem Landesparteitag. Erfolg: Die Oberregierungsrätin a. D. Rehlen bekam einen sicheren Listenplatz.
Versuche der ASF-Organisationen, überall in der Bundesrepublik für ihre Genossinnen bestimmte Quoten auf Landeslisten zu erreichen (etwa: jeder zehnte Platz in Bayern, jeder elfte Platz in Nordrhein-Westfalen), schlugen jedoch ebenso fehl wie der Versuch überparteilicher Kungelei zwischen schwarzen und roten Frauen in Bayern ("Bringt ihr drei, dann bringen wir auch drei"): CSU wie Sozialdemokraten "bringen", wenn überhaupt, je zwei.
Unter Sozialwissenschaftlern wie unter Meinungsforschern wächst unterdessen die Neigung, den Drang der Frauen nach politischem Proporz für überholt zu halten. Ihr Argument: Frauenspezifische Interessen stürben aus ebenso wie typisch weibliches Wahlverhalten insgesamt. Ein Mann, der sich um Familienpolitik kümmere, finde heute ebenso Anerkennung wie eine Frau, die sich mit Finanzpolitik beschäftige. Die Berufstätigkeit der Frauen, ihre zunehmend bessere Ausbildung und vor allem das Fernsehen, Nivellierungsbox der Nation, machten Frauen und Männer im Verhalten einander immer ähnlicher. Der Meinungsforscher Klaus Liepelt und die Psychologin Hela Riemenschnitter beispielsweise sind sicher: "Die Wählerin, die aus einer spezifisch weiblichen Gefühls- und Interessenlage heraus Wahlen entscheidet, gibt es nicht."
In der Volksmeinung allerdings scheint die Gleichmacherei noch längst nicht so perfekt: Nach einer EG-Umfrage ist es nur der Hälfte aller deutschen Frauen und nur 41 Prozent der Männer egal, ob Männlein oder Weiblein ihre Interessen politisch vertreten. 37 Prozent der Frauen und 53 Prozent der Männer hingegen sind fest davon überzeugt, daß noch allemal Männer die tüchtigeren Politiker sind.

DER SPIEGEL 26/1976
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