21.06.1976

ANGOLATrübes Kapitel

Dreizehn weiße Söldner standen in Luanda vor schwarzen Richtern. Den Prozeß fand ein US-Anwalt, Verteidiger der beiden angeklagten Amerikaner, „fair und korrekt“.
Der Zeuge der Anklage, Joao António, ein eingeborener Fallensteller aus einem kleinen Dorf im Norden Angolas. erinnerte sich genau: "Ich kam aus meiner Hütte und sah weiße Männer mit Gewehren", erzählte er dem Gericht in der Kikongo-Sprache, der einzigen, die er beherrscht.
"Versuchten Sie wegzulaufen?" fragte der Ankläger, nachdem ein Kikongo-Dolmetscher die Worte des Zeugen ins Portugiesische und vier weitere Dolmetscher sie simultan ins Spanische, Russische, Französische und Englische übertragen hatten. "Ich war ihnen so nahe, daß sie mich getroffen hätten, wenn ich weggerannt wäre." Der Ankläger: "Sahen die denn aus, als oh sie schießen würden?" Der Zeuge: "Die sahen aus, als ob sie töten wollten."
Dann wies Joao António mit ausgestrecktem Arm auf die Männer, von denen er sprach: vier von 13 glattrasierten, jungenhaft wirkenden Weißen, die in kurzärmeliger Sträflingskleidung auf Holzschemeln hockten -- neun Briten. ein Ire, zwei Amerikaner und ein Argentinier. Sie mußten sich seit dem 11. Juni vor einem Volksgericht in Luanda wegen "Verbrechens des Söldnertums" und "Verbrechens gegen den Frieden" verantworten.
Während der blutigen Auseinandersetzungen zwischen den drei Befreiungsbewegungen der im November in die Unabhängigkeit entlassenen einstigen portugiesischen Afrika-Kolonie Angola hatten die Angeklagten für Geld auf Seiten der von den USA und Zaire hochgehaltenen FNLA gekämpft -gegen die von Kubanern und Russen unterstützte MPLA, die zu jener Zeit bereits die Regierung in Luanda stellte.
Es war ein trübes Kapitel Kolonialgeschichte, das da ans Licht kam -- und es war, zumindest auf dem Schwarzen Kontinent, das erste Mal, daß dieses Kapitel mit Hilfe eines Prozesses bewältigt werden sollte, der auch der gegnerischen Seite eine gewisse Achtung abnötigte.
"Im Rahmen des hier gültigen Rechtssystems ist das Verfahren bis jetzt sehr gut gelaufen", gestand nach fünf Verhandlungstagen der aus den USA angereiste Verteidiger der beiden amerikanischen Angeklagten, Robert E. Cesner jr., dem SPIEGEL. Der Prozeß sei bislang "fair und korrekt" geführt worden.
Tatsächlich hat die Regierung der Volksrepublik Angola, obwohl sie tief in den wirtschaftlichen und strukturellen Schwierigkeiten einer erst sieben Monate alten Nation steckt, für diesen Prozeß weder Aufwand noch Kosten gescheut.
42 Prozeßbeobachter aus 37 Ländern wurden nach Luanda geladen, darunter ein Russe, der schon bei den Nürnberger Kriegsverbrecherprozessen anwesend war. Ein Pressezentrum mit zehn Telexapparaten für die rund 75 ausländischen Journalisten wurde eingerichtet, im Gerichtssaal zudem eine Simultanübersetzungsanlage für fünf verschiedene Sprachen installiert. Tragbare Hörgeräte für alle Prozeßteilnehmer kaufte die Regierung eigens von einer italienischen Elektronikfirma.
Ein Ankläger, fünf Richter, acht Verteidiger, zehn Zeugen und zwei Psychiater wurden zur Wahrheitsfindung aufgeboten -- doch zumindest für die angolanische Seite stand von vornherein fest, daß die eigentlichen Schuldigen nicht nur die 13 Männer auf der Anklagebank waren.
"Die Person Callan alias Costas Georgiou", schrieb die Tageszeitung "A Jornal de Angola" in Luanda über den Hauptangeklagten, dem man außer Morden an angolanischen Zivilisten auch die Erschießung von 14 weißen Söldnern wegen Feigheit vor dem Feind zur Last legte, "ist für Angola und die Welt nicht so wichtig. Wichtig ist, wen dieser zypriotische Verbrecher und naturalisierte Brite repräsentiert."
Und immer wieder fragte der Ankläger die Beschuldigten, ob ihnen klar sei, daß sie nicht vor Gericht ständen, wenn die Behörden ihrer Heimatländer ihre Ausreise als Söldner unterbunden hätten und wenn vor allem das Gesellschaftssystem, in dem sie lebten, besser wäre.
Doch so ganz ohne Einschränkungen der Heimat abschwören mochte nur Gustavo Marcelo Grillo, 27, in Argentinien geboren als Sohn italienischer Einwanderer, der eine gutbürgerliche Kindheit in Buenos Aires mit Klavierunterricht und Französischstunden gehabt und sich später in den USA als kleiner Mafiagangster durchgeschlagen hatte. "Ich bin", so Grillo vor Gericht, "das Erzeugnis eines Ungeheuers -- der amerikanischen Gesellschaft."
Nach einem Fernsehbericht über Söldner in Angola, so Grillo, habe er sich an den Vietnamveteranen und Söldnerrekruteur David Bufkin gewandt und sei von ihm im Januar 1976 für ein Monatsgehalt von 2000 Dollar angeworben worden. Gemeinsam mit sechs anderen Söldnern sei er am 6. Februar von New York nach Kinshasa geflogen und vier Tage später bewaffnet über die Grenze nach Angola marschiert. In Sao Salvador habe er dann eine aus Amerikanern und Briten sowie etwa 360 FN LA-Soldaten bestehende Kampftruppe kommandiert.
Anders als Grillo behaupteten die meisten übrigen Angeklagten, sie hätten nicht gewußt, daß sie nach Angola reisen und dort kämpfen sollten. Man habe sie als Koch oder Krankenpfleger, als Fahrlehrer, Leibwächter oder Gymnastiklehrer angeworben: Daß in Angola Krieg war, wollen die meisten gar nicht oder nur so ungefähr gewußt haben.
Auf ihrem Flug von London über Brüssel nach Kinshasa, so stellte sich heraus, mußten die britischen Söldner nirgendwo durch die Paßkontrolle. In Kinshasa, der Hauptstadt Zaires, wurden die Ankömmlinge in ein "großes Haus" geführt und von einem "Präsidenten" begrüßt. Sie erhielten, so der Angeklagte John Derek Barker aus Birmingham, "nagelneue Banknoten" und wurden von dem britischen Anwerber John Banks aufgefordert, die Scheine mit anderen zu vermischen, da sie Seriennummern hätten. Sie vermuteten, daß das Geld "vielleicht von CIA oder FBI kam", so der Angeklagte Kevin John Marchant. Doch gedacht, so beteuerten sie, hätten sie sich bei allem gar nichts.
Geduldig hörte das Gericht zu, in spürbarem Bemühen, auch den leisesten Verdacht von Parteilichkeit zu entkräften. Als etwa der Ankläger beantragte, vier von ihm benannte Zeitgen, die wegen der schlechten Verkehrsverbindungen nicht rechtzeitig zum Prozeß eingetroffen waren, durch vier andere zu ersetzen, wurde er vom vorsitzenden Richter, einem Berufsrichter, abgewiesen: Eine solche Ersetzung sei "illegal, weil sie die gegnerische Partei unvorbereitet trifft".
Ein Zeuge, der dem Anwalt Cesner etwas patzig antwortete, wurde ermahnt, "gebührenden Respekt" und "Ernsthaftigkeit" zu zeigen, ein anderer wegen falscher Aussage verhaftet. Und die angolanische Verteidigerin des Hauptangeklagten Callan sammelte unermüdlich auch dann noch Entlastungsaussagen, als ihr Mandant sich schon zum alleinigen Verantwortlichen erklärt und jede weitere Aussage verweigert hatte.
Nur einmal gestattete sich der Ankläger eine bissige Bemerkung. Als der Amerikaner Daniel Gearhart -- der sich per Anzeige in der US-Zeitschrift "Soldier of Fortune" als "Söldner, full- or halftime, vorzugsweise Mittel- oder Südamerika" offeriert hatte -- erklärte, er habe nicht unbedingt vorgehabt, mit der Waffe zu kämpfen, denn unter Söldnern gäbe es ja zum Beispiel auch Köche. "Köche hatten wir schon", spottete der Ankläger, "da müssen Sie sich was anderes ausdenken."
Doch am Ende schien dann auch Gearhart nur ein Opfer der Umstände, in denen er lebte: ein Mann, der nie etwas Rechtes gelernt hatte, dessen Einkünfte nicht ausreichten, um Frau und vier Kinder zu ernähren, von denen eines ständig krank war -- ein Mann, der keinen anderen Ausweg mehr wußte, der vielleicht auch durch Abenteuerlust und politische Ignoranz ins Unglück geriet.
So oder so ähnlich standen schließlich außer Callan alle Angeklagten da -- nicht nur der amerikanische Anwalt und die erst am dritten Prozeßtag eingetroffenen britischen Advokaten bauten den mißglückten Kriegern diese Verteidigungslinie aus, sondern auch die vier angolanischen Pflichtverteidiger.
Auf Nachsicht durften die weißen Söldner dennoch nicht rechnen, um so weniger, als die MPLA sogar den eigenen Soldaten gegenüber Härte bewies: Als kurz nach der Unabhängigkeit fünf MPLA-Soldaten mehrere Raubüberfälle und Vergewaltigungen begingen, wurden sie standrechtlich und öffentlich erschossen.

DER SPIEGEL 26/1976
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