07.06.1976

Tücken der Planung

Unter überhöhten Qualifikations-Anforderungen verkrampfen die bundesdeutschen Leichtathleten. Sogar ein Olympiasieger und ein Europameister scheiterten an der Montreal-Norm.
Nach dem Muster der DDR suchen die bundesdeutschen Leichtathleten den Olympia-Erfolg durch ausgetüftelte Planung. Jetzt holen sie die leidvollen Erfahrungen der DDR-Planer nach: Unvorhersehbare Faktoren durchkreuzen oft die besten Pläne.
Etwa 50 Athleten, so erwarteten die Planer des Deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV), würden die festgesetzten Olympia-Normen meistern und sich für die Kernsportart der Spiele in Montreal qualifizieren. Doch eine Woche vor dem Ende der Frist waren es erst 28.
Unter dem "brutalen Leistungsdruck" ("FAZ") hatten bis Anfang Juni weder Speerwurf-Olympiasieger Klaus Wolfermann noch der Weitsprung-Olympiazweite Hans Baumgartner oder 400-Meter-Europameister Karl Honz ihr Soll bewältigt.
Zuvor hatten die Bundesdeutschen stets Milde walten lassen. 1968 verschickten sie 72 Athletinnen und Athleten zum Olympia nach Mexiko, in München setzten sie 1972 gar 88 ein. Aber 26 schieden schon im ersten Vorgeplänkel aus.
Mit sechs Goldmedaillen bestätigten die Leichtathleten der Bundesrepublik in München ihren vierten Platz in der Weltrangliste. Dann fiel die Nationalmannschaft im Europacup 1975 auf den fünften Platz zurück.
Da entschlossen sich die DLV-Herren zur Härte. Sie wollten für Montreal nur Endkampf-Anwärter berücksichtigen und bauten klotzige Normen auf. In acht Disziplinen verlangten sie Soll-Leistungen, die beim vorigen Olympia Silber oder Bronze eingebracht hätten. Die verlangte Zeit im 3000-Meter-Hindernislauf (8:23 Minuten) war 1972 nicht einmal der Olympiasieger gelaufen.
Ähnlich dem DDR-Verfahren bestimmten die DLV-Funktionäre vier internationale Sportfeste und einen Länderkampf gegen die überlegenen Mannschaften aus der UdSSR und gegen die Bulgarinnen als Gelegenheiten, die Soll-Leistungen zu erbringen. Alle Termine fallen in eine nur 24 Tage währende Frist bis zum 13. Juni.
Nach individuellen Plänen bereiteten sich die Athleten gründlicher vor als je. "80 Prozent sind Planung", behauptete DLV-Sportwart Otto Klappert, "die letzte Spitze muß der Athlet selbst bringen." Derartige Feinplanung vermutet Klappert nur noch in der DDR und in Polen, "mit Abstrichen schon in der Sowjet-Union".
Indes untergrub die harsche Wirklichkeit alle Theorie. Der Juli-Termin der Spiele in Montreal erzwang die Norm-Vorleistungen schon zu Saisonbeginn. Nach dem Montreal-Maßstab wäre etwa die Olympiasiegerin Ulrike Meyfarth 1972 nicht mehr aufgestellt worden.
Die führenden Amerikaner und Sowjetrussen erzielten ihre Glanzleistungen vorwiegend bei warmem Klima. Den Deutschen verregnete dagegen schon der erste Norm-Tag in Köln; nur fünf schafften ihr Soll.
Beim Länderkampf gegen Sowjetrussen und Bulgarinnen herrschte zwar am ersten Tag warme Witterung. Aber wegen des Bundesligaspiels der Münchner Bayern gegen Eintracht Frankfurt durften die Athleten erst starten, als es abkühlte und zudem störender Wind aufkam.
Am zweiten Tag spülten Wolkenbrüche viele Hoffnungen davon. Ein paar Grad zuwenig, ein Windstoß oder einige Zentimeter Niederschläge zur falschen Zeit entscheiden jedoch über Mittelmaß oder Montreal-Norm. Trotz ungünstiger Bedingungen stellten die Deutschen in München fünf Rekorde auf. Die Sprinterinnen-Staffel mit der neuen Rekordlerin Inge Helten stieß zu dem knappen Dutzend bundesdeutscher Medaillen-Anwärter hinzu, ebenso die 1 500-Meter-Halleneuropameisterin Brigitte Kraus, der die sowjetische Olympiasiegerin und Weltrekordlerin Ludmilla Bragina chancenlos hinterherjagte.
Der DLV aber leitete den Rückzug ein. Leistungssportreferent Horst Blattgerste stufte die harten Normen auf "Richtwerte" zurück, DLV-Präsident Professor Dr. August Kirsch wiegelte ab, sie hätten nur dazu gedient, "klare Voraussetzungen zu schaffen". Wenn am 15. Juni die DLV-Mannschaft benannt wird, werden Härtefälle eingereiht werden.
Manfred Schumann, einer der besten bundesdeutschen Hürdenläufer, ist beizeiten umgestiegen. Er errang in Innsbruck als Bobfahrer zwei Medaillen. Der Berliner Kugelstoßer Ralph Reichenbach dagegen resignierte nach verpaßter Norm: "Ick jloobe, ick koof mir 'n Farbfernseher."

DER SPIEGEL 24/1976
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