24.05.1976

„Der war der geborene Führer“

Er ist der Prototyp einer neuen Funktionärs-Generation in der DDR, nicht mehr geprägt von alter deutscher KP-Tradition, sondern geformt von der Sozialistischen Einheitspartei: Werner Lamberz, im Zentralkomitee Sekretär für Agitation. Der ehemalige „Adolf-Hitler-Schüler“ gilt schon heute vielen als Nachfolger Erich Honeckers.
"Wer könnte euch Vorbild sein?" fragte die Lehrerin für "Stabil" (Staatsbürgerkunde) in der Abschlußklasse einer Oberschule des Ost-Berliner Prominentenbezirks Pankow.
Die Antworten mögen für die DDR nicht typisch sein, repräsentativ für den Nachwuchs der neuen DDR-Klasse sind sie sicherlich.
Eine starke Minderheit -- elf von 25 - griff in die Vergangenheit: Je zwei wählten Karl Marx, Rosa Luxemburg und den sowjetischen Spitzenspion Dr. Richard Sorge, je einer Martin Luthers Gegenspieler im deutschen Bauernkrieg, Thomas Müntzer, die Kommunisten Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck, die Dichter Bertolt Brecht und Wladimir Majakowski. Lebende Vorbilder nahmen 14 Schüler: Einer nannte Erich Honeckers Bonn-Kundschafter Günter Guillaume, sieben wollten werden wie Vater oder Mutter.
Immerhin sechs indes entschieden sich für ein hausgemachtes DDR-Ideal: für Werner Lamberz, 47, Mitglied des SED-Politbüros, verantwortlicher ZK-Sekretär für Agitation, Mitglied der DDR-Volkskammer und des ostdeutschen Friedensrates, Vater zweier Kinder und Träger ebenso vieler vaterländischer Verdienstorden sowie eines goldenen Abzeichens für gutes Wissen.
Die jugendlichen Sympathien gelten einem Multi-Funktionär, der es geschafft hat, die DDR ganz zu seinem Staat zu machen, und dessen Karriere seit Jahren unaufhaltsam nach oben läuft. Längst gilt der agile Oberagitator vielen Parteimitgliedern nicht mehr nur als junger Mann des SED-Chefs, sondern schon als Generalsekretär in Wartestellung. "Die nächste Nummer eins ist ein selbstgezogener Kader", prophezeite bereits im Herbst letzten Jahres ein Mitglied des Zentralkomitees, denn natürlich müsse "das Ende des reichsdeutschen Kommunismus irgendwann auch mal personelle Konsequenzen' haben.
Werner Lamberz wäre eine, denn die Laufbahn des Einheitssozialisten ist nicht älter als die SED-Republik. Paul Verner, 65, als Sicherheitschef in der Hierarchie der Partei wenigstens inoffiziell Honeckers Stellvertreter, war 1933 immerhin schon Chefredakteur der illegalen KPD-Jugendzeitschrift "Junge Garde". Und sein Politbüro-Kollege Hermann Axen, 60, der heute die internationalen SED-Verbindungen koordiniert, sich nach Meinung Eingeweihter aber kaum auf die Honecker-Nachfolge spitzt, verbrachte bereits als Funktionär des KPD-Jugendverbandes viele Jahre in Nazi-Haft.
In dieser Zeit steckte Werner Lamberz in der Uniform der Hitler-Jugend. Mehr noch: Zum einfachen HJ-Dress, so erinnert sich ein Spielkamerad von damals, "durfte Werner seinen Mantel und eine besondere Mütze tragen". Denn Hitlerjunge Lamberz gehörte zu jenen Auserwählten, die als "Adolf-Hitler-Schüler" in speziellen NSDAP-Internaten zur "Auslese der deutschen Jugend" (Erlaß aus dem Jahre 1944) erzogen werden sollten: "Wer diese Ausbildung durchlaufen hat", so der NS-Ukas, "ist politisch geprägt und ein bedingungsloser Kämpfer für den NS."
Bereits 1941 war der damals zwölfjährige Sohn des KPD-Politleiters Peter Lamberz aus dem Eifelstädtchen Mayen auf die NS-Ordensburg Sonthofen geschickt worden, wo zunächst alle Adolf-Hitler-Schulen (AHS) konzentriert waren. Örtliche Parteigrößen, aber auch bürgerliche Verwandte hatten der Frau des "Volksfeindes Lamberz" zu diesem Schritt geraten, um sich und ihre beiden Kinder Werner und Liane vor Sippenverfolgung zu schützen.
Vater Peter Lamberz, Bauarbeiter, Jahrgang 1898, galt in Mayen und Umgebung als politischer Kopf der regionalen KPD. Noch heute sprechen alte Sozialdemokraten von dem Kommunisten als einem ehrlichen und aufrechten Sozialisten. 1933 wurde er als einer der ersten im Rheinland in Nazi"Schutzhaft" genommen, als einer der letzten kam er zurück. Und auch das nur für kurze Zeit.
Der Schauspieler Mario Adorf, zu jener Zeit mit Werner Lamberz befreundet und in dessen Schwester zaghaft verliebt, hörte in der Zwei-Zimmer-Wohnung der Familie in der Koblenzer Straße 19 zum ersten Mal das Wort KZ. Adorf: "Der Vater sah schlecht aus. Er war blaß und hustete. Man wußte, daß er im Lager war, aber man durfte nicht darüber reden." Peter Lamberz sei in der kleinen Stadt "eine der wenigen Figuren gewesen, von denen man wußte, daß sie politisch auf der anderen Seite stehen". Deshalb, um ihn vor dem häuslichen Bazillus zu schützen, "haben die Nazis den intelligenten Jungen auch auf die Hitler-Schule gesteckt".
Ob der Funktionärssohn fürs Dritte Reich noch zu retten war, ist nicht mehr auszumachen. Während Adorf ihn als "einen der geradesten Charaktere" beschreibt, "der damals politisch weiter war als wir alle", erinnern andere Freunde seine große Begeisterung. wenn er in den Ferien nach Mayen zurückkam. Werners Schule, die AHS 4 ("Moselland"), war inzwischen von Sonthofen auf die Ordensburg Vogelsang in der Eifel verlegt worden.
Einem ehemaligen Klassenkameraden von der Mayener St.-Clemens-Volksschule gestand Werner Lamberz während eines solchen Ferienaufenthalts: "Es ist hart, und es wird viel verlangt auf der neuen Schule, aber dafür ist da auch wirklich Deutschlands Elite beisammen." Für seine Jugendfreunde in dem Eifelstädtchen war es nur natürlich, daß "de Warna" dazugehörte: "Der machte alles, was wir uns nicht trauten." Und: "Der war der geborene Führer, da gab es gar nichts."
Auch die Kameraden auf der Nazi-Burg durften am kommunistischen Elternhaus des Werner Lamberz kaum Anstoß genommen haben, schon deshalb nicht, weil ein Adolf-Hitler-Schüler keine Vergangenheit zu haben hatte -- getreu dem Lied der AHS: Wir tragen stolz des Führers Namen, wir wollen seine Besten sein. Doch keiner fragt, woher wir kamen; bei uns gilt nur der Kerl allein. Wir nehmen keinen Halben mit. wir singen und marschieren,
marschieren im gleichen Schritt und Tritt. Währenddessen marschierte Vater Peter Lamberz, von einem Wehrmachtsgericht in Abwesenheit zum Tode verurteilt, bereits gegen jene, die auf des Führers Namen geschworen hatten. Aus dem KZ Buchenwald hatte er sich zum berüchtigten "Strafbataillon 999" gemeldet und war bei der ersten Gelegenheit, im Januar 1944. zur Roten Armee übergewechselt. Dort arbeitete er als Beauftragter des "Nationalkomitees Freies Deutschland" an der baltischen Front. im Stab der 51. Sowjet-Armee.
Sowjet-Oberst Jefim Brodski, heute Geschichtsprofessor in Moskau, beschrieb unlängst, wie Peter Lamberz Anfang 1945 Teile der im Kurland eingeschlossenen 225. Infanterie-Division in die russische Gefangenschaft führte: "An der Spitze der überlaufenden Soldaten marschierte Peter, und an der vordersten Verteidigungslinie unserer 51. Armee rief er: "Gruppe Lamberz kommt!"
Unmittelbar nach Kriegsende setzten die Sowjets Peter Lamberz dort als Landrat ein, wo am 24. April 1945 die Angriffsspitzen der Roten Armee den Ring um die Reichshauptstadt geschlossen hatten -- in Nauen, rund 30 Kilometer westlich von Berlin.
Etwa zur gleichen Zeit, am 3. Mai 1945, begann der 16jährige Werner Lamberz seine Lehre bei einer Mayener Installationsfirma, nachdem er sieh vergeblich um einen Freiplatz auf dem Gymnasium beworben hatte. Ober seine Zugehörigkeit zu Hitlers Jung-Elite sprach er nun freiwillig nicht mehr. Die Tochter seines Chefs beschied er knapp, er sei gegen seinen Willen auf die Nazi-Schule verschleppt worden.
Anfang 1946, seine Mutter war inzwischen gestorben, meldete sich Werner Lamberz endgültig aus Mayen ab nach Luckenwalde in der sowjetischen Besatzungszone.
Nutzlos vertan war die Ordensburg-Zeit für Werner Lamberz indes offenbar nicht. Nach Art und Anlage ihrer Ausbildung seien Adolf-Hitler-Schüler, so resümiert der West-Berliner Erziehungswissenschaftler Harald Scholtz in seiner Untersuchung über nationalsozialistische Eliteschulen, weder als "gefügige Befehlsempfänger" noch als "Techniker der Macht" zu gebrauchen gewesen*. Vielmehr habe die NS-Führung sie als eine Art "kontrollierendes Management einer imaginären "Reichsordnung"' eingeplant. Und in der Tat gilt Werner Lamberz vielen altgedienten SED-Genossen als das Musterbeispiel des Polit-Managers und smarten Karrieristen.
Auch die Scholtz-Feststellung, daß Hitler-Schüler es schwerer hatten.
* Harald Scholtz "Nationalsozialistische Ausleseschulen. Internatsschulen als Herrschaftsmittel des Führerstaates". Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1973: 427 Seiten: 44 Mark.
außerhalb ihrer Anstalt "Tritt zu fassen, über die Jugendarbeit hinaus Kontakt zu finden", trifft auf Lamberz in hohem Maße zu. Er engagierte sich schon bald nach seinem Frontwechsel wieder im, diesmal ostdeutschen, Staatsjugendverband und blieb bis 1963 hauptamtlicher FDJ-Funktionär. In dieser Zeit knüpfte er die wichtigsten Kontakte für seinen Aufstieg. vor allem als Mitglied des bis 1955 von Erich Honecker geleiteten FDJ-Zentralrats.
Honecker war es auch, der den wendigen Kader 1963 an Walter Ulbricht weiterempfahl und dazu riet, ihm die für Auslandsinformation zuständige ZK-Abteilung anzuvertrauen. Schon vier Jahre später durfte Lamberz erneut aufrücken. Er avancierte zum ZK-Sekretär für Agitation und schaffte damit den Sprung ins Spitzenmanagement. 1970 wurde er Kandidat und schon ein halbes Jahr später, auf dem VIII. SED-Parteitag, Vollmitglied des Politbüro -- nun als treuer Gefolgsmann Erich Honeckers in der gerade erst von ihrer Vaterfigur Ulbricht abgenabelten kollektiven Parteiführung.
"Erich weiß jetzt alles besser", soll sich der entpflichtete Ulbricht kurz vor seinem Tode wiederholt beklagt haben, "und der Werner radiert schon an meinem Namen." Lamberz, der seit nunmehr neun Jahren die Massenmedien der Partei kontrolliert, ihnen Papier, Phrasen und Richtlinien zuteilt, radierte durchaus in eigenem Interesse: Noch 1968. zum 75. Ulbricht-Geburtstag. hatte er im Funktionärsblatt "Einheit" den nun abgehalfterten Honecker-Vorgänger hochleben lassen -- als "erfahrensten sozialistischen deutschen Staatsmann und größten lebenden deutschen Marxisten-Leninisten".
lm Westen war Propagandist Lamberz allerdings schon vor diesem Lehrstück in Personenkult bekannt geworden' als er im Frühjahr 1966 zusammen mit Paul Verner in Berlin mit SPD-Vertretern die technischen Verhandlungen über den geplanten und später am SED-Widerstand gescheiterten Redner-Austausch führte,
Der Genosse Lamberz, so war damals aus der SED zu hören, beherrsche ein rundes Dutzend Fremdsprachen. Inzwischen konnten sich West-Diplomaten wie etwa Bonns Vertreter Günter Gaus von dieser Zungenfertigkeit überzeugen und den ZK-Sekretär, Cocktailglas in der Hand, französisch und russisch parlieren hören,
Auch westlichen Journalisten, die er mal aussperren, mal ausweisen läßt. bot Lamberz unlängst seine Schokoladenseite -- bei der Einweihung des Ost-Berliner Palastes der Republik. Man möge ihn doch "einfach anrufen", wenn bei "den Bürokraten im Außenministerium etwas nicht klappt", riet der SED-Meinungsmacher einem verblüfften Zeitungsmann.
Im Umgang mit DDR-Journalisten gibt Lamberz sich weniger leutselig: Häufig klingelt er Chefredakteure mitten in der Nacht an, um ihnen letzte Weisungen zu geben oder sie wegen geringfügiger Versäumnisse zu beschimpfen. Auch Joachim Herrmann, Chef des SED-Zentralorgans "Neues Deutschland", muß sich obwohl selbst Politbüro-Kandidat -- ab und an von Lamberz das Agitprop-Abc buchstabieren lassen. Und wenn bei einer beliebten Fernsehsendung eine elektronische Kamera fehlt -- Werner Lamberz macht's möglich, daß von der Abteilung "Aktuelle Kamera" eine abgezogen wird.
So regiert der jüngste SED-Politbürokrat die Massenmedien der DDR wie eine ostelbische Klitsche. Attraktive Schauspielerinnen und Fernsehansagerinnen beispielsweise können sicher sein, daß früher oder später das Auge des ersten Sprachreglers auf sie fällt. Lamberz-Partys gelten als rare Zeugnisse ostdeutscher Cliquen-Geselligkeit. "Um zu saufen und es mit den Weibern zu treiben", verrät ein nur einmal gebetener Gast, miete der Lamberz-Stab irgendwo in der Provinz Hotel-Etagen oder gleich ganze Hotels an.
Die Lustbarkeiten dienen Lamberz jedoch nicht nur zum eigenen Vergnügen, sie haben auch den politischen Sinn, seine Medien-Gefolgschaft bei Laune und hinter sich zu halten.
Der ZK-Sekretär betreibt Hausmacht-Politik nach Moskauer Vorbild: Auf dem letzten KPdSU-Parteitag rückten gleich zehn Spitzenvertreter
* Übergabe der Abschluß-Diplome durch Gauleiter Baldur von Schirach (1942).
der Agitprop-Bürokratie ins Zentralkomitee ein -- unübersehbares Zeichen für den Stellenwert, den die Sowjets der Massenbeeinflussung gerade in Phasen außenpolitischer Entspannung zumessen.
Was für Moskau gelte, so argumentiert Lamberz gegenüber seinen Genossen nicht ohne Logik, sei für den deutschen Teil- und ideologischen Grenzstaat DDR erst recht zwingend.
"Die Dialektik seiner Aufgabe", so meditierte unlängst ein Ost-Berliner Parteiveteran über die weiteren Karriere-Chancen des Honecker-Vertrauten, "zwingt ihn zum Alles oder Nichts." Da die Parteipropaganda unablässig "Erwünschtes für bereits Erreichtes" ausgebe und sich kaum einer bemühe, diese Kluft zwischen Anspruch und Wirklichkeit aufzuheben, müsse Lamberz entweder realistischer, ehrlicher agitieren und auch die Fehler der SED kritisieren. Doch "das wäre der Beginn seines Abstiegs". Oder er müsse versuchen, "die Wirklichkeit dem agitatorischen Entwurf anzunähern -- und dafür muß er Parteichef werden".
Keinerlei Schwierigkeiten hat der Prototyp der in der DDR groß gewordenen Manager-Generation offenbar, sich mit dem politischen Status quo in Deutschland zu befreunden. Als ihm während eines Empfangs die Ansicht des unlängst verstorbenen westdeutschen Soziologen Arnold Gehlen nahegebracht wurde, wonach die Balance der politischen Blöcke in Europa um jeden Preis, also auch um den von Prag 1968, erhalten werden müsse, fragte Lamberz zurück: "Also drüben soll die Bourgeoisie an der Macht bleiben und hier wir?" Und nach einer Weile des Überlegens: "Ja, warum eigentlich nicht?"

DER SPIEGEL 22/1976
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