26.04.1976

Die Genossin mit den Lilienhänden

Im Machtkampf um die Mao-Nachfolge stürzte der designierte Premier Teng -- ein Sieg der Partei-Linken, angeführt von Genossin Tschiang Tsching, Maos vierter Ehefrau. Der Ex-Schauspielerin hatte das ZK einst politische Enthaltsamkeit für 20 Jahre auferlegt -- nach Fristablauf wurde sie aktiv. Der Kampf ist noch unentschieden.

Die Einbrecher kamen von sehr weit her, es ging um ein Staatsgeheimnis höchsten Ranges.

Sie fanden es in Cambridge, US-Bundesstaat Massachusetts, im Harvard-Büro von Frau Roxane Whitke: ein paar Kapitel aus einem Buch-Manuskript, an dem die Professorin gerade arbeitet.

Diesmal kamen die Übeltäter wohl nicht von der CIA. Die Bestohlene äußerte im März einen Verdacht: Es waren womöglich chinesische Agenten.

Als Vertreter der Chinesischen Volksrepublik bei der Uno residiert in New York der Genosse Huang Hua, einst Maos Dolmetscher für Englisch. Er soll die Whitke-Papiere sofort seinem damaligen Dienstvorgesetzten in Peking zugeleitet haben, dem Vizepremier Teng Hsiao-ping, der sie seinerseits seinem Vorsitzenden Mao vorlegte.

Der muß -- wenn er es nicht schon vorher wußte -- erbost gewesen sein: Nun war bewiesen, daß seine Frau eine Plaudertasche ist, mehr noch -- womöglich eine Verräterin. Ein geheimer

* Links: Wang Hung-wen. dahinter iao Wen-jean; rechts: Tschang Tschun-tschiao.

Rundbrief für Spitzenfunktionäre und bald auch Wandzeitungen fürs Volk enthüllten, Frau Mao habe einer Ausländerin "strategische Pläne und Gedanken des Vorsitzenden" sowie höchst persönliche Angelegenheiten verraten, die für den Vorsitzenden Mao und andere hochgestellte Politiker der Volksrepublik äußerst peinlich seien.

Diese in der südchinesischen Hafenstadt Kanton aufgetauchten Wandzeitungen warben für Teng Hsiao-ping, 71, einen alten Gegenspieler der Mao-Frau. Plakate in Peking -- gegen Teng -- aber verlautbarten, daß Teng Frau Whitkes "schwarzes Material" Mao zugespielt habe, um Zwietracht zwischen den Ehepartnern zu säen.

Frau Mao, die unter dem Namen "Tschiang Tsching" die derzeit wohl politisch einflußreichste Frau der Welt ist, hatte sich nämlich die Frau Whitke als Biographin ausgesucht. Vor vier Jahren, bald nach Nixons dramatischer erster China-Reise, waren beide eine Woche lang in Peking und in Kanton zusammen gewesen, und Tschiang Tsching hatte der amerikanischen Geschlechtsgenossin ihren Lebenslauf aufs Tonband gesprochen. Gesamtdauer: 60 Stunden.

Dabei führte die Chinesin auch Klage über ihren Ehemann. Beispielsweise -- recht banal, aber störend für das Bild vom Mustermann Chinas -- habe Mao sich nicht um sie gekümmert, als sie 1957 in Moskau zur Kur weilte und er zu Verhandlungen mit Chruschtschow anreiste. Er rief seine kranke Frau nicht einmal an.

Dem Vizepremier Teng paßte die Indiskretion der Mao-Frau offenbar, doch die Intrige half ihm wenig. Am 7. April verlor der Partei-Rechte alle seine Ämter: als stellvertretender Parteichef, stellvertretender Ministerpräsident und Generalstabschef -- unmittelbar nach einer spontanen Massenkundgebung im Pekinger Stadtzentrum.

Teng war das vorerst letzte Opfer auf Tschiang Tschings Weg nach ganz oben, und über die aufgeweckten Hauptstädter hinaus wurde nun auch den Reisbauern in den Volkskommunen klar: Maos Frau greift, wie zuvor Teng, nach der Macht.

Die linke Genossin Tschiang Tsching, 63, die offenkundig die Nachfolge Mao Tse-tungs, 82, antreten möchte, hat allerdings weder Partisanen- oder Partei-Meriten vorzuweisen noch besondere politische Fortüne oder gar Verwaltungserfahrung.

Sie verfügt kaum über Beziehungen zum Parteiapparat, zur Regierungsbürokratie oder der Armee -- den Machtsäulen der Volksrepublik China. Außer einigen Anhängern in den traditionellen Stützpunkten der Linken, nämlich den Meinungsmedien und Universitäten von Peking und Schanghai, kann Frau Mao sich nur auf ihre unbestreitbare persönliche Ausstrahlung stützen -- und auf den bislang immer noch stärksten Machtfaktor: auf Mao.

Solange der physisch präsent ist, wagt niemand ihm direkt zu widersprechen. Deshalb wohl versuchte Teng, Tschiang Tsching vor Mao zu desavouieren. Deshalb auch mußte Tschiang Tsching nach dem Tod von Premier Tschou En-lai im Januar eiligst gegen Teng die Machtfrage aufwerfen. Chinas Bauern und Arbeiter, mit denen sie nichts in ihrem persönlichen Schicksal oder politischen Ziel verbindet, nennen sie "potze", die Hexe.

Vital wie eine Vierzigjährige, ist sie angetreten, das tägliche Leben der 800 Millionen Chinesen bis zur Reisration. dem Überstundenzuschlag, der Mode und den Sexualgewohnheiten zu verändern und nebenher auch noch die Weltpolitik umzustürzen -- gewonnen aber hat sie noch nicht.

Biographin Whitke sieht in ihr eine frustrierte Frau auf dem Gipfel ihrer Macht, "voller Ambitionen für ihr Volk, gegen Vorurteile ankämpfend und sieh dessen bewußt, daß sie als Frau verwundbar ist". In einer Übergangszeit könne sie durchaus eine "Kaiserwitwe" werden -- und so stuften sie bereits die Pro-Teng-Demonstranten auf dem Tienanmen-Platz ein: "Nieder mit der Kaiserwitwe!"

Die Anspielung war als Beleidigung gedacht: Am Ende der letzten Kaiser-Dynastie Chinas, der Tsching, stand (bis 1908) die böse Tzu-hsi, von der es heißt, sie habe alle Konkurrenten umbringen lassen, bis sie selbst auf dem Drachenthron saß. Auch ihren Leibkammer ließ sie totschlagen, als der ihr zwei Haare ausgerissen hatte.

Tzu-hsi war als kaiserliche Konkubine unter 60 Rivalinnen ermittelt worden. Sie widersetzte sich Reformen, isolierte China politisch von den Ideen und der Technik des Westens, verbündete sich mit einer Massenorganisation ("Boxer") und ließ sie im Stich.

Ähnlich widersetzt sich Maos Ehefrau allen liberalen Reformen des Mao-Systems, das Dissidenten wie Marschall Lin Piao als "feudal-faschistische Despotie" einstuften. Sie pflegt eine begrenzte Xenophobie: China soll "aus eigener Kraft" wachsen, ohne Hilfe des verfaulten, materialistischen Westens.

Tschiang Tsching scheut offenbar selbst nicht einmal den Vergleich mit der Kaiserin: Sie weiß, berichtet Roxane Whitke, daß in Chinas Geschichte nur wenigen Frauen höchste Macht beschieden war, daß jene, denen es gelang, schwersten

Anschuldigungen ausgesetzt waren, und "sie findet das sehr unfair".

Mao ist mit Tschiang Tsching seit 31 Jahren verheiratet. Vielleicht hat der kommunistische Kaiser von China sich längst mit seiner Frau zerstritten -- seit Jahren gibt es kein gemeinsames Photo mehr -, vielleicht hielt er Teng zunächst für den besseren Reichsverweser als die Frau, die

Maos Jugendträumen unverdrossen nachjagt.

Doch wenn er noch immer aus China eine große Kommune der Gleichen und Gerechten machen möchte, so scheint, wie Tschiang Tsching nichts ohne Mao gilt, Mao auch nichts mehr ohne Tschiang Tsching zu sein.

Alle von ihm bisher erwählten. Nachfolger haben ihn in seinen Augen verraten: Staatspräsident Liu Schao-tschi, gegen den er die Kulturrevolution entfesseln mußte, Kulturrevolutionär Lm Piao, der sich an Maos Stelle setzen wollte, Pragmatiker Tschou En-lai, der den Konterrevolutionär Teng zurückholte, und dann dieser Teng. Sie alle wollten -- in der Sicht Maos und Tschiang Tschings -- in China den Kapitalismus wiederherstellen.

Beim Kampf zwischen Teng und Tschiang Tsching ging es nämlich nur vordergründig um Personen: Die politische Richtung, in die sich China für den Rest dieses Jahrhunderts entwickeln soll, steht auf dem Spiel -- das ganze Lebenswerk Mao Tse-tungs, der angetreten war, die Welt zu verändern. Auch in China eine Diktatur mit Erbfolge?

Zieht Mao die Bilanz seiner sechzigjährigen politischen Tätigkeit, so kann er sich zurechnen, dem in Armut und Hungersnot dahinvegetierenden Volk der Chinesen einen geordneten Staat gegeben zu haben, der jedem seiner Bürger Nahrung und Kleidung, Arbeit und Obdach gewährleistet -- wenn auch nur in bescheidenem Maß. Epidemien und Kinderhandel, Sklaverei und Unterdrückung der Frauen sind ausgerottet -- wenn auch die Freiheiten der westlichen Demokratien unbekannt sind und das geistige Leben total gleichgeschaltet ist.

China ist nicht mehr Ausbeutungsobjekt fremder Mächte, sondern selbst eine Weltmacht, befreundet mit den Staaten der Dritten Welt, respektiert von Amerika, gefürchtet von Rußland.

Das aber, Volkswohlfahrt und staatliche Größe, waren gar nicht Maos eigentliche Ziele; das hätte, unter glücklicheren Umständen, auch sein bürgerlicher Widerpart Tschiang Kaischek zustandegebracht, oder ein chinesischer Chruschtschow oder eben Teng Hsiao-ping. Mao wollte mehr: die kommunistische Gesellschaft auf Erden.

Nun sieht er, daß auch seine Chinesen ihre Arbeit nicht so sehr aus Pflicht. Bedürfnis, Vaterlandsliebe tun, sondern lieber gegen angemessenen Lohn und Zuschläge für Überstunden. Die Kraft des Greises reicht nicht mehr für einen neuen großen Sprung nach vorn in das Traumland, wo alle gleiche körperliche und geistige Arbeit leisten und das Produkt gleichermaßen unter sich verteilen sollen. Aber vielleicht reicht Tschiang Tschings Kraft dafür aus?

Ihr Aufstieg zeigt allerdings zunächst nur, daß sich die Vertreter der Sache des Volkes in Maos engstem Umkreis zuweilen selbst legitimieren und daß eine schöne, intelligente Frau mit Talent zur Intrige den Weg nach oben finden kann -- kaum anders als Argentiniens "Isabelita" Perón, wenn auch von anderem Format. Eine solche Karriere scheint auch noch lange nach der Kaiserin Tzu-hsi asiatische Spezialität zu sein, von Vietnams Madame Nhu, Ceylons Bandaranaike und Indiens Indira Gandhi vorgeführt.

"Nieder mit Indira Gandhi!" forderten Anfang dieses Monats Wandzeitungen in Peking und meinten nicht die indische Diktatur mit Erbfolge, sondern die chinesische.

Frau Maos langer Marsch bis zur Teilnahme am politischen Entscheidungsprozeß in der Volksrepublik China vollzog sich denn auch nicht so, wie nach landläufiger Meinung die Kader einer Diktatur des Proletariats ausgewählt werden.

Ihre Stationen sind bis ins Detail durch Einvernahme von Augenzeugen, Studium alter Protokolle und selbst von Filmprogrammen -- Frau Mao begann als Starlet -- durch den Hongkong-Chinesen Chung Hua-min und den Amerikaner Arthur C. Miller ("Madame Mao") festgehalten; der Deutsche Fritz Meurer ("Die Frau hinter Mao") hat die schriftlichen Belege gesammelt.

Durch ein Namens-Verwirrspiel konnte die Karriere-Frau viele Spuren verwischen. Geboren wurde sie als Luan Schu-meng in der Provinz Schantung. Das Waisenkind, Tochter eines kleinen Kaufmanns, kam zum Großvater in Pflege, einem Schulbeamten Li, dessen Familiennamen sie übernahm. dazu den neuen Vornamen "Azurwolke": Als Li Tsching-jün ging sie sechs Jahre in die Volksschule, wurde entführt, an ein Wandertheater verkauft und von Opa Li wieder ausgelöst.

Die Schauspielerei ließ sie niemals mehr los. Azurwolke studierte an der Provinzial-Theaterakademie, deren Direktor auch die Uni Tsingtau leitete, wo er ihr eine Anstellung in der Bibliothek besorgte. Sie lernte einen radikalen Studenten kennen -- später, unter Mao. wurde er Maschinenbau-Minister -, wurde mit ihm vorübergehend verhaftet und ging mit ihm danach nach Schanghai. Dort durfte sie Ibsens "Nora" spielen -- die tragische Geschichte einer Frau, die sich emanzipiert.

Ihre Freunde waren linke Intellektuelle. Unter dem Schauspielernamen "Lang Ping" (Blauer Apfel) wollte sie zum Film, schlug sich als Komparsin durch -- sie hatte nicht einmal das Geld für den Bus zum Atelier. In dem sozialkritischen Film "Plauderei über eine Stadt" bekam sie durch den Kritiker Ma eine Nebenrolle -- und heiratete Ma, in einer aufsehenerregenden Hochzeit von vier Künstlerpaaren 1935 am Westsee in Hangtschou.

Auf 18 Männer kam eine Frau.

Nach einer Affäre mit einem Film-Mogul, die in der Schanghaier Boulevardpresse breitgetreten wurde, gab Ma ihr dann den Laufpaß. Danach sahen die Kinogänger von Schanghai die Aktrice Blauer Apfel in drei Rollen: als armes Mädchen in "Der Junggeselle", als Liebesmädchen in dem Hit "Zwei Bissen" und -- was ihr selbst am besten gefiel -- als Partisanin gegen die japanischen Invasoren in dem Propagandastück "Ein Wolf geht durchs Gebirge". Moskauer Fernsehzuschauer konnten kürzlich Ausschnitte aus der Tschiang-Tsching-Produktion in einem Anti-Mao-Film kennenlernen.

Nach den ersten japanischen Bombenangriffen auf Schanghai zog Blauer Apfel mit der "Schanghaier Amateur-Experimentier-Bühne" nach Tschungking, der Hauptstadt der Kuomintang. Mit Tschiang Kai-scheks bürgerlicher Partei arbeiteten die Kommunisten damals eng zusammen: Tschou En-lai war früher Politruk der Kuomintang.

In "Chinas Söhne und Töchter", einem Durchhaltefilm des Zentralen Kino-Studios der Kuomintang" trat auch Blauer Apfel auf: Sie wird darin von japanischen Besatzern vergewaltigt, ihre Schwiegermutter tödlich verwundet, ihr Film-Mann schwört Rache und geht zu den Partisanen über.

Blauer Apfel tat dasselbe: Sie schlug sich 1939 zu den Mao-Partisanen in der Höhlenstadt Jenan durch. Ihr Landsmann Kang Scheng, den sie wohl schon aus ihrer Heimat kannte, sorgte für ihre Aufnahme in die Dramatische Abteilung der Kunstakademie von Jenan -- die Kommunisten, die in Lößhöhlen wohnten, ihre Hirse selbst anbauten, von Medikamenten amerikanischer Hilfsverbände abhängig waren und den Strom für den Ortssender per

Maos dritte Ehefrau als Partisanin.

Fahrrad erzeugten, hatten in ihrer Fluchtburg gleich mehrere Hochschulen eingerichtet: noch eine Frauen-, Militär- und eine Parteiakademie.

In Jenan wurden die Utopien von einer Gesellschaft der Gleichen ausgebrütet. Es war eine Militär-Gesellschaft: Auf 18 Männer kam in Jenan eine Frau, und so wurde denn Mao auf die Frau aus Schantung aufmerksam. Blauer Apfel pflegte bei Theatervorstellungen so laut Zensuren zu erteilen, daß alle Zuschauer sich umdrehten: "Gut" oder "Nicht gut".

Im selben Saal -- eigenhändig erbaut von den Mitgliedern des Zentralkomitees, geschmückt mit englischen "Victory"-Symbolen -- hielt der Vorsitzende Mao eines Tages einen Vortrag. Genossin Blauer Apfel -- sie war der Partei beigetreten -- erschien in einem auffallenden, eleganten Kleid, höchst ungewöhnlich für die in Jenan gebräuchliche Flicken-Kluft, und hatte sich Bühnen-Make-up aufgelegt.

Sie setzte sich genau dem Vortragspult gegenüber und faßte Mao, 45, fest ins Auge. Sie applaudierte überschwenglich, nickte artig und (so ein Augenzeugenbericht) "schrieb mit den ungewöhnlichen, überlangen Fingern ihrer Lilienhände Notizen in ein Heft".

Sie sprach in der Diskussion, der Redner lobte ihre Wißbegierde, und sie diskutierte bald darauf über "ideologische Fragen" in Jenans Dattelpalmengarten: Dort wohnte Mao.

Der verschaffte ihr Arbeit im Archiv der Zentralen Militärkommission gleich neben seiner Höhle und einen neuen Namen: Tschiang Tsching, zu deutsch "Grüner Fluß", nach einem Gedicht aus der Tang-Zeit.

Mit seiner ersten, sechs Jahre älteren Frau war Mao von seinem Vater zwangsweise verheiratet worden, als Mao noch ein Knabe war. Ihr entzog er sich; als Jung-Journalist schrieb er zornige Artikel gegen "die von den Eltern getroffene Partnerwahl".

Die zweite Frau wählte er sich als Student selbst: die Tochter seines Professors Jang, eine überzeugte Kommunistin. Sie wurde von der Kuomintang 1930 gefoltert und dann erdrosselt. An sie erinnerten Anfang April 1976 anzüglich Pekinger Wandzeitungen: Diese Frau sei eine wirkliche Heldin der Revolution gewesen.

Auch Ehefrau Nr. 3 war eine erprobte Genossin: die Bauerntochter und Lehrerin Ho Tsu-tschen, die schon 1927 eine Rote Frauenkompanie befehligt hatte. Sie begleitete Mao auf dem "Langen Marsch", wurde schwer verwundet und, zeitweilig mit Stricken auf einem Maulesel festgebunden, zehn Monate lang bis Jenan geschleppt. Drei Kinder, die sie Mao geboren hatte, mußten zurückgelassen werden. Das ZK befand auf Ehebruch.

Frau Ho hielt sich zur Genesung in der Sowjet-Union auf, als die schöne Tschiang Tsching in der Mao-Höhle Quartier nahm. Das Zentralkomitee, das -- so streng waren die Bräuche -- die Scheidung eines Spitzengenossen zu genehmigen hatte, wollte den Tausch der kranken Alt-Partisanin gegen die hübsche Filmschauspielerin nicht anerkennen, sondern befand auf Ehebruch.

Ein Politbüro-Mitglied, das sich später von den Kommunisten losgesagt hat, erinnert sich, wie Mao mit einer Laterne durch die Funktioniirshöhlen gelaufen sei, um die Genossen von der Notwendigkeit seiner neuen Ehe zu überzeugen. Stundenlang verhandelte er mit der Frauenführerin Teng Jingtschao, der einzigen Frau (seit 1919) im Leben Tschou En-lais.

Mao trat sogar in einen Sitzstreik und erklärte: Wenn er den Grünen Fluß nicht ehelichen dürfe, werde er abdanken und als Bauer in sein Heimatdorf zurückkehren.

Da erschien die Geliebte plötzlich auf einer Funktionärssitzung, zeigte auf ihren schwangeren Leib und sagte gelassen: "Ich habe Ihnen eine erfreuliche Nachricht zu überbringen. Der Vorsitzende und ich haben begonnen, gemeinsam durchs Leben zu gehen."

Das ZK stimmte zu. Gewerkschafter Liu Schao-tschi, der nachmalige Staatspräsident, war nicht zugegen -- er "stellte sich in Jenan feindlich gegen mich", hielt Tschiang Tsching ihm später vor. Tschou En-lai bestätigte 1968: "Tschiang Tsching hat viele Jahre des Kampfes hinter sich. Während der dreißiger Jahre war sie der Verfolgung durch Renegaten, Betrüger und andere üble Elemente ausgesetzt ... Sie schlug zurück."

Sie wurde 1941 von einer Tochter entbunden, der sie ihren Familiennamen (vom Großvater) Li gab, dazu den Vornamen Na: Das kann die chinesische Umschreibung von Ibsens Titelfigur Nora sein, ist aber auch der Vorname von Tschiang Tschings erstem Ehemann, dem Schanghaier Kritiker Ma, den sie rasch aus den Augen verloren hatte. Er betreibt heute in Paris -- seit anderthalb Jahren -- das China-Restaurant "La Tour céleste" (Der Himmelsturm) in der Rue de la Tour Nr. 66. Ma: "Ich habe viel in China zurückgelassen, unter anderem eine Frau, die ich sehr geliebt habe."

Als Preis für den Heirats-Konsens hatte das ZK beschlossen, daß Maos neue Frau sich niemals "Frau Mao" nennen, niemals im öffentlichen Leben erscheinen und für die nächsten 20 Jahre nicht politisch aktiv werden dürfe -- gezählt vom 27. August 1945 an, als Mao sie zu Verhandlungen mit der Kuomintang nach Tschungking mitnahm, wo er sich offiziell trauen ließ.

Die Volksfront mißlang, aber Tschiang Kai-scheks Frau schenkte der Braut eine Brillant-Brosche mit fünf Karat; das muß sich im Gedächtnis der Jungvermählten tief eingegraben und vielleicht auch ehrgeizige Ziele geweckt haben. Denn die Frau des Mao-Gegenspielers war die Tochter eines der reichsten Männer Chinas, des Bankiers Sun.

Dessen andere Tochter hatte Chinas großen bürgerlichen Revolutionär Sun Jat-sen geheiratet. Die Sun-Witwe wurde unter Mao stellvertretende Staatspräsidentin und amtierte nach dem Verschwinden von Liu Schao-tschi als Erste Dame der Volksrepublik.

Trotz des ZK-Verbots war Tschiang Tsching bei den meisten politischen Beratungen in der Mao-Höhle und später in Peking dabei. Mao, der den Frauen "die Hälfte des Himmels" zuspricht, war gewiß nicht nur dem Liebreiz des Grünen Flusses verfallen, sondern fand auch eine geistige Beziehung: Offensichtlich war die weltgewandte Tschiang Tsching ein idealer Gesprächspartner und sogar ein Korrektiv für den eher introvertierten Grübler Mao, den es immer zu Büchern zog, und zu Bauern und Soldaten.

Die charmante und hochintelligente Tschiang Tsching wird sich im Lauf der Jahre am Herd Maos eine profunde marxistische Bildung zugelegt haben. Und künstlerische Betätigung war der Ex-Schauspielerin nicht untersagt. Kunst aber, lehrt Mao, läßt sich auf die Dauer von der Politik nicht trennen.

Frau Mao betätigte sich als Photographin. Im Filmbüro der Propaganda-Abteilung des ZK schrieb sie Drehbücher, nach der Machtübernahme ihres Ehemannes in Peking 1949 arbeitete sie als eine Art Zensor im Kulturministerium und kritisierte den Import des Hongkong-Films "Eine geheime Episode am Hofe der Tsching", der die Kai-

* Rechts: Anti-Maoist mit Schandhut.

serin-Witwe Tzu-hsi als Reaktionärin darstellte. Der Film wurde trotzdem landesweit vorgeführt: Kaderchef Liu Schao-tschi hielt ihn für patriotisch.

Mao wollte kaum ein Jahrzehnt nach der Machtübernahme China durch einen raschen Vorwärts-Sprung zum Kommunismus führen. Doch das Experiment der Volkskommunen mißriet, Hungersnöte breiteten sich aus.

Mao wurde als Staatspräsident durch Liu Schao-tschi ersetzt. Partei-Generalsekretär Teng Hsiao-ping fragte Mao nicht mehr, man behandelte ihn, so Mao, "wie einen verstorbenen Vater". Theaterstücke und Zeitungskolumnen übten verschlüsselt Kritik an Mao.

Der aber bereitete seine Rückkehr an die Macht vor. Verteidigungsminister Lin Piao sollte ihm dabei helfen -- und Tschiang Tsching.

Im Juni 1962 verkündete Lin: "Kulturarbeit kann eine Rolle übernehmen, die das Gewehr nicht spielen kann." Dann führte er eine eigenhändig ausgesuchte Kollektion von Mao-Sprüchen als Pflichtlektüre in Chinas Armee ein: die kleine rote Bibel, die später dem ganzen Volk verordnet wurde.

Im September 1962 führte Mao einer Besucherin, der Ehefrau des indonesischen Staatschefs Sukarno, eine der Weltöffentlichkeit bis dahin gänzlich unbekannte Person zu: "Meine Frau." Ein paar Tage später richtete er an das ZK die vorerst noch dunkle Drohung, in Wahrheit sei es das Bewußtsein, das -- nicht eben marxistisch -- das gesellschaftliche Sein bestimmt: "Um eine politische Macht zu stürzen, ist es immer notwendig, vor allem die öffentliche Meinung zu schaffen und in der ideologischen Sphäre zu arbeiten."

Tschiang Tsching arbeitete ebendort, sie sichtete über tausend Textbücher eines Kulturguts, das seit eh und je das Bewußtsein der Chinesen vor allem beeinflußt -- die Peking-Oper. Resultat: In den Stücken kommen vielerlei Kaiser und Konkubinen, Dämonen und Schlangengeister vor, aber keinerlei Arbeiter, Bauern und Soldaten.

Die gelernte Schauspielerin besuchte ihre aktiven Kollegen in der Hauptstadt, schenkte ihnen Maos Werke mit Widmung und agitierte: "Ist es nicht entwürdigend für euch, daß ihr mehr als ein Jahrzehnt nach der Befreiung (vom Kapitalismus) immer noch die Rollen von Großgrundbesitzern und deren Damen spielen müßt?" Auch sollten Frauenrollen nicht mehr -- wie vor 200 Jahren von einem Kaiser verordnet -- mit Männern besetzt werden.

Tschiang Tsching setzte selbst zwei Modellopern in Szene: die "Geschichte einer roten Signallaterne" (Hauptfigur: ein Eisenbahner mit dem Familiennamen Li) und "Den Tigerberg durch Klugheit erobert" (Hauptfigur: ein Pfadfinder mit dem Familiennamen der Mao-Ehefrau Nr. 2, Jang). Beide Stücke spielen im Krieg gegen die Japaner. Hinzu kamen zwei Balletts: "Die Rote Frauenkompanie" und "Das weißhaarige Mädchen" (Mitautor des zugrundeliegenden Theaterstücks: Mao).

Die Opern-Reformerin ersetzte bei der "Signallaterne" das traditionelle chinesische Streich-, Schlag- und Gong-Orchester durch das westlichbürgerliche Klavier. Zur Premiere verteilte sie Zettel mit dem Mao-Wort: "Stell Ausländisches in den Dienst Chinas!"

Den Partei-Oberen in Peking mißfielen dennoch die neuen Propaganda-Werke, in denen Rote stets die Helden und ihre Gegenspieler stets "schwarze Banditen" waren; Liebe durfte nur noch dem Vorsitzenden Mao bezeugt werden. Der Kulturminister wünschte sich weiterhin historische Opern, weil "nicht alle unsere Ahnen verächtliche Schweine waren". Sein Vize empfahl: "Setzt "Schwanensee" nicht ab, nur weil "Die Rote Frauenkompanie" auf die Bühne gekommen ist! Das wäre ein bitterer Verlust." Staatschef Liu Schaotschi entschied: "Es ist notwendig, zwei Arten von Opern beizubehalten."

Ein Kritiker der Mao-Frau: "Peking-Opern über zeitgenössische Themen schmecken abgestanden wie abgekochtes Wasser." Darauf Tschiang Tsching: "Ignorant! Reines, abgekochtes Wasser braucht man für Tee oder Wein, niemand kann ohne so ein Wasser leben." Am feindseligsten war der arrogante Generalsekretär Teng Hsiaoping. Eine speziell für ihn arrangierte

* Marschall Lin Piao, veröffentlicht in "China im Bild", Heft 7.8/1971.

Sondervorstellung einer· Polit-Oper wollte er gar nicht erst ansehen -- er ließ die Schauspieler in ihren Kostümen stehen und verlangte ein Stück im alten Stil, das er hinterher als "wirklich gut, sehr interessant" pries.

Mao Tse-tung war unterdes mit Sekretär Tschen Po-ta, Mitglied des Politbüros, vor der Pekinger Anti-Mao-Fronde nach Hangtschou ausgewichen. Schanghai, der Ausgangspunkt von Frau Maos Karriere, war nahe. Dort hatte sie noch alte Freunde, aus dem Repertoire der Schanghaier Oper holte sie die Stoffe ihrer Polit-Shows.

In Schanghai arbeitete ihr Schwiegersohn Jao Wen-jüan als Theaterkritiker, und der war befreundet mit dem 3. Stadt-Parteisekretär Tschang Tschun-tschiao. Dazu kam noch ein junger Fabrik-Funktionär namens Wang Hung-wen -- die "Schanghai-Mafia" war komplett: Mit ihr wurde die Kulturrevolution organisiert.

Wenige Wochen nach Ablauf der 20jährigen Zwangsklausur Tschiang Tschings, am 10. November 1965, ging der Signalschuß los: Schwiegersohn Jao veröffentlichte in der Schanghaier Presse eine von den Schwiegereltern redigierte Rezension des Theaterstücks "Hai Jui wird entlassen", das die Entlassung des Lin-Piao-Vorgängers Marschall Peng kritisiert hatte. Jao: "Keine duftige Blume, sondern ein giftiges Unkraut."

Am 10. Mai 1966 folgt ein zweiter, direkter Jao-Angriff auf die Führung in Peking. Eine Woche später installiert Mao per Partei-Rundschreiben eine "Gruppe Kulturrevolution beim ZK": Chef wird Sekretär Tschen Po-ta" Vize die einfache Parteigenossin Tschiang Tsching. Weitere Gruppenmitglieder: Schwiegersohn Jao und Freund Tschang. Eine Freundin Frau Maos, die Philosophie-Dozentin Nieh, 45, bringt kurz darauf in der Mensa der Pekinger Uni eine Wandzeitung gegen den Rektor an. Mao erklärt über Rundfunk und Presse, solche Wandzeitungen sollten im ganzen Land verbreitet werden. Truppen Lin Piaos sichern die Hauptstadt und schulen Stoßtrupps von Jugendlichen: die Rote Garde.

Maos Anhänger versammeln sich zu einer Rumpf-ZK-Sitzung, angereichert durch die Kulturrevolutions-Gruppe und Studenten. Dieses Gremium faßt einen Beschluß: Die "Große proletarische Kulturrevolution" soll beginnen.

Am selben Tag, dem 18. August 1966, nimmt Mao auf dem Tienamen-Platz eine Parade von einer Million jugendlichen Anhängern ab -- neben ihm steht nun die "Genossin Tschiang Tsching", von der Chinas Zeitungen bis heute nicht berichtet haben, daß sie Maos Frau ist.

Jetzt war sie oben, zusammen mit der neuen Führungsspitze auf der Tribüne. "Danach", berichtete sie später, "schwärmten die jungen Kämpfer der Roten Garden in die Gesellschaft aus und fingen an, wie ein Sturm die alten Ideen. die alte Kultur, die alten Sitten und Gebräuche zu zerstören. Wir, die Genossen der Gruppe Kulturrevolution, hatten unsere Freude daran."

Eines ihrer ersten Opfer ist der Generalsekretär Teng Hsiao-ping den sie in Versammlungen als "Hundekopf" dem Zorn der Gardisten ausliefert: Er wird unter einem "Schandhut" über Pekings Straßen geprügelt.

Häuserwände, Straßenbäume, Lampenmasten und der Asphalt in ganz China wurden mit knallbunten Plakaten, Aufschriften, Karikaturen getüncht. Frau Mao führte vor dieser Kulisse nicht nur die phänomenalste Opernregie der Weltgeschichte mit hundert Millionen Komparsen -- sie soufflierte auch. In Beratungen leitete die Chefgardistin das stürmende Jungvolk an, reiste durch das Reich, peitschte auf Mammutkundgebungen mit geschulter Bühnenstimme die Massen auf: Der ganze alte Parteiapparat wird durch Diffamierungs-Kampagnen" Umzüge, Belagerung der Büros und schließlich Festnahme und öffentliche Verhöhnung umgestürzt.

Und jungen Mädchen werden von Rotgardisten Schlitzrock und Stöckelschuhe ausgezogen, die geschminkten Gesichter abgewischt, die langen Zöpfe abgeschnitten. Tschiang Tsching -- und bald ganz China -- trägt ein blaues Klempner-Kostüm mit unförmigen Hosen und Ballonmütze. Pekings Oper, Ballett und Philharmonie werden in die Armee eingegliedert, Frau Mao wird Kulturreferentin der Armee (bis später Lin Piaos Ehefrau das Amt bekommt). Ihre Reden gelangen per Tonband in alle Provinzen. In ihrer Hosenrolle nutzt sie den Generationenkonflikt im Regime der alten Männer: Die ältere Generation besteht durchweg aus erwachsenen Leuten, die von den Oberresten der Vergangenheit und ihren Mängeln angesteckt sind. Selbst jene, die an der Revolution teilgenommen haben, sind im Luxus versunken und zerfallen, energielos geworden, fürchten den Klassenkampf, kennen die Gedanken Mao Tse-tungs nicht ...

Hier aber seid ihr, die Jugend, ihr seid in der Epoche Mao Tse-tungs groß geworden, frei von den Oberresten des Alten, habt saubere Gehirne, seid nicht von bourgeoisen Gewohnheiten infiziert. Ihr seid um einen Kopf größer als alle, die älter sind als ihr.

Seid kühn, stürmt, greift an, zerstört, vernichtet, organisiert, rebelliert! Die Gruppe beim ZK wird jede Initiative von euch unterstützen ... Euch wird der Staat gehören, ergreift die Macht!

Sie beruft sich auf Maos Mandat: "Wenn ihr etwas zu sagen habt, laßt mich nur wissen! Ihr könnt sicher sein, daß ich eure Vorstellungen umgehend dem Vorsitzenden übermitteln werde!"

Ihre besondere Abneigung gehört Lius Frau Wang Kuang-mei -- der Ersten Dame der Volksrepublik China, die den Staat mit Eleganz und Charme repräsentiert hatte und eine erfolgreiche Bühnenschauspielerin dazu war. Für Frau Mao ist sie "eine große Kapitalistin", eine "Nutte" und "Spionin".

Am 10. April 1967 lockten Rotgardisten Frau Liu unter dem Vorwand, ihre Tochter liege nach einem Verkehrsunfall in Pekings Technischer Universität, zu einem 12-Stunden-Verhör. Sie protokollierten: "Mitunter war sie sehr wild, zeigte ihre Klauen und Zähne und schrie hysterisch, nur um Furcht und Unsicherheit zu verbergen. Sie bot genau das häßliche Bild einer Hündin, die im Wasser kämpft."

Aber die Kulturrevolution wendet sich schließlich auch gegen Tschiang Tsching: Im November 1967 erinnern Anti-Mao-Gardisten an die Brillantbrosche, die Frau Tschiang Kai-schek Frau Mao zur Hochzeit schenkte, und fordern in einer Wandzeitung an der Pekinger Uni: "Das Geschenk der Ersten Dame der Kuomintang muß konfisziert werden!" In Südchina nennen Plakate Frau Mao "eine Zeitbombe, die an der Seite Maos tickt". Doch die Zentrale ordnet an:

Angriffe auf Tschiang Tsching, die mutigste Wächterin der revolutionären Linie des Vorsitzenden Mao für Literatur und Kunst, sind gleichzusetzen mit Angriffen auf die Gedanken Maos.

Akademie-Präsident und Goethe-Übersetzer Kuo Mo-jo reimt:

Ein Beispiel, dem wir alle folgen sollten, das geben Sie, Genossin Tschiang Tsching.

Maos Gedanken, die unbesiegbaren, wer legt sie schöpferischer aus als Sie? Endlich beherrscht die Bühnen Chinas das wahre Heldenbild der Massen. Für alle Bühnen dieser Welt dasselbe -- so lautet jetzt für uns der Auftrag. Sie gibt übermütig die Parole aus: "Greift mit Argumenten an, verteidigt euch mit Gewalt!" Die Rotgardisten armieren sich. Sie stürmen Waffenlager der Miliz und Vietnam-Transporte, nehmen Soldaten die Gewehre ab, es kommt zu Gefechten mit der Armee. Eine Geheimgesellschaft "16. Mai", benannt nach dem Gründungstag der ZK-Kulturrevolutionsgruppe und geführt von deren Mitglied Wang Li, stürmt die britische Botschaft und das Außenministerium.

Da ist es auch Mao genug. Er registriert ein "großes Chaos". Tschiang Tsching widerruft ihre Gewalt-Parole, Wang Li wird verhaftet. Am 7. September 1968 verkündet Tschou En-lai auf einer Kundgebung den "totalen Sieg" der Kulturrevolution, ihr Ende.

Auch Tschiang Tsching wurde dazugeholt, für sie ganz überraschend: "Erst heute morgen erfuhr ich von dem Beschluß, dieses große Treffen einzuberufen ... Unter jenen jungen Streitern haben einzelne Fehler begehen können. Wir haben die Pflicht, ihnen dabei zu helfen, ihre Irrtümer einzusehen, die herrliche rote Standarte der Gedanken von Mao Tse-tung hochzuhalten und siegreich vorwärtszuschreiten! Das ist alles, was ich zu sagen habe."

Der revolutionäre Rausch ist vorüber. Die Armee besetzt Fabriken und Schulen, die örtlichen und die zentralen Verwaltungsorgane werden neu eingerichtet, die Partei wird wieder aufgebaut.

Zwölf Millionen Rotgardisten werden aus den Städten zur Landarbeit verbannt -- bis heute. Ihr Idol Tschiang Tsching dagegen erhält auf dem nächsten Parteitag 1969 den höchsten Parteirang: Mitglied des Politbüros, und mit ihr auch gleich die erprobten Schanghaier Gefährten Tschang Tschun-tschiao und Jao Wen-jüan.

Doch dann stürzt 1971 Maos Sekretär Tschen Po-ta, der Chef der Kulturrevolutionsgruppe. Frau Mao veröffentlicht ein demaskierendes Photo von Lin Piao (ohne Mütze, mit Glatze), gleich darauf wird dem Marschall und seiner Frau ein Putschversuch gegen Mao angelastet. Angeblich sind Lin & Gemahlin bei der Flucht in die UdSSR mit vier Militärs, die Politbüro-Mitglieder waren, ums Leben gekommen.

Zu den letzten Kulturrevolutionären im Politbüro kommt dafür auf dem Parteitag 1973 der Schanghaier Linke Wang Hung-wen dazu und wird sogleich Mao-Vize. Von rechts kommt plötzlich auf Fürsprache des um die Ordnung im Land besorgten Tschou Enlai, der an Krebs leidet, auch ein prominentes Opfer der Kulturrevolution ins Politbüro: Teng Hsiao-ping, Chinas fähigster Organisator. Mit ihm kehrt bald die ganze alte Funktionärsklasse an die Schreibtische zurück. Sie trägt wieder Rock und sogar Abendkleid.

Tschiang Tsching macht die neue Wendung ungerührt mit. Ihr blieben die Machtpositionen in der Presse und an den neu orientierten Universitäten. Kampagnen gegen Konfuzius, gegen das "Kapitulantentum", gegen das Acht-Stufen-Lohnsystem finden wenig Beifall im Volke. Aber auf allen Bühnen Chinas werden weiterhin ausschließlich Tschiang Tschings Polit-Opern dargeboten. Zuschauer Nixon über die "Rote Frauenkompanie": "Eine machtvolle Aussage, wirklich superb." Frau Mao hält Kissinger für einen "Abenteurer und Defätisten", nutzt aber die von Tschou und Teng betriebene Öffnung Chinas zur Außenwelt für Ausflüge in die Diplomatie, wenn sie Staatsgäste in die Oper begleitet.

Sie trägt sogar wieder Rock: zum Empfang Nixons (des einzigen US-Besuchers, der Teng-Nachfolger Hua kennenlernte) ein dunkles Deux pièces, für Pompidou Midi in Hellbeige, für den Trinidad-Premier Willianis ein bodenlanges Abendkleid. Eben noch verdammten ihre Zeitungen den bourgeoisen Beethoven, da wünscht sie sich vom Gastdirigenten Eugène Ormandy Beethovens Sechste, die "Pastorale", und läßt die Noten dazu per Regierungs-Jet aus Schanghai holen.

Doch dann kommt es im vorigen Frühjahr in mehreren Provinzen zu einer Protestwelle für mehr Lohn und mehr Privatland. Ausgerechnet in Hangtschou bricht offener Aufruhr aus. Schanghai-Gefährte Wang Hung-wen scheitert mit einem Befriedungsversuch vor Ort, Vizepremier Teng hat dabei Erfolg. Aber in ganz China gärt es.

Teng muß sein Prinzip, Arbeiter und Fachleute am Arbeitsergebnis materiell zu interessieren, zur offiziellen Linie erheben, wenn er das Volk ruhighalten soll. Er muß das auf Minimal-Bildung reduzierte Erziehungswesen rasch entwickeln, denn er braucht Fachkräfte für Chinas Industrialisierung. Und dem Volk will er auch wieder Spiele geben statt der Propaganda-Opern.

Teng suchte wohl den Konflikt mit Tschiang Tschings Linken. Den "Senkrechtstarter" Wang hielt er von Peking fern in Schanghai. Dessen Gönnerin Tschiang Tsching forderte er direkt heraus.

Eine Aufführung der Modell-Oper "Frühlingssprossen" verließ er demonstrativ und schüttelte dabei -- eine alte Mandarinen-Geste der Verachtung -- seine Ärmelstulpen: "Ich bin nicht gegen die Reform von Oper und Theater, ich möchte nur diese Stücke nicht mehr anschauen müssen ... Alle von uns haben diese Stücke wenigstens achtmal gesehen, die meisten können sie schon auswendig. Eintrittskarten für diese Musterstücke revolutionärer Kunst lassen sich nicht mehr verkaufen.

Er verspottete eine nach dem Geschmack Tschiang Tschings organisierte Volkskommune: Die Bauern sollten lieber etwas gegen das Analphabetentum unternehmen, statt Tschiang Tschings revolutionäre Lieder auswendig zu lernen. Ohnehin würde die Muster-Kommune nur durch staatliche Subventionen am Leben erhalten.

Am 2. September warnte Maos Leibwächter Wang Tung-hsing (der es auch zu einem Sitz im Politbüro gebracht hat) vor Verschwörungen der Partei-Rechten -- angebliches Ziel: ein Mehrparteiensystem für China -- und beschuldigte sie, die Welle lokaler Zwischenfälle organisiert zu haben. Eine Woche später ging Premier Tschou En-lai zum letzten Mal in das Krankenhaus, in dem er am 8. Januar starb.

Frau Mao brachte ihren Stützpunkt, die Pekinger TU, dazu, mit einer Kampagne gegen Tengs Erziehungsminister loszuschlagen. Drei Wochen nach Tschou En-lais Tod kehrte sich die Kampagne gegen Teng, den Tschou zu seinem Nachfolger bestimmt hatte.

Im März hatte Tschiang Tsching wenigstens durchgesetzt, daß dem Kulturminister Jü -- einem Komponisten von Peking-Opern -- zwei Stellvertreter ihrer eigenen Wahl beigegeben wurden: beide Hauptdarsteller von Peking-Opern.

Aber sie schien noch bereit, sich mit der unangefochtenen Regie über ihren Freiraum, die Bühne, zu begnügen. Ihr mußte klar sein, daß die ganz große Inszenierung -- der Kampf um eine Volkskommune namens China -- zu scheitern drohte: Die neue Klasse hatte sich fest etabliert.

"Du sollst nicht den Sieg Dir zu Kopf steigen lassen."

Da bot der Aufruhr auf dem Tienanmen die wohl unerwartete Chance, den Erzfeind Teng zu stürzen und so vielleicht doch noch Erzieherin aller Chinesen sowie Gralshüterin der Gedanken Mao Tse-tungs zu werden.

Unbekannt ist, ob der greise Mao dies weiß, wünscht oder will. Die Synthese jedenfalls von Geist und Macht, die Mao zum Mann des Jahrhunderts werden ließ, wird sie kaum leisten können -- was gewiß nicht heißt, an der Seite Maos stehe eine unbedeutende Frau: Ihren Beitrag zur Weltgeschichte hat sie mit Chinas Kulturkampf schon geliefert-und außerdem die Emanzipation der einst völlig rechtlosen Frauen Chinas personifiziert.

Ob sie aber den Kampf um die Mao-Nachfolge, der schon zu Maos Lebzeiten ausgebrochen ist, gewinnen wird, ist offen: So rasch wie Teng auf dem Höhepunkt seiner Karriere stürzte, kann sich der Sieg der Linken auch gegen sie selbst kehren, wenn der neue Premier Hua -- ein Mann der Mitte -- sich nicht nur der Ultras von rechts erwehrt, sondern auch der von links. Der Kampflärm jedenfalls, der Tschiang Tschings vielleicht nur vorübergehenden Triumph über den Pragmatiker Teng begleitete, gab der Welt einen Vorgeschmack von dem, was nach Maos Tod noch zu erwarten steht.

"Ich meine, auch Du solltest Dir nicht den Sieg in den Kopf steigen lassen", schrieb der Große Steuermann am 8. Juli 1966 an Tschiang Tsching. "Häufig solltest Du über die eigenen Fehler, Schwächen und Mängel nach" denken. Diesen Punkt habe ich Dir gegenüber wer weiß wieviel Mal angeschnitten

Der Brief wurde nach dem Tod von Lin Piao veröffentlicht. Mao wollte eigentlich, daß er erst publiziert wird, wenn er selbst dahin ist -- "nach meinem Tode, wenn die Rechten die Macht ergriffen haben".


DER SPIEGEL 18/1976
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