26.04.1976

SOLSCHENIZYNVöllig nach Wunsch

Der russische Nobelautor Solschenizyn hat ein Buch über Lenin geschrieben. Es wurde ein Buch über Solschenizyn.
Der Russe Wladimir Uljanow, ein kleiner, wegen politischer Vergehen vorbestrafter Rechtsanwalt, beantragte einen Reisepaß. Der Staatsfeind erhielt ihn ordnungsgemäß und gelangte auf Umwegen 1916 nach Zürich in die Schweiz: der große Revolutionär, der sich Lenin nannte.
Sechzig Jahre später kam ebendorthin, auf Umwegen, Rußlands großer Konterrevolutionär Alexander Solschenizyn, als Staatsfeind gewaltsam aus der Heimat ausgewiesen. Der berühmte Dichter ging den Spuren Lenins nach -und fand sich selbst.
Solschenizyn las drei Bücher über Lenin, die er in Rußland nicht lesen konnte: Hahlwegs Publikation deutscher Geheimdokumente ("Lenins Rückkehr nach Rußland", 1957), die Parvus-Biographie von Scharlau und Zeman ("Freibeuter der Revolution", 1964) und Gautschis Beitrag zur eidgenössischen Heimatkunde ("Lenin als Emigrant in der Schweiz", 1973). Auch fand er einen Zeitungsartikel "Von der Spiegelgasse in den Kreml" (1967) von Fritz Platten junior, dem Sohn des Transportleiters, der 1917 Lenins Sonderzug nach Rußland begleitete.
Mit Erkenntnissen aus diesen Quellen reicherte er elf Kapitel aus drei verschiedenen, darunter auch unveröffentlichten Bänden seines Mammutwerks über das revolutionäre Rußland (Band 1: "August 14") an und fügte sie zu einem Buch zusammen, das auf russisch und jetzt auf englisch* erschien.
Es ist, wie "August 14", eine dokumentarische wie romanhafte Darstellung der armseligsten Emigrantenjahre Lenins. Die Überraschung: Emigrant Solschenizyn, der Lenins Werk, die UdSSR, umstürzen möchte, sieht in Lenin keineswegs den Teufel, sondern versucht, seine Motive und Gefühle zu ergründen. Er versetzt sich sogar, so scheint es, in Lenins Rolle.
Einfühlsam legt er dar, wie Lenin 1916 mit Ehefrau Nadeschda Krupskaja zu einem Schuster in der Zürcher Spiegelgasse Nr. 14 in Untermiete zog. Tagsüber saß Lenin in der nahen Bibliothek der Zentralstelle für Sozialliteratur (wo Solschenizyn noch Lenins Lesekarte einsehen konnte), abends führte der Sozialdemokrat haarspalterische Diskussionen mit Exilgenossen -- um die Partei zu spalten: "Spaltet, spaltet, spaltet, bis ein kleines Häuflein übrigbleibt, das aber nichtsdestoweniger das ZK darstellt."
* Alexander Solschenizyn: "Lenin in Zürich"; Verlag Farrar, Straus & Giroux, New York; 309 Seiten: 8,95 Dollar.
In seinem ausdrucksstarken Stil beschreibt das Solschenizyn. Selbst bewegt er sich nun auch -- darauf angewiesen und zugleich davon abgestoßen -- im Dunstkreis der Emigration und teilt gar Lenins Verachtung für die weniger großen Kampfgenossen.
Zu jener Zeit ist die Lebensleistung Lenins, 46, nur Tinte auf Papier; zwischen Büchern, in Pamphleten, erledigt er im Geiste alle seine Feinde, angetrieben von einem Überschuß an Energie und Emotion -- wie Solschenizyn.
Lenin liebt die mit einem Kaufmann verheiratete Inessa Armand, die eine rote Feder auf dem Hütchen trägt und eine Parteischule in Paris finanziert. Biograph Solschenizyn, 57, ist selbst zum zweiten Mal verheiratet. Seine erste Frau hat ein Beschwerdebuch über ihn im Desch-Verlag veröffentlicht ("Lieber Alexander! Mein Leben mit Solschenizyn"). Und so läßt Solschenizyn denn Lenins angetraute Krupskaja sagen, keine Frau könne "so einen Mann für sich allein in Anspruch nehmen". Und er läßt, noch immer historisch gesichert, seinen an der Revolution zweifelnden Lenin an eine Auswanderung nach Amerika denken.
Solschenizyns literarischer Höhepunkt, durch die Quellen belegt: Landsmann Alexander Helphand (der sich "Parvus" nannte) trifft Lenin. Der Ex-Revolutionär von 1905, Erfinder der "permanenten Revolution", Mitglied der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, Millionär aus Kriegsgewinnen auf der Wannsee-Insel Schwanenwerder gab er später Freikörper-Partys für die Prominenz der Weimarer Republik -, ist Agent des Auswärtigen Amts von Wilhelm II.
Parvus bietet dem frustrierten Lenin eine Perspektive: vor allem endlich Geld, ferner Waffen, eine funktionierende Untergrundorganisation in Rußland, Transport in die Heimat und die Rolle eines Führers der Revolution.
Der Preis: nach Lenins Machtübernahme schneller Friedensschluß mit der deutschen Regierung, die ihre Ostfront entlasten möchte (was sie im März 1918 in Brest-Litowsk auch erreichte),
Lenin hat -- nicht nur bei Solschenizyn -- tiefen Respekt vor den Deutschen: "Welche Macht! Welche Waffen!" Er überlegt: "Deutschland wird ohne Zweifel diesen Krieg gewinnen. Und so ist es der beste, der natürliche Alliierte gegen den Zaren."
Dennoch lehnt Lenin laut Solschenizyn das deutsche Angebot als unvereinbar mit der Ehre eines Sozialisten ab: "Für nichts in der Welt", so zitiert ihn der Nobelautor hochachtungsvoll und durchaus plausibel, kettet sich ein Lenin an die Politik anderer Leute.
Da allerdings gerät Solschenizyns psychologische Studie zur Polit-Science-fiction: Die deutschen Gelder flossen doch an Lenins Partei, genau 40 480 997 Goldmark und 25 Reichspfennig. In den von Solschenizyn benutzten Quellen ist es nachgewiesen. Allerdings: Von Parvus distanzierte sich der Taktiker Lenin öffentlich ("Achtgroschenjunge der Revolution"), und Solschenizyn fördert die Legende.
Die Russische Revolution bricht ohne Lenins Zutun im Februar 1917 aus, da reist Lenin -- doch mit deutscher Hilfe -- mitten im Krieg quer durch Deutschland nach Rußland, um das zu machen, wovon Solschenizyn träumt: die eigene Revolution.
Die deutsche Abwehr meldet, in Petrograd arbeite Lenin "völlig nach Wunsch". Reisegefährte Radek laut Solschenizyn-Roman: "Wir werden Minister, oder wir werden gehenkt."
Gewiß denkt Solschenizyn, daß auch er eines Tages zurückfahren wird.

DER SPIEGEL 18/1976
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